Ernährung: Probiotisch oder idiotisch? Der Schwindel mit gesundem Essen

Der Markt für „funktionelle“ Lebensmittel, die einen gesundheitlichen Zusatznutzen versprechen, ist in den vergangenen Jahren dramatisch gewachsen. Doch was taugen Actimel, Emotion, Müsliriegel & Co wirklich? Sind die neuen Wellness-Produkte so gesund, wie die Werbung behauptet – oder einfach nur teuer?

Fast jeder Fernsehzuschauer kennt das Bild mittlerweile: ein patronenförmiges Plastikfläschchen, dessen Inhalt, ein zwischen Milch und Joghurt angesiedeltes Frühstücksgetränk, sich wie zahllose Goldkügelchen ins Körperinnere ergießt und dort gesundheitliche Wohltaten entfaltet. „Actimel stärkt Ihre Abwehrkräfte“, lautet die viel versprechende Werbebotschaft dazu. Denn, so heißt es in dem Spot, milliardenfach in dem Getränk enthaltene Mikroorganismen des Typs L. casei imunitass® würden die Darmflora positiv beeinflussen und für optimale Verdauung sorgen.

Als Beleg für die verheißene Wirkung führte die TV-Werbung lange Zeit eine wissenschaftliche Studie an, die „beim Gesundheitsministerium eingereicht und amtlich bestätigt“ worden sei. Dem langen Rätseln kritischer Konsumenten und einiger Medien, ob nun der Inhalt der Studie oder nur deren Einreichung bestätigt worden sei, macht nun seit kurzem eine viel deutlichere Version des Werbespruchs ein Ende: „Die positive Wirkung von Actimel wurde vom Gesundheitsministerium offiziell bestätigt.“

Nach der früheren, inzwischen vom Europäischen Gerichtshof aufgehobenen Rechtslage (Paragraf 9, Absatz 3 des österreichischen Lebensmittelgesetzes) mussten die Lebensmittelanbieter beim Gesundheitsministerium einen Antrag auf Zulassung gesundheitsbezogener Werbeaussagen stellen, die durch entsprechende Unterlagen wie etwa wissenschaftliche Studien oder anerkannte Publikationen zu belegen waren. Das Ministerium prüfte die Seriösität der Angaben und genehmigte im Fall eines positiven Ergebnisses entsprechende Werbebotschaften. Nach der derzeitigen Rechtslage hat das Ministerium nur noch zu prüfen, „ob die Angaben mit dem Schutz der Verbraucher vor Täuschung vereinbar sind“ (Auskunft des Gesundheitsministeriums).

Derzeit warten Industrie und Verbraucherorganisationen auf eine – heftig umkämpfte – Neuregelung auf europäischer Ebene. Erhofft sich die Industrie naturgemäß eher lockere Bestimmungen, so plädieren Verbraucherverbände für ein möglichst enges Korsett, um die Konsumenten vor unwahren gesundheitsbezogenen Angaben und zweifelhaften Produkten zu schützen. Eine solche EU-weite Regelung sei „längst überfällig“, urteilt der Grazer Lebensmittelchemiker Werner Pfannhauser (siehe auch Interview).

Jedenfalls gehören Joghurtdrinks oder Joghurts wie Actimel und Activia von Danone oder LC1 von Nestlé zu einer noch jungen Klasse von so genannten „funktionellen Lebensmitteln“ (Englisch: Functional Food), die über den normalen Nutzen hinaus einen gesundheitlichen Zusatznutzen versprechen. Das Kalkül dahinter: Bestimmten Nahrungsmitteln, wie beispielsweise Joghurts, Müsliriegeln, Frühstücks- sowie Erfrischungsgetränken und neuerdings auch Brot oder Bier, soll nicht nur ein ansprechender Geschmack verliehen werden, sondern auch ein wenig der Charakter von Medikamenten – neben dem Nährwert wird dabei ein (fiktiver oder realer) gesundheitlicher Wert vermerkt. Und die Konsumenten scheinen dieses Konzept zusehends anzunehmen.

Die in ihren Prognosen eher vorsichtige britische Leatherhead Food Research Association schätzte im Jahr 2002 das weltweite Marktvolumen funktioneller Lebensmittel auf 16 Milliarden Euro und sagte für das Jahr 2005 ein Wachstum auf 27 Milliarden Euro voraus – eine Steigerung um 70 Prozent. Lebensmittelkonzerne wie Nestlé und Danone, aber auch Pharmaunternehmen wie La Roche oder Novartis sehen im Bereich der funktionellen Lebensmittel einen ernorm wachstumsträchtigen Zukunftsmarkt.

