Erfolgsfaktor Internet: Schirm-Herrschaft

Die Allgegenwart des Internets hat in nur einer Dekade das tägliche Leben radikal verändert – Arbeit, Konsum, Wirtschaft, zwischenmenschliche Kommunikation. Dennoch glauben Experten: Das Datennetz ist gerade erst der elektronischen Steinzeit entwachsen.

Im Prinzip ist es heute beinahe möglich, sein Leben zu organisieren, ohne ein Telefon zu benutzen oder einen Fuß vor die Tür zu setzen: Lebensmittel, Bekleidung und Artikel des täglichen Bedarfs können bequem über Online-Shops bestellt werden, Rechnungen lassen sich auf elektronischem Wege begleichen, sogar Freundschaften können via E-Mail gepflegt und Beziehungen ebenso angebahnt werden. Schon vor Jahren konstatierte Tim Berners-Lee, der Entwickler des World Wide Web, das Internet habe „die Art verändert, wie Menschen Geschäfte abwickeln, sich unterhalten, Ideen austauschen und miteinander in Kontakt treten“. Das Web habe „für alle Zeiten die Form des modernen Lebens verändert“.

Denkt man an die Anfänge des kommerziellen Internets zurück, wird die rasante Entwicklung dieses Mediums erst recht augenfällig. Das Erscheinungsbild des Jahres 1994: sehr textlastig, wenig Farbe, kaum Bilder. Bis sich eine Website am Bildschirm aufbaute, blieb locker Zeit zum Kaffeekochen: Rund zehn Minuten dauerte die Übertragung eines einzigen Megabyte, das heute in wenigen Sekunden durch die Leitung rutscht. Die maximale Datenrate lag bei 19,2 Kilobit pro Sekunde, heute sind 768 kbit/s der Standard.

Doch schon damals hatte das Internet eine lange Geschichte hinter sich: In den sechziger Jahren begann in den USA die Forschung an einem Kommunikationsnetzwerk für militärische Zwecke. 1969 wurde mit dem „Arpanet“, das die Großrechner von vier amerikanischen Universitäten verband, die Grundlage für das heutige Internet geschaffen. In Österreich ging es 1985 los, als der Computerkonzern IBM der Universität Linz ein Rechnersystem als Netzknoten zur Anbindung an das European Academic and Research Network (EARN) überließ. EARN bildete damals mit mehreren hundert Forschungsstätten das weltweit größte wissenschaftliche Datennetz. 1990 erhielt die Universität Wien eine Datenleitung zum Kernforschungszentrum CERN in Genf und war damit als erster österreichischer Knoten ans weltweite Netz angeschlossen. 1994 starteten schließlich die ersten kommerziellen Provider (siehe auch Geschichte „Die Web-Bereiter“ ab Seite 16).

Dass das World Wide Web eines Tages derart omnipräsent sein würde, wagte sich freilich kaum jemand auszumalen. Heute sind Internet und E-Mail bei den unter 40-Jährigen völlig selbstverständliche Medien zur Information und Kommunikation – mit durchaus weit reichenden Folgen für die Gesellschaft, wie Konrad Plankensteiner, Vorstandssprecher des Tourismusunternehmens Tiscover, konstatiert. „Das Internet hat eine Art Demokratisierung der Meinungsäußerung bewirkt“, so Plankensteiner. „Gruppen können sich blitzschnell bilden. Das betrifft alle Lebensbereiche, sei es Politik, Wirtschaft oder Kultur.“ Zugleich entstünden einst ungeahnte Abhängigkeiten: „Wenn Google für 15 Minuten ausfällt, ist das ein Riesenthema“, sagt Plankensteiner.

