Erziehungs-Irrtümer: Baustelle Kind - Zum Schulschluss eskalieren die Gemüter

Zum Schulschluss eskalieren die Gemüter: Kinder verbarrikadieren sich in der Trotzzone, Eltern befinden sich am Rande des Nervenzusammenbruchs. Trotz des Ratgeber-Booms scheint die Verunsicherung in Österreichs Kinderzimmern so groß wie nie. Ein neues Buch räumt auf mit alten Irrtümern: Eltern erzählen, Experten geben Tipps.

Krieg, Liebe und die Erziehung von Kindern haben eine große Gemeinsamkeit: Nirgendwo sonst versuchen so viele Menschen auf ganz falsche Weise, alles richtig zu machen.

Der aktuelle Status elterlicher Verunsicherung lässt sich am Boom der pädagogischen Ratgeberliteratur ablesen. Jährlich erscheinen in Österreich mehr als 100 Titel, die um die Themen Erziehung, Bildung und Unterricht kreisen. Insgesamt ist dem Land diese Art von Lebenshilfe pro Jahr fast 50 Millionen Euro wert.

Knapp vor Schulschluss liegen die Nerven sowieso blank. Im vergangenen Jahr mussten 40.000 Schüler die Sommerferien mit dem beklemmenden Gefühl absolvieren, im Herbst zu einer Wiederholungsprüfung antreten zu müssen. Die Prognosen für heuer gehen von einer steigenden Tendenz aus. Von den rund 26.000 Anfragen, welche die Servicestelle des Wiener Jugendamts 2004 erhielt, bezog sich die Hälfte auf Erziehungsprobleme. Jährlich wickelt die schulpsychologische Abteilung des Stadtschulrats Wien etwa 23.000 Beratungsgespräche ab, wovon mehr als ein Drittel Verhaltensauffälligkeiten bei Schülern betrafen. „Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns nur Zwergobst“, klagte der deutsche Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg im Jahrhundert der Aufklärung. Zu diesem Zeitpunkt hatte der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau („Emile oder über die Kindheit“) bereits mit der schwarzen Pädagogik gebrochen (siehe Zeitleiