Energiepreis: Am Wendepunkt

Der hohe Ölpreis macht fossile Brennstoffe teuer und inspiriert die Suche nach anderen Energiequellen. Mittlerweile stehen zahlreiche Technologien zur Verfügung. Doch ab wann rechnet sich der Umstieg auf alternative Energien auch wirtschaftlich?

Die Prognosen der Internationalen Energieagen-tur (IEA) klingen ernüchternd. Selbst im Jahr 2030 müssen demnach über 80 Prozent der benötigten Energie durch fossile Energieträger gedeckt werden. Schweden will aber bis dahin dem fossilen Zeitalter längst entflohen sein. Die Ankündigung der Regierung in Stockholm, bis 2020 völlig auf Brennstoffe auf Ölbasis verzichten zu wollen, um nicht mehr vom Ölpreis abhängig zu sein, sorgte Anfang Februar für einiges Aufsehen. Ähnliche Ankündigungen hat bislang nur Island gewagt. Der Inselstaat nutzt – unter anderem dank großer geothermischer Energiereserven – mit insgesamt mehr als 70 Prozent schon jetzt den höchsten Anteil an erneuerbarer Energie.

In Österreich macht man sich zumindest Gedanken über vergleichbare Strategien. Das Symposium für Energieinnovationen der TU Graz, das Mitte Februar abgehalten wurde, trug denn auch den Titel „Die dritte Energiepreiskrise – Anforderungen an die Energieinnovationen“. Eine Patentlösung, um von Öl, Gas und Kohle loszukommen, konnte freilich nicht präsentiert werden. In Österreich liegt Öl mit einem Anteil von über 42 Prozent am gesamten Bruttoinlandsenergieverbrauch noch eindeutig vor Strom und Gas an der Spitze.

Wenn der Ölpreis steigt, werden aber auch Forschungsausgaben im Energiesektor erhöht und alternative Energien gefördert, um sie marktfähig zu machen. Und einige neue Energieformen könnten im Schatten des Ölpreises nach Jahren der Forschung schon in absehbarer Zeit wirtschaftlich konkurrenzfähig werden.

Faktorenmix. Bereits jetzt hat der aktuelle Ölpreis konkret messbare Folgen für die künftige Energienutzung. Ölheizungen werden in Österreich derzeit so gut wie nicht mehr verkauft. „Pellets, Hackschnitzel, Scheitholz, Nahwärme, Wärmepumpen und thermische Solaranlagen rechnen sich jetzt schon“, meint Gerhard Dell, Geschäftsführer des oberösterreichischen Energiesparverbandes. Diese Effekte nur dem Ölpreis zuzuschreiben wäre aber zu kurz gegriffen. Oft haben Faktoren wie unterschiedliche Besteuerungen und direkte Förderungen mehr Gewicht, die vor allem die anfangs höheren Investitionskosten für die meist in der Anschaffung noch teuren alternativen Heizsysteme ausgleichen sollen.

Selbst an der Lehre, dass der Ölpreis einen alles bestimmenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung hat, wird gerüttelt. Als der Ölpreis 1973 das erste Mal radikal stieg, löste er eine Weltwirtschaftskrise aus. Anfang 1980 stieg der reale Preis inflationsbereinigt sogar auf mehr als 80 Dollar pro Barrel (159 Liter). 2005 wurde immerhin wieder die 70-Dollar-Grenze erreicht. Die globale Wirtschaftskrise blieb diesmal aber vorerst aus.

Derzeit notiert der Rohölpreis für die Marke Brent bei etwas über 60 Dollar pro Barrel und könnte nach Meinung vieler Experten für längere Zeit auf diesem Preisniveau bleiben. Der Ölpreis gilt zwar heute noch als Auslöser für viele Entwicklungen, die bestimmende Kraft von einst hat er aber verloren. Das liegt zum Teil auch an der Gewissheit, dass das Erdöl nicht so bald ausgehen wird. „1999 lag der Preis für Rohöl noch teils unter zehn Dollar, deswegen wurde lange zu wenig in Extraktion und Produktion investiert“, sagt Wolfgang Ernst von der Strategieabteilung der OMV.

Die IEA sieht den „Peak of Oil“, den Zeitpunkt, zu dem die weltweite jährliche Fördermenge an Rohöl abnehmen wird, erst weit nach 2030. Zu diesem Zeitpunkt sollten aber Alternativen den Ölhunger deutlich reduzieren.

