Erziehung: Kinderarbeit

Die Nanny gilt als neue pädagogische Wunderwaffe und feiert im Fernsehen rauschende Quotenerfolge. In der Realität jedoch agieren die meisten Kindermädchen sehr viel weniger glamourös und oft in der Grauzone der Legalität.

Wie war das noch gemütlich, als nur Nanny Franny über die Bildschirme huschte: das etwas schrille, aber grundgütige New Yorker Kindermädchen aus der Serie „Die Nanny“, die nunmehr seit Ewigkeiten in irgendeiner Wiederholung auf irgendeinem Kanal läuft. Jahrelang war Franny Fine das einzige Kindermädchen seit Mary Poppins und Fräulein Rottenmeier („Heidi“), das medial tröstete, hätschelte und Katastrophenschutz betrieb – nun erhält sie umfassenden Flankenschutz. Nannys seien „2005’s hottest pop icon“, befand kürzlich das US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“.

Tatsächlich sind Kindermädchen, wie man sie früher noch friedlich nannte, derzeit allgegenwärtig: Madonna und Gwyneth Paltrow trugen öffentlich einen Disput darüber aus, was verantwortungsloser sei: ein Kind mit oder ohne Nanny aufzuziehen. In London wird gerade wieder erfolgreich und mit allem gebotenen Bombast das Musical „Mary Poppins“ aufgeführt. Die Frage, ob Nannys womöglich die besseren Mütter sind, wird nicht erst seit „The Nanny Diaries“ (2002), dem Bestseller der beiden Ex-Kindermädchen Emma McLaughlin und Nicola Kraus, heftig diskutiert. In ihrem Roman „Working Mum“ beschreibt die britische Journalistin Allison Frears unter anderem anschaulich den Kampf zwischen Karrieremüttern und ihren Kindermädchen um die Sympathie der Kleinen.

Vor allem aber beherrschen die Nannys inzwischen das Fernsehen: Der letzte Schrei in Großbritannien sind Prominente, die für ein paar Wochen fremde Kinder hüten – es kann nicht lange dauern, bis das deutsche Privatfernsehen die gleiche Idee hat. Die englische Ur-Supernanny Jo Frost hat jedenfalls längst auch deutsche und österreichische Kolleginnen: Die „Supernannys“ und „Supermamas“ sind die derzeit quotenträchtigsten Doku-Soap-Aufreger im Fernsehen.

Jeden Mittwoch um 20.15 Uhr greifen bei RTL die „Supernannys“ Katja Saalfrank und Nadja Lydssan resolut in Familienprobleme ein; später am Abend schickt „Stern-TV“ eine Nanny in die Familien-Reality. Donnerstags um 20.15 Uhr ordinieren bei RTL die „Supermamas“ Aicha und Miriam, und auch „Help TV“ braucht ein Kindermädchen: Martina Leibovici-Mühlberger wird einmal im Monat in eine Familie entsandt, um für Ordnung zu sorgen. Ab 23. März schließlich kann man auf ATV+ die beiden „Supernannys“ Sandra Velasquez und Sabine Edinger bei ihrer Arbeit beobachten. Verzweifelte Familien werden noch gesucht.

Problemlöser. Dabei ist der Begriff „Nanny“ im Reality-TV-Zusammenhang eigentlich irreführend: Denn es handelt sich bei den TV-Heimhilfen keineswegs um Kindermädchen, sondern um ausgebildete Pädagoginnen. Die Sendungskonzepte ähneln einander durchwegs: Familien mit Problemkindern melden sich beim Sender, worauf ein Kamerateam vor Ort geschickt wird, das die Familie im Alltag filmt – soweit ein normaler Alltag mit einem Kamerateam in einer Wohnung von meist nicht luxuriösen Ausmaßen überhaupt möglich ist. Die zuständige Nanny schaut sich das Material auf Video an und zieht dann für ein bis zwei Wochen bei der Familie ein. Dort beobachtet sie zunächst ein paar Tage die Problemlage, um schließlich aktiv einzugreifen.

Natürlich ist es ein bestimmter Typus Mensch, der seine Probleme gern im Fernsehen löst, und viele der Familien, die sich mit ihren Erziehungsproblemen melden, könnten ebenso gut Gäste einer Nachmittags-Talkshow sein: Viel Arbeitslosigkeit, viel Armut und Unterprivilegiertheit, wenig Bildung, kurz: Viel White Trash bekommt man da zu sehen – und heillose Überforderung. Teilweise treibt einem das Mitleid mit den Kindern dieser Leute die Tränen in die Augen: Arme Tschapperln sind das, die in winzigen Wohnungen hausen, während etwa der allein erziehende, arbeitslose Vater ununterbrochen fernsieht und brüllt. Man sieht Mütter, die, von den Vätern im Stich gelassen, ihre Wut an den Kindern abreagieren. Man sieht Eltern, die ihre Beziehungskriege über die Kleinen austragen, die wiederum, vereinsamt und seelisch verwahrlost, keinen Zugang zu ihren Eltern finden und deshalb Amok laufen.