Begonnen hatte der Trend zunächst mit Fruchtsäften, denen Vitamine oder Kalzium beigefügt wurden. Mitte der neunziger Jahre kamen probiotische Joghurts auf den Markt, bald gefolgt von probiotischen und löslichen Ballaststoffen, Omega-3-Fettsäuren und Pflanzeninhaltsstoffen wie Karotinoiden oder so genannten Phytohormonen (in Pflanzen enthaltene Wirkstoffe, die im menschlichen Körper eine ähnliche Wirkung entfalten wie bestimmte Hormone).

Schon vor Jahren warben deutsche Großbäckereien auf Plakaten mit muskulösen Männerkörpern, jugendlichen Großmüttern und strahlend-rotwangigen Kids für das Calcium-D3-Brot, das eine ganze Palette von gesundheitlichen Zusatzeffekten versprach: Das mit Mineralstoffen, Vitamin D3 und Phytohormonen angereicherte Brot sollte für gesunde Kinderzähne, starke Seniorenknochen oder die Erlösung von Wechselbeschwerden garantieren. Zu jedem gekauften Brot erhielten die Konsumenten einen kleinen Informationsprospekt. In Großbritannien wird die Gesundheits-Brotmarke „Burgen Bread“ nicht nur als Spezialbrot für Frauen in der Menopause, angereichert mit Phytohormonen, angeboten, sondern auch angereichert mit so genannten Phytosterinen, aus Holz gewonnenen Pflanzenfetten, welche die Cholesterinaufnahme im Darm vermindern sollen.

Der Einbau von angeblich gesundheitsfördernden Nahrungszusätzen ist inzwischen weit verbreitet und wird auch eifrig beworben. Der Trend gipfelt derzeit in Produkten wie dem Anti-Krebs-Bier einer kalifornischen Brauerei, dem die Meerrettichart Wasabi beigemischt wird. Diese aus Sushi-Lokalen bekannte grüne Paste soll im Körper Entgiftungsenzyme aktivieren und so angeblich auch das Krebsrisiko senken.

Actimel gehört zu den wenigen neuartigen Lebensmitteln, die nicht nur einen gesundheitlichen Nutzen versprechen, sondern diesen auch mit wissenschaftlichen Studien belegen können. So hatte unter anderem eine klinische Studie an Kindern ergeben, dass sich bei regelmäßiger Einnahme die Darmflora deutlich verbesserte; durch Rotaviren verursachte Durchfallerkrankungen beispielsweie traten seltener auf. Die genaue Funktionsweise dieser Bakterien kennt die Wissenschaft bis heute nicht, obwohl dazu viel geforscht und publiziert wird. Experten gehen von einer Verdrängungsfunktion aus, welche die probiotischen Keime ausüben, wobei sie unerwünschte Darmbakterien vertreiben und sich an die Darmwand heften. Diese Interpretation ist allerdings umstritten.

Studienstreit. Die Wiener Ernährungswissenschafterin Hanni Rützler, deren Buch über die Zukunft der Ernährung im Frühjahr 2005 erscheinen wird (siehe www.hanni-ruetzler.at), teilt die Branche auch deutlich in seriöse und weniger seriöse Anbieter: „Nestlé und Danone haben in ihre probiotischen Joghurts sehr viel Forschungsgeld hineingesteckt. Wenn nach langer Entwicklungszeit ein Produkt Erfolg hat, gibt es meist viele Trittbrettfahrer, deren Produkte wirkungsmäßig kaum oder nicht untersucht sind. Die verschiedenen probiotischen Bakterienstämme haben zwar vermutlich alle eine gewisse Wirkung, jedoch unterschiedliche Wirkungsschwerpunkte.“

Laut Lebensmittelchemiker Pfannhauser sind wissenschaftliche Studien nur dann als seriös zu betrachten, wenn entweder zu Vergleichszwecken Placebos oder so genannte Marker verwendet werden, also Farbstoffe, die beispielsweise dazu dienen, die Durchgangszeit von Balaststoffen im Darm zu messen. Bei vielen der auf dem Markt angebotenen Produkte würde zwar eine besondere gesundheitliche Wirkung behauptet, diese sei aber nicht durch seriöse Studien nachgewiesen. „Mit Functional Food wird auch viel Schindluder getrieben“, urteilt Pfannhauser.