Reserven. Die derzeit gesicherten Erdölreserven reichen laut Schätzungen noch mindestens 40 Jahre. Aufgrund immer besserer Ausbeutungstechniken und der gestiegenen Preise, welche die Exploration vieler Lagerstätten, deren Ausbeutung derzeit kommerziell noch nicht sinnvoll ist, allmählich wirtschaftlich werden lassen, können aber noch zusätzliche Reserven angezapft werden, die den Ölsegen bis ins nächste Jahrhundert verlängern sollen. Die kritische Frage ist eher, ob nicht die CO2-Problematik früher zur Reduktion fossiler Energieträger zwingt. Deshalb will die EU nun besonders in erneuerbare Energien investieren – erst am Dienstag der Vorwoche bekräftigte die EU-Kommission auch ihre Absicht, die Abhängigkeit von fossilen Energiequellen reduzieren zu wollen. Die EU muss zugleich freilich analysieren, inwieweit Energien aus Sonne, Wind oder Biomasse schon marktfähig sind.

Zurzeit ergibt sich eine Marktfähigkeit zumindest dank entsprechender Förderungen. Berechnungen ohne Steuern und Förderungen sehen freilich ganz anders aus. Zu noch weit ungünstigeren Zahlen gelangt man, wenn auch die externen Kosten berücksichtigt werden. Dazu zählen jene Posten, die durch Umweltverschmutzung, Erderwärmung oder andere Folgen einer Technologieanwendung (etwa Todesfälle im Kohleabbau oder Kriege, die um den Zugang zu den Ölquellen geführt wurden) zustande kommen. Die externen Kosten differieren freilich je nach Energieträger: Bei Kernkraftwerken reichen sie von 0,7 bis über 20 Cent je Kilowattstunde (kWh), bei Gaskraftwerken von drei bis 18,5 Cent/kWh. (Kilowattstunde ist eine Maßeinheit für Leistung und die am meisten verwendete Einheit für Energie. Mit einer kWh kann ein Mit- tagessen für eine Familie gekocht werden oder sieben Stunden der Fernseher laufen.)

Umweltschützer beklagen schon lange, dass etwa Energie aus fossilen Quellen und Atomkraft viel zu billig sei. Gezahlt werde mit dem Marktpreis nur ein Teil der tatsächlich verursachten Kosten. Mit den CO2-Zertifikaten, die als Emissionsrechte international gehandelt werden können, wurde bei fossiler Energie das erste ordnungspolitische Element eingeführt, mit dem versucht wird, zumindest einen Faktor, die Umweltkosten, in die Rechnung einzubringen. Die Tonne CO2 wird derzeit mit rund 25 Euro gehandelt.

Aber auch nachhaltige Energien wie Windkraft verursachen mit 0,05 bis 0,7 Cent/kWh externe Kosten. Zum Vergleich: Der aktuelle Großhandelspreis für Strom schwankt derzeit zwischen 0,5 und 0,7 Cent/kWh. Der Endverbraucherpreis, der auch Netzkosten, Steuern und Zuschläge enthält, liegt bei rund 16 Cent/kWh. Die Einberechnung der Allgemeinkosten würde also auch die Kosten alternativer Energien massiv erhöhen.

„In Österreich stammen derzeit rund 21,3 Prozent der verbrauchten Energie aus erneuerbaren Quellen“, erklärt Gerhard Faninger von der Universität Klagenfurt, der als Österreichs IEA-Delegierter für erneuerbare Energien fungiert. Damit liegt Österreich deutlich über dem europäischen Durchschnitt, der bei sechs Prozent liegt. Einen höheren Anteil können nur Island (70,7), Norwegen (40,1), Schweden (24,7) und Finnland (22,1 Prozent) aufweisen. Österreich hat den hohen Anteil vor allem der Wasserkraft zu verdanken, die rund 65 Prozent des heimischen Strombedarfs abdeckt. Weltweit könnte laut IEA bis 2030 der Anteil der erneuerbaren Energien auf 16 bis 25 Prozent ansteigen. Die EU will bis 2020 den Anteil von derzeit sechs auf 20 Prozent erhöhen.

Der Wirtschaftswissenschafter Shimon Awerbuch von der britischen University of Sussex hat dazu folgende Rechnung aufgestellt: Schon die immer neuen Ölpreisrekorde in den Jahren 2000 bis 2004 hätten die Volkswirtschaften der Europäischen Union rund 400 Milliarden Dollar gekostet. Allein dieser Betrag sei höher als die Ausgaben, die nötig wären, um das EU-Ziel für erneuerbare Energien für 2020 zu erreichen.

Ökostrom. Was Förderungen bewirken können, zeigt das nun schon wieder alte Ökostromgesetz, das den Betreibern 13 Jahre lang fixe Einspeisetarife – je nach Reife der Technologie – garantierte und einen wahren Investitionsboom auslöste. „Derzeit zahlt ein durchschnittlicher Haushalt mit der Stromrechnung etwa 18 Euro pro Jahr für die Finanzierung der Ökostromsubventionen“, erklärt Christian Schönbauer, Leiter Ökoenergie der Energie-Control GmbH. „Das wird bis 2008 auf etwa 40 Euro pro Jahr steigen, wenn die vielen bereits genehmigten Projekte errichtet und damit kostenwirksam sind.“ Nun wurden mit einem neuen und umstrittenen Gesetz deutlich schärfere Kriterien angelegt und neue Förderschwerpunkte gesetzt. Eine Auswirkung: Nach dem Boom sind ab nächstem Jahr keine neuen Windparks mehr in Österreich geplant. Projekte im Ausland versprechen höhere Renditen.

