Ernährung: Euterungsprozess

Etwa 15 Prozent der Österreicher leiden an unerkannter Milchzuckerunverträglichkeit, die auch mit zunehmendem Alter häufiger auftritt. Spezielle Milch- oder Sojaprodukte können Abhilfe schaffen.

Gegen die jahrelangen wiederkehrenden Bauchkrämpfe, Blähungen und gelegentlichen heftigen Durchfälle war, so schien es, kein Kraut gewachsen. Auch die wahre Odyssee in die Ordinationen von Internisten und Gastroenterologen brachte keine zielführende Diagnose – die Mediziner taten das allgemeine Unwohlsein und andere diffuse Beschwerden oft ratlos als „wahrscheinlich psychosomatisch“ ab. So oder so ähnlich ergeht es zigtausenden Bürgern, die unter unerkannter Milchzuckerunverträglichkeit leiden.

Dieses wenig bekannte gesundheitliche Problem, auch als Laktoseintoleranz bezeichnet, betrifft laut Schätzungen von Experten immerhin 15 Prozent aller Österreicher und wird von Ärzten oft vor allem auch deshalb nicht erkannt, weil es für die zumeist diffusen, mehr oder minder starken Beschwerden auch unzählige andere Ursachen geben kann. „Eine gewisse Menge Laktose verträgt fast jeder“, erklärt Kurt Widhalm, Stoffwechselexperte an der Wiener Medizinuniversität, „es kommt aber eben auf die Menge an.“ Laktose ist in allen Milcharten enthalten, in Schaf- und Ziegenmilch allerdings weniger als in Kuhmilch.

Laktoseintoleranz ist keine Allergie, da das Immunsystem keine Antikörper gegen diese Substanz bildet. Das Leiden beruht vielmehr auf einer Stoffwechselunverträglichkeit. Menschen, die das Enzym Laktase besitzen, können den Milchzucker Laktose im Dünndarm aufspalten und verdauen. Bei Menschen, deren Organismus zu wenig oder gar kein Enzym Laktase produziert, wandert die Laktose jedoch unverdaut weiter in den Dickdarm und wird dort von Bakterien zersetzt, was zu Blähungen und Durchfällen führt. Dies ist nicht weiter gefährlich, kann jedoch die Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Für Betroffene kann der Konsum von laktosefreien Milchprodukten eine deutliche Verbesserung des Wohlbefindens bringen. Schon seit etwa fünf Jahren ist unter dem Namen MinusL-Milch eine laktosefreie Milch des Herstellers Omira in Österreich erhältlich, ebenso andere milchzuckerreduzierte Produkte. Seit Kurzem bietet auch die Handelskette Spar laktosefreie Milch sowie milchzuckerfreie Eislutscher an. Auch Butter, Topfen, Schlagobers und Fruchtjoghurt sind in manchen Supermärkten bereits laktosefrei erhältlich. „Für Personen, die an Laktoseintoleranz leiden, stellen laktosefreie Produkte eine geeignete und sehr hilfreiche Alternative dar“, bestätigt Werner Aberer, Allergologe an der Grazer Universitäts-Hautklinik, in der Zeitschrift „Konsument“.

Gestörte Darmflora. Laktoseunverträglichkeit ist ein seit Jahrtausenden bekanntes Leiden. Schon um 400 vor Christus hatte Hippokrates Bauchschmerzen nach dem Genuss von Milch und Käse beschrieben. Heute ist genau bekannt, auf welche Weise die Beschwerden entstehen. Da der Dünndarm betroffener Menschen keinen Milchzucker aufnehmen kann, zieht dieser auf osmotischem Weg Wasser über die Schleimhäute in den Darm, was zu Durchfällen führen kann. Ebenso kann der Weitertransport des Milchzuckers in den Dickdarm und seine Zersetzung durch Bakterien zur Entstehung von Milchsäure, Essigsäure, Kohlendioxid, Methan und Wasserstoff und in der Folge zu Blähungen führen.

Eines der Probleme bei der Erkennung der Milchzuckerunverträglichkeit ist das breit gestreute Bild von oft unklaren und diffusen Symptomen. Neben Magen-Darm-Beschwerden kann es durch die gestörte Darmflora längerfristig auch zu Auswirkungen auf das Immunsystem und auf die Entsorgung von Abfallstoffen kommen. Dies kann zu belegter Zunge, Schweißgeruch, trockenen Schleimhäuten und anderen Symptomen führen, in weiterer Folge auch zu Ermüdungserscheinungen, Stimmungsschwankungen oder Gelenksschmerzen. Andererseits unterstützt Laktose bei Menschen, die den Milchzucker gut verdauen können, die Kalziumaufnahme, hemmt das Wachstum von Fäulnisbakterien im Darm und fördert die „guten“ Bifidus-Bakterien im Verdauungstrakt, ist also durchaus nützlich.

Bei Neugeborenen ist zumeist sehr viel Laktaseenzym vorhanden. Nach dem Ende der Stillzeit sinkt die Enzymkonzentration langsam ab. Bei den meisten Erwachsenen kann nur noch etwa ein Zehntel der Laktaseenzymaktivität von Neugeborenen gemessen werden. Etwa 70 Prozent der Europäer im Alter von 60 Jahren können gar keine Laktose mehr verdauen. Zu unterscheiden sind zwei Arten von Milchzuckerunverträglichkeit: Die primäre Form ist offenbar genetisch bedingt und tritt (selten) schon beim Säugling oder (häufiger) beim Erwachsenen auf. Die sekundäre Form ist eine Begleiterscheinung von Darmerkrankungen und vergeht nach deren Ausheilung wieder.

