Ende der Aufklärung?

Warum die Welt allen Grund hat, sich vor dem christlichen Fundi George W. Bush zu fürchten.

Ein Josef Kern aus Linz hat mir einen unfreundlichen Brief geschrieben. Er bezeichnet mich darin als „letztes, marodes Sturmgeschütz der Aufklärung“, weil ich mich der Meinung der Abgeordneten-Mehrheit des EU-Parlaments angeschlossen habe, dass der Fundi-Katholik und Papst-Intimus Rocco Buttiglione für den Posten des EU-Kommissars für Justiz ungeeignet ist, und weil ich auf die Wichtigkeit der Trennung von Politik und Religion hingewiesen habe. „Die Aufklärung ist nichts als der feuchte Traum von Narren gewesen“, ätzt der profil-Leser. Er fragt, warum ich den „einfachen Umstand“ nicht einsehe, dass „die Aufklärung so tot wie ein Türnagel“ sei.

Unter normalen Umständen würde ich das Schreiben kommentarlos an die Leserbrief-Redaktion weiterleiten. In Zeiten wie diesen stelle ich mir freilich die bange Frage: Hat Herr Kern vielleicht doch Recht? Ist die Aufklärung am Ende wirklich tot?

Amerika, du hast es besser, dichtete einst Goethe. Die USA galten – neben Frankreich – als Hort der Aufklärung. Die Gündungsväter der Nation von Menschen, die vor den bedrückenden Staatskirchen Europas über den Atlantik geflüchtet waren, richteten eine hohe Mauer zwischen der organisierten Religion und der politischen Autorität auf. Gewiss: Vieles von der Freiheitsidee der Neuen Welt wurde aus christlichen Quellen gespeist. Und die politische Rhetorik in den USA hat seit jeher immer auch eine stark biblische Tonalität: Amerika wird aber von Europas Progressiven seit nunmehr über 200 Jahren als laizistischer Staat par excellence gepriesen.

Seit George W. Bush im Weißen Haus sitzt, scheint dies Schnee von gestern zu sein. Er hat geschaffen, was Ron Suskind in einem ausführlichen Artikel im „New York Times Magazine“ die „faith-based presidency“ nennt – die auf Glauben aufbauende Präsidentschaft.

Suskind hat Gespräche mit Beratern, Ex-Mitarbeitern und Vertrauten von Bush geführt und beschreibt, wie die Entscheidungen im Weißen Haus getroffen werden; wie der Kreis um den Präsidenten immer kleiner wird; wie Leute, die Zweifel oder Kritik in den Diskussionen mit Bush äußern, kaltgestellt werden; wie der Präsident seine Entscheidungen mit seinem „Instinkt“ begründet und sich immer öfter auf Gott beruft, zu dem er regelmäßig betet und als dessen Instrument er sich begreift.

Die Grundmaxime seiner Politik hat Bush mehrfach deklariert: „Wenn wir entschlossen, fest und stark sind, wird die Welt friedlich sein.“ Offener Dialog, basierend auf Fakten, wird nicht geschätzt. Denn: „So ein Dialog könnte Zweifel säen, der den Glauben untergraben könnte“, analysiert Suskind. Und erzählt eine gruselige Begebenheit:
„Ich schrieb vor zwei Jahren einen Artikel, der dem Weißen Haus nicht gefiel. Es folgte ein Treffen mit einem wichtigen Präsidentenberater, der sagte, Leute wie ich wären Teil der ‚reality-based community‘, die glaube, dass Problemlösungen aus dem eifrigen Studium der Wirklichkeit kämen. Ich nickte und murmelte etwas von Grundsätzen der Aufklärung und der Empirie. ,So funktioniert die Welt nicht mehr‘, unterbrach mich der Präsidentenberater und fuhr fort: ‚Wir sind jetzt ein Imperium, und wenn wir handeln, dann schaffen wir unsere eigene Realität. Und während ihr die Wirklichkeit gewissenhaft studiert, handeln wir wieder und schaffen neue Realitäten, die ihr wieder analysieren könnt. Wir sind geschichtliche Akteure … und ihr, ihr alle, könnt bloß studieren und analysieren, was wir tun.‘“

Vor einer so machtvollen, durch Realitätsflucht geschaffenen Realität, vor einem derart selbstbewussten Obskurantismus kann einen nur schaudern. Bedenkt man noch, dass etwa die Hälfte der Amerikaner auf George W. Bush, diesen entscheidungsstarken christlichen Fundi mit Erweckungserlebnis, schwören, obwohl seine außen- wie innenpolitische Bilanz, nüchtern betrachtet, eine einzige Katastrophe ist, dann erscheint die Eingangsfrage, ob die Aufklärung nicht tot sei, wirklich berechtigt.

PS: Das Erweckungserlebnis, das Bush in einer Situation der persönlichen Krise erfuhr und das ihm half, sein bisheriges Lotterleben hinter sich zu lassen, ist durchaus nachvollziehbar. Nicht nur terroristische Islamisten verweisen auf ähnliche Erfahrungen – auch vielen der 68er-Generation, mich eingeschlossen, sind solche Erlebnisse nicht völlig fremd. Wie in einem Flash wurde damals vielen die bisher so unübersichtliche Welt verständlich und klar. Die linksradikale Gewissheit darüber, woran die Welt kranke, wer die Bösen und wer die Guten seien und wie der Kampf des Guten gegen das Böse geführt und gewonnen werden könne, hatte ähnlich religiöse Züge wie der christliche Fundamentalismus eines George W. Bush. Natürlich war die marxistische Literatur, die wir damals verschlangen, noch allemal näher an der Wirklichkeit als die Bibel, die Bush täglich zu Rate zieht. Aber so wie er machten wir uns gegenüber Fakten immun, lasen tendenziell nur, was die eigene Überzeugung unterstützte, und führten Gespräche mit Andersdenkenden vor allem, um sie zu bekehren, und nicht zum Zwecke des Erkenntnisgewinns.

Neben manchen Ähnlichkeiten zwischen dem linken Radikalismus der sechziger und siebziger Jahre und dem christlichen Fundamentalismus Bushs von heute gibt es freilich einen großen Unterschied: Das Erweckungserlebnis der 68er war ein Jugendphänomen und dauerte bestenfalls drei, vier Jahre. Bush hatte seines im Erwachsenenalter von 40 Jahren, und er besitzt heute noch die Heilsgewissheit. Vor allem aber: Der Texaner ist der mächtigste Mann der Welt mit der gewaltigsten Militärmaschinerie aller Zeiten.
Fürchtet euch!