Energie: Schweres Wasser

Widerstand aus den Ländern, Probleme mit der EU: warum die Fusion von OMV und Verbundgesellschaft plötzlich auf der Kippe steht.

Was wären die großen Misserfolge ohne die kleinen? Als OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer am Donnerstag vergangener Woche zu einem außerplanmäßigen London-Trip aufbrach, führte er den Ärger mit im Gepäck. Acht Tage zuvor hatte er gemeinsam mit Verbund-Vorstand Hans Haider die beabsichtigte Fusion beider Konzerne zum „führenden Energieunternehmen Mitteleuropas“ angekündigt und unter anderem die „Schaffung von beträchtlichem Shareholder Value“ gepriesen. Die Börse sah das – jedenfalls vorübergehend – anders. Die OMV-Aktien haben seither annähernd 25 Prozent ihres Wertes verloren. Weshalb Ruttenstorfer nichts anderes übrig blieb, als nach London zu eilen, um dort Analysten wie Investoren zu besänftigen.

Hinter dem großen Malheur steckt freilich auch ein kleines. Am 30. Juni 2006 reift eine von mehreren Tranchen aus einem Aktienoptionen-Programm ab. An diesem Tag kann Ruttenstorfer 4200 Optionen zu bereits 2001 festgelegten Konditionen ausüben. Ehe er die Fusionspläne öffentlich ventilierte, hatte das ihm zustehende Paket einen theoretischen Wert von 191.000 Euro – am Tag des Reiseantritts waren es im Lichte der massiven Kursverluste bereits 58.000 Euro weniger.

Für einen wohlbestallten Manager wie Wolfgang Ruttenstorfer – Jahressalär: 930.000 Euro ohne Nebengeräusche – mögen Summen wie diese, zumal vorerst nur auf dem Papier, verschmerzbar sein. Völlig ungerührt dürfte er ob der massiven Kursverluste der OMV-Aktie dennoch nicht gewesen sein. Inzwischen steht schlicht der Erfolg der gesamten Operation infrage.

Spätestens seit Ende vergangener Woche ist klar: Die Schaffung des OMV-Verbund-Konzerns, mit international 50.000 Mitarbeitern und 18 Milliarden Umsatz, stößt nicht nur an der Börse auf erhebliche Skepsis. Auch politischer Widerstand hat sich quer durch alle Lager mittlerweile formiert – und könnte den Deal zum Scheitern bringen. Am Dienstag dieser Woche empfängt Niederösterreichs ÖVP-Landeshauptmann Erwin Pröll in St. Pölten acht Amtskollegen zu einer kurzfristig angesetzten Sonderkonferenz. Einziger Tagesordnungspunkt der auf Drängen von Kärntens Landestribun Jörg Haider (BZÖ) arrangierten Zusammenkunft: die OMV-Verbund-Fusion und deren Auswirkungen auf die heimischen Wasserkraft-Ressourcen.

Nach dem so genannten Zweiten Verstaatlichten-Gesetz aus 1947 müssen Österreichs Stromerzeuger – der Verbund-Konzern wie auch die neun Landesversorger – mehrheitlich im Einflussbereich der öffentlichen Hand stehen. Damit soll nach der Schaffung der OMV Verbund AG Schluss sein. Der Staat, der die Verbund-Mehrheit in die neue Allianz einbringen will, würde am neuen Gebilde mit bestenfalls etwa 30 Prozent beteiligt sein. Und das hat nicht annähernd das gleiche Gewicht wie eine Mehrheit.

Herzstück des Verbund-Konzerns sind die in der Verbund-Austrian Hydro Power AG (AHP) gebündelten 87 Wasserkraftwerke, die jährlich zusammen 22 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugen und damit ein Drittel des heimischen Bedarfs decken. Wer die Kraftwerke kontrolliert, kontrolliert das Herzstück der heimischen Energieaufbringung. Derzeit hält der Verbund an der AHP 80 Prozent, die im Einflussbereich der Länder stehenden Regionalversorger 20 Prozent.

Laut vorliegendem Entwurf zur Änderung des Verstaatlichten-Gesetzes soll der neue Konzern auch weiterhin mehrheitlich an den Kraftwerken beteiligt sein. Doch die Verstaatlichten-Holding ÖIAG wird an OMV Verbund eben nur mehr ein Viertel halten. Sollte das Gebilde eines Tages mehrheitlich von einem ausländischen Konzern übernommen werden, hätte der Staat nicht mehr viel zu melden. Und Österreich steckt – einmal mehr – mitten in einer Diskussion über den Ausverkauf der Wasserkraft. Niederösterreichs ÖVP-Chef Erwin Pröll hielt jüngst in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit EVN-Generaldirektor Burkhard Hofer unmissverständlich fest, dass ein „Ausverkauf“ unbedingt verhindert werden müsse. „Kraftwerke müssen mehrheitlich in öffentlicher Hand verbleiben“, urgierte wiederum der steirische SPÖ-Chef Franz Voves. Und Salzburg Landes-Vize Wilfried Haslauer (ÖVP) warnt überhaupt vor „ausländischen Stromgiganten“, welche „durchs Hintertürl“ ins Land kämen.

