EMC2 und EC2

Warum uns spätere Geschichtsbücher als Helden feiern werden.

„Oiwei denga!“
Kollektiver Aufschrei einer Volksschulklasse bei Ternitz (Hochdeutsch: „Immer denken müssen!“)

Meine Frau studierte Physik und Mathematik. Das ist unangenehm. Sie ist gescheiter als ich. Martina, so heißt die Herzensgute, versucht zwar ständig, mein Minderwertigkeitsgefühl mit Scherzen zu vernichten, hat aber nichts anderes bewirkt als einen Ersatz der Melancholie durch Depression. Gestern hielt sie einen Witz für zielführend, der so anfängt, dass ein Journalist den Albert Einstein fragt: „Herr Professor, können Sie mir kurz erklären, was Invarianz, Relativitätsprinzip, Zeitdilatation, Lorentzkontraktion und Raum-Zeit-Gefüge sind?“ Einstein: „Ja. Das sind Fachausdrücke.“

Höhö. Sehr lustig für einen, der schon Schwierigkeiten hatte, in der Schule die berühmteste Gleichung E = mc2 zu verstehen, also im Wesentlichen die Äquivalenz und wechselseitige Wandlungsfähigkeit von Masse und Energie, was für Liebhaber von Atombomben und Kern­reaktoren wichtig ist.­ Aus heutiger Sicht ist E = mc2 beinahe ein Trost. Die Gleichung ist Ausläufer einer Zeit, in der man sich unter den wissenschaftlichen und technischen Dingen noch halbwegs was vorstellen konnte. Ah, wie einfach war es, die Schwerkraft zu begreifen, wenn man sie uns Dumpfgummis mit dem Apfel-Experiment von Isaac Newton erklärte. Die Mendel’sche Erblehre begriffen wir auch als naive Gärtner, die nur Blumen, Nutzpflanzen und Gülle kannten. Und was Alexander von Humboldt an Neuem aus Südamerika heimbrachte, überforderte weder den Geist noch das Auge. Wir entzückten uns an fremder Fauna, Flora und Skeletten, die man Eingeborenengräbern entrissen hatte. Es gab im ­Gegensatz zu heutigen Labors und Robotern auch keine Werkzeuge, die wir nicht verstanden hätten.

Städter verstanden die bäuerliche Sense, Bauern den städtischen Haarföhn. Unter den Geistes-Tools erschlossen sich Bleistift, Füllfeder, Schreibmaschine und Papier unverzüglich. Wir hatten zwar Mühe, das Genie des Abakus zu begreifen oder den logarithmisch verdichteten Rechenschieber der Konstrukteure, aber irgendwann schafften wir es, zumal uns half, die Dinge auch angreifen zu können. Das Dreidimensionale kam dem Verstehen entgegen. Mithilfe der Haptik erkannten wir auch die Qualität der Dinge. Diese ging im Wege der Osmose über die Haut ins Herz und ins Hirn ein, weshalb Thomas Mann den „Doktor Faustus“ nur mit Füllern von Waterman und Montblanc, nicht aber mit einem abgenagten Bic-Kuli schreiben konnte.

Nun haben uns Wissenschaft und Technik längst verlassen. Die humanen Dimensionen gingen verloren. Zum ungünstigsten Zeitpunkt, der an den Hillbilly-Heuler „You ­picked a fine time to leave me, Lucille“ erinnert, wo ein ­Farmer seiner Frau nachweint, die ihn zur Erntezeit mit vier hungrigen Kindern zurückgelassen hat. Auch wir hatten ­gerade andere Sorgen, als die Technik in ihre entmenschte Phase trat. Wir mussten mehrere Umschwünge bewältigen, die im Prinzip erfreulich waren, in Summe aber den Geist zum Zerreißen forderten: den Wechsel von der Handarbeit zur Kopfarbeit; die demokratische Verflachung aller Hierarchien; den Bewusstseinswandel in Ökologie; die Öffnung der Grenzen zu Ländern, deren schmerzhaften Lern- und Reformprozess wir gerade erleben.

In der Wissenschaft liegt die Entmenschung darin, dass der einzelne Daniel Düsentrieb fast keine Chance mehr hat. In der Technik beklagen alle Männer (und keine einzige Frau) den Verlust des einstigen Automobils, das man noch sinnlich begreifen, selbst reparieren und frisieren konnte. Tipp am Rande: Die Neuordnung des unverändert vitalsten Produkts Auto wird von der Zeitschrift „autorevue“ und der profil-Kolumne „autodrom“ von David Staretz auffällig gut begleitet.

Der wichtigste Knackpunkt für unsere geistige Elastizität kam, als die binäre Mathematik in die aktuelle ­Digitalwelt führte. Die frühen achtziger Jahre brachten den PC heutigen Zuschnitts, die mittleren neunziger Jahre die digitale Fotografie und Unterhaltungselektronik und das ­Internet. Nun treten wir, von vielen unbemerkt, schon wieder in eine neue Epoche. Sie heißt EC2. Das Kürzel steht für „Elastic Compute Cloud“, eine elastische Rechenwolke, in der nur noch nach verbrauchter Rechenzeit und benutztem Speicherplatz abgerechnet wird. Es wird ein weiterer Einschnitt in Gewohnheiten sein. Wir werden selbst unsere geheimsten Daten in fremde Satellitenplätze auslagern, angeblich perfekt verschlüsselt. Geschäftsleute, Paranoiker und Großmütter, die heute noch „Philharmoniker“-Goldmünzen unter der Matratze horten, werden EC2-Nachzügler sein. „Aber der Rest der Welt“, schreibt der deutsche Experte Stephan Selle, „rudert auf ­irgendein Gerät zwischen iPhone und MacBook Air hin, auf einen schmal-mobilen Nichtskönner mit dem dicken Draht ins Internet.“

Wo finden wir da Good News, das Motto dieser Kolumne? Darin, dass wir Helden sind. Spätere Geschichtsbücher werden uns rühmen, als edle Generationen an der Quelle des dritten Jahrtausends, die hundert Veränderungen zugleich bewältigten, ohne zugrunde zu gehen. Wir haben den ­Befehl meines einstigen Volksschuldirektors Professor Hausner in Landschach/St. Valentin bei Ternitz („Ihr müsst immer ­denken“) mit Anstand befolgt.