Elias Zerhouni im Interview: „Weniger Krebstote. Das hat es nie zuvor gegeben“

Elias Zerhouni, Direktor der National Institutes of Health (NIH), der mit Abstand größten medizinischen Forschungseinrichtung der Welt, über die völlig neue Sicht von Krankheiten und den möglichen Sieg über Herzleiden, Diabetes, Krebs, Alzheimer und Fettsucht.

profil: Dr. Zerhouni, manche Wissenschafter sagen, wir stünden am Beginn einer biomedizinischen Revolution, welche die Medizin und unser Leben verändern wird.
Zerhouni: Ich würde noch weiter gehen. Dieses Jahrhundert ist das Jahrhundert der Life Sciences, so wie das vergangene Jahrhundert das Jahrhundert der Physik war. Unser Leben hat sich verändert, weil wir den Computer, den elektronischen Chip und völlig neue Produktionsmethoden entwickelt haben. Mit dem weiteren Fortschritt wird uns bewusst, dass die gesellschaftlichen Herausforderungen mit der menschlichen Gesundheit und ihren weltweiten Kosten zusammenhängen, mit Fragen der Umwelt und mit unserem Verhältnis zur Umwelt. All diese Probleme können durch ein besseres Verständnis der Wissenschaften vom Leben gelöst werden. Wir leben in einer äußerst innovativen Zeit im Bereich der biomedizinischen Forschung und der Life Sciences generell.
profil: Könnte es sein, dass sich unsere Fähigkeit, Krankheiten zu behandeln, schon in den kommenden Jahren derart tief greifend verändern wird, dass viele Krankheiten in 30 Jahren kein Problem mehr darstellen werden? Oder ist das noch Science-Fiction?
Zerhouni: Nein, das ist keine Science-Fiction. Ich könnte Ihnen anhand vieler Beispiele zeigen, dass das bereits passiert. Vor 30 Jahren haben wir uns mit Krankheiten erst beschäftigt, wenn jemand bereits schwer davon betroffen war. So wurde Krebs erst spät entdeckt, sodass die meisten Krebspatienten innerhalb kurzer Zeit starben. Wer einen Herzinfarkt erlitt, starb innerhalb einer Stunde. Wir sind draufgekommen, dass hohe Cholesterinwerte und Bluthochdruck schädlich sind, daher haben wir Medikamente dagegen entwickelt. Jetzt, auf der nächsten Stufe, fragen wir uns, warum zehn bis 20 Prozent von uns eine bestimmte Krankheit entwickeln. Ist es die genetische Ausstattung, die Umwelt …
profil: … oder der Lebensstil?
Zerhouni: Eine Kombination von all dem. Jetzt wissen wir genug, um eine Krankheit nicht erst zu behandeln, wenn jemand wirklich krank ist. Wir müssen eingreifen, lange bevor jemand krank wird. Und wir müssen den Einfluss der heute auftretenden chronischen Krankheiten zurückdrängen oder eliminieren.
profil: Welcher chronischen Krankheiten?
Zerhouni: In den USA zum Beispiel sind wir über die um sich greifende Fettleibigkeit sehr beunruhigt. Denn die Fettsucht steht in Verbindung mit dem Auftreten von Herzerkrankungen und Diabetes. Wir sind extrem beunruhigt über die zunehmende Fettleibigkeit bei Kindern. Denn diese Kinder werden früh in ihrem Leben Diabetes und Herzkrankheiten entwickeln und daher früher sterben.
profil: Was kann man dagegen tun? Anreize für eine Lebensstiländerung schaffen?
Zerhouni: Das ist eine der fundamentalsten Fragen, mit denen die heutige Gesellschaft konfrontiert ist. Die moderne Gesellschaft wird nicht so sehr von Krankheiten wie Aids betroffen sein, sondern von chronischen Krankheiten, Fettleibigkeit ist nur eine davon. Fettsucht ist aber nicht bloß ein medizinisches, sondern ein komplexes sozioökonomisches Problem.
profil: Inwiefern?