Kinder im Schaufenster. In vielen Fällen begrüßt man es als Zuschauer deshalb, dass hier wer auch immer eingreift, um was auch immer zu raten. Wobei auch die Pädagoginnen meist zur Erkenntnis gelangen, dass nicht die Kinder das Problem sind, sondern die Eltern – und dort dann auch bei der Problemlösung ansetzen.

Die Reaktionen von Kinderschutzverbänden und Kinderbetreuungsorganisationen auf die populären TV-Formate fallen oft harsch aus. Teilweise sicher zu Recht: „Kinder werden mit ihrem von Eltern verursachten Unglück ins Schaufenster gestellt“, kritisieren etwa die Österreichischen Kinderfreunde in einer Aussendung. Die Sendungen zielten darauf ab, „die Sensationslust der ZuseherInnen zu befriedigen“, Erziehung erscheine als „Kunst einer auf Perfektion gestylten Überpädagogin, die für zwei Wochen samt Kamerateam und Fernsehtross in die Wohnung eindringt und den Eltern mit überlegenen Mitteln zeigt, wo es langgeht“. Kinder würden „als Täter dargestellt, wo sie eigentlich Opfer“ seien. „Es darf stark in Zweifel gezogen werden, ob die teilnehmenden Eltern nachhaltig von den Interventionen der Supernanny profitieren, noch stärker ist anzuzweifeln, ob die ZuseherInnen aus den Interventionen und Vorschlägen die richtigen Schlüsse ziehen.“ Ursula Dietersdorfer, die Leiterin des Beratungsbereiches der Kinderfreunde, sagt, sie habe es „immer öfter mit durch die Sendung verunsicherten Eltern zu tun“ (siehe Interview rechts). Sie lehnt die TV-Supernannys deshalb prinzipiell ab – wenn auch, ohne sie bislang gesehen zu haben.

Thomas Hann hat sie gesehen und ist zwar nicht grundsätzlich gegen die „Nanny“-Formate, wollte sich aber auch nicht daran beteiligen. Der ausgebildete Kleinkindpädagoge Hann, Betreiber des Kindergartens „Mary Poppins“ in der Wiener Josefstadt und derzeit noch Obmann des Dachverbandes der Wiener Privat-Kindergärten und -Horte, wurde von einer Casting-Firma kontaktiert: Er möge sich doch für eine der Supernanny-Stellen bei ATV bewerben. Er mochte nicht. „Das ist keine Beratung, sondern eine Show“, sagt Hann: „Man kann nicht beeinflussen, was da gesendet wird und was es für Konsequenzen hat.“ Zudem könne von alltäglichen Familiensituationen keine Rede sein: Die Kinder im TV seien fast alle verhaltensauffällig. Hann hält es „grundsätzlich für falsch, so zu tun, als gäbe es einfache Rezepte für die Lösung solcher Probleme“. Er hat deswegen auch nicht, wie von der Casting-Firma gewünscht, eine Pädagogin des Dachverbandes weiterempfohlen; man will sich im Fernsehen nicht den guten Ruf ruinieren.

Auch Hann erlebt in seiner Arbeit verunsicherte Eltern, ist aber nicht der Meinung, Menschen mit Kindern müssten das Erziehen erst einmal in Kursen lernen. Erziehung, meint er, sei „grundsätzlich Gefühlssache. Jeder hat die natürliche Veranlagung, Kinder zu erziehen.“

Wachsende Anforderungen. Auch Hann berät regelmäßig Eltern. Entweder suchen sie von sich aus Rat; dann bemühen sich Hann und die Pädagoginnen, gemeinsam mit den Eltern und dem Kind eine Änderung herbeizuführen oder weiterführende Hilfe zu organisieren. Oder ein Kind hat in seinem Kindergarten offensichtlich ein Problem, das die Pädagoginnen allein nicht lösen können. Dann sucht Hann das Gespräch mit den Eltern; im Extremfall, wenn etwa der Verdacht auf Misshandlung oder Missbrauch vorliegt, wird das Jugendamt eingeschaltet.