Um die Spreu vom Weizen zu trennen, fordert Birgit Beck, Ernährungswissenschafterin des Vereins für Konsumenteninformation (VKI), „dass Hersteller, die gesundheitsfördernde Wirkungen in der Werbung verwenden, die entsprechenden Studien veröffentlichen müssen“. Die Industrie hingegen verweist auf den besonders kritischen und durch strenge Lebensmittelkontrollen geprägten deutschsprachigen Raum, was auch Ernährungswissenschafterin Rützler bestätigt: „Im angelsächsischen und italienisch-französischen Bereich ist man weitaus offener für funktionelle Lebensmittel.“

Tatsächlich birgt dieser Bereich auch ein hohes gesundheitliches Potenzial. Einer der interessantesten pflanzlichen Zusatzstoffe ist Lycopin, der rote Farbstoff der Tomate. Studien haben eine eindeutige Schutzwirkung dieses Stoffes gegen Prostatakrebs nachgewiesen. Die Substanz wirkt als Antioxidans, schützt also vor überschießenden oxidativen Reaktionen im Organismus, welche zellschädigend wirken. In Laborversuchen wird Lycopin schon verschiedenen alltäglichen Lebensmitteln wie etwa Teigwaren oder Orangensaft zugesetzt. Ähnliche Stoffe sind in schwarzen Holunderbeeren oder in roten Trauben und im Rotwein enthalten.

Cholesterinblocker. Die vor allem in Meeresfischen reichlich vorkommenden Omega-3-Fettsäuren wiederum schützen vor koronaren Herzerkrankungen. Im Ausland werden sie bereits speziellen Brotsorten beigefügt. In der auch in österreichischen Supermärkten erhältlichen Produktlinie Becel pro-activ, die nicht nur in Form von Margarine, sondern auch als Milch oder Joghurt angeboten wird, sind Phytosterine enthalten, pflanzliche Stoffe, die im Darm die Aufnahme des „schlechten“ LDL-Cholesterins hemmen. Diese Substanzen werden erstaunlicherweise aus Holz oder aber aus pflanzlichen Ölen gewonnen, ihre positive Wirkung gilt als gesichert.

Dennoch kritisieren Konsumentenschützer solche Entwicklungen. „Statt Brot mit Omega-3-Fettsäuren wäre zum Beispiel zweimal wöchentlich Fisch ernährungsphysiologisch sinnvoller“, empfiehlt Konsumentenschützerin Birgit Beck. Auch AK-Ernährungsexpertin Petra Lehner meint: „Prinzipiell kann Functional Food niemals ein Ersatz für eine gesunde Ernährung sein.“ Statt Nudeln oder Orangensaft Lycopin beizumengen und gleichzeitig weiterhin ungesund zu essen, sei es zweifellos empfehlenswerter, sich ausgewogen zu ernähren, mit viel frischem Obst, Gemüse und Ballaststoffen.

Andererseits gibt es viele Menschen, die aufgrund ihrer Arbeits- und Lebensgewohnheiten nicht oft genug frisches Obst oder Gemüse zu sich nehmen oder keine Milch vertragen und deshalb zu wenig Kalzium aufnehmen. Kalzium ist jedoch ein für den Knochenaufbau wichtiger Stoff, besonders bei alternden Menschen, die oft von Osteoporose (Knochenschwund) geplagt werden. Viele Menschen mögen auch keinen Spinat und keinen Kohl, Gemüsesorten, welche etwa die für Schwangere besonders wichtige Folsäure enthalten. Ist der Folsäureanteil im Blut zum Zeitpunkt der Empfängnis zu niedrig, kann es zu Missbildungen des Fetus wie etwa offene Gaumenspalte oder offener Rücken kommen. Freilich wäre die Folsäurezufuhr über Gemüse sinnvoller als über stark zuckerhaltige und daher kalorienreiche Müsliriegel, denen oft Folsäure zugesetzt wird.

Ernährungswissenschafterin Hanni Rützler attestiert funktionellen Lebensmitteln dennoch „ein großes Zukunftspotenzial“. So könnte man etwa im Kontext einer ausgewogenen Ernährung auch präventiv die Gesundheit verbessern. Functional Food sei allerdings kein Konzept, um die Ernährung der Gesamtbevölkerung zu optimieren, da die zumeist höherpreisigen Produkte eher von Besserverdienenden gekauft werden. „Und diese Leute schauen ohnedies mehr auf eine ausgewogene Ernährung“, sagt Rützler.

