Ernährung: Wenn Essen krank macht

Ernährung: Wenn Essen krank macht. Intoleranzen bleiben oft jahrelang unerkannt

Unverträglich: Wie krank macht uns das Essen?

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Der Organismus des Wiener Unternehmers schien verrückt zu spielen: Vor vier Jahren litt der heute 62-Jährige an massiven Darmkrämpfen, schweren Blähungen, plötzlichen Durchfällen. „Ich dachte schon, ich hätte Krebs“, erinnert sich der Patient. „Ich ging zum Arzt, doch der konnte nichts finden. Dann konsultierte ich weitere Ärzte, bis mich einer den Atemtest für Laktoseintoleranz machen ließ.“

Der Test war positiv, und dem Wiener wurde zwecks Therapie ein Diätplan ausgehändigt, in dem kein Nahrungsmittel vorkam, das Milchzucker, also Laktose, enthielt. An der Ordinationstür meinte die Schwester: „Hoffentlich haben Sie nur das und nicht auch noch das andere.“ – „Wie merke ich das?“, wollte der Mann wissen, und die Frau erwiderte: „Wenn Sie die Milch weglassen, und es wird nicht besser, ist es das andere.“

Ein halbes Jahr verging, und es trat tatsächlich kaum eine Besserung ein. Kein Arzt wusste Rat. Da fiel dem Unternehmer die Bemerkung der Schwester wieder ein: „Als ich mich erneut testen ließ, stellte sich heraus, dass sie Recht hatte: Ich vertrage auch keine Fruktose, also Fruchtzucker.“

Heute lebt der Betroffene beschwerdefrei, wenn auch in seiner Lebensqualität eingeschränkt: „Fast keine Milchprodukte, gerade ein bisschen Hartkäse, kein Obst. Im Restaurant ist in nahezu jedem Gericht etwas, das mir Probleme verursacht.“ Den Genuss von Wein will er sich nicht ganz versagen, doch der hat seinen Preis: „Durchfall am nächsten Tag.“

Reizdarm. Undiagnostizierte Nahrungsmittelunverträglichkeiten treiben viele Betroffene oft über Jahre hinweg erfolglos von Arzt zu Arzt. Die lästigen bis quälenden Symptome reichen von Bauchschmerzen über Durchfälle, Verstopfungen und Darmentzündungen bis hin zu Ausschlägen und Depressionen. Gelingt es nicht, die Ursache zu finden und wirkungsvolle Therapien einzuleiten, werden die Patienten zumeist jener Gruppe zugeordnet, die mit unspezifischen „abdominalen Beschwerden“ unter dem Sammelbegriff „Reizdarmerkrankung“ die gastrologischen Praxen füllt.

„Bei uns sind das heute 30 bis 40 Prozent der Patienten“, erklärt Christoph Gasché, Professor für Gastroenterologie an der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin. „Das hat sehr stark zugenommen.“ Auf die Gesamtbevölkerung umgelegt, leiden etwa 13 Prozent der Österreicher an dem Syndrom.

Aber immer mehr dieser Patienten erweisen sich in Wahrheit als Opfer entgleister physiologischer Reaktionen auf einen oder mehrere Nahrungsbestandteile. Die verbreitete Annahme, dass den körperlichen Symptomen seelische Überreizung zugrunde liege, lässt Gasché kaum gelten: „Nach derzeitigem Wissensstand ist die oft mit Nahrungsunverträglichkeit verbundene Depression eher eine Folge der Erkrankung und nicht ihre Ursache.“