Freiwillig abhängig. Die Zahl derer, die sich freiwillig in solche Abhängigkeiten begeben, wächst dabei kontinuierlich: Mehr als 4,4 Millionen Österreicher ab 14 Jahren haben laut „Austrian Internet Monitor“ gegenwärtig Zugang zum Internet, was 66 Prozent der Bevölkerung entspricht. Rund vier Millionen Menschen nutzen das Internet aktiv, wobei die Gruppe der Intensivnutzer stark gewachsen ist: Mehr als jeder zweite Österreicher über 14 Jahre verwendet das Web mehrmals pro Woche. Insgesamt verbringen die regelmäßigen Anwender 8,3 Stunden pro Woche im Netz, womit die Nutzungsdauer innerhalb eines Jahres um zirka eine Dreiviertelstunde gestiegen ist. Zudem scheint zielloses Surfen passé zu sein. Nur noch jeder fünfte Anwender bewegt sich über den Datenhighway, ohne ein konkretes Ziel anzusteuern.

Dementsprechend gewinnen Suchmaschinen an Bedeutung. Bereits 70 Prozent derjenigen, die dem Web Informationen entlocken wollen, greifen nach eigenen Angaben „sehr häufig“ auf Sites wie Google zu. Auch Internetbanking genießt zunehmende Akzeptanz. Seit Ende 2003 ist dieses Segment um rund 200.000 Nutzer gewachsen. Zwei Millionen Österreicher wickeln ihre Bankgeschäfte derzeit regelmäßig über Online-Konten ab.

Auch Online-Einkäufe werden mittlerweile gerne getätigt. 56 Prozent der Österreicher geben an, zumindest einmal etwas im Internet bestellt zu haben. Die am häufigsten georderten Waren sind Bücher, gefolgt von Kleidung und Sportartikeln. Einer neuen Erhebung der Bewertungsplattform e-rating.at zufolge erreichte der Online-Handel in Österreich im Vorjahr einen Anteil von 3,4 Prozent am vergleichbaren Einzelhandelsumsatz, nämlich jenen Transaktionen, bei denen die Waren geliefert werden. Ein Geschäftsfeld, in dem zuletzt insgesamt annähernd 1,5 Milliarden Euro umgesetzt wurden. Europaweit wurden 2004 laut e-rating 103 Milliarden Euro mit Endkundengeschäften im Online-Sektor erwirtschaftet.

Parallelwelt. Deutlich intensiver untersucht werden freilich die Online-Aktivitäten in den USA. Die jüngsten Ergebnisse des „Pew Internet and American Life Project“, das auch die bevorzugten Gewohnheiten der Internetnutzer erhebt, erwecken den Eindruck einer regelrechten virtuellen Parallelwelt, in welcher die Menschen zunehmend ihr reales Leben organisieren: 84 Prozent beziehen Straßenkarten oder Reiserouten aus dem Web, 73 Prozent allgemeine Reiseinformationen, 62 Prozent buchen den Urlaub gleich online. 66 Prozent der befragten Amerikaner suchen nach medizinischen Fakten, 24 Prozent speziell zum Thema Diäten und Fitness. Auch bei behördlichen Anfragen und selbst bei der Planung der Ausbildung kommt das Internet zum Einsatz: 57 Prozent suchen nach Trainingsprogrammen, 45 Prozent nach Schul- oder Bildungsmöglichkeiten für den Nachwuchs. Praktisch kein Bereich des gesellschaftlichen Lebens, der seine Entsprechung nicht auch im Web fände: 30 Prozent der Amerikaner hoffen dort auf Antwort auf religiöse oder spirituelle Fragen, 24 Prozent betreiben virtuelle Ahnenforschung, elf Prozent überweisen Spendengelder, und 15 Prozent frequentieren, wie in der Studie vornehm ausgedrückt wird, „Websites für Erwachsene“.

