Energie: Verdammtes Tal

In der Türkei soll ein Großkraftwerk unter Führung der österreichischen VA Tech Hydro errichtet werden. Umweltschützer warnen vor der Überflutung eines der angeblich historisch und ökologisch wertvollsten Gebiete weltweit.

Mesopotamien, das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, gilt gemeinhin als Wiege der westlichen Zivilisation. Archäologen haben dort hieroglyphenartige Schriften entdeckt, die bereits 11.600 Jahre alt sein sollen. Ausgrabungen zeugen davon, dass sich im Norden bereits im neunten Jahrtausend vor Christus erste befestigte Siedlungen befunden haben. Und schon vor 5000 Jahren wurden in dem fruchtbaren Land durch künstliche Bewässerungsanlagen überdurchschnittlich gute Ernten erzielt.

Heute ist das Gebiet von politischen Grenzen durchzogen. Der südöstlichste Teil gehört zum Irak, der Südwesten zu Syrien und der Nordwesten zur Türkei. Genau hier, im türkischen Südostanatolien, unweit der Ortschaft Ilisu, soll ein riesiges Wasserkraftwerk entstehen, mit einem 135 Meter hohen Damm, der den Fluss Tigris auf einer Länge von 180 Kilometern aufstaut. Bestückt mit sieben Turbinen, die im Vollbetrieb bis zu 1200 Megawatt Strom liefern, würde die Staustufe etwa die vierfache Leistung von Kaprun, Österreichs größtem Speicherkraftwerk, erbringen.

Die türkische Regierung will bis zum Jahr 2013 insgesamt zwei Milliarden Euro in das Projekt investieren. Die sieben leistungsstarken Turbinen soll ein österreichisches Unternehmen liefern – die ehedem verstaatlichte und heute zum börsenotierten Andritz-Konzern gehörende VA Tech Hydro.

Das Projekt ist nicht nur in technischer Hinsicht eine Herausforderung. Seit geraumer Zeit werden Errichter und künftige Betreiber des Kraftwerks sowie die türkische Regierung als Auftraggeber von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen heftig kritisiert und attackiert. Unter anderem weil als Folge des Staudammbaus große Flächen des derzeit besiedelten Gebiets überflutet würden und daher tausende Menschen abgesiedelt werden müssten und die Auswirkungen auf die Umwelt ebenso gravierend wie nachteilig sein sollen. Dass sich gegen ein Projekt dieser Dimension Widerstand regt, ist nicht weiter überraschend. Dass ein österreichisches Unternehmen stellvertretend für die Energielobby in der Auslage steht, hingegen durchaus (siehe Kasten Seite 47). „Ein Ilisu-Kraftwerk in Österreich oder überhaupt in Europa wäre absolut undenkbar“, sagt Ulrich Eichelmann vom WWF Österreich in einem von profil organisierten Gespräch mit VA-Tech-Hydro-Geschäftsführer Alexander Schwab. „Wir reden hier von einem Kraftwerk, das auf einen Schlag die gesamte österreichische Donau samt der March zerstören würde.“ Schwab weist derartige Vorwürfe naturgemäß zurück und wirft den Vertretern von WWF und anderen Organisationen „Kampagnisierung“ vor.

Langwieriger Prozess. Die ersten Planungen für das Kraftwerksprojekt Ilisu erfolgten bereits vor nunmehr fast 50 Jahren. Motivation für den Bau ist der stetig steigende Energieverbrauch des Landes, der zu drei Vierteln mit Gas- und Kohlekraftwerken gedeckt wird. Der Anteil der Wasserkraft ist mit 25 Prozent vergleichsweise gering. Daher der Ilisu-Staudamm. „Das Projekt schafft beiderseitigen Nutzen“, sagt Veit Sorger, Präsident der Österreichischen Industriellenvereinigung. Es zeige „die international anerkannte Qualität österreichischen Industrie-Know-hows“ und schaffe „Entwicklungschancen in einer Region der Türkei, die diese Chancen dringend braucht“.