Ein halbes Leben dauerte die medizinische Odyssee der heute 50-jährigen Herta Tutz: „Ich war trotz gesunder Ernährung immer schon krankheitsanfällig.“ Als Kind musste die Steirerin viel Müsli essen, mit Milch, geriebenem Apfel und Honig. Was gut gemeint war, wurde ihr zum Verhängnis: „Vor 17 Jahren wurde bei mir Osteoporose diagnostiziert.“ Der Grund: Eine unerkannte Laktoseintoleranz hatte ihren Dünndarm so angegriffen, dass die entzündete Darmwand Kalzium nicht mehr aufzunehmen vermochte. Der Organismus holte sich das lebenswichtige Mineral daraufhin aus den Knochen. Mit strikt milchfreier Diät und Zusatzgaben von Kalzium wurden die Knochen der Frau zwar wieder fester, aber ihr Allgemeinzustand verschlechterte sich trotzdem bis zur Arbeitsunfähigkeit. „Ich hatte überall Entzündungen, von den Gesichtsnerven über die Gelenke bis zum Herzbeutel“, berichtet Tutz.

Schließlich suchte sie die auch traditionell chinesisch geschulte Ärztin Yali Sui in Graz auf: „Die sagte mir sofort: Sie haben nicht nur eine Unverträglichkeit gegen Laktose, sondern auch gegen Fruktose.“ Mit Akupunktur, chinesischen Kräutertees und spezieller Diät hätten sich die Beschwerden allmählich gelegt, berichtet Tutz – und auch die Empfindlichkeit habe abgenommen: „Mittlerweile vertrage ich zum Beispiel wieder Mandarinen.“

Spärliche Daten. Als sich herausstellte, dass auch ihre Tochter Sarah, 28, auf Fruchtzucker empfindlich reagiert, begann Tutz, sich intensiv mit dem Thema Ernährung zu befassen. Das Resultat ist ein Ratgeber für eine Küche ohne Milch- und Fruchtzucker (siehe Buchtipps, Seite 130), dessen theoretischen Teil die Ernährungswissenschafterin Ingrid Kiefer, Dozentin an der Medizinischen Universität Wien, verfasst hat. Kiefer begründet die Schwierigkeit, zu einer korrekten Diagnose zu gelangen, mit der „spärlichen Datenlage“. Bildlich gesprochen beiße sich die Katze in den Schwanz: „Ohne Diagnosen ist es schwer, Daten zu erheben, und ohne Daten gibt es keine Diagnosen.“

Spezialisten, die sich mit Nahrungsunverträglichkeiten befassen, wissen indessen aus der Praxis, dass viele der zunächst mysteriösen Verdauungsbeschwerden messbare Ursachen haben und dass im Übrigen oft auch gesunde Menschen hohe Dosen bestimmter Nahrungsbestandteile nicht gut vertragen. Ob eine Unverträglichkeit von Fruktose oder Laktose gegeben ist, lässt sich über einen so genannten H2-Atemtest ermitteln. Dieser zeigt nach Verabreichung einer Testdosis Fruchtsaft oder Milch an, ob in der ausgeatmten Luft Wasserstoff enthalten ist. Bei gestörtem Frucht- oder Milchzuckerstoffwechsel wird im Darm Wasserstoff frei und gerät über den Blutkreislauf in die Atemluft (siehe Grafik Seite 126).

Die gestörte Verwertung von Milchzucker und Fruchtzucker durch den Organismus ist nicht die einzige Problemreaktion auf Substanzen aus der täglichen Nahrung. Für die anderen – hauptsächlich Allergien, und die Unverträglichkeit von Histamin wie auch des im Getreide enthaltenen Klebereiweißes Gluten, die Zöliakie – gibt es aber immerhin gut etablierte Routinediagnosen.

In Österreich ist etwa jeder Vierte von Laktoseintoleranz und jeder Dritte von der so genannten Fruktosemalabsorption betroffen. Beide Störungen haben ihren Ursprung im Dünndarm. Die Laktoseintoleranz ist schon seit Langem bekannt. Dabei handet es sich um einen Mangel des Milchzuckerabbauenzyms Laktase in der Darmmembran, der bewirkt, dass der Milchzucker nicht in die vom Körper als Energieträger verwertbaren Zuckerformen Galaktose und Glukose aufgespalten werden kann.