Neue Kontakte. Absoluter Favorit unter allen Online-Angeboten ist aber die Kommunikation über E-Mail: Bereits 87 Prozent der User pflegen in Österreich ihre Kontakte über den elektronischen Briefkasten. Derart habe sich die Verständigung der Menschen nachhaltig gewandelt, befindet Florens Eblinger, Geschäftsführer des Online-Stellenmarktes Jobfinder.at. „Die Kommunikation hat sich geändert“, meint Eblinger. „Termine können auf den letzten Drücker ausgemacht werden.“

Franz Karner, Geschäftsführer des Web-Auktionshauses OneTwoSold, berichtet, er habe etwa einen Weinhändler via E-Mail kennen gelernt, den er nun auch privat treffe. „Das Internet trägt zur Kommunikation bei“, glaubt Karner. „Wie oft sprechen Sie auf der Straße jemanden an? Im Internet fällt diese Hemmschwelle weg.“ Und Alexander Ertler, Mitgründer der Immobilienplattform Immobilien.net, konstatiert, dass die elektronische Kommunikation „schnellere Reaktionszeiten verlangt. Das kann belastend sein, ist aber auch sehr interessant.“ Ertler hat mit seinem Bruder Markus mit Immobilien.net 1994 die erste anbieterunabhängige elektronische Börse zur Immobiliensuche im deutschsprachigen Raum ins Netz gestellt. „Begonnen haben wir in einem Kabinett zur Untermiete, mit rund 10.000 Euro Startkapital“, berichtet Ertler.

Seit 2000 ist das Unternehmen in der Gewinnzone und verfügt heute nach eigenen Angaben über 850 Kunden sowie einen Marktanteil von 60 Prozent. Pro Monat werden mehr als zehn Millionen Page Impressions (Seitenzugriffe) verzeichnet, Immobilien.net beschäftigt 40 Mitarbeiter und erzielte im abgelaufenen Jahr ein Umsatzwachstum von 20 Prozent.

Frühstarter. Auch die Tiscover AG zählt zu den Pionieren im heimischen Online-Business – und zu jenen Unternehmen, deren Geschäftsmodell nicht nach dem Zusammenbruch der New Economy vom Markt gespült wurde. Tiscover hat eine Datenbank geschaffen, die jährlich 330 Millionen Seitenzugriffe verzeichnet. 1995 ans Netz gegangen, bietet Tiscover seither ein spezielles Werkzeug für die Fremdenverkehrsbranche: Tourismustreibende können ihre Angebote selbst ins Tiscover-Netz einspeisen, Kunden, die nach Reisezielen suchen, können die Infos via Web abrufen.

Derart lässt sich nach Parametern wie Regionen, Orten, Hotelkategorien oder speziellen Angeboten stöbern. Ist die gewünschte Destination gefunden, kann per Mausklick gleich gebucht werden. Zusatzfunktionen sollen den Komfort erhöhen – etwa Routenplaner, Wetterberichte und Angaben zu örtlichen Sehenswürdigkeiten.

875.000 Buchungen beziehungsweise Reservierungsanfragen wurden 2004 über Tiscover getätigt. Neben den Angeboten für Österreich, Deutschland und die Schweiz betreibt Tiscover inzwischen Länderportale in Italien, Großbritannien und – seit dem Vorjahr – auch in Südafrika.

Naturgemäß sind innovative Unternehmer mit funktionablen Produkten erheblich daran beteiligt, dass die Konsumenten vermehrt bereit sind, Online-Angebote zu nutzen. Und nicht selten fühlten sich traditionelle Branchen derart von der Online-Konkurrenz bedroht, dass jahrelange Gerichtsfehden die Folge waren – etwa im Bereich der Online-Musik. Heute ist der Musikkauf per Internet nicht bloß juristisch abgesichert, sondern eines der am raschesten wachsenden Segmente im E-Commerce: Gut ein Viertel der Österreicher gab bei der Austrian-Internet-Monitor-Befragung an, in den vier Wochen vor der Erhebung Musik, Bilder, Videos oder Software aus dem Web geladen zu haben.

