Energie: Sturm im Ölfass

Hurrikan Katrina hat den ohnedies hohen Ölpreis zu neuen Rekorden gepeitscht. Mit einer raschen Erholung der Märkte rechnet kaum jemand.

Die Region um New Orleans gleicht einem Trümmerfeld. Hunderte, möglicherweise tausende Tote werden befürchtet, zehntausende sind obdachlos, in weiten Teilen steht immer noch meterhoch das Wasser. Eine humanitäre Katastrophe. Der Hurrikan Katrina hat aber auch enormen wirtschaftlichen Schaden angerichtet. Auf 30 Milliarden Euro werden die Folgen des Wirbelsturms derzeit taxiert. Eine vorsichtige Schätzung.

Die ökonomischen Auswirkungen reichen weit über die betroffenen Gebiete der USA hinaus. Im Golf von Mexiko liegen nahezu ein Viertel der gesamten amerikanischen Ölförderanlagen und fast die Hälfte der Raffineriekapazitäten. Seit Montag vergangener Woche stehen die Anlagen dort still. 58 Plattformen wurden losgerissen, 30 sind nach Berichten der US-Küstenwache in den Tiefen des Ozeans versunken. Bereits im Vorfeld des Hurrikans waren nicht weniger als 561 Anlagen evakuiert und der Betrieb eingestellt worden. Wann zumindest ein Teil davon wieder fördern kann, ist ungewiss.

Für Amerika bedeutet der Ausfall einen schweren Schlag, dem die Regierung nun durch einen Rückgriff auf die strategischen Ölreserven gegenzusteuern versucht. Weltweit betrachtet, machen die nun stillstehenden Pumpen nicht einmal zwei Prozent der gesamten Förderkapazität von zuletzt 3821 Millionen Tonnen pro Jahr aus. Und doch jagte der Wirbelsturm die Preise für Rohöl auf neue Rekordstände: Bis zu 70,85 Dollar kostete ein Fass (Barrel) zu 158,75 Liter der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) am Tag nach der Katastrophe, die europäische Marke Brent wurde an der Londoner Börse für bis zu 68,13 Dollar gehandelt. Beides historische Höchststände. Binnen weniger Stunden hatten die Preise beider Sorten also um jeweils über drei Dollar zugelegt.

Erdöl ist damit so teuer wie nie zuvor, bestätigt Marianne Kager, Chefvolkswirtin der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA): „Wir haben mittlerweile auch real ein Allzeit-Hoch erreicht.“ Im Klartext: Selbst unter Einrechnung der Inflationsrate sind die Preise heute höher als in Zeiten des Ölembargos 1973 oder der Golf-Kriege in den Jahren 1980, 1990 und 2003.

Keine Entspannung. Der Sturm trifft die Ölbranche zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Seit Monaten schon klettert der Preis unaufhaltsam nach oben und markierte Rekordstände en suite. Mit einer baldigen Entspannung ist nach Ansicht der meisten Experten nicht zu rechnen. „Ich würde mich nicht wundern, wenn wir 2006 einen Durchschnittspreis von 70 Dollar hätten“, sagt etwa BA-CA-Ökonomin Kager. Nach Ansicht von James Hubbard, Analyst bei der Investmentbank UBS in London, sollen die „70 Dollar längst nicht das Ende der Fahnenstange“ sein. Die Experten des Investmenthauses Goldman Sachs schließen nicht aus, dass der Ölpreis in den kommenden beiden Jahren „phasenweise auf bis zu 105 Dollar je Barrel steigen“ könnte, und eine Studie der deutschen Berenberg Bank und des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts prognostiziert langfristig sogar einen Fasspreis von 120 Dollar.

Laut UBS-Analyst Hubbard seien die hohen Preise vor allem eine Folge lange Zeit vernachlässigter Investitionen in Förderanlagen und Raffinerien: „Es wird Jahre dauern, bis Abhilfe geschaffen ist.“ Eine Behauptung, die sich durchaus mit Zahlen untermauern lässt. Die Region Nordamerika, also die USA und Kanada, verbrauchen jährlich 1027 Millionen Tonnen (6,5 Milliarden Barrel) Öl, können aber nur 939 Millionen Tonnen selbst raffinieren. Aus eigener Förderung können sie nicht einmal die Hälfte ihres Bedarfs decken (siehe Kasten Seite 41).

Das alleine würde die jüngste Preisentwicklung freilich ebenso wenig rechtfertigen wie die starken Wachstumsraten und die damit verbundene Bedarfssteigerung in Märkten wie China und Indien. Immerhin kostete ein Barrel Brent-Öl noch vor einem Jahr 43,32 Dollar, ist seither also um 50 Prozent teurer geworden. Im Spätsommer 2002 gab es das Fass sogar um 28,37 Dollar, also um weniger als die Hälfte des heutigen Kurses. „Ob jetzt der Hurrikan oder zuletzt vor ein paar Wochen der Streik von Ölarbeitern in Ecuador, der Markt reagiert einfach völlig übertrieben auf jeden noch so kleinen Impuls“, konstatiert Klára Székffy, Analystin bei der Raiffeisen Centrobank.