Dosierung. Mit der Entwicklung von immer mehr und immer raffinierteren funktionellen Lebensmitteln werden aber auch Fragen der Dosierung und eventueller Nebenwirkungen virulent. Denn auch hier gilt der Grundsatz: Übergroße Mengen können ungesund sein. „Für Vitamine und Mineralstoffe gibt es inzwischen sehr gut erforschte Empfehlungen für Höchstmengen“, berichtet Rützler. „Aber bei sekundären Pflanzenstoffen, die ja ein enormes Potenzial an positiven Gesundheitswirkungen haben, stehen wir erst am Anfang langer Forschungsjahre, um festzustellen, ab welchen Mengen sie wirken und ab welcher Konzentration Nebenwirkungen auftreten.“

Viele unerwünschte Wirkungen gibt es schon heute – vor allem im Bereich der zahlreichen Trittbrettfahrer, die den Trend zum gesundheitlichen Zusatznutzen von Nahrungsmitteln für sich ausnutzen wollen. Kinder bilden eine wichtige Konsumentenschicht, daher wird ihnen – und ihren Eltern – via Werbung suggeriert, dass Kindermilchschnitten, Fruchtzwerge und dergleichen reichlich „gesundes Kalzium und Vitamine“ enthielten. Tatsächlich ist aber in frisch zubereiteten Speisen oft viel mehr davon vorhanden.

Wie eine Studie der Arbeiterkammer schon im Jahr 2000 kritisierte, enthielten alle damals untersuchten Kinderprodukte zu viel Zucker und ein Großteil (77 Prozent) auch zu viel Fett, was die Entwicklung von Karies und Übergewicht begünstige. Eine ähnliche Untersuchung der deutschen Ernährungsberatung Rheinland-Pfalz im Vorjahr kam zum selben Ergebnis. Neuerdings verspricht nun der TV-Werbespot für Fruchtzwerge, dass dieses Nahrungsmittel statt Zucker nur noch Fruchtzucker enthalte, was Lebensmittelchemiker Pfannhauser heftig kritisiert: „Das ist der größte Werbeschmäh, der mir in den letzten Monaten untergekommen ist.“ Denn für Experten macht es keinen Unterschied, ob ein Nahrungsmittel mit Zucker oder mit Fruktose gesüßt ist. „Nicht nur normaler Zucker (Rübenzucker, Saccharose), sondern auch Fruchtzucker (Fruktose) und Traubenzucker (Glukose) lösen Karies aus“, erklärt beispielsweise Andrea Nell, Professorin an der Wiener Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.

Irreführung. Solche Irreführung der Konsumenten müsse durch die künftige EU-Regelung unterbunden werden, meinen Konsumentenschützer – vor allem auch deshalb, weil die Forschung ständig neue Anwendungsgebiete erschließt, was die Unterscheidung zwischen unseriös und seriös immer schwieriger mache. Experten der Bundesforschungsanstalt für Milchforschung in Kiel wollen beispielsweise Milch mit Peptiden (speziellen Eiweißbausteinen) anreichern, die den Blutdruck senken. Und in der Bundesanstalt für Getreide-, Kartoffel- und Fettforschung in Detmold, Nordrhein-Westfalen, arbeiten Forscher an ballaststoffreichem Weißbrot, für das ein spezieller Hafer gezüchtet werden soll. „Ballaststoffe haben noch ein riesiges gesundheitsförderndes Potenzial“, meint Expertin Rützler. „Ich würde mir wünschen, dass es gelingt, in Österreich ein Brot erfolgreich zu lancieren, das stark mit Ballaststoffen angereichert ist.“

Gentechnik. Neben konventionellen Züchtungen und Substanzbeimischungen gibt es auch – umstrittene – Versuche, Nahrungspflanzen gentechnisch zu verändern. Gentechniker interessieren sich beispielsweise für spezielle Karotinoide, die offenbar vor Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen. Besonders wirksam sind Varianten dieser Stoffgruppe, die in Krebsen und Hummern vorkommen. Bisher hat man diese künstlich erzeugt und manchen Produkten beigemischt. Jenes Gen, das in Krebsen für die Produktion dieser Substanzen verantwortlich ist, könnte man aber auch in Pflanzen – zum Beispiel Kartoffeln – einbauen. Diese würden dann von sich aus Karotinoide speichern.