„Der wesentliche Faktor ist eben, dass man durch das Internet viel schneller und einfacher an Informationen und Waren gelangt“, konstatiert Jobfinder-Chef Eblinger. Auch die Suche nach Arbeitsplätzen sei neuen Usancen unterworfen: Unternehmen gehen in elektronischen Jobbörsen auf Mitarbeitersuche, Arbeitnehmer machen mit Online-Stellengesuchen Personalchefs auf sich aufmerksam. „60 bis 70 Prozent der Stellenanzeigen finden sich allerdings nach wie vor in Printmedien“, berichtet Eblinger, „das heißt, es gibt für uns noch enorme Wachstumschancen.“

Stellenmarkt. Als Eblinger gemeinsam mit seinem Partner Jörg Buß 1998 das Unternehmen Jobfinder.at gründete, mussten sich die beiden unter zahlreichen Mitbewerbern behaupten. Mittlerweile zählt das Unternehmen zu den zwei großen verbliebenen österreichischen Anbietern. Begonnen hat das Duo mit drei Mitarbeitern, und das erste Produkt, Jobnews.at, bot Personalberatern ein Online-Recruiting-Tool, das auf den österreichischen Markt abgestimmt war. 2000 wurde das Portfolio um die Applikation Jobfinder.at erweitert, das heute mit 4,5 Millionen Page Impressions pro Monat das größte Medium des Hauses ist. 2001 wurde die ÖH-Jobbörse übernommen und 2002 mit career.at ein weiteres Produkt präsentiert, das zum Medium für Manager werden soll.

Freilich verlangt das Internet von den Unternehmen auch Adaptionen gewohnter Abläufe – etwa höheres Tempo. Franz Karner, Geschäftsführer des im Februar 2000 gegründeten Online-Auktionshauses OneTwoSold, postuliert, Anfragen „in längstens vier Stunden zu beantworten“. Bei OneTwoSold kamen bereits alle erdenklichen Waren unter den virtuellen Hammer – vom Computer über Autos bis zu eher skurrilen Offerten: Kürzlich wurde beispielsweise der Amadeus-Award der Wiener Band Café Drechsler versteigert, um derart die Produktionskosten ihres aktuellen Albums abzudecken. Heute zählt OneTwoSold 330.000 registrierte Kunden, und 2004 wurde ein Transaktionsumsatz von rund 72 Millionen Euro erzielt.

Sicherheitslücken. Naturgemäß bergen neue technische Möglichkeiten auch allerlei Schattenseiten – gerade im Bereich des Online-Handels. Abgesehen von Betrugsversuchen, die besonders im Zusammenhang mit Auktionen immer wieder registriert wurden, hapert es in Österreich offenbar vielfach noch mit der erwünschten Sicherheit. So bieten der jüngsten Erhebung von e-rating zufolge bloß 44,5 Prozent der Internetshops ausreichend verschlüsselte Datenübertragung an, international seien es bereits 70 Prozent. Und ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Shopbetreiber ist seiner Aufgabe scheinbar schlicht nicht gewachsen: Seit 2002 verschwanden rund 45 Prozent der von e-rating analysierten Shops wieder vom Markt. Die Hauptgründe: mangelhafte Bestellabwicklung, ungeeignetes Angebot, fehlender Bekanntheitsgrad.

Geht es nach den Internetnutzern, werden sich die Entwickler von Online-Angeboten künftig noch mehr anstrengen müssen. Laut einer Studie des Klagenfurter Humaninstituts wünschen sich die Konsumenten eine grundsätzliche Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit. 73 Prozent sehen in einer selbsterklärenden Navigation die dringlichste Modifikation.

Doch verglichen mit anderen technologischen Innovationen, steckt das Internet noch in den Kinderschuhen, und der Gipfel der Entwicklung ist längst nicht erreicht. Oder, wie Konrad Plankensteiner meint: „In den Anfängen des Internets befanden wir uns in der Steinzeit, jetzt sind wir in der Bronzezeit, und bis wir in die Neuzeit kommen, wird es noch eine Weile dauern.“

Von Christina Hiptmayr