Ulrich Eichelmann: „Wir produzieren eine Stromschwemme“

Warum Ulrich Eichelmann von der Organisation Riverwatch Wasserkraft für unrentabel und klimaschädlich hält.

Interview: Werner Sturmberger

profil: Sie üben heftige Kritik an der Wasserkraft. Warum?
Eichelmann: Flüsse leben von ihrem ständigen Wechsel, von Hochwasser- und Niederwasser, Erosion und Sedimentation. Ein Staudamm macht aus dem dynamischen Lebensraum einen statischen, monotonen. Es verändern sich damit auch Sauerstoffgehalt und Wasserqualität. Flussabwärts der Staumauer gräbt sich der Fluss immer tiefer ein, weil Schotter und Sand zurückgehalten werden. Der Grundwasserspiegel sinkt, und die umliegenden Gebiete trocknen aus.

profil: Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen baulichen Maßnahmen und Hochwasser?
Eichelmann: Durch den Ausbau der Flüsse sind die Hochwässer deutlich gefährlicher geworden. Die Pegel sind höher und steigen rascher. 1954 brauchte eine Hochwasserwelle von Ybbs nach Wien 54 Stunden. Heute braucht die Welle für dieselbe Strecke nur noch 19 Stunden.

profil: Wie hoch ist der Ausbaugrad der österreichischen Wasserkraft?
Eichelmann: Es gibt nur wenige Flussabschnitte ohne Staudämme. Und diese letzten Reststrecken sollen nun für 60 mittlere und große Staudämme geopfert werden. Würde man alle diese Wasserkraftwerke bauen, könnte man lediglich den Stromverbrauchszuwachs von fünf Jahren ausgleichen. Danach hätten wir in Österreich dasselbe Energieproblem wie jetzt. Wir produzieren nicht zu wenig Strom, wir verbrauchen zu viel.

profil: Wie kann man diesen Bauboom erklären?
Eichelmann: Wasserkraftwerke sind vor allem durch den Klimawandel wieder salonfähig geworden. Aufgrund der finanziellen Förderungen waren sie bessere Anlageformen als Derivate. Doch das hat sich geändert. Der Preis für die erzeugte Kilowattstunde sinkt seit Jahren, eine Folge auch des massiven Ausbaus von Windenergie und Solar. Wir produzieren eine Stromschwemme. Das hat zur Folge, dass die meisten Wasserkraftwerke gar nicht mehr rentabel sind.

profil: Aber Wasserkraftwerke haben immerhin eine sehr gute CO2-Bilanz.
Eichelmann: Das ist eine Mär. Stauseen setzen Methan frei, ein sehr klimaschädliches Gas. Es entsteht, wenn Pflanzen im sauerstoffarmen Umfeld vermodern. Neuere Studien belegen, dass auch unsere Kraftwerke Methan produzieren. Insgesamt setzen die Stauseen der Welt so viel klimaschädliche Gase frei wie der gesamte Flugverkehr. Von Klimaneu-tralität kann man daher nicht sprechen.

Zur Person
Ulrich Eichelmann ist Naturschützer, arbeitete 17 Jahre lang beim WWF und leitet heute die Organisation Riverwatch, die sich national und international für den Erhalt der Flussgebiete einsetzt.