300 Quadratkilometer Land, also ungefähr die Fläche des Neusiedler Sees, unter Wasser zu setzen birgt freilich jede Menge Konfliktpotenzial. 2001 stand das Projekt deshalb knapp vor dem Scheitern. Wegen der nicht zu lösenden Umwelt- und Menschenrechtsprobleme, sagen die Gegner. Wegen der Frage der Wirtschaftlichkeit, entgegnen die Betreiber. Vor zwei Jahren schließlich sei ein, wie Schwab betont, sehr konstruktiver Dialog mit Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen – von WWF und Global 2000 über die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit bis hin zum Verband kurdischer StudentInnen – in Gang gekommen. Auf dessen Basis habe man die Pläne bereits deutlich verbessert. Auch die staatlichen Exportkreditversicherer, die von den beteiligten Unternehmen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zur Absicherung der Risiken beigezogen wurden, stellen Bedingungen für ihre Beteiligung an dem Projekt. Rudolf Scholten, Vorstand der Oesterreichischen Kontrollbank: „Wir haben unsere eigenen Mitarbeiter eine Woche in die Region geschickt, damit sie sich ein Bild machen können. Auf Basis dieser eigenen Wahrnehmung haben wir einen strikten Forderungskatalog erstellt, der aus unserer Sicht unter allen Umständen erfüllt werden muss.“

Ein besonders heikler Punkt ist die Absiedlung der lokalen Bevölkerung. Derzeit siedeln auf dem Areal des geplanten Stausees 54.000 Menschen, die großteils von der Landwirtschaft leben. 11.000 von ihnen werden ihren gesamten Grund und Boden verlieren, der Rest muss zumindest Teile abtreten. Neues Land beziehungsweise eine finanzielle Entschädigung ist ihnen zwar von der türkischen Regierung verbindlich zugesichert worden. Die praktische Umsetzung ist freilich nicht ganz unproblematisch.

60 Kilometer oberhalb des geplanten Staudammes befindet sich die auf ein Alter von 11.000 Jahren geschätzte Stadt Hasankeyf. Neben umweltrechtlichen Bedenken geht es bei Ilisu daher vor allem auch um die Frage, inwieweit die historischen Ausgrabungsstätten erhalten werden können. Die Kritiker arbeiten dabei mit höchst plakativen bis populistischen Bildern und behaupten, dieses Juwel der westlichen Entwicklungsgeschichte könnte bis knapp unter die Spitze eines im Zentrum stehenden Minaretts überschwemmt werden. Für die Projektbetreiber ist das nichts als absurde Kampagnisierung. „Das historische Hasankeyf selbst wird zu 80 Prozent oberhalb der Wasserlinie des künftigen Staubereichs liegen“, verspricht Hydro-Manager Schwab. Zudem würden über 70 Millionen Euro dafür verwendet, manche erhaltenswerte Bauwerke an einen neuen Platz zu setzen und andere, die an ihren derzeitigen Orten nicht vom Aufstau betroffen sind, fachmännisch zu konservieren.

Heikle Mission. Projektgegner wie Nonno Breuss, Koordinator von Eca-Watch, einer Plattform von Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen, bleiben dennoch skeptisch: „Ich will ja nicht am guten Willen der Betreiber zweifeln. Aber diese vielen gravierenden Probleme kann man nicht so einfach aus der Welt schaffen.“ Hinzu komme die heikle politische Lage in der Region. In der Geschichte hatte es zwischen den Ländern Türkei, Syrien und Irak immer wieder politische Auseinandersetzungen und militärische Drohgebärden im Zusammenhang mit Kraftwerksbauten gegeben: „Das Ilisu-Projekt könnte die ohnedies heikle Lage in der Region zusätzlich destabilisieren.“

Von Martin Himmelbauer