Erfolgsfaktor Motivation

Zeitgemäße Aufklärung über eine humane Erfindung.

„Motivieren Sie schon?“
Titel der ersten Management-Story des Schwestermagazins „trend“, Februar 1970

Ernest Dichter war einer von vielen Österreichern, die erst im Ausland Luft kriegten und der Heimat größte Ehre einlegten. Wie Joseph Schumpeter, Peter Drucker und Friedrich von Hayek zeigte er den Amerikanern ein anderes Österreich: jenes, das seine Kreativität nicht in Musik, Tanz und Larmoyanz erschöpft, sondern – beinah diametral entgegengesetzt – ein verblüffendes Talent für Fragen der Nationalökonomie, Geldtheorie, Wirtschaftspolitik und Menschenführung zeigt.

Peter Drucker gilt vielen Amerikanern als größter ganzheitlicher Managementdenker. Schumpeter, der daheim ein mittelmäßiger Finanzminister war und eine Bank in den Bankrott riss, wurde in Harvard berühmt für seinen Begriff der „schöpferischen Zerstörung“. Friedrich von Hayek wurde als liberaler Wirtschaftsdenker besungen, ehe Reaganomics und Thatcherism zeigten, dass eine totale Entfesselung der Unternehmer nicht das Gelbe vom Ei ist. Auch Ernest Dichter blieb es nicht erspart, nach langen Jahren ausnahmsloser Verehrung in die Kritik zu kommen.

Dichter erfand den Erfolgsfaktor Motivation, den er fortan unendlich vertiefte. Bald wurde er „Motivationspapst“ genannt. Er hat dies erfolglos abgewehrt. Es roch ihm zu sehr nach autoritärer Dogmenverkündung, was ihm fremd war. Auch störte ihn das Stigma der Unfehlbarkeit. Doch wen Menschen bewundern wollen, den bewundern sie ganz und gar. Nicht nur für Pop-Stars gilt die Prozessreihe Applaus, Bewunderung, hysterische Anbetung, dann die zwingende Erlösung durch Sockelsturz und Enthauptung.

Dichter hat, wenn ich nicht irre, die moderne Kritik am Motivationsgedanken nicht mehr erlebt. Umso inniger durfte er den wilden Applaus der Anfangsjahre genießen, der durchaus begründet war.

Wir begeben uns zurück in die auslaufenden sechziger Jahre. 20 Nachkriegsjahre lang hatten die Mächtigen in Politik und Wirtschaft all das, was sie im Krieg gelernt hatten, auf den Frieden übertragen. Alle Strukturen waren militärisch. Die Hierarchien waren steil. Die Tonlage war grob, autoritär, absolutistisch. Die Arbeiter- und Studentenrevolution 1968 räumte damit auf. Sie war keineswegs ein „romantischer Fehlschlag“, wie irregeleitete Zyniker schrieben. Sie war eine Erfolgsstory. Vielleicht weniger in der Politik, wo Hoffart und steile Hierarchien nicht ausgestorben sind und die enttäuschend schlappen Jungpolitiker aller Parteien sich nicht auflehnen gegen die lächerliche Rolle, die ihnen die Alten zubilligen. Dennoch: Der gottähnliche Führungsstil eines de Gaulle, gegen den die Revolution unter anderem gerichtet war, ist selten geworden.

Der wichtigste Erfolg der 68er-Revolte zeigte sich überraschend in der kühlen Welt der Wirtschaft. Praktisch über Nacht bewegte sich dort vieles vom Finsteren ins Helle. Zwei wichtige Indizien belegen dies. Das eine Indiz hat mit Sprache, das andere mit Verhalten zu tun.

Unglaublich, aber wahr: Erst 1970 wurde das Wort „Mitarbeiter“ erfunden. Bis dahin gab es das Wort „Arbeitnehmer“, das heute nur noch von betagten Gewerkschaftern verwendet wird, die das Abwertende dieses Begriffs nie durchschauten: Warum einer, der seine Arbeit gibt, Arbeitnehmer und einer, der die Arbeit nimmt, Arbeitgeber genannt wurde (und wird), ist keine Frage für Germanisten, sondern ein moralisches Kapitel, Abteilung intelligente Schweinerei. Die Sprache bewegt die Seele. Daher war das unscheinbare Wort „Mitarbeiter“ so wichtig.

Beim zweiten Indiz eines Humanitätsschubes kommt Ernest Dichter ins Spiel. Er und seine Adepten ersetzten das preußische Edelstahl-Prinzip „anschaffen und gehorchen“ durch den weichen Erfolgsfaktor Motivation. Er wurde zu einem Hit. Vor allem in Verbindung mit weiteren weichen Faktoren wie Teamwork, Transparenz, Respekt – ehe man mit der üblichen Tendenz zur Übertreibung bei „Management by Love“ landete.

Heutige Motivationskritik, die in durchaus unterschiedlichen Ausprägungen etwa von Reinhard K. Sprenger und Fredmund Malik geübt wird, ist nicht unverständlich.

Es hat ja etwas von einem Kindergarten, wenn man als UnternehmerIn von seinen Mitarbeitern immer nur dann Leistung kriegt, wenn man sie richtig windelt. Die Bemühungen gehen heute eher in Richtung besserer Personalauswahl, zu selbstmotivierten Mitarbeitern. Das ganzseitige Inserat eines Hotels in der „New York Times“ leistete in diesem Punkt Pionierarbeit – es lautete: „Wir trainieren unsere Leute nicht auf Freundlichkeit. Wir stellen freundliche Menschen ein.“

Das meiste freilich, das Ernest Dichter erdachte, blieb gut und würde viele KMUs (Klein- und Mittelunternehmen) auch heute weiterbringen. Mr. Dichter, der mir einst die Ehre erwies, in Wien sein Moderator zu sein, schätzte einen prominenten Österreicher als persönlichen Freund und „perfekten Kenner der Motivations-Materie“: Gerd Prechtl, einst erster Sprecher und Sprachtrainer des ORF, später gleichermaßen erfolgreich als Unternehmensberater. Prechtl-Daten für Interessenten: www.bartberg.at. Ich glaube allerdings zu wissen, dass Prechtl nur noch durch interessante Projekte motivierbar ist.

Durchs persönliche Kennenlernen von Ernest Dichter erkannte ich, dass der für Egoisten interessanteste Aspekt seiner Arbeit eigentlich die Selbstmotivation ist. Mehr darüber in einer späteren Kolumne mit dem Titel „Ich liebe mich“.