Der derzeit günstigste grüne Strom, dessen Herstellungskosten weit unter dem Großhandelspreis von derzeit rund 5,25 Cent/kWh liegen, stammt aus den schon lange abgeschriebenen, einst mit Steuergeldern finanzierten großen Wasserkraftwerken. Sie gelten nun als wahre Cash Cows für die Energieversorger und werden freilich nicht gefördert.

Unter den geförderten Strom-erzeugern liegen die Kleinwasserkraftwerke schon am nächsten am Marktpreis: Der Einspeisetarif lag 2005 durchschnittlich bei 6,42 Cent/kWh. Für Windstrom lag dieser Tarif bei 7,75 Cent/kWh und für Strom aus fester Biomasse bei rund 10,43 Cent/kWh. Wirklich Sinn hat die Stromproduktion aus Biomasse aber nur, wenn zugleich auch die Abwärme genutzt werden kann (Kraft-Wärme-Kopplung). In Wien und Güssing werden dieses Jahr zwei große Biomassewerke eröffnet. Am teuersten ist eindeutig noch die Fotovoltaik mit einem Einspeisetarif von 65,84 Cent/kWh. „Bei der Fotovoltaik hofft man noch auf den Quantensprung“, so Energieexperte Faninger.

Zugleich werden in Österreich auch wieder konventionelle kalorische Kraftwerke errichtet, da der Stromverbrauch laut Daten des Wirtschaftsforschungsinstitutes bis 2050 von derzeit 65.000 auf 89.000 Gigawattstunden steigen wird. Deshalb wird massiv in Gaskraftwerke investiert, die mit dem neuen Ökostromgesetz indirekt – durch Kraft-Wärme-Kopplung – gefördert werden sollen.

„Der Vorteil von Windenergie oder auch Wasserkraft ist aber, dass der Preis, anders als bei Erdgas oder Biomasse, sicher stabil bleibt“, argumentiert Stefan Hantsch, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft IG-Windkraft. Der Gas- und Kohlebedarf werde künftig noch kräftig steigen und somit auch die Preise, da derzeit auch einige europäische Staaten wie Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie planen.

Alternative Treibstoffe. Der größte Ölverbraucher ist derzeit der Verkehr, der in Österreich rund 63 Prozent des Öls verschlingt. An umweltverträglicheren Treibstoffen wird schon lange geforscht. Noch dazu will Österreich bis Oktober 2008 den Biotreibstoffanteil auf 5,75 Prozent erhöhen. Aufgrund steuerlicher Begünstigung ist Biodiesel jetzt schon günstiger als herkömmlicher Diesel. Das gilt auch für Erdgas und bald auch Biogas. In Leoben wird in Kooperation mit der Steirischen Gas-Wärme gerade die erste öffentliche Biogas-Tankstelle in der Steiermark errichtet.

Die größte Hoffnung als Erdölersatz bieten derzeit aber synthetische Treibstoffe – und zwar vor allem solche aus Gas und langfristig aus Biomasse. Shell bietet etwa GTL (Gas to Liquid) schon in Österreich an, das insofern umweltverträglich ist, als es aus bislang kaum nutzbaren Gasquellen und abgefackeltem Gas gewonnen wird. Dass sich dieser Treibstoff bei den aktuellen Ölpreisen schon zu rechnen beginnt, belegen indirekt wohl die massiven Ausbaupläne der Ölkonzerne.

Der biogene Verwandte BTL nützt, anders als Biodiesel, die ganze Pflanze, etwa auch Holz und Fasern, zur Treibstoffproduktion. Die größte Versuchsanlage betreibt die Choren Industries GmbH in Deutschland. Als Partner fungieren Konzerne wie Shell, VW und DaimlerChrysler. Derzeit wird eine weitere „Beta-Anlage“ errichtet, die ab 2007 15.000 Tonnen Treibstoff aus 67.500 Tonnen trockener Biomasse produzieren soll.

Allerdings hat die Befürchtung stetig steigender Energiepreise auch eine sehr subjektive Komponente. Eigentlich seien die Energiepreise bislang kontinuierlich gefallen, erklärt Hans Auer, Universitätsassistent am Institut für Energiewirtschaft der TU Wien. „Bis vor einem Jahr waren die Energiepreise noch auf dem realen Niveau der sechziger Jahre, zugleich hat sich das Bruttoinlandsprodukt verdreifacht“, so Auer. „Deshalb haben die Energiepreise bislang nicht wirklich wehgetan.“

Von Alfred Bankhamer