Hysterische Überreaktionen mit weit reichenden Folgen also. Regionale Probleme, die sich sehr schnell zum globalen Malheur auswachsen. So hatten vergangene Woche US-Händler wegen der Ausfälle am Golf von Mexiko fast panikartig den Rotterdamer Markt, wo kurzfristig verfügbare Raffinerieprodukte gehandelt werden, nahezu leer gekauft. Die daraus resultierenden Engpässe und Verteuerungen um bis zu 20 Prozent brachten wiederum die europäischen Mineralölkonzerne in die Bredouille.

Solcherart wurde das amerikanische schnell auch zum europäischen Problem. Mittlerweile wird hierzulande sogar mit negativen Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung gerechnet. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat deshalb am 1. September ihre Konjunkturprognose merklich nach unten revidiert. Demnach soll das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone im kommenden Jahr von zwei auf 1,8 Prozent sinken. Laut EZB-Präsident Jean-Claude Trichet würden „die hohen Ölpreise die Nachfrage und das Vertrauen der Verbraucher belasten“. Ein ähnliches Bild zeichnen die österreichischen Ökonomen. Kurt Kartena vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) geht bei einem anhaltend hohen Ölpreis davon aus, „dass wir beim Bruttoinlandsprodukt einen Abstrich von bis zu 0,7 Prozentpunkten machen müssen“. Nicht ganz so dramatisch sieht die Lage Bernhard Felderer, Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS). Aber auch er befürchtet, dass sich bei einem Ölpreis von 65 Dollar je Barrel „das Wachstum um maximal drei oder vier Zehntelpunkte verlangsamen“ könnte (siehe Interview, Seite 40). Angesichts der zuletzt von beiden Instituten prognostizierten Wachstumsraten von 1,8 bis 1,9 Prozent ein empfindlicher Dämpfer. BA-CA-Chefvolkswirtin Kager geht schon jetzt davon aus, dass Österreichs Wirtschaft heuer allenfalls noch um 1,5 Prozent wachsen wird.

Steigt der Ölpreis, steigen im Gefolge meist auch die Kosten anderer Energieträger. Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung (IV), ist jedenfalls wenig optimistisch: „Mit jedem 5-Dollar-Schritt, den der Ölpreis nach oben geht, schwinden die Chancen, die gesteckten Wachstumsziele zu erreichen. Leider ist derzeit auch der Euro gegenüber dem Dollar nicht mehr so stark, um diesen Effekt zu mindern.“ Vor allem die Chemieindustrie wird laut Helmenstein unter stärkerem Ertragsdruck stehen und, wie das Beispiel Deutschland zeigt, möglicherweise mit Personalabbau reagieren müssen. Ähnliches gelte für energieintensive Branchen wie die Papier- und Stahlindustrie. Zur künftigen Entwicklung des Ölpreises meint der IV-Experte: „Wenn wir einen Wert von über 80 Dollar erreichen, könnte das ähnlich schwer wiegende Folgen haben wie der zweite Ölpreisschock Anfang der achtziger Jahre.“

Konsumenten als Leidtragende. Massiv zu leiden haben naturgemäß auch Fluglinien. Austrian Airlines etwa sind nicht zuletzt aufgrund der höheren Treibstoffkosten zuletzt wieder in die roten Zahlen gerutscht. Die Hälfte der Verteuerung wird derzeit in Form von Kerosinzuschlägen auf die Passagiere abgewälzt: Bis zu 37 Euro werden seit Juli für Langstreckenflüge als Aufzahlung in Rechnung gestellt.

Die Verbraucher leiden nicht nur in der Luft, sondern auch auf dem Boden. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate sind die Preise je Liter Superbenzin um über zehn, jene für Diesel sogar um 22 Prozent gestiegen. Im Verlauf der vergangenen Woche mussten die Autofahrer abermals Erhöhungen der Spritpreise um bis zu sieben Cent in Kauf nehmen. Mittlerweile ist Treibstoff teuer wie noch nie. Unerträglich teuer, wie Elisabeth Brugger-Brandau vom ÖAMTC meint: „Das verärgert die Autofahrer. Wenn man liest, welch hohe Gewinne beispielsweise die OMV einfährt, macht das kein gutes Bild.“

Aufs Autofahren kann man mitunter noch verzichten. Nicht aber auf die Heizung. Über 900.000 der insgesamt 3,3 Millionen österreichischen Haushalte sind auf Öl angewiesen. Die Preise für den Brennstoff sind allein seit Sommer vorigen Jahres um fast 30 Prozent gestiegen. Arbeiterkammer-Energieexpertin Gunda Kirchner sieht einen teuren Winter auf die Heiz-ölabnehmer zukommen: „Wir rechnen pro Haushalt mit Mehrkosten von fast 300 Euro gegenüber dem Vorjahr.“

Ins Visier der Konsumentenschützer ist indes auch der Finanzminister geraten. Laut AK-Berechnungen habe dieser durch die steigenden Ölpreise seit Anfang 2004 steuerliche Mehreinnahmen von 300 Millionen Euro lukriert. Kirchner: „Es ist allerhöchste Zeit, davon etwas zurückzugeben.“

Von Martin Himmelbauer und Josef Redl