Insgesamt sind 75 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung mehr oder weniger laktoseintolerant. Für Deutschland nimmt man beispielsweise etwa zwölf Millionen Menschen an, die mehr oder weniger stark von Laktoseunverträglichkeit betroffen sind, in Österreich müsste es demnach bis zu 1,2 Millionen Betroffene geben. Auffallend ist das Nord-Süd-Gefälle: Während die Unverträglichkeit in Skandinavien nahezu unbekannt ist, sind in südlichen Breiten Europas 40 bis 70 Prozent, in Teilen Asiens und Afrikas sogar praktisch alle Erwachsenen betroffen. Es scheint so, dass hellhäutige Menschen besser Laktose vertragen können als dunkelhäutige. Möglicherweise hatten Menschen mit einer Laktosetoleranz in kühleren Gegenden deshalb einen Evolutionsvorteil. Forscher vermuten, dass die Menschheit bis vor 10.000 Jahren, als mit dem Beginn der Viehzucht auch der Milchkonsum aufkam, weit gehend laktoseintolerant war.

Da Laktose ebenso wie Vitamin D die Kalziumaufnahme im Darm erhöht, kann sie in Gegenden mit geringer Sonneneinstrahlung (und daher geringerer Vitamin-D-Synthese im Körper) mithelfen, vor dem Mangel dieses Vitamins (und damit vor Knochenschäden und Rachitis) zu schützen. Umgekehrt kann das Weglassen der kalziumreichen Milchprodukte bei Laktoseunverträglichkeit zu einem Kalziummangel und zu Osteoporose führen. Eventuell ist daher für Betroffene eine zusätzliche Kalziumzufuhr sinnvoll.

Diagnose. Wie lässt sich die Unverträglichkeit diagnostizieren? Erste Hinweise können eine Eliminationsdiät und ein Verzehrtagebuch liefern: Bei der Eliminationsdiät werden alle problematischen Lebensmittel weggelassen und alle zwei Wochen schrittweise wieder der Nahrung beigefügt. Im Verzehrtagebuch wird über Nahrung und Beschwerden genau Buch geführt. Eindeutige Diagnosen ermöglicht der Wasserstoff-Atemtest, bei dem unter Arztaufsicht in Wasser gelöster Milchzucker konsumiert wird. Kann dieser im Dünndarm nicht verdaut werden, entstehen im Dickdarm durch Bakterieneinwirkung Gase. Im Atem ist in weiterer Folge Wasserstoff messbar, der über das Blut in die Lungen gelangt ist.

Häufig wird auch ein Blutzuckertest vorgenommen: Zwei Stunden nach dem (nüchternen) Konsum von 50 Milligramm Milchzucker wird gemessen, ob der Blutzucker entsprechend ansteigt. Tut er dies nicht oder nur in geringem Maß, dann zeigt dies, dass die Laktose nicht verdaut werden konnte und dass eine Unverträglichkeit vorliegt. Schließlich gibt es auch einen neuen Laktoseintoleranz-Test auf genetischer Basis, der die erblich bedingte Form dieser Unverträglichkeit eindeutig feststellen kann. Eine Probe von Blut oder Mundschleimhaut wird dabei in speziellen Labors untersucht.

Viele Betroffene ahnen nicht, dass sich ihre vielfältigen Beschwerden schon bei einer moderaten Ernährungsumstellung deutlich verringern würden. Stattdessen halten viele ihre jahrelangen Beschwerden für schicksalhaft und unbeeinflussbar. Milchzucker ist in allen Milcharten enthalten. Sauermilchprodukte inklusive Joghurt enthalten im Regelfall weniger Milchzucker, da dieser dort von Bakterien weit gehend abgebaut wird. Oft ist kein kompletter Verzicht auf Milchprodukte nötig, und es hilft bereits eine verringerte Aufnahme von Milchzucker.

Laktose wird allerdings aus technologischen Gründen auch etlichen Nahrungsmitteln zugesetzt, in denen man sie kaum vermuten würde – vor allem Fertigprodukten. Wurstwaren, Brötchen, Pizza, Süßigkeiten, Milchprodukte, Fertigsaucen, Eiscreme, Fertigknödel, Fast-Food-Produkte, Kroketten, Aufläufe, Suppen, Süßstofftabletten, Torten, Fleischwaren, Nahrungsergänzungen (für Bodybuilder oder zur Diät), Bouillon, Streuwürze, Kuchen, Backwaren und viele andere Lebensmittel können Laktose enthalten, in manchen Fällen sogar in großen Mengen. Ein Verzicht auf Milchprodukte reicht also für Betroffene oft gar nicht aus. Ein Mitteleuropäer mit durchschnittlicher Ernährung nimmt täglich, ohne es zu merken, zwischen 25 und 50 Gramm Laktose zu sich. Für viele Menschen kein Problem. Manche Personen verspüren jedoch schon beim Genuss von wenigen Gramm täglich Beschwerden.

Ersatz für Milchprodukte finden Betroffene nicht nur in laktosefreien Produkten wie jenen, die nun neu im Handel sind, sondern auch in Sojaprodukten wie Tofu und Sojamilch, in Reismilch, Aufstrichen auf Margarine- oder Sonnenblumenbasis und Ähnlichem. Weiters gibt es Präparate in Pulver- oder Tablettenform, die das Enzym Laktase enthalten und gleichzeitig mit Milchprodukten eingenommen werden. Sie müssen in magensaftresistenter Form verabreicht werden. Schließlich hat sich auch die Zufuhr von „guten“ Bifidus-Darmbakterien als nützlich erwiesen, um die Darmtätigkeit zu normalisieren. Für Katzen wird laktosefreie Milch übrigens schon deutlich länger verkauft als für Menschen, denn auch viele Stubentiger vertragen Milchzucker schlecht.

Von Gerhard Hertenberger