Zerhouni: Wir sitzen viel im Auto, jedes Gebäude hat einen Lift. Wir haben im NIH ein eigenes Strategieprogramm für die Fettsuchtforschung gestartet. Unsere Studien zeigen, dass unsere Maßnahmen sehr früh in der Kindheit ansetzen müssen. Aber das Gesundheitssystem allein wird es nicht schaffen. Es bedarf politischer Entscheidungen, Veränderungen in der Umwelt und in der Art, wie die Gesellschaft Vorteile des Fortschritts wie Transport, Nahrung oder gesundes Leben sieht. Eine unserer Studien zeigt zum Beispiel: Wenn die Lifte in unseren Gebäuden, mit Ausnahme von Behindertenaufzügen, erst im dritten Stock beginnen würden und man bis dorthin zu Fuß laufen müsste, würde sich das Problem der Fettleibigkeit allein dadurch um 25 Prozent verringern.
profil: Aber was kann die Medizin tun?
Zerhouni: Der Fehler, den die Menschen machen, ist zu glauben, dass sie erfolglos sind, wenn sie nicht ihr Normalgewicht erreichen. Daher haben wir uns mit der Frage beschäftigt, wie viel Gewicht man verlieren muss, um wieder in den gesunden Bereich zu kommen. Es ist gar nicht so viel. Eine Gewichtsreduktion von fünf, sechs Kilogramm genügt zumeist schon, um das Diabetesrisiko um 80 Prozent zu senken.
profil: … aber ohne Bewegung wird das wohl nicht gehen?
Zerhouni: Klar, Bewegung, weniger Kalorien und ein verhältnismäßig geringer Gewichtsverlust. Aber das verstehen die Menschen nicht. Sie geben auf und sagen: Ich kann mein Normalgewicht nicht erreichen. Für den Einzelnen ist die Verhaltensänderung schwer zu erreichen, so etwas geht nur in der Gruppe. Daher brauchen wir eine neue soziale Umwelt.
profil: Sollte es für die Verhaltensänderung Anreize geben?
Zerhouni: Ja, wir müssen eher in Richtung Gesundheit und nicht in Richtung Krankheit marschieren. Die Medizin kann dabei helfen, Komplikationen zu verhindern, sie kann dafür die wissenschaftlichen Grundlagen liefern, aber ohne die richtigen politischen, ökonomischen, sozialen und Versicherungsanreize wird es schwer, das Problem zu lösen.
profil: Die größten Killer in den hochentwickelten Ländern sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Wird die Biomedizin imstande sein, diese Leiden so zu bekämpfen, dass sie nicht mehr zum Tod führen?
Zerhouni: Das geschieht bereits. Die Mortalitätsrate bei Herzerkrankungen und Schlaganfall ist zumindest in den USA um beinahe 60, 70 Prozent gesunken.
profil: Allein durch medizinische Interventionen?
Zerhouni: Medizinische Intervention, mit dem Rauchen aufhören, Diät, Bewegung, all das. Einen wichtigen Einfluss haben Medikamente zur Kontrolle des Blutdrucks und des Cholesterinspiegels. Das funktioniert. Außerdem forschen wir intensiv, um zu verstehen, was am Anfang des Krankheitsprozesses geschieht. Wir wissen, dass Herzerkrankungen möglicherweise mit Entzündungsprozessen in einer frühen Lebensphase zusammenhängen. Wir wissen nur noch nicht, warum. Liegt es an der Nahrungszusammensetzung, oder sind es andere Gründe? Sobald wir die genaue Ursache gefunden haben, werden wir imstande sein, Herzerkrankungen zu verhindern. Und wir machen dabei große Fortschritte.
profil: Und welche Fortschritte machen Sie bei Krebs?
Zerhouni: In den USA zum Beispiel sinkt die Gesamtzahl der Krebstoten seit zwei Jahren, obwohl die Bevölkerung gewachsen und älter geworden ist. Das ist einzigartig, das hat es nie zuvor gegeben, seit wir darüber Aufzeichnungen führen.
profil: Aufgrund besserer Medikamente?
