Ernährung: Alles im Öl

Wissenschafter fanden Hinweise darauf, dass Olivenöl offenbar nicht nur den Cholesterinspiegel und damit das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung senkt, sondern auch das Krebsrisiko vermindern kann.

Die Zeit scheint stillzustehen unter der Sonne Kretas. Kleine weiße Häuschen schmiegen sich seit Jahrhunderten in die weite Landschaft, uralte knorrige Olivenbäume strecken ihre Äste in die zikadensummende Sommerluft, und bärtige Greise ruhen im Schatten bei einem Glas Rotwein und einer Schale Oliven. So zumindest erlebt manch eiliger Tourist diese Inselwelt.

Laut einer EU-Studie haben die Bewohner Kretas trotz üppiger Kost die höchste Lebenserwartung aller EU-Bürger. Gleichzeitig treten auf der Insel die wenigsten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebsfälle und Probleme mit Übergewicht auf. Schon in den fünfziger Jahren fand der Ernäh-rungswissenschafter und „Mister Cholesterol“ Ancel Keys erstmals den Zusammenhang zwischen mediterraner Kost und hoher Lebenserwartung. Bei ihm selbst jedenfalls schien die von ihm propagierte Ernährung zu wirken – er starb im vergangenen November im Alter von 100 Jahren.

Fisch, Olivenöl, Knoblauch und viel Gemüse, mäßig Wein und eine fleischarme, ballaststoffreiche Ernährung, und vermutlich auch entspanntere Lebensmentalität, tragen offenbar zum langen Leben der Südländer bei. Die gesundheitliche Wirkung der Mittelmeer-Diät ist unbestritten. Eine Studie französischer Wissenschafter an 600 Patienten nach dem ersten Herzanfall zeigte, dass bei Umstieg auf mediterrane Kost die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Herzanfalls um 50 bis 70 Prozent sank. Wie das „British Medical Journal“ kürzlich berichtete, ergab auch die jahrelang laufende so genannte EPIC-Studie (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) an 74.600 mindestens 60 Jahre alten, gesunden europäischen Männern, dass die Mortalitätsrate bei mediterraner Ernährung um 40 Prozent niedriger ist als mit anderer Speisenzusammenstellung.

Welcher Aspekt der mediterranen Ernährung wirkt nun aber lebensverlängernd? Ist es, wie oft vermutet, hauptsächlich das Olivenöl? „Wahrscheinlich wirken viele Komponenten gemeinsam“, meint Kurt Widhalm, Stoffwechselexperte am Wiener AKH und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin. „Es ist äußerst schwierig, bei ernährungsmedizinischen Versuchen die Wirkungen einzelner Nahrungsbestandteile herauszuarbeiten, da ja meist nicht nur ein einzelner Aspekt der Ernährung verändert wird.“

Risikofaktoren. Fest steht, dass die Art der aufgenommenen Fette zwei Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten substanziell beeinflussen kann. Einfach ungesättigte Fettsäuren, wie sie etwa in Olivenöl vorkommen, sowie so genannte Omega-6-Fettsäuren können die Konzentration des „schlechten“ LDL-Cholesterins im Blut senken, während Omega-3-Fettsäuren (zum Beispiel aus fettem Fisch) den Spiegel der Triglyceride (Blutfette) im Blut verringern. Beides fördert die Gesundheit. Dagegen gelten gesättigte Fettsäuren, wie sie vor allem in vielen tierischen Fetten dominieren, als wenig gesund, da sie den LDL-Cholesterin-Spiegel im Blut erhöhen. „Gesättigtes Fett sollte maximal zehn Prozent der Gesamtenergiezufuhr ausmachen“, empfiehlt Widhalm.

Neben der unbestrittenen positiven Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System gab es wiederholt die Behauptung, Olivenöl könne auch die Krebsentstehung hemmen. Unklar war jedoch, ob diese vermutete Wirkung von den Fettsäuren stamme oder aber von den vielen sekundären Inhaltsstoffen. Die im Öl enthaltene Substanz Oleuropein beispielsweise wirkt antioxidativ, gefäßerweiternd, krampflösend und soll bei Bluthochdruck helfen, meint Katrin Raschke vom Deutschen Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik. Deshalb sei das kaltgepresste Olivenöl besonders gesund, da beim industriell verarbeiteten Öl viele Begleitstoffe verloren gehen. Auch die Mixtur aus Flavonoiden (Pflanzenfarbstoffen) wie Luteolin und Apigenin könnte stoffwechselwirksam sein.

Deren antioxidative Wirkung, also die Beseitigung von hochreaktiven freien Radikalsubstanzen im Körper, könnte möglicherweise für die vermutete gegen Krebs schützende Wirkung verantwortlich sein. Denn freie Radikale beschleunigen die Zellalterung, können zu Genmutationen und in der Folge zur Entartung der Zelle führen. Bereits im Jahr 2000 fand ein EU-Forschungsprojekt an Zellkulturen und Tieren erste Hinweise darauf, dass nicht nur diverse sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe die Krebsentstehung hemmende Eigenschaften besitzen könnten, sondern auch eine Fettsäure – die konjugierte Linolsäure, eine Zwischenform der Fettsäuren Linolsäure und Ölsäure.

