Ende des Albtraums?

Würde der neue US-Präsident jetzt gewählt, hieße der Verlierer George W. Bush. Aber man sollte sich nicht allzu früh freuen.

Man soll es nicht verschreien. Aber die vergangene Woche lässt doch erahnen, dass man bald aus dem Albtraum erwachen könnte, George W. Bush würde weitere vier Jahre im Weißen Haus sitzen und mit seinen Kumpanen Amerika – und den Rest der Welt – regieren.

Für den amtierenden US-Präsidenten war es eine tiefschwarze Woche. Sie begann schon mit einem Fiasko, einem einstündigen Fernsehinterview. Bekanntlich scheut Bush den Kontakt mit Journalisten – wie man sah, zu Recht. Der ABC-Journalist Tim Russert löcherte den Präsidenten hinsichtlich der (bis heute nicht gefundenen) irakischen Massenvernichtungswaffen, der Steuererleichterungen für die Superreichen und der versprochenen Arbeitsplätze, die partout nicht entstehen wollen. Und Bush zeigte sich der Situation absolut nicht gewachsen: „Er wirkte müde, unsicher und oft konfus“, diagnostizierte Peggy Noonan, eine ehemalige Reagan-Redenschreiberin. Und das war noch eine der freundlicheren Interpretationen.

Aus österreichischer Sicht: Herbert Haupt ist im Vergleich zu Bush ein Ausbund an Klarheit und Präzision, ein Weltmeister in der Disziplin „sprachliche Kompetenz“. Bush wirkte völlig hilflos, unfähig, auch nur auf eine der Fragen sinnvoll zu antworten, und in seiner Rede wechselten kurze redundante Propagandasprüche über Saddam, der ein böser Mann sei, mit ausschweifenden Ausweichmanövern, wenn es um für ihn unangenehme Themen ging. Und davon gab es viele.

Nicht genug damit: Mittlerweile trauen sich die Medien auch, Peinliches aus Bushs Biografie auszugraben: Der Kriegsherr, der vor der Welt fesch in Fliegeruniform auf einem Flugzeugträger posierte und im Interview meinte, „Krieg immer im Hinterkopf“ zu haben, war in seiner Jugend ein Drückeberger. Beileibe nicht aus politischen Gründen entzog er sich dem Einsatz in Vietnam. Durch Familienbeziehungen konnte er zu Hause in Texas in der Nationalgarde dienen. Und da soll er AWOL gewesen sein. AWOL bedeutet im Englischen: abwesend ohne Erlaubnis. Niemand kann sich erinnern, Bush beim Dienst in Alabama, wohin er zugeteilt war, gesehen zu haben. Und Jay Leno parodiert in der Late Night Show auf NBC den Präsidenten. Er lässt Bush, auch in Anspielung auf dessen Schwierigkeiten mit der englischen Sprache, sagen: „Nein, ich bin kein Desserteur. Alle diese Nachspeisen, Kuchen, Torten, das brauche ich gar nicht.“

Das Image, das sich Bush im Wahljahr geben will, das Bild des kraftvollen Führers der Nation, die im Krieg gegen das Böse steht, des starken Mannes, der sich erfolgreich um die Sicherheit der Heimat kümmert, bekommt zusehends Sprünge – nicht zuletzt, seit es so gut wie sicher scheint, dass John Kerry sein demokratischer Herausforderer sein wird. Und dieser ist beileibe kein liberaler unpatriotischer Friedenswinsler, wie die Bush-Republikaner die Demokraten immer gern hinstellen, sondern ein ausgewiesener und mit Tapferkeitsorden behängter Vietnam-Kriegsheld – der aber mit diesem Background glaubhaft als Gegner des Irak-Kriegs auftreten kann.

Wie überhaupt der Vergleich zwischen den beiden für Bush desaströs ausfällt. Da der brillante Absolvent von Yale, dort der faule uninteressierte Student, der mit Ach und Krach und mit Papas Hilfe sein Studium absolvierte. Da der tapfere Soldat, der aus eigener Erfahrung weiß, was Krieg bedeutet, und zum Führer der Anti-Vietnam-Bewegung wird. Dort der einst völlig unpolitische Drückeberger, der sich dann als Präsident zum martialischen Superman hochstilisiert. Da der brillante langjährige Senator, der durch hohe Bildung und rhetorisches Geschick besticht, dort der ehemalige Säufer, der erst im mittleren Alter mit Jesus’ Hilfe trocken wurde und außer der Bibel nichts liest.

Und die Tatsache, dass Bush vor seiner späten politischen Karriere mehrmals geschäftlich Pleite ging und von Daddy und dessen Freunden immer wieder rausgepaukt wurde, wird jetzt, da die patriotische Einheit hinter dem Präsidenten zu bröckeln beginnt, in der medialen Öffentlichkeit gebührende Aufmerksamkeit finden.

Die Umfragedaten der vergangenen Wochen sind für Bush alarmierend: ein veritabler Absturz seiner Popularität. Vor allem aber: Es tut sich eine gewaltige „Credibility Gap“, eine Glaubwürdigkeitslücke, auf, wie die Kommentatoren nun allerorten schreiben. Bushs Umfragewerte sind tiefer als je zuvor, tiefer als unmittelbar nach seiner Wahl vor drei Jahren, die er bekanntlich nicht wirklich gewonnen hatte. Kerry würde, wählte man jetzt, haushoch gewinnen.

Naive Optimisten würden, all das bedenkend, meinen: It’s over. Jene Ära, als mit George W. Bush eine extrem rechte Partie am Ruder in Washington war und zu Hause in den USA und in der Weltpolitik ihr Unwesen trieb, werde als nur kurzes Intermezzo in die Geschichte eingehen. Aber mit Sicherheit davon auszugehen wäre eben naiv. Denn die Erfahrung lehrt: Gerade in den USA können unerwartete Ereignisse sehr schnelle und drastische Stimmungsumschwünge bringen.
Was, wenn der Dollar so weit fällt, dass die US-Wirtschaft in einem Ausmaß boomt, dass entgegen den Prognosen doch noch Arbeitsplätze entstehen? Was, wenn Osama Bin Laden doch noch irgendwo in einer Hindukusch-Höhle erwischt wird? Was, wenn ein Terroranschlag von ähnlicher Dimension wie jener des 11. September die Welt erschüttert? Was, wenn Kerry über eine Affäre stolpern sollte?
Dann könnte alles wieder völlig anders aussehen.

In der Zwischenzeit sollte man sich aber daran erfreuen, dass die Perspektive, der Bushismus könnte demnächst das Zeitliche segnen, durchaus eine realistische ist.