Aufnahmestopp. Indessen hat erst in den neunziger Jahren der Ernährungsmediziner Maximilian Ledochowski, heute Vorstand der Abteilung für Ernährungsmedizin an der Universität Innsbruck, die Bedeutung der gestörten Fruktoseaufnahme erkannt. Laut Ledochowski beruht die Fruktoseunverträglichkeit darauf, dass ein Defekt des molekularen Fruktosetransportvehikels GLUT-5 die Weitergabe des Fruchtzuckers über die Dünndarmwand an den Blutkreislauf verhindert.

Wenn Milchzucker und Fruchtzucker im Darm verbleiben, werden sie dort von Bakterien vergoren, was zu Gasentstehung und Veränderung des Stuhlgangs führt. Verglichen mit diesen weit verbreiteten Zuckeraufnahmestörungen sind die anderen Unverträglichkeiten seltener, aber immer noch häufig genug: An Allergien auf Lebensmittel leiden in Österreich ein bis zwei Prozent der Bevölkerung; an einer Unverträglichkeit von Histamin etwa drei Prozent; an der Zöliakie, einer Unverträglichkeit des im Getreide enthaltenen Klebereiweißes Gluten, 0,2 Prozent der Menschen. Von dieser genetischen Störung wird jedoch angenommen, dass bis zu drei Prozent sie latent in sich tragen.

Nicht selten treten mehrere Empfindlichkeiten zugleich auf. Für die Betroffenen resultieren daraus gravierende Einschränkungen bei der Speisenauswahl. Wer etwa wegen einer kombinierten Milch- und Fruchtzuckerunverträglichkeit auf Obst, Fruchtsäfte, Wein, Milchprodukte und viele Fertigwaren verzichten muss, braucht Geduld und Fantasie, um sich trotzdem mit allem zu versorgen, was der Körper benötigt.

Insgesamt ist laut einer 2002 im „Journal of Gastroenterology“ veröffentlichten Analyse von 1281 Probanden mindestens jeder Fünfte von wiederkehrenden oder ständigen Beschwerden betroffen, die im Zusammenhang mit der Nahrungsverdauung stehen. Dies resultiert nicht zuletzt aus historischen Entwicklungen: Im Jahr 1820, berichtet Professor Gasché, betrug beispielsweise der durchschnittliche Zuckerkonsum in Mitteleuropa rund zwei Gramm Rohrzucker pro Kopf und Jahr. Hundert Jahre später waren es 20 Kilogramm – ein Zuwachs, der auf die Einführung des billigeren Rübenzuckers zurückzuführen war. Ein fast ebenso bedeutender Wandel vollzog sich, vom Konsumenten kaum registriert, in den vergangenen Jahrzehnten: Bei der industriellen Herstellung von Nahrungsmitteln wurde der gewohnte Haushaltszucker zu einem beträchtlichen Teil von Fruchtzucker und seinem Verwandten, dem Fruchtzuckeralkohol Sorbit, abgelöst.

Dies gilt nicht nur für Backwaren und Süßigkeiten, sondern auch für jene Produkte, deren Genuss gesund und schlank machen soll: so genannte Functional Foods. Spezialjoghurts, Stärkungsriegel und Wellnessdrinks weisen auf ihren Etiketten hohe Anteile von Fruchtzucker aus. Bei Diabetikernahrung wie auch bei Diät- oder Light-Limonaden wiederum sorgt Sorbit für die gewünschte Süße. Während der Körper den traditionellen Haushaltszucker (Saccharose) anstandslos resorbiert – und davon allerdings dick wird –, nimmt er Fruktose nur begrenzt auf und Sorbit gar nicht.

