Ernährung

„Foodamentalismus“ oder Wie heilig macht gesundes Essen?

„Für mich die Sojasprossenterrine, aber nur wenn sie aus biologischem Anbau ist. Und kein Dressing auf den Brunnenkressesalat, nur zwei, drei Spritzer von der unbehandelten Zitrone! Sind die Cracker glutenfrei?“ Restaurantbestellungen dieser Art sind nicht mehr nur die Kopfgeburt eines um satirische Entlarvung bemühten Trend-Parodisten, sondern Symptom eines neuen Lifestyle-Zwangsverhaltens, das Orthorexie genannt wird. Der Begriff bezeichnet eine krankhafte Beschäftigung mit Nahrung und ihrer Qualität. Obsessive Gesundesser analysieren jedes Lebensmittel bis in die kleinsten Bestandteile.

Der US-Alternativmediziner Steven Bratman, vormals Koch und Ökolandwirt, untersuchte das Phänomen in seinem Buch „Health Food Junkie“ und ortete einen tiefenpsychologischen Ursprung: „Übertriebene Achtsamkeit auf Gesundes vermittelt den Menschen die Illusion von Heiligkeit und Erhabenheit.“ Bratmans Beschäftigung mit dem Phänomen war Teil seiner Selbstheilung: „Ich hatte kein Leben mehr, sondern nur noch einen Speiseplan. Ich war ein Möhrchen-Freak.“

In Hollywood wird die Kultivierung der Orthorexie bereits delegiert. Stars wie Demi Moore und Sharon Stone verzehren keine Rohkostplatte mehr, ohne von ihrem persönlichen „nutrition consultant“ dafür grünes Licht bekommen zu haben.

In Österreich existiert noch keine statistische Erhebung zur Orthorexie, doch die wissenschaftliche Forschung hat bereits eingesetzt. „Charakteristisch für Orthorexie ist, dass der gesundheitliche Wert der Speisen das Essvergnügen dominiert. Gleichzeitig verbietet dieser ,Foodamentalismus‘ seinen Anhängern den Genuss“, konstatiert Ingrid Kiefer vom Wiener Institut für Sozialmedizin. Gesundheitlich könne das pathologische Ernährungsbewusstsein, so der Psychiater Christoph Silberbauer, Mangelerscheinungen nach sich ziehen, doch die wahre Gefahr liege „in der Zwanghaftigkeit“.

Kaum ein Thema wird in der Populärwissenschaft so intensiv diskutiert wie richtige Ernährung; ganze Regalreihen von Essratgebern füllen die Sachbuchabteilungen der Buchläden.

Udo Pollmer, wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften in München, verdammt diese Industrie als puren „Hokuspokus“. Der Autor des Bestsellers „Prost Mahlzeit – Krank durch gesunde Ernährung“ erklärt gegenüber profil: „Jeder Mensch besitzt einen anderen Stoffwechsel. Es ist falsch, bei der Ernährung, die in hohem Ausmaß von individuellen Bedürfnissen bestimmt ist, Normen für die Welt zu schaffen. Die Angst, das Falsche zu essen oder Esssünden zu begehen, ist der Gesundheit abträglicher als eine durchzechte Nacht. Nicht der Alkohol oder bestimmte Lebensmittel, sondern die Angst fördert eine Stoffwechselstörung.“

Pollmer, der in seinem nächsten Buch „Esst endlich normal!“ (erscheint im Oktober bei Piper) zu einem angstfreien Umgang mit dem Essen aufruft, geht von der Grundformel „Nur was bekömmlich ist, kann auch gesund sein“ aus. Deshalb können nach Pollmer Rohkostteller und Weizenvollkornmehl nicht gesund sein: „Auch wenn die gute Fee von der Ernährungsberatung uns das verklickern will. Denn der Appetit auf etwas ist kein heimtückischer Verführer, sondern ein freundlicher Hinweis des Körpers.“

Obwohl die Österreicher im ersten Quartal 2005 65 Millionen Euro für Bioprodukte ausgegeben haben (zehn Millionen Euro mehr als im Vergleichszeitraum 2004) und laut Landwirtschaftsministerium 92 Millionen Euro in Light-Produkte investierten, sind nach einer Studie des Wiener Ernährungsexperten Kurt Widhalm 20 Prozent aller Kinder als übergewichtig einzustufen.

Kein Wunder: Die beruhigende Aura der Light-Produkte ist trügerisch. Zwar hat, zumindest in den USA, die Fettzufuhr drastisch abgenommen, dennoch werden die Amerikaner immer dicker, weil die Kalorienzufuhr der „Low fat“-Produkte unterschätzt wird. Die Diätfalle schnappt dann zu, wenn man denkt, von den fettreduzierten Produkten mehr essen zu dürfen als von herkömmlichen Nahrungsmitteln.

Inzwischen wurde Fett, jahrelang als der Figurkiller schlechthin stigmatisiert, von Ernährungsexperten rehabilitiert. „Als den US-Profis dämmerte, dass ihre ,Low fat‘-Kampagne die Voraussetzung für Diabetes und Übergewicht bot, setzte der nächste Unfug ein, das Kohlehydrate-Bashing“, sagt Ernährungsexperte Pollmer.

Ernährungsphysiologisch tatsächlich höchst problematisch. Schließlich müsse man, so der Göttinger Universitätsprofessor Volker Pudel, „schon riesige Mengen von Kohlehydraten wie drei Kilo Kartoffeln und einen halben Kilo Zucker zu sich nehmen, damit die Umwandlung in Fett überhaupt einsetzen kann“.

Fakten
1. Weil jeder Mensch einen individuellen Stoffwechsel hat, sollte in Ernährungsfragen vor allem dem eigenen Appetit vertraut werden.
2. Orthorexie, die obsessive Beschäftigung mit gesundem Essen, wird für immer mehr Menschen zu einem massiven Problem.
3. Light-Produkte verleiten zu ungehemmtem Essen und führen direkt in die Diätfalle.
4. „Low carb“-Diäten sind, ernährungsphysiologisch betrachtet, Schwachsinn.