Elfriede ist das Leben

Die Literatur-Nobelpreisträgerin hat Oscar Wilde modernisiert. Damit sollte es nicht sein Bewenden haben.

Die Komödie „Bunbury oder Ernst ist das Leben“ hat infolge einer Neu-Übersetzung durch Elfriede Jelinek einen unüberhörbaren Aspekt gewonnen – jenen nämlich, dass bewusst gemacht wird, wie vulgär unser Zeitalter geworden ist. Eventuell hat die Dichterin auch bloß vermitteln wollen, dass „The Importance of Being Ernest“ dem zeitgenössischen „The Impotenz of Being Ernest“ zu weichen hat.

Für diese revolutionäre Arbeit im Sinne der dramatischen Aufklärung gebührt ihr schon deshalb Dank, weil bisher noch kein zeitgenössisches Genie wagte, den königlichen Selbstironiker Oscar Wilde zu zerfleischen. Unsereins, die wir in Österreich geboren und dortselbst dermaßen beheimatet sind, dass wir bei einem Theaterbesuch semantisch auf unseren Wortschmatz eingestellt werden müssen, schätzen es, wenn Gesellschaftskritik so vorkommt, dass sie zum Villacher Fasching verkommt. Das Bemühen Oscar Wildes, einer repressiven Gesellschaft mit Zivilcourage zu begegnen, hat Frau Jelinek mutig durch Zoologie ersetzt – viehischere Tölpel gibt es nicht einmal in William Shakespeares Rüpelszenen.

Der Aufwand, „Bunbury“ vom Britischen ins Brutale zu übertragen, mag sie eine Menge Schaffenskraft gekostet haben. Um sie wieder auf die Spur neuer Erzeugungsmöglichkeiten zu locken, schlage ich ihr drei gewiss noch ausbaufähige Stoffe vor.

1. Wagner. Eigentlich bin i a gelernter Sexualphysiker, und drum hab i mich rechtzeitig am Marktplatz umgschaut um a Madl, des irgendwie zu mir passt. Wie ich eine gfunden hab, hab i aber an Burschen kennen glernt, der mi als Famulus hat haben woin. Der Alte hat Faust gheißen und war in Philosophie und sogar Theologie ganz verbrunzt. Natürlich hab i mehr gwusst als er, doch wollt ich alles wissen, drum hab i eahm den Schammes gmacht. Kaum war i in der Hackn, hatschen mir zu Ostern a bissl umadum, und er siacht mei Madl, die Gretel. Mir zwaa lassen uns natürlich nix anmerken, i hamma den Hemdkragen über mein Hals auffegschoben, weu der von ihren Lippenstift natürlich dunkelrot war, und der Oide geht mit mir haam und sagt, obwohl i scho auf sei Kommod gspitzt hab, er wü sich do net umbringen. Dann fallt eahm auf, dass a Hund dasitzt, und schreit: „Meiner Treu!“ Der Hund war zwar treu, aber gheißen hat er ausländisch, so wie Memphis. Der verwandelt sich in so was wie i und sagt zum Oiden: „Huach zua, Heinzi! Du kriagst von mir alle Freuden der Welt und wirst Sachen erleben, die du überhaupt net kennst …“
„Auch stehend schnackseln in der Hängematte?“, fragt der geile Oide, schmähohne.
„Auch das“, lacht der Memphis, „du wirst aber auch die Frau deines Lebens finden, und erst wenn du sie gefunden hast, dann sag zu mir: A Weu, es braucht an Augenblick, sie noch zu sehen.“ Drauf grinst der Oide und wischpert: „So kannst di bei mir eineraunzen. I glaub, i folg dir, du schaust gschmeidig aus, echt.“

Zwaa Tag später zaubert der Memphis die Gretel aufn Marktplatz, sie muass, diabolisiert, dem Faust schöne Augen machen, er macht, schon verfegefeuert, ähnliche, und wann i mir net zsammgrissn hätt, wärn s’ zsammkommen. Aber da der Teufel im Detail des Dekolletés der Marthe Schwerdtlein gsteckt ist, hab i die Gretel vom Faust losgrissn und eahm dafür an ganz guatn Job verschafft: Er ist seitdem die Stimme der Herrin: Lindners „ZiB 1“-Anchorman, was sich guat trifft, weu er die Innenpolitik täglich mit „Habe nun, ach“ anfangt.

2. Bates. Norman Bates ist ein einsamer Mann, denn abgesehen von seiner schon verstorbenen Mutter ist er nur von den Leichen umgeben, die in seinem Motel dank seiner hilfreichen Handhabung zu solchen wurden. Erschütternd und wahrhaftig kann er uns nur erzählen: „Wia sie kumma is, so ganz in Blond bis ganz obe – des hab i gspürt –, da hab i ma gschworen: Die maxelst net! Die ist a bissl zu schad für deine wunderschönen, pianistenartigen Finger. Gschworen hab ich’s mir noch, wie wir einander ... aber hab ich denn wissen können, dass sie mir um den Hals fallen wü und von mir verlangt, i soll desselbe tuan? Gott sei Dank hat’s so gschrian wie mei Mutter, und i war sofort ihr Söhnchen, wir ham zsamm den Detektiv hamdraht, dann ihre Schwester, und i schwör euch, i bin jetzt ka Psycho mehr, denn seit damals hab i kan leblosen Körper mehr vernascht.“

3. Jesus. „I hab mi schön langsam dran gwöhnt, dass jeder, der mei Leben beschreibt, ins Häfn geht. Meine Mich-vorher-Seherin Kassandra hat scho recht ghabt, wie s’ in Troja gsagt hat: Timeo Danaos, et dona ferentes! Des haaaßt, ich fürchte die Griechen, selbst wenn sie Geschenke bringen – und dem Haderer ist genau des aufn Schädel gfalln, nur weu er si über mi den Kopf zerbrochen hat. Aber wann des Ganze, was i angstellt hab, a Bühnenstückl werden soi, dann müasst ma’s noch ums Arschlecken exakter umreißen. Des von Bethlehem an is eh alls klar, aber i möcht scho no sagn: Ich sitze zur rechten Hand meiner Mutter Maria, der lieben Göttin.“

So wichtig, Frau Jelinek, kann es werden, wenn man sich ernst nimmt.