Nach profil vorliegenden Informationen wollen die Landeshauptleute noch diese Woche eine Art Forderungskatalog beschließen. Kernpunkt: Die Länder, beziehungsweise die ihnen nahe stehenden Versorger, sollen die Mehrheit an der Kraftwerksgesellschaft AHP übernehmen. Damit wäre die Fusion von OMV und Verbund freilich ein für alle Mal Geschichte. „Ich respektiere den politischen Willen“, so OMV-Generaldirektor Wolfgang Ruttenstorfer, „aber wenn das so kommt, dann hat sich der Deal für uns erledigt. Dann machen wir es nicht.“ Ähnliches ist auch aus dem Büro von Verbund-Vorstand Hans Haider zu vernehmen. „Die Wasserkraft ist unser wichtigstes Asset“, so ein Sprecher, „ohne diese kann es gar keinen Deal geben.“

Klar ist auch: Die Begehrlichkeiten der Landespolitiker würden das gesamte Bewertungsschema über den Haufen werfen. Bislang war geplant, OMV und Verbund-Konzern im Verhältnis 60:40 zu fusionieren. Verliert die Verbundgesellschaft den Einfluss auf die Wasserkraftwerke, ist sie erheblich weniger wert.

Wie weit der Einfluss der Länder mithin reicht, wenn es um die Wasserkraft geht, durfte der Verbund bereits zum Jahreswechsel 2001/2002 leidvoll erfahren. Damals hatte das Management die Idee, die heimischen Speicher- und Laufkraftwerke mit jenen des deutschen Atomstrom-Erzeugers E.ON zu bündeln. Die Pläne waren vom Tisch, noch ehe sie überhaupt fertig skizziert waren. Die Gegenargumente waren ähnlich wie heute.

Der Unwägbarkeiten nicht genug, droht nun auch Ungemach aus Brüssel. Das letzte Wort zur geplanten Fusion haben die Wettbewerbshüter der Europäischen Union. Denen mag die politisch motivierte Diskussion um den Ausverkauf der Wasserkraft vielleicht egal sein. Die Konditionen der geplanten Fusion dagegen nicht. Nach dem bisherigen Masterplan sollen die Verbund-Aktionäre, also auch die Republik, für jede Verbund-Aktie 6,5 OMV-Papiere bekommen. Grundlage: die Durchschnittskurse der OMV- beziehungsweise Verbund-Aktien der vergangenen sechs Monate. Zusätzlich sollte privaten Anlegern die Möglichkeit gegeben werden, sich ihre Aktien um 425 Euro bar abfinden zu lassen. Weil dieses Offert aber deutlich attraktiver ist als der reine Umtausch, begibt sich die Republik rein rechnerisch etwa einer Milliarde Euro. Finanzminister Karl-Heinz Grasser hat in diesem Zusammenhang bereits angekündigt, das Umtauschverhältnis „hinterfragen“ zu wollen.

profil liegt unterdessen die Expertise einer renommierten Wiener Anwaltskanzlei vor, wonach der Quasiverzicht der Republik auf eine Milliarde Euro zugunsten der OMV von der EU als „verbotene Beihilfe“ gewertet werden könnte. Zitat aus dem Gutachten: „Da keine sachliche Rechtfertigung ersichtlich ist, weshalb die OMV die Verbund-Aktien der Republik Österreich unter günstigeren Bedingungen erwerben kann als jene der übrigen Verbund-Aktionäre, drängt sich der Verdacht einer verbotenen Beihilfengewährung geradezu auf.“

Und weiter: „Die geplante Vorgehensweise bei der Fusion von Verbund und OMV ist daher sowohl für die OMV selbst als auch für Österreich hochgradig riskant.“

Eingedenk der massiven OMV-Kursverluste der vergangenen zwei Wochen erscheint das vorliegende Umtauschangebot derzeit ohnedies unannehmbar. Für eine Verbund-Aktie im Wert von aktuell 410 Euro bekämen die Anteilsinhaber des Stromkonzerns – würde die Fusion schon jetzt vollzogen – 6,5 OMV-Aktien im Gegenwert von weniger als 280 Euro. Und das wäre für die Betroffenen zumindest genauso ärgerlich wie Wolfgang Ruttenstorfers rechnerische Optionsverluste.

Von Martin Himmelbauer und Michael Nikbakhsh