Eishockey: Der Eisstürmer

Der junge Österreicher Thomas Vanek mischt mit den Buffalo Sabres die nordamerikanische NHL auf. Experten sehen in ihm bereits einen der kommenden Superstars der stärksten Liga der Welt.

Den Anblick, der sich den 18.000 Zuschauern am Spielfeld unten bietet, kann man wahrlich nicht als Augenschmaus bezeichnen. Die Eishockey-Arena in Buffalo im US-Bundesstaat New York ist bis auf den letzten Platz besetzt, so wie immer in diesen Wochen: Schließlich steht das Team der Buffalo Sabres schon seit Saisonbeginn an der Spitze der amerikanisch-kanadischen Eishockey-Liga NHL (National Hockey League). Doch heute tun sich die Sabres sichtlich schwer gegen Tampa Bay Lightning aus Florida. Das sonst so schnelle und elegante Spiel der Sabres wirkt zerfahren; prompt schießt Tampa noch vor dem Ende des ersten Drittels das erste Tor. Bange Gesichter im Publikum: Zeichnet sich da die zweite Niederlage in Folge ab?

Nach dem Pausenspektakel mit Rockmusik geht alles ganz schnell: 1:1 durch Paul Gaustad, 2:1 durch Thomas Vanek. Als der junge Österreicher wenige Minuten später zum 6:1 trifft, ist das Match gelaufen. „Vanek“-Sprechchöre schallen durch die Arena, die Zuschauer sind auf den Beinen: Der Goalgetter hat wieder zugeschlagen.

Thomas Vanek, 22, steht erst in seiner zweiten Saison in der NHL, der mit Abstand besten Eishockey-Liga der Welt, und ist (zu Redaktionsschluss) schon ihr zweitbester Torschütze. Mit bisher 16 Treffern hat er die Buffalo Sabres an die Spitze der Tabelle geschossen. In seinem Heimatland ist der schon heute erfolgreichste Österreicher aller Zeiten in der NHL noch wenig bekannt. Im eishockeyverrückten Buffalo gehört der Name Vanek – oder eher „Vänäk“ – hingegen schon zu jedem Tischgespräch.

Am Beginn des dritten Drittels machen die Zuschauer die Welle, das Endergebnis von 7:2 lässt sie zufrieden aus dem Stadion hinaus in die Kälte strömen. Die Spiele der Sabres gehören für die Einwohner von Buffalo zu den wenigen Höhepunkten im ereignislosen Alltag am Lake Erie unweit der kanadischen Grenze. Buffalo, einst ein Industrie- und Handelszentrum, hat seine besten Tage hinter sich. Auf der menschenleeren Main Street dominieren geschlossene Geschäfte und 1-Dollar-Ramschläden, die weiße Bevölkerung ist in die Suburbs geflüchtet. Die „Buffalo News“ berichten groß über den mörderischen Schneesturm von 1977 und über eine Gruppe engagierter Soldatenmütter, die weihnachtliche Lichterketten in den Irak schicken. Touristen benützen Buffalo nur als Durchgangsort: Die nahen Niagarafälle sind auf der kanadischen Seite schöner anzusehen.

In die nationalen Nachrichten schafft es die 300.000-Einwohner-Stadt nur mit kalten Wirbelwinden: Ein Schneesturm ließ Mitte Oktober das herbstliche Rest-Amerika staunen. Und nach den jüngsten Sturmläufen sind die Buffalo Sabres, die bis vor drei Jahren im hinteren Mittelfeld der Liga zu finden waren, zur Saisonhälfte Favoriten im Kampf um den Stanley-Cup.

Den eigenen Namen auf dem unförmigen Stanley-Cup verewigt zu sehen ist der Traum eines jeden Eishockey-Cracks. Eine lebensgroße Abbildung des Pokals hängt direkt neben der Eingangstür zum Umkleideraum, in den die Sabres-Spieler nach ihrem Sieg gegen Tampa nun auf Kufen und in schweren Eishockey-Rüstungen stolpern. Der beißende Schweißgeruch, der sich rasch ausbreitet, hindert mehr als ein Dutzend Reporter nicht daran, über die Helden des Abends herzufallen. Bereitwillig geben die Spieler Auskunft – nur einer fehlt: Thomas Vanek.