Zerhouni: Aufgrund mehrerer Dinge. Erstens hat die Raucherentwöhnung die Lungenkrebsrate gesenkt, das ist vielleicht der wichtigste Punkt. Das Zweite sind frühzeitige Gesundheits-Checks. Wir wissen, dass die rechtzeitige Entfernung von Darmpolypen Dickdarmkrebs verhindert. Durch regelmäßige Checks ist die Darmkrebsrate um etwa 50, 60 Prozent zurückgegangen. Wir machen bei diesen Krebsarten große Fortschritte. Heute überleben 65 Prozent der Krebspatienten ihre Krankheit mindestens fünf Jahre, vor 30 Jahren waren es 23 Prozent.
profil: Es kommt wohl auch auf die Krebsart an?
Zerhouni: Gewiss. Der einzige wirkliche Fortschritt beim Lungenkrebs ist auf die Raucherentwöhnung zurückzuführen. Aber wir machen große Fortschritte in der Krebsbehandlung. Die heutigen Thera- pien sind weniger giftig als früher, und die Leute überleben länger. Aber bei bestimmten Krebsarten, wie dem Bauchspeicheldrüsen- oder dem Lungenkrebs, sind wir medizinisch nicht viel weitergekommen. Was können wir tun? Wir machen Fortschritte bei der intensiven Erforschung der Frage, was eine Zelle zur Krebszelle macht.
profil: Sie erforschen das so genannte Microenvironment, also die mikroskopische Welt in der und rund um die Krebszelle?
Zerhouni: Ja, und da gibt es eine neue Theorie, die besagt, dass Krebs möglicherweise durch Stammzellen verursacht wird. Wir nähern uns diesen Fragen aus verschiedenen Richtungen. So haben wir etwa das Krebs-Genom-Projekt gestartet. Wir suchen nach genetischen Mutationen, welche zur Krebsentstehung führen, oder nach den Ursachen, warum bestimmte Gene an- oder abgeschaltet werden.
profil: Das heißt, Sie suchen nach jenen Veränderungen, welche die Krebszelle ausmachen?
Zerhouni: Genau, weil eine Krebszelle von einer Vielzahl von DNA-Abnormalitäten gekennzeichnet ist. Die Frage ist: Welche davon sind ausschlaggebend? Wir wissen es nicht. Daher haben wir uns eine bestimmte Krebsart in verschiedenen Individuen angeschaut und gefragt, welcher gebrochene Teil des DNA-Strangs taucht in allen Individuen gleichermaßen auf. Auf diese Art finden wir neue genetische Pfade, die uns beispielsweise Hinweise darauf geben, warum der Krebs wächst oder warum er Metastasen bildet.
profil: Und wenn Sie das einmal verstehen, was können Sie dann tun?
Zerhouni: Sehr gezielte Therapien entwickeln. Das geht nicht über Nacht, aber wenn ich mir zum Beispiel zehn mutierte Gene derselben Brustkrebsart ansehe und weiß, welche zwei davon wichtig sind, weil sie bei all diesen Tumoren auftreten, muss ich genau diese zwei Gene attackieren. Wir sind dabei, derartige Dinge herauszufinden. So haben beispielsweise zwei Forschergruppen, eine in den Niederlanden und eine in den USA, mithilfe eines Genchips 250 Brustkrebsgene untersucht und dabei herausgefunden, dass, wenn 16 dieser Gene eine bestimmte Charakteristik aufweisen, die betreffenden Patientinnen keine Chemotherapie benötigen. Das ist ein bedeutender Fortschritt, denn bisher wurden alle Brustkrebspatientinnen in den USA mit Chemotherapie behandelt.
profil: Und wie lange wird es dauern, bis diese Entdeckung klinisch umgesetzt wird?