Zuckerbomben. Wenn die Verträglichkeitsgrenzen überschritten werden, gerät der Darm aus dem Gleichgewicht, und Beschwerden wie Bauchweh, Blähungen und Durchfall sind die Folge. Diese Grenzen sind zwar sehr individuell, doch gilt als Richtwert, dass zehn Gramm Fruktose pro Mahlzeit auch von empfindlichen Menschen toleriert werden. Daran gemessen sind ein kleiner Apfel mit etwa sechs Gramm Fruktose oder fertige Fruchtsäfte mit 2,5 bis drei Gramm pro Zehntelliter wahre Fruchtzuckerbomben. Bei Empfindlichkeit hilft nur sorgfältiges Rechnen und bei Überempfindlichkeit weit gehende Vermeidung der potenziell krankmachenden Süßstoffe. Wer dagegen Milchzucker schlecht verträgt, muss sich angewöhnen, mit Tabellen zu hantieren, die den Laktosegehalt von Nahrungsmitteln angeben, und zugleich ein Auge auf eine ausreichende Kalziumzufuhr haben.

Dass die Aufnahme von Grundnahrungsmitteln wie Obst, Zucker, Milch, Getreide plötzlich zum Problem werden kann, hängt jedoch nicht nur mit den additiven Effekten der Überversorgung zusammen, sondern auch damit, dass beispielsweise Obst gezielt auf Süße gezüchtet wird oder Getreide auf einen hohen Gehalt an Gluten, der das Brot schmackhafter macht und länger frisch erhält.

Mit solchen Umstellungen Schritt zu halten fällt einem Verdauungssystem, das sich über Jahrtausende entwickelt hat, naturgemäß nicht leicht. Schließlich ist unsere genetische Ausstattung ein Echo archaischer Ernährungsverhältnisse.

Während etwa Laktoseintoleranzen in Skandinavien und Nordeuropa kaum eine Rolle spielen, verträgt in unseren Breiten ein Viertel der Bevölkerung Milch und Milchprodukte schlecht bis gar nicht. In Asien und Afrika sind nahezu alle Menschen laktoseintolerant. Die Ursache liegt im Vitamin-D-Bedarf des menschlichen Organismus. Im Süden konnten Menschen das lebenswichtige Vitamin mithilfe der Sonneneinstrahlung stets selbst bilden. Bei ihrer Ausbreitung nach Norden entwickelten sie vor etwa 3000 Jahren die genetische Anlage, sich das lebensnotwendige Vitamin aus der Milch zu holen.

Entsprechend sind die traditionellen Ernährungsgewohnheiten in den jeweiligen Regionen und Ländern an die genetische Disposition angepasst. In Asien und Afrika enthalten die Speisezettel kaum Milchprodukte. Joghurt in der Türkei enthält weniger Laktose als heimischer Joghurt; traditioneller griechischer Feta kommt fast ohne Laktose aus, italienischer Parmesan und Mozzarella ebenso.

Nutrigenomics. Aber die genetischen Variationen betreffen nicht allein Völker, sondern jeden einzelnen Menschen. „Eine Unzahl von Genen wirkt in der Stoffwechselregulation mit“, sagt Markus Hengstschläger, Leiter der Abteilung für Medizinische Genetik an der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde. „Und jedes Gen hat einen eigenen Aktivitätsgrad. Wenn nun das Gen für jenes Enzym, das einen bestimmten Nahrungsbestandteil abbaut, besonders aktiv ist, ist dieses Enzym im Organismus reichlich vorhanden. Ist das Gen weniger aktiv, dann kann es zu einem Enzymmangel kommen.“

Ein Schwerpunkt von Hengstschlägers Forschung liegt auf der Identifizierung von Genen, die Fehlernährung verursachen können. Das zugehörige Stichwort lautet „Nutrigenomics“: Menschen künftiger Generationen sollen nach einer Genanalyse die Möglichkeit erhalten, bewusst mit den Besonderheiten ihrer Veranlagung umzugehen und ihren Organismus optimal zu versorgen. Dies könnte nicht nur den von Nahrungsmittelunverträglichkeiten Betroffenen helfen, sondern auch all jenen, die an einer ererbten Disposition für eine schleichende Schädigung durch Nahrung leiden – beispielsweise einem Hang zu Fettleibigkeit, kardiovaskulären Erkrankungen oder Allergien. Schon ab der Geburt ließe sich dann entsprechend gegensteuern.