Ein echter Wettkämpfer. „Journalisten gegenüber ist Vanek sehr reserviert“, weiß Tim Graham von den „Buffalo News“, der die Sabres seit sechs Jahren auf Schritt und Tritt verfolgt. „Auch mit den Fans bei Autogrammstunden wird er nicht richtig warm. Sie lieben ihn als Spieler, aber persönlich ist er schwer zu durchschauen.“

Teamkollegen beschreiben Vanek am häufigsten mit dem Wort „intense“ – heftig. „Er ist ein echter Wettkämpfer“, sagt der hagere Tormann Ryan Miller, der sich Schicht um Schicht aus seiner Rüstung schält. „Ob auf dem Eis oder beim Kartenspielen, er will immer gewinnen.“ Daniel Briere, der Publikumsliebling der Sabres, pflichtet ihm bei: „Er ist auf dem Eis sehr emotional. Und in der Umkleidekabine ist er stets für einen Scherz zu haben.“ Vanek gelingt es inzwischen, sich mit Anzug und Mütze an den Reportern vorbeizuschummeln. Schließlich sind seine Eltern aus Graz zu Besuch und wollen zum Essen ausgeführt werden.

Zdenek und Jarmila Vanek stammen aus Tschechien und kamen 1982 nach Wien. Vater Zdenek spielte schon in seiner Heimat Eishockey, später auch in Wien und Zell am See. Thomas Vanek kam 1984 zur Welt. Schon als Kleinkind war er vom Puck nicht zu trennen: Die Eishalle wurde sein zweites Zuhause. Von klein auf verfolgte er mit dem Vater die NHL. Als er mit 14 Jahren ein Angebot aus Kanada erhielt, zögerte er keine Sekunde und wechselte über den Atlantik zu einer Gastfamilie.

Sein weiterer Aufstieg verlief geradlinig: Für seine High School im US-amerikanischen Sioux Falls und später sein College in Minnesota brach er Torrekord um Torrekord. Seine Kunstfertigkeit verleitete Beobachter zu Begeisterungsstürmen: „Seine Moves mit dem Puck sind so unglaublich, dass es die Zuschauer unwillkürlich aus den Sitzen reißt“, meint Tim Graham von den „Buffalo News“.

Beim „Draft“ 2003, dem jährlichen Gerangel um hunderte Nachwuchstalente aus den Universitätsligen, rissen sich die 30 NHL-Teams bereits um Vanek: Die Buffalo Sabres schnappten ihn sich schon in der ersten Auswahlrunde. (Zum Vergleich: Vaneks österreichische Vorgänger in der NHL, Reinhard Divis und Christoph Brandner, wurden erst in der achten Runde auserwählt.)

Ins Wasser gefallen. Es dauerte eine Weile, bis Vanek zum ersten Mal in einem NHL-Spiel aufs Eis lief. Wegen eines Streits mit der Spielergewerkschaft ließ die Eishockey-Liga die Saison 2004/2005 ins Wasser fallen. Beim Saisonstart im Jahr darauf kamen Vanek einige Regeländerungen zugute: Fouls werden nun strenger geahndet. Davon profitieren flinke, technisch versierte Spieler wie jene der Buffalo

Sabres, deren Sturmlinien als die schnellsten der ganzen Liga gelten. Schon in seinem ersten NHL-Jahr schoss Vanek 25 Tore.

Trotzdem wurde er nicht gleich zum Star: Da nach der ausgefallenen Saison 2004/2005 mit einem Schlag zwei Generationen talentierter Nachwuchsspieler in die NHL strömten, war die Konkurrenz groß. „Vanek wurde anfangs übersehen“, sagt Journalist Graham.