Zerhouni: Das ist bereits der Fall. Wir machen dazu klinische Studien. Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat soeben den entsprechenden Test zugelassen. Zwischen einer Entdeckung und der klinischen Umsetzung vergehen oft 15, 20 Jahre, weil es all die sorgfältigen Sicherheitstests geben muss. Aber von einem zukünftigen Standpunkt aus betrachtet, werden uns Herzkrankheiten und Krebs nicht mehr in dem Maße beschäftigen, wie sie uns heute beschäftigen. Indem die Menschen immer älter und immer rüstiger alt werden, werden andere Probleme auftauchen.
profil: Alzheimer?
Zerhouni: Lassen Sie mich zuerst etwas anderes sagen: Herzschwäche. Daher ist es wichtig, neue Zugänge zu diesem Problem zu entwickeln.
profil: Welche Art Herzschwäche?
Zerhouni: Ein Nachlassen der Pumpleistung, einfach so, wie ein Muskel schwächer wird. Während die Zahl der koronaren Herzerkrankungen sinkt, wird Herzschwäche verbreiteter auftreten, weil die Leute älter werden. Wir müssen diese Vorgänge besser verstehen und investieren daher viel in die diesbezügliche Forschung. Das ist das eine. Das andere sind degenerative Erkrankungen des Gehirns wie Alzheimer, Parkinson und andere Demenzformen. Wir müssen darauf vorbereitet sein, denn diese Krankheiten werden bald genauso wichtig sein wie Herzerkrankungen und Krebs, wenn nicht wichtiger.
profil: In Frankreich gibt es bereits mehr als 800.000 Alzheimer-Patienten, in Deutschland mehr als eine Million.
Zerhouni: In Amerika haben wir derzeit vier Millionen Alzheimer-Patienten. Wenn wir dagegen nichts tun können, werden wir 16 Millionen haben.
profil: Was wäre der erste Schritt, um diese Krankheit einzudämmen?
Zerhouni: Frühe Diagnose.
profil: Und wenn Sie wissen, dass die Krankheit kommt, was dann?
Zerhouni: Wir forschen intensiv daran und machen dabei Fortschritte. Als ich zum Direktor der NIH bestellt wurde, habe ich mir angesehen, was wir im Bereich Nanomedizin gemacht haben, um zu frühen Diagnosen zu kommen. Wir haben innovative Forschung gefördert. Heute verfügen wir über einen Test, der per Analyse der Rückenmarksflüssigkeit Spuren von Alzheimer 15 bis 20 Jahre im Voraus entdecken kann. Das Zweite ist eine bildgebende Diagnose, mit der sich eine Anhäufung von abnormalen Proteinen, das sind die für Alzheimer charakteristischen Amyloid-Plaques, im Gehirn feststellen lässt.
profil: Heißt das, dass Sie zu verstehen versuchen, was bei der Krankheitsentstehung auf molekularem Level passiert, damit Sie dann bestimmte Moleküle attackieren können?
Zerhouni: Exakt. Aber neben Alzheimer gibt es eine Reihe anderer degenerativer Erkrankungen, die zu mannigfachen Behinderungen bei älteren Menschen führen und die uns in Zukunft große Probleme machen können. Wir müssen das verhindern. Daher befassen wir uns intensiv nicht nur mit Herzschwäche und Alzheimer, sondern auch mit Osteoporose, und zu einem wachsenden, ganz großen Problem wird der Verlust der Sehkraft.
profil: Die Macula-Degeneration?
Zerhouni: Unter 65 ist es die diabetische Retinopathie, die zum Verlust der Sehkraft führt, über 65 die Macula-Degeneration. Wir arbeiten hart daran. Und wir hatten im vergangenen Jahr tatsächlich einige Durchbrüche bei der Macula-Degeneration. Erstens haben wir herausgefunden, dass es keine degenerative Erkrankung, sondern eine Gefäßentzündung ist …
profil: … die gar nichts mit Diabetes zu tun hat?