Gerade bei Kindern nehmen Allergien seit einigen Jahren rapide zu, berichtet Zsolt Szépfalusi, Leiter der klinischen Abteilung für Allgemeine Pädiatrie an der Medizinischen Universität Wien. Unausgewogenheiten in der Ernährung, individueller Lebensstil und übertriebene Hygiene tragen dazu bei: „Wir leben offensichtlich so, dass Allergien eher ausbrechen können“, sagt der Kinderarzt.

Im frühen Kindesalter sind Unverträglichkeiten gegenüber Fruktose oder Laktose indes selten. Nur in vereinzelten Fällen fehlen von Geburt an die entsprechenden Abbauenzyme. Normalerweise können Säuglinge Laktose gut verwerten. Doch lässt diese Fähigkeit schon in der Kindheit nach und bildet sich je nach geografischer Herkunft und individueller Anlage mehr oder weniger zurück. Im Erwachsenenalter führt mitunter eine ererbte Tendenz – ähnlich wie bei Südländern – dazu, dass die Enzymbildung im Darm überhaupt zum Stillstand kommt. In der Folge wird Milchzucker kaum noch oder gar nicht mehr verdaut – und versetzt den Magen- und Darmtrakt in Aufruhr.

Giftstoffe. Eine Gefahr für die Kinder ortet Karl Zwiauer, Leiter der Kinder- und Jugendabteilung im Landesklinikum St. Pölten, überdies in der Schadstoffbelastung von Nahrungsmitteln. Sowohl werdende Mütter als auch Säuglinge sollten nichts zu sich nehmen, das mit Pestiziden, Herbiziden, Fungiziden, Insektiziden oder Düngemitteln kontaminiert ist. „In der kindlichen Entwicklung gibt es für jedes Organ bestimmte Fenster, in denen es für schädliche Einflüsse besonders empfindlich ist. Wenn Kleinkinder etwa durch die Nahrung Umweltchemikalien aufnehmen, hemmt das nachweislich die Hirnentwicklung.“ Zwiauer und die Ernährungsexpertin Ingrid Kiefer plädieren deshalb für biologische Nahrung.

Auch nicht immer zum Vorteil der Reizdarmpatienten sind jene Untersuchungsmethoden, die angewendet werden, um den Ursachen auf die Spur zu kommen. „Das hat mit der Vergütungspraxis der Krankenkassen zu tun“, meint Gastroenterologe Gasché. „Die praktischen Ärzte verordnen bei Reizdarmbeschwerden Röntgenuntersuchungen, weil die Kassen dafür bereitwillig zahlen.“ Doch seien das veraltete Untersuchungen, die bei funktionellen Störungen wie Nahrungsunverträglichkeiten keinen Sinn ergäben. „Dagegen zahlen die Kassen für Magen- und Darmspiegelungen, die in der Erstdiagnostik gemeinsam mit Funktionstests etwas bringen würden, so geringe Honorare, dass sie nicht annähernd kostendeckend sind.“ Diese Untersuchungen würden daher zu wenig in Kassenordinationen angeboten, und das führe zu überlasteten Ambulanzen.