Auch Thomas Hann bestätigt, dass bei Eltern das Interesse an Beratung steige, was er sich allerdings dadurch erklärt, dass „die Anforderungen an Kinder und Eltern immer größer werden“. Auch deshalb hat sich die Rolle von Kindergärten gerade in den vergangenen Jahren geändert: Wurden sie früher vor allem von Gegnern der außerfamiliären Kleinkindbetreuung als reine Kinderaufbewahrungsstätten verunglimpft, gelten sie heute zunehmend als Kompetenzzentren in allen Fragen rund um das Kleinkind.

Die Frage, welche Art von Betreuung für ein Kind in welchem Alter ideal ist, kann der Kindergartenpädagoge aber nicht pauschal beantworten: „Das hängt immer vom Entwicklungsstand des Kindes ab.“ Grundsätzlich aber ist Hann der Meinung, dass ab dem Alter von drei Jahren jedes Kind einen Kindergarten besuchen sollte, um soziale Fähigkeiten zu erwerben und Gruppenerfahrungen zu machen, die es zu Hause bei Mutter, Vater oder Kindermädchen nicht machen kann. Für unter Dreijährige hält Hann, in dessen 1993 gegründetem Kindergarten Kinder ab einem Jahr aufgenommen werden, die Betreuung durch Tagesmutter und Kindermädchen für meist optimal.

Richtige „Nannys“ also: Kindermädchen, die bei einer Familie leben oder täglich ins Haus kommen, so wie Urszula Satora bei der Familie W. Andrea W., Anwältin mit Schwerpunkt Familienrecht und eigener Kanzlei, fand ihre Kinderfrau über jene einer Freundin. Urszula Satora hatte gerade in Polen fertig studiert, wollte zwei, drei Jahre in Österreich bleiben und suchte Arbeit. „Sie war und ist ein absoluter Glücksfall“, sagt W. Ihre erste Tochter Nora, heute 15, war gerade vier Monate alt, als Urszula, genannt Ulla, in ihr Haus kam. Ulla Satora war dabei, als Nora gehen und sprechen lernte; sie war dabei, als die zweite Tochter Theresa, heute zehn Jahre, auf die Welt kam, und sie war dabei, als die Mädchen in die Schule kamen. Andrea W., für die es undenkbar gewesen wäre, ihren Beruf aufzugeben, war nach der Geburt der ersten Tochter drei Monate lang zu Hause geblieben, bei der zweiten gar nicht. Sie hat durchaus das Gefühl, beim Aufwachsen ihrer Kinder dieses oder jenes verpasst zu haben: „Ich hab mir was genommen“, sagt sie, „und ich hatte natürlich das schlechte Gewissen jeder berufstätigen Mutter, die nicht ständig zur Verfügung steht.“ Aber die Hilfe ihrer Kinderfrau und das Vertrauen, das sie von Anfang an in sie hatte, machten es möglich und leichter.

Klare Verhältnisse. Dennoch war man bis vor ein paar Wochen strikt per Sie, „aus Respekt vor ihrem eigenen Privatbereich“, wie W. erzählt – und um den Kindern eine klare Ordnung vorzuleben: hier Familie, da Kinderfrau. Auch Ulla Satora hatte nie das Gefühl, von den Kindern als (Ersatz-)Mutter betrachtet zu werden: „Es waren immer klare Verhältnisse zwischen uns.“ Am Anfang sei die Mutter ganz bewusst ohne Kinderfrau mit den Kindern in die Ferien gefahren. Aber das Verhältnis habe sich im Laufe der Jahre ausgezeichnet entwickelt: „Es gibt da eine große Sensibilität.“ Auch deshalb, so Andrea W., habe es nie ein Konkurrenzverhältnis zwischen Mutter und Kinderfrau gegeben; und ihr sei einfach immer klar gewesen, dass ihre Töchter manche Sachen lieber mit der Person besprachen, die sie den ganzen Tag um sich haben: „Im Zweifel war sie kompetenter, was Alltagsdinge betrifft.“ Auch jetzt, wo Ulla Satora selbst einen zehn Monate alten Sohn hat, ist der Kontakt nicht abgerissen: „Das Gespräch bleibt aufrecht“, sagt die Rechtsanwältin, was die Kinderfrau bestätigt. Die Mädchen sähen in ihrem Baby Arthur so was wie einen kleinen Bruder, sagt Ulla Satora.

Das ist selten – nicht nur, was das zwischenmenschliche Verhältnis, sondern auch, was das Arbeitsverhältnis betrifft. Im Unterschied zu Ulla Satora arbeiten die meisten Kindermädchen in Österreich schwarz. Nur etwa 180 legal beschäftigte Hausangestellte gibt es in ganz Österreich insgesamt, darunter eine unbekannte Anzahl von Kindermädchen. Fast niemand kann sich ein offizielles Kindermädchen leisten: Der Kollektivvertrag für Hausangestellte sieht einen Stundenlohn von 11,60 Euro vor, plus Lohnnebenkosten.