Zerhouni: Nein, absolut nichts. Durch Genanalysen und Vergleiche zwischen Erkrankten und Nichterkrankten haben wir entdeckt, dass die Krankheit mit Entzündungen zusammenhängt.
profil: Entzündung scheint zunehmend ein bedeutendes Thema in der Medizin zu sein. Vor drei Monaten hat das Wissenschaftsmagazin „nature“ eine Studie publiziert, die belegt, dass das Bauchfett überall im Körper Entzündungsprozesse auslöst.
Zerhouni: Absolut richtig, warum? Wir beobachten jetzt ein und denselben Vorgang aus verschiedensten Richtungen. So ist zum Beispiel Alzheimer laut unseren Forschungsergebnissen ebenfalls eine Entzündungserkrankung. Und bei Herzerkrankungen gibt es den Verdacht auf Entzündungsprozesse als Ursache schon lange. Dann entdeckten wir, dass Entzündungsprozesse eine komplementäre Kaskade, eine Immunantwort im Auge, auslösen, eben die Macula-Degeneration. Offenbar ist das bei allen Autoimmunerkankungen so.
profil: Sie haben den Verdacht, dass Entzündungen die Ursache vieler Krankheiten sind?
Zerhouni: Das geht quer über alle Krankheitsprozesse, die wir kennen. Daher habe ich eine Initiative mit der Bezeichnung „NIH Road Map“ gestartet, wo Wissenschafter aus verschiedensten Bereichen die Gemeinsamkeiten von Krankheiten diskutieren. Eine davon ist Entzündung, die jetzt zum eigenen Forschungsbereich wird. Viele Krankheiten wurden im Lauf des 20. Jahrhunderts durch Beobachtungen wie Blutdruck oder Cholesterinspiegel charakterisiert. Das ist ziemlich plump. Im 21. Jahrhundert sind wir dabei, diese Krankheiten zu reklassifizieren. Wir untersuchen ihre fundamentalen Mechanismen. Dabei könnte es sein, dass es eine Verbindung zwischen Fettleibigkeit, Diabetes und Herzkrankheiten gibt. Dass diese Krankheiten, die wir bisher getrennt betrachteten, in Wahrheit verschiedene Manifestationen ein und desselben molekularen Problems sind.
profil: Gibt es eine Verbindung zwischen Entzündung, Stammzellen und Krebs?
Zerhouni: Entzündung ist die Antwort des Körpers auf etwas, sei es autoimmun oder extraimmun. Dieses Etwas löst ein Signal aus. Das Signal rekrutiert andere Zellen, die herbeieilen, um eine angegriffene Zelle zu killen oder in den programmierten Zelltod zu treiben. Die abgestorbenen Zellen müssen erneuert und das lädierte Gewebe regeneriert werden. Deshalb eilen Stammzellen herbei, um die Gewebsreparatur zu bewerkstelligen. Das ist die Art und Weise, wie normalerweise eine Wunde heilt. Es ist die Entzündung, die vor Infektion schützt, sie reinigt und heilt. Das ist der Weg, wie Entzündung und Stammzellen zusammenkommen, um Gewebe zu reparieren und zu regenerieren.
profil: Hat die Wundheilung etwas mit der Krebsentstehung gemeinsam?
Zerhouni: Einige Abläufe sind sehr ähnlich. Für die Wundheilung müssen neue Blutgefäße gebildet werden, und dasselbe geschieht in Tumoren. Wir können den menschlichen Organismus nicht verstehen, wenn wir nur ein Molekül zu einer bestimmten Zeit beobachten. Wir benötigen einen Zugang zum System, zu den Interaktionen der molekularen Abläufe und wie sie zusammenhängen. Es ist wie bei einem bedruckten Schaltkreis eines Computers. Wenn Sie nur einen Teil davon betrachten, verstehen Sie das Gesamtbild nicht. Das ist es aber, was wir tun müssen.
profil: Wenn Sie die Zusammenhänge auf molekularer Ebene erkunden, dann ist Nanomedizin ein bedeutendes Thema. Wie weit ist die nanomedizinische Forschung?