Im Frühjahr 2006 erlebte Vanek eine herbe Enttäuschung: Ausgerechnet in der Finalphase der Saison verdammte ihn Trainer Lindy Ruff zum Zuschauen auf der Bank. „Er war zu schwach in der Defensive“, erinnert sich Graham. „Er machte keine Drecksarbeit und übernahm keine Verantwortung. Man hatte den Eindruck, er tut nur, was ihm Spaß macht.“

Am Tag nach dem Spiel gegen Tampa treffen sich die Sabres im nunmehr leeren Stadion zum Training unter den Augen von Coach Lindy Ruff, einem schweigsamen Kanadier. „Thomas hatte es verdient, in den Playoffs auf der Bank zu sitzen. Andere Spieler waren damals einfach besser als er“, meint Ruff. „Aber über den Sommer hat er riesige Fortschritte gemacht. Er hat sich konditionell stark verbessert, deutlich abgenommen und seine Defensivarbeit verbessert. Derzeit ist er einer unserer besten Spieler.“

Kaltschnäuzig. Vaneks Wandel ist nicht nur Teamkollegen und Trainern aufgefallen. Auch in Österreich wurde man auf ihn aufmerksam. „Vor dem Tor war Vanek immer schon kaltschnäuzig und reaktionsschnell, aber in der Defensive war er oft nicht vorhanden“, sagt Dieter Kalt, Präsident des österreichischen Eishockeyverbands, im Gespräch mit profil. „Und er hatte früher ein kleines Bäuchlein.“

Nach dem Training hängt Vanek gleich noch eine Einheit in der Kraftkammer an. Geduscht und mit Mütze lässt er sich schließlich zum Gespräch nieder. Er hat weder das Gesicht noch den Geist eines typischen 22-Jährigen: Er wirkt älter, seine Sätze – mit leicht tschechischem Akzent vorgetragen – sind überlegt und auf den Punkt gebracht, getrieben von der Ungeduld des Entschlossenen.

„Natürlich hat es wehgetan, während der Playoffs auf der Bank zu sitzen, vor allem, wenn man der Mannschaft geholfen hat, so weit zu kommen“, sagt er. „Aber wenn ich nicht im Team stehe, ist das mein Fehler, dann muss ich am nächsten Tag härter trainieren. In Österreich sucht jeder immer Ausreden. Bei den Amerikanern und Kanadiern gibt es keine Entschuldigungen.“

Im vergangenen Sommer hat Vanek sich in Minnesota, das zu seiner Heimat geworden ist, einen Privattrainer genommen, um „schneller und spritziger zu werden“. Im Unterschied zu Österreich müsse in Amerika „jeder selbst wissen, wie er sich fit hält, jeder macht sein eigenes Programm. Schließlich sind wir Profis und bekommen genug bezahlt.“

Seinem Ziel, unter die besten 20 Spieler der gesamten NHL zu gelangen, ist Vanek in der laufenden Saison schon einen großen Schritt näher gekommen. Dass es in Buffalo, wo er im wohlhabenden Viertel Amherst in einem Reihenhaus wohnt, außer Kino und Videospielen wenig Ablenkung gibt, nimmt er dafür gern in Kauf: „In Chicago ist das Drumherum vielleicht super, aber die Mannschaft und die Fans sind lang nicht so toll wie in Buffalo.“

Auch wenn sich Vanek nach acht Jahren in den USA immer noch als Österreicher fühlt, wird man ihn bei Eishockey-Weltmeisterschaften in Zukunft wohl nur selten im österreichischen Teamdress sehen. Denn die WM fällt regelmäßig mit der Finalphase des Stanley-Cups zusammen. „Ich habe 2004 bei der WM mitgespielt, das hat mir sehr viel Spaß gemacht, und ich würde es auch wieder tun. Aber natürlich hoffe ich, dass wir im Stanley-Cup weiterkommen. Das hat Vorrang“, sagt Vanek. „Ich glaube, wir können ihn heuer gewinnen.“

Am Flughafen Buffalo-Niagara steht zitternd Nick Polano und wartet auf seinen Flug zu einem Eishockey-Match in Phoenix im warmen Arizona. Er hat das Match der Sabres gegen Tampa mit Brille und strengem Blick von den obersten Rängen des Stadions verfolgt und in eine Tabelle geheimnisvolle Abkürzungen und Notizen eingetragen. Polano ist Profi-Scout für die Ottawa Senators aus Kanada, das einzige Team, das den Buffalo Sabres heuer schon zwei Niederlagen zugefügt hat. Er ist auf Kopfjagd. „Vanek ist groß, smart, schnell und hat Finesse. Den hätten wir auch gern“, sagt er. „Wenn er so weitermacht, ist er in zwei Jahren ein Superstar und wird einer der Topverdiener der Liga.“

Von Sebastian Heinzel, Buffalo
Mitarbeit: Sebastian Hofer