Beim Arbeitsmarktservice (AMS) waren im Jahr 2004 im Durchschnitt 140 Kindermädchen und sechs Au-pair-Mädchen arbeitslos gemeldet; im Vergleich dazu gab es im Jahresdurchschnitt etwa 15 offene Stellen. Über den Schwarzmarkt kann das AMS nichts sagen; man ist sich dort allerdings im Klaren, dass er riesig ist.

Entschärft werden soll diese unbefriedigende Situation durch einen vom Sozialministerium angeregten Dienstleistungsscheck, allzu viel ändern wird dieser jedoch auch nicht. Denn die meisten illegalen Kindermädchen sind Ausländerinnen ohne Arbeitsbewilligung, die sich mit ihren illegalen Arbeitgebern sozusagen das Risiko teilen.

Au-pair-Konjunktur. Wer dieses Risiko nicht eingehen will und ein Zimmer (und Geld) übrig hat, beschäftigt deshalb, wenn möglich, ein Au-pair-Mädchen. Diese haben Konjunktur – besonders, seit 2001 vereinfachende gesetzliche Rahmenbedingungen für einjährige Aufenthalte geschaffen wurden. Sonja Rauschütz, allein erziehende Unternehmerin aus Wien, beschäftigt schon seit mehreren Jahren Au-pair-Mädchen. Derzeit lebt die Slowakin Szuszanna bei Rauschütz und ihrer Tochter Emilie. „Dabei geht es aber nicht um das Abnehmen der Kinderbetreuung, sondern vielmehr um den kulturellen Austausch. Aber natürlich ermöglicht es mir eine gewisse Flexibilität“, sagt Rauschütz, die einst selbst als Au-pair in den USA war.

Vermittelt wurde Szuszanna durch die Wiener Agentur „AuPair Austria“. Die Agenturchefinnen sind selbst Mütter und machen interessierten Familien von Anfang an klar, dass Au-pair-Mädchen keine Dienstboten sind. Agentur-Kochefin Christine Krimmel: „Das ist kein Job, sondern ein Kulturaustausch. Die Mädchen kommen nicht, um Geld zu verdienen, dafür müssen sie wie Familienmitglieder behandelt werden – mit allen Vor- und Nachteilen.“

Der Deal lautet: Das Au-pair-Mädchen hilft 25 Stunden pro Woche bei der Kinderbetreuung und im Haushalt mit und steht zwei bis drei Abende zum Babysitten zur Verfügung. Dafür steht ihm ein eigenes Zimmer und volle Verpflegung zu, mindestens 60 Euro Taschengeld die Woche, ein Zuschuss zu einem Sprachkurs und Anschluss an die Familie. „Es muss“, stellt Krimmel klar, „eine Bereitschaft für die Integration des Mädchens da sein. Und Respekt.“ Krimmel und ihre Partnerin passen sehr genau auf, wie die Mädchen, die zwischen 18 und 28 Jahre alt sein und Matura haben müssen, von den Familien behandelt werden, und greifen ein, falls sie das Gefühl haben, dass die Mädchen ausgebeutet werden – was leider nicht selten vorkomme: „Viele Familien wollen eine Putzfrau oder eine Sklavin“, erzählt Krimmel. Eine Art schwarze Liste von Familien, die Mädchen schlecht behandeln, kursiert deshalb unter den etwa zehn österreichischen Au-pair-Vermittlungen. Mit den Mädchen dagegen gebe es vergleichsweise wenig Probleme. Derzeit stammen die meisten von ihnen aus der Ukraine und Georgien, gefolgt von der Slowakei, Polen und Russland, immer öfter auch aus Lateinamerika.

Nur zwei Prozent der Au-pairs sind männlich. Die Betreuung von Kindern ist nach wie vor ein vorwiegend weibliches Geschäft: Von den österreichweit 140 arbeitslos gemeldeten Kinderbetreuern waren neun Männer, die Kinderfreunde beschäftigen insgesamt 1400 Kindergärtner, darunter nur elf Männer. Kleinkindpädagoge Thomas Hann hat in den Wiener Privatkindergärten nur zwei weitere Kollegen.

Und da Hann leider nicht zur Verfügung stand, bleiben auch die TV-Nannys hundertprozentig weiblich. Das zumindest haben sie mit Fräulein Rottenmeier, Mary Poppins und Nanny Fine noch gemeinsam.