Zerhouni: Im Labor werden nanotechnologische Methoden schon dazu verwendet, um genauere Analysen zu bekommen. Weniger weit fortgeschritten ist die Nanomedizin bei klinischen Anwendungen. Aber einzelne Beispiele gibt es bereits. So werden etwa an der Rice University in Houston, Texas, zur Behandlung von Hirntumoren thermische Therapien mithilfe von Infrarotstrahlen angewendet.
profil: Im Zusammenhang mit Nanotechnologie?
Zerhouni: Ja, dabei werden mikroskopisch kleine Goldpartikel in die Blutbahn injiziert. Diese Nanopartikel wandern dann in den Tumor. Durch Infrarotbestrahlung von außen akkumulieren diese winzigen Partikel Hitzeenergie, sodass sie die Krebszellen ringsum abtöten. Von dieser Art Therapien werden Sie mehr und mehr sehen. So beschäftigen wir uns jetzt beispielsweise mit Nanopartikeln als Transportvehikel von Genen oder von Wirkstoffen. Aber die meisten Dinge auf diesem Gebiet passieren derzeit noch im Labor. So haben wir beispielsweise mikroskopisch kleine Labors auf Chips angeordnet. Ein solcher Chip ist imstande, anhand einer Urinprobe innerhalb von 30 Minuten herauszufinden, welche Organismen eine Infektion verursachen. Das heißt, in Zukunft wird man keine komplizierten Laboranalysen mehr benötigen, das können Sie in jeder Ordination erledigen.
profil: Werden all diese viel versprechenden Dinge die medizinische Behandlung verteuern?
Zerhouni: Schwer zu sagen. Mein Eindruck ist, dass wenn wir früher intervenieren und wissen, bei wem die Intervention Sinn macht, die Behandlungen viel zielgenauer passieren werden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Heute werden in den USA vielleicht 100 Millionen Menschen mit Cholesterinsenkern behandelt. Aber wir wissen, dass nur 20 Prozent davon an Atherosklerose erkranken werden. Daher wissen wir, dass wir viel zu viel Statine verschreiben. Das ist der Grund, warum wir viel prädiktiver sein müssen, damit die Behandlung viel zielgerichteter und individualisierter ist. Das wird die Behandlungen hoffentlich kostengünstiger machen. Aber es ist klar, dass späte Interventionen, wie wir sie heute machen, teuer sind.
profil: Können Sie ein Beispiel nennen?
Zerhouni: Nehmen Sie Herzerkankungen. Wenn Sie ein bisschen übergewichtig sind und einen höheren Blutdruck haben, dann können Sie das leicht durch körperliche Betätigung und weniger Salz in der Nahrung in den Griff bekommen. Das kostet praktisch nichts. Aber wenn Sie Bluthochdruck und einen hohen Cholesterinspiegel haben, dann benötigen Sie Medikamente, die zehn Dollar am Tag kosten. Und wenn man spät interveniert, dann benötigen Sie eine Bypassoperation, die 100.000 Dollar kostet. Daher erforschen wir auch, wie man Gesundheitskosten senken kann.
profil: Was kann der Einzelne selber tun, täglich Aspirin gegen Entzündungen schlucken?
Zerhouni: Das Erste ist, informiert zu sein, was heute nahezu für jeden via Internet möglich ist. Wir nennen es die „Gesundheitsalphabetisierung“. Das Zweite ist ein gesunder Lebensstil. Täglich 30 Minuten zu Fuß gehen hat einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit, speziell bei älteren Leuten. Die Menschen glauben, dass sie, wenn sie 55 oder 60 Jahre alt sind, körperliche Kondition nicht mehr nötig haben. Das ist der größte Fehler.
profil: Sie verlieren Muskelmasse und werden früher oder später hilfsbedürftig.
Zerhouni: Genau. Vor allem im späteren Leben ist körperliche Bewegung besonders wichtig, ebenso gesunde Ernährung und Nichtrauchen. Aspirin ist gut. Ich nehme täglich ein Baby-Aspirin. Es reduziert Entzündungsprozesse, die wahrscheinlich mit unserer Lebensweise zusammenhängen.

Interview: Robert Buchacher