„Erziehung ist etwas Wunderbares“

Der Schweizer Kinderarzt und Neurowissenschafter Norbert Herschkowitz über den „3-Jahres-Mythos“, Kindererziehung und ehrgeizige Eltern. Norbert Herschkowitz, 75, war Pädiatrie-Ordinarius an der Universität Bern. Er arbeitet heute als Kinderarzt mit Schwerpunkt Neurobiologie in Bern und ist Mitarbeiter der amerikanischen Harvard-Universität.

profil: Für manche Ihrer Kollegen ist Kindererziehung ein Reizthema. Können Sie das nachvollziehen?
Herschkowitz: Nein. Erziehung ist etwas Wunderbares, wenn auch nicht leicht. Was Kindererziehung für viele Eltern zusätzlich kompliziert macht und sie verunsichert, ist die Flut an Informationen zu dem Thema. Sie fragen sich, ob sie in der Erziehung wohl nichts verpassen.
profil: Heißt das, Eltern sollten sich nicht stressen lassen und in der Erziehung mehr Gelassenheit zeigen?
Herschkowitz: Gelassenheit ist essenziell. Jedes Kind entwickelt sich individuell, da gibt es eine große Schwankungsbreite. Als Kinderarzt rate ich den Eltern einfach nur, die Entwicklung ihres Kindes zu beobachten und Freude an den Fortschritten zu haben.
profil: Aber Eltern werden oft nervös, wenn ein anderes Kind schon mehr kann als das eigene.
Herschkowitz: Eltern sollten ihr Kind nicht mit seinen Geschwistern oder anderen Kindern vergleichen. Wenn ein Kind mit einem Jahr noch nicht differenziert „Mama“ und „Papa“ sagt, ist das keine Katastrophe.
profil: Was halten Sie vom „3-Jahres-Mythos“, der besagt, dass das kindliche Gehirn bis zum Alter von drei Jahren ein Höchstmaß von Nervenverbindungen bildet?
Herschkowitz: In den ersten drei Lebensjahren bildet das Kind zweimal so viele Synapsen, wie ein Erwachsener besitzt. Seine Aktivität wirkt sich auf die Entwicklung der Neuronen aus, auf die vermehrte Bildung von Synapsen. Durch Lernen und das Gedächtnis werden die wesentlichen neuronalen Verbindungen gestärkt.
profil: Wenn man das Kind nicht fördert, verkümmert das Gehirn?
Herschkowitz: Verbindungen, die ins Leere gehen, werden wieder zurückgestutzt. Das ist ein normaler Vorgang und bedeutet nicht, dass man danach nicht mehr imstande wäre, etwas Neues zu lernen. Auch wenn man Kleinstkindern keine zusätzliche Förderung bietet, werden sie alleine durch das Geschehen um sie herum ausreichend stimuliert.
profil: In Japan und den USA zeigt man Babys beispielsweise Karten mit aufgemalten Buchstaben, um ihnen so früh wie möglich Lesen beizubringen. Ist das sinnvoll?
Herschkowitz: Diese Art von Frühförderung ist übertrieben. Das Baby erfreut sich vielleicht an der Farbe eines Buchstaben, mit dem Zeichen selbst fängt es noch nichts an. Das Gehirn muss erst eine bestimmte Stufe erklimmen, um das zu verarbeiten. Auch spezielles Spielzeug zur Frühförderung ist in erster Linie ein Marketing-Gag. Einfaches Spielzeug, auch ein Topf und ein Kochlöffel, regt die Fantasie mehr an.
profil: Wie kann man dann also Kinder fördern, ohne sie zu überfordern?
Herschkowitz: Wichtig ist vor allem ein Gleichgewicht zwischen Interaktion, Schlaf-, Ruhe- und freien Phasen. Eltern sollten die Entwicklung ihres Kindes aufmerksam beobachten, dann merken sie sehr schnell, welche Intelligenzen und Begabungen besonders ausgeprägt sind. Das sollte man fördern, ohne die anderen Bereiche total zu vernachlässigen. Aber ein Kind muss das von sich aus wollen.
profil: Was können die Eltern tun, damit die Kindererziehung für sie etwas Wunderbares bleibt?
Herschkowitz: Sich eine Auszeit gönnen. Ich rate allen Eltern, zumindest einen halben Tag pro Woche völlig frei und ohne Kind zu verbringen. Eltern sollten sich ab dem ersten Lebensjahr ihres Kindes jedes Jahr eine Woche Urlaub ohne Kind gönnen, das tut der Partnerschaft, die durch ein Kind ganz gehörig belastet werden kann, mehr als gut.