Realität ist dies bereits beim so genannten „goldenen Reis“. Wissenschafter der ETH Zürich haben diesen so verändert, dass er Beta-Karotin produziert – es wird im Körper in Vitamin A umgewandelt. In der Dritten Welt könne diese Reissorte dazu beitragen, den oft chronischen Vitamin-A-Mangel bei Kindern zu beseitigen, meint der Zürcher Pflanzengenetiker Ingo Potrykus. Vandana Shiva, indische Alternativnobelpreisträgerin, hingegen hält den Vitamin-A-Reis für „ein trojanisches Pferd, um gentechnisch veränderte Nutzpflanzen und Lebensmittel in den Markt zu drücken“.

Die Zukunft liege also vermutlich eher in gentechnikfreien Produkten, meint Expertin Rützler. Wichtiger als genetische Manipulation von Kulturpflanzen wäre ihrer Ansicht nach eine konsequente Durchforstung der Artenvielfalt dieser Pflanzen. So habe etwa der Züchter Erich Stekovics im burgenländischen Frauenkirchen 3000 Paradeisersorten angepflanzt. Rützler: „Da gibt es etliche mit hohem Karotinoidgehalt und sogar einige blaue, die größere Mengen an Flavonoidfarbstoffen enthalten. Die gesundheitsfördernde Wirkung vieler Sorten ist noch überhaupt nicht untersucht.“

Produktflop. Nicht immer werden die Sehnsüchte der Lebensmitteldesigner und Marketingexperten Wirklichkeit. 1999 hatte der Schweizer Pharmakonzern Novartis unter dem Namen AVIVA Life Foods in Großbritannien, der Schweiz und in Österreich funktionelle Lebensmittel auf den Markt gebracht. Es handelte sich um Müsli, Getreideriegel, Biskuits, Schokogetränke und Orangensaft. Die Produktlinie Cholesterol Control enthielt Haferballaststoffe, Isoflavone und Antioxidantien (Vitamin C und E), um den Cholesterinspiegel zu kontrollieren. Die Linie Bone Support war mit Kalzium, Zink, Magnesium und Vitamin D3 angereichert, um Osteoporose vorzubeugen. Und die Digestive-Balance-Reihe sollte mit Fructo-Oligosacchariden und anderen Ballaststoffen die Darmtätigkeit regeln.

Schon im Jahr 2001 verschwanden die AVIVA-Produkte wieder aus den Supermärkten der drei Länder, weil kaum jemand sie kaufte. Ein Novartis-Sprecher meinte damals, die Märkte seien eben noch nicht reif dafür. „Wahrscheinlich waren die Preise zu hoch“, vermutet Konsumentenschützerin Birgit Beck vom VKI. „Viele funktionelle Produkte sind teurer als vergleichbare natürliche, frische Lebensmittel, die oft dasselbe können.“ Zwar war die Wirkung der AVIVA-Produkte wissenschaftlich gut belegt, aber es gelang nicht, die Konsumenten davon zu überzeugen, dass Genussmittel wie Kakao- und Müsliriegelprodukte plötzlich gesund sein sollten. Und angesichts der gerade aufflammenden Diskussion um Rinderwahn und Maul- und Klauenseuche war für Experimente auf dem Mittagstisch offenbar niemand zu haben.

Dass sich das rasch wieder ändern kann, belegen die seither rasant steigenden Umsatzzahlen im Bereich funktioneller Lebensmittel. Werden wir also in Zukunft Bluthochdruck mithilfe von Pommes frites bekämpfen, mit Mayonnaise den überhöhten Cholesterinspiegel senken, und werden am Ende Hamburger vor Krebs schützen, wie der Journalist Martin Mair in einer dpa-Aussendung ironisch über Functional Food spekuliert? Wohl kaum. „Funktionelle Lebensmittel sind kein Ersatz für eine gesunde und vielfältige Ernährung“, resümiert Ernährungsexpertin Rützler. „Aber sie können in bestimmten Bereichen der Gesundheitsvorsorge Akzente setzen. Sie werden sich jedoch nur dann durchsetzen, wenn der höhere Preis durch eine entsprechende reale und bewiesene Wirkung gerechtfertigt ist.“