<small><i>Elfriede Hammerl</i></small>
Alte Gorillas

Über gescheiterte Anführer, traumatisierte Mütter und dilettierende Gemahlinnen.

1.
Vorweg: Ich halte Johannes Voggenhuber für einen beeindruckenden Politiker, der schlüssig und mit Leidenschaft argumentiert, und ich glaube, dass es kein besonders geschickter taktischer Schachzug der Grünen ist, bei den Europawahlen ohne ihn anzutreten. Andererseits muss es einer Partei möglich sein, sich für neue Spitzenkandi­datInnen zu entscheiden. Die Grünen haben sich entschieden, den kommenden Wahlkampf mit Ulrike Lunacek an der Spitze zu führen. Dieser Beschluss wird nicht von allen gutgeheißen, schon gar nicht von Voggenhuber selbst, das ist verständlich. Problematisch ist allerdings, dass er ihn ­sexistisch nennt und von sich behauptet, er sei in einen ­Geschlechterkampf geraten, Subtext: Der Mann als Opfer.1)

Man habe, so Voggenhuber, im Zusammenhang mit ihm gesagt, dass der Silberrücken erlegt werden müsse. Hm. Silberrücken sind alte männliche Gorillas, die im Rudel eine Chefposition innehaben, und zwar sowohl aufgrund ihrer Erfahrung als auch aufgrund ihres Geschlechts. Dieses Muster findet sich seit je in menschlichen Hierarchien wieder, mit dem Unterschied freilich, dass es von Menschenfrauen zunehmend infrage gestellt wird. Oder, anders gesagt, die Prämisse Mann ist gleich Chef gilt inzwischen als sexistisch, weil sie Geschlechtszugehörigkeit als Qualifikation definiert.

Aber ist es auch Sexismus, wenn der Anspruch eines Mannes, selbstverständlich als Anführer akzeptiert zu werden, auf Widerstand stößt?
Dass Herr Voggenhuber sich gekränkt zeigt, weil auf seine Erfahrung, seine Kompetenz und sein Engagement gepfiffen wird, ist nachvollziehbar. Wenn er jedoch von Sexismus spricht, dann lässt das leider den Verdacht zu, er berufe sich weniger auf seine Erfahrung, seine Kompetenz und sein Engagement als vielmehr auf seine natürliche männliche ­Autorität, der nicht der gebührende Respekt gezollt wurde. Die Zahl der engstirnigen alten Gorillas ist groß, die sich als Opfer weiblicher Unmäßigkeit sehen, sobald sie mit ­patriarchaler Anmaßung nicht mehr durchkommen. Herr Voggenhuber sollte ihre Gesellschaft aber lieber meiden, im Interesse seiner Reputation.

2.
Seit geraumer Zeit schon schießen sich die „Der Rechtsstaat kann keine Milde walten lassen“-Hardliner auf Nurie Zogaj ein. Was sei das für eine Mutter, bleibe bequem in Österreich und habe ihre kleinen Kinder ­einem ungewissen Schicksal im Kosovo überlassen, unfassbar. Abgesehen davon, dass das Schicksal der Kinder mit kräftiger Unterstützung des Staates Österreich so ungewiss ausfiel (immerhin hat er die Kleinen abgeschoben), setzt es kaum Vorwürfe gegen den untergetauchten Vater, böse ist die Mutter, Traumatisierung hin oder her.

Mit gewohnter Selbstgefälligkeit drückte es Innenministerin Maria Fekter am 27. Jänner in der ORF-Fernsehsendung „Report“ aus. Frau Zogaj sei, sagte sie, gemütlich im Warmen gesessen, während ihre kleinen Kinder im Kosovo waren, sie als Mutter hätte nie und nimmer so gehandelt. Auf den Hinweis, dass Frau Zogaj laut Amtsarzt eben krank ist, entgegnete sie spitzfindig, die Frau hätte ja trotzdem freiwillig zu ihren Kindern fahren können. Bingo! Niemand hindert kranke Mütter, ihrer Krankheit zu trotzen, freiwillig können sie Traumata und Depressionen abschütteln, sich vielleicht sogar ein Bein nachwachsen lassen oder einen Arm, wenn es notwendig sein sollte. Falls sie behaupten, dass sie es nicht können, sind sie bloß pflichtvergessen und egoistisch. Guter Spartipp für Krankenhäuser: Ab sofort keine Mütter mehr aufnehmen, die gehören nicht ins Spital, sondern zu ihren Kindern. Und tschüss.

3.
Vor Kurzem bat Emine Erdogan, die Gemahlin (so steht es in den Presseaussendungen) des türkischen Ministerpräsidenten, andere Gemahlinnen, also andere Ehefrauen mächtiger Männer, zu einer Art Nahostgipfel. Die Einladungsliste reichte von der jordanischen Königin Rania bis zu Cherie Blair und Carla Sarkozy, gekommen sind dann vor allem Damen, die mit Staats- oder Regierungschefs der Nahostregion verheiratet sind, und sie verabschiedeten eine gemeinsame Erklärung, in der sie die internationale Gemeinschaft – im Namen aller Mütter, für die Frieden und Menschenleben eine große Bedeutung haben – zu mehr Druck auf ­Israel aufforderten, damit Israel seine Angriffe auf Gaza einstelle. Das kann man wohlwollend sehen. Friedliebende Mütter nützen ihre gesellschaftliche Stellung, um sich für das edle Ziel eines Waffenstillstands einzusetzen.
Man könnte aber auch weniger wohlwollend sagen: Gemahlinnen betreiben das Geschäft ihrer Männer, für das sie keinerlei Qualifikation mitbringen außer der einen (allerdings zweifelhaften), Gemahlin zu sein. Und schon fällt uns ein, wie Herr Sarkozy seine vorletzte Gattin Cecilia nach Libyen schickte, damit sie sich dort in Sachen Geiselbefreiung profiliere (nachdem ernsthafte politische Vorarbeit von anderen geleistet worden war, zum Beispiel von Benita ­Ferrero-Waldner). Soll das so weitergehen?

Ja, klar, auch die Ehefrauen mächtiger Männer dürfen ihre Meinung sagen – aber diese atmosphärische Verdichtung von Gattinnenpower in der Weltpolitik stimmt unfroh. Dilettierende Gemahlinnen sind kein Ersatz für kompetente Frauen in Schlüsselpositionen, das sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

elfriede.hammerl@profil.at