Krebsgen-Hemmer. Im vergangenen März publizierte nun ein US-Wissenschafterteam um Javier Menendez und Ruth Lupu von der Northwestern University in Chicago im Fachblatt „Annals of Oncology“ eine Studie, bei der die Forscher erstmals eine unmittelbare Hemmung eines Krebsgens durch Ölsäure gefunden haben wollen. Ölsäure, eine ungesättigte Fettsäure, ist Hauptbestandteil von Olivenöl (76 Prozent) und Rapsöl (60 Prozent).

Bei Laboruntersuchungen an Zellkulturen zeigte sich, dass Ölsäure die Aktivität eines brustkrebserregenden Gens in den Zellen verminderte. Es kommt dabei zu einer reduzierten Informationsablesung des Gens Her2/neu. Gleichzeitig wird die das Krebszellenwachstum hemmende Wirkung der Antikörpersubstanz Trastuzumab massiv verstärkt. Trastuzumab wird zur Therapie dieser Krebsform eingesetzt. Im speziellen Fall dieser Brustkrebsvariante zeigte sich, dass die Aktivität des Brustkrebsgens bei der Einwirkung von Ölsäure um erstaunliche 46 Prozent sank, fast so stark wie durch die Antikörpersubstanz Trastuzumab (48 Prozent Reduktion). Es kam überraschenderweise auch zu einer Synergiewirkung, welche zu einer 70-prozentigen Verringerung der Genaktivität führte. Auch mehrere andere Mechanismen der Entstehung dieser speziellen Krebsform, wie etwa die Resistenzbildung gegen den Antikörper, wurden durch die gemeinsame Einwirkung von Ölsäure und Antikörper stark gehemmt.

„Die hier genannte, durch die Überaktivität des Gens Her2/neu definierte Brustkrebsvariante umfasst etwa 20 Prozent aller Mamma-Karzinome und gilt als besonders aggressiv“, erklärt Michael Krainer, Programmdirektor für Klinische Studien über Gynäkologische Tumore an der Universitätsklinik für Innere Medizin I am Wiener AKH. Seit einigen Jahren steht mit Herceptin auch in Österreich ein für diese Patientinnen maßgeschneidertes Medikament in fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung zur Verfügung. In derzeit am AKH laufenden Studien versuchen die Forscher Herceptin auch früher und bei anderen Krebserkrankungen einzusetzen. „Die publizierten Daten der unterstützenden Wirkung von Ölsäure sind so ungewöhnlich, dass ich vorerst noch skeptisch sein muss“, sagt Krainer. „Die beschriebenen, sehr einfachen Experimente wurden nur an Zellkulturen durchgeführt, und es muss geklärt werden, ob die beobachtete Wirkung auch in komplexeren Tumormodellen und letztendlich im Patienten nachweisbar ist. Hier ist noch viel Forschung nötig, bevor man Genaueres weiß.“

Die Publikation erklärt im Resümee, dass Ölsäure das maligne Verhalten von Brustkrebszellen beeinflussen kann. „Wichtig ist in diesem Zusammenhang“, betont Krainer, „dass sich die behauptete Wirkung zunächst nur auf diese spezielle Brustkrebsart bezieht. Und dass zwar von einer positiven Wirkung einer Ernährung mit Olivenöl gesprochen wird, aber jedenfalls nicht von einer ‚Wunderdroge‘ Olivenöl gegen Krebs.“

Kalorienbombe. Trotz der verschiedenen gesundheitlichen Wirkungen des Olivenöls hält die Ernährungsmedizinerin Raschke nichts davon, täglich einen Esslöffel davon pur zu trinken, wie manchmal empfohlen wird: „Fett ist eine Kalorienbombe, der Fettkonsum sollte hingegen insgesamt möglichst reduziert werden.“ Außerdem belegen Studien, dass eine alleinige Änderung der Art der Fettzufuhr nicht ausreicht, um das Risiko für Herzkrankheiten substanziell zu senken. So hat naturgemäß vor allem auch der Lebensstil – Nichtrauchen, Sport und Vermeidung von Übergewicht – maßgeblichen Einfluss. Bei jenen Personen, die nur mäßig Fett konsumieren und nicht übergewichtig sind, konnte eine geringere Aufnahme von gesättigten und vermehrter Konsum von ungesättigten Fetten die Blutfettwerte verbessern. Empfohlen wird, neben der Verwendung von Olivenöl, regelmäßiger Verzehr von Fisch, der mehrfach ungesättigte Fettsäuren enthält, geringen Mengen Magerfleisch, fettarmen Milchprodukten, Vollkorngetreide und einer großen Vielfalt aus frischem Obst und Gemüse.

Geänderte Kost. In Mitteleuropa liegt der Jahresverbrauch an Olivenöl derzeit bei einem halben Liter pro Person, Tendenz steigend, in Italien immerhin bei zehn Litern, in Griechenland sogar bei 21 Litern. 80 Prozent des weltweit produzierten Olivenöls werden in der EU hergestellt (siehe Grafik). Doch auch in Kreta ändern sich allmählich die Ernährungsgewohnheiten, wie Anthony Kafatos von der Universität Heraklion kürzlich bei der Berliner Konferenz für Dickleibigkeit und Bluthochdruck berichtete. Das Durchschnittsgewicht des kretischen Mannes sei innerhalb der vergangenen 40 Jahre von 68 auf 80 Kilogramm gestiegen, und ein Drittel der Kinder sei bereits übergewichtig. Schuld sei der vermehrte Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten. Was auf der Insel heute gegessen wird, seien keineswegs mehr die Speisen der traditionellen mediterranen Küche, meint Kafatos resignierend.

Von Gerhard Hertenberger