Darüber hinaus werden von den Kassen in der Regel weder die gängigen Atemtests noch die Honorare für die Leistung eines Diätologen übernommen. Doch gerade die Beratung der Patienten durch einen Diätologen sei nach Meinung nahezu aller Experten unverzichtbar. „Zumal nur wenige Ärzte in dieser Hinsicht geschult sind“, behauptet Gasché und fügt hinzu: „Da wird dann allzu schnell die Psyche als Auslöserin der Symptome bemüht.“

Psychische Folgen. In der Tat wäre allein eine ausgeprägte Nahrungsmittelunverträglichkeit schon Grund genug, um deprimiert zu sein. Manche Erkrankte planen ihre Wegstrecken so, dass sie bei Bedarf immer schnell eine Toilette erreichen können. Doch überdies gibt es einen klaren biochemischen Zusammenhang zwischen mangelhafter Fruktoseabsorption und Depression, den der Innsbrucker Ernährungsmediziner Maximilian Ledochowski erforscht hat: „Der im Dünndarm nicht resorbierte Fruchtzucker blockiert die Aufnahme jener essenziellen Aminosäure, aus der sowohl das Glückshormon Serotonin als auch das Schlafhormon Melatonin gebildet wird. So kommt es zur Depression.“

Von der Warte der Psychiatrie aus erkundet hingegen Manfred Stelzig vom Salzburger Landeskrankenhaus das metabolische Wechselspiel zwischen Körper und Seele. „Wir schauen uns an, welche persönlichen Konfliktsituationen und Überforderungen mit der Nahrungsmittelunverträglichkeit zusammenwirken“, so Stelzig. Ein neues psychisches Beschwerdebild, die so genannte Orthorexie, erfasst jene Menschen, die „vor lauter Gesund-essen-Wollen krank werden“.

Eine Rückbesinnung auf bewussteren Umgang mit der Ernährung empfiehlt auch Erika Jensen-Jarolim, Leiterin des Instituts für Pathophysiologie an der Wiener Medizinischen Universität: „Sich auf eine Mahlzeit einstimmen, dem Magen Zeit geben, damit er seine Funktion aufnehmen kann“, empfiehlt Jensen-Jarolim als Grundregeln. „Nicht nach dem Essen zum Workout hetzen. Die Verdauung arbeiten lassen, vielleicht ein wenig herumgehen.“ Auf diese Weise ließen sich Gastritiserkrankungen und Magengeschwüre weit gehend vermeiden – wie auch die Verabreichung von Medikamenten, welche die Säurebildung im Magen blockieren sollen, damit das geschädigte Organ ausheilen kann.

Krank durch Medizin. Die Arbeitsgruppe der Wissenschafterin wies in einer Studie an rund 200 Patienten nach, dass Medikamente aus der Gruppe der so genannten Protonenpumpenhemmer die Entstehung von Allergien auf Nahrungsbestandteile fördern können. Dafür wurde sie mit dem Preis für europäische Allergieforschung ausgezeichnet. „Der Magen ist die oberste Instanz der Verdauung, um aufgenommene Proteine unschädlich zu machen und in gut zerkleinerte Nährstoffe umzuwandeln“, erläutert Jensen-Jarolim. Wenn der Magen seine Aufgabe erfüllt, kann es zu keiner Allergie kommen, denn das Fremdeiweiß ist zerstört. Um dies zu bewerkstelligen, benötigt er das Enzym Pepsin, das bei hoher Konzentration von Magensäure aktiviert wird. Ohne Magensäure kein aktives Pepsin, und ohne Pepsin keine Eiweißverdauung.

Nach der Einnahme von Protonenpumpenhemmern gelangen die Eiweißmoleküle indes unbehelligt in den Dünndarm, wo sie aufgenommen werden und die Bildung von Antikörpern einleiten. Der Allergiemechanismus wird dadurch in Gang gesetzt. „Wir konnten zeigen, dass mit dieser Behandlung ein 15-prozentiges Risiko für eine Sensibilisierung gegen Nahrungsproteine einhergeht“, sagt die Forscherin.

Dieses Risiko könnte vermieden werden, wenn der säurearme Magen während der Behandlung mit Schonkost versorgt würde. Doch, so Jensen-Jarolim, Schonkost wird weder von den Herstellern der Medikamente empfohlen noch von den behandelnden Ärzten. „In den USA gibt es Protonenpumpenhemmer rezeptfrei über den Ladentisch, und bei uns werden sie von praktischen Ärzten und Spezialisten großzügig verschrieben.“ Das Studienergebnis erregte vor allem in den USA einiges Aufsehen. „Da haben einige Unternehmen um ihr Geschäft gefürchtet“, glaubt die Forscherin, die in der Folge mit recht unfreundlichen Briefen bedacht wurde.

Darüber hinaus ging sie jenen Mechanismen auf den Grund, die in verschiedenen Lebensaltern Nahrungsmittelallergien begünstigen. Dabei seien, wie sie sagt, drei Zeitfenster ausschlaggebend: einerseits die ersten zwei Lebensjahre, in denen Kinder noch wenig Magensäure bilden und deshalb keine allergenen Nahrungsmittel wie Fisch oder Rohkost essen sollten. Aber auch im höheren Alter, dem zweiten Fenster, lässt die Produktion von Magensäure nach, und die Proteinverdauung wird schlechter. Die Kost sollte besser durchgekocht werden, gut eingespeichelt und zerkaut. „Das dritte Allergiefenster geht in der Blüte des Lebens auf, wenn der Alltagsstress seinen Höhepunkt erreicht und der Magen zu viel Säure produziert“, so Jensen-Jarolim. „Die Menschen greifen dann zu den neutralisierenden Medikamenten und holen sich Allergien.“

Kennzeichnung. Der Anstoß dazu, dass die wichtigsten Substanzen, die Allergien und Nahrungsunverträglichkeiten verursachen können, inzwischen in die internationale Kennzeichnungspflicht aufgenommen wurden, kam von Hertha Deutsch, der Wiener Mutter eines Zöliakie-Kindes. Wie Deutsch berichtet, wäre ihr 1981 geborener Sohn Thomas im ersten Lebensjahr beinahe an einer Zöliakie gestorben. Die von ihr und anderen betroffenen Eltern gegründete Elterninitiative namens Österreichische Arbeitsgemeinschaft Zöliakie konnte erreichen, dass glutenhaltige Zutaten weltweit auf Lebensmittelverpackungen deklariert werden. Seit November 2005 schreibt außerdem eine EU-Kennzeichnungsrichtlinie vor, dass die häufigsten Allergene wie auch Gluten und Milchzucker auf den Verpackungen von Nahrungsmitteln genannt sein müssen.

Eine bedeutende Entdeckung gelang auch Reinhart Jarisch, dem Leiter des Floridsdorfer Allergiezentrums. Bereits 1993 konnte Jarisch im Rahmen einer Studie feststellen, dass der Botenstoff Histamin sowohl für eine Nahrungsunverträglichkeit als auch für chronische Kopfschmerzen verantwortlich sein kann. Nachdem nicht nur Nahrungsmittel wie Rotwein, konservierte Wurst oder Hartkäse den Histaminspiegel erhöhen, sondern da auch Allergien zur Ausschüttung des Botenstoffs führen, geht diese Überempfindlichkeit oft mit einer Allergie Hand in Hand. In Österreich sind etwa drei Prozent der Bevölkerung, rund 240.000 Menschen, davon betroffen.

„Es tat mir weh mitanzusehen, wie die Leute mit ihren Nahrungsunverträglichkeiten zur Bioresonanztherapie oder anderen Alternativmethoden gepilgert sind“, so Jarisch. „Da packte mich der Ehrgeiz: Es musste doch möglich sein, diesen Syndromkomplex mit den Mitteln der Schulmedizin aufzuklären.“

Heute testet Jarisch seine Reizdarmpatienten systematisch auf Allergien und Unverträglichkeiten und verordnet ihnen dann individuell abgestimmte Therapien und Ernährungsempfehlungen. Nach eigenen Angaben gelingt mit dieser Behandlung bei 87 Prozent der Patienten eine mindestens 50-prozentige Besserung des Zustandes.

Von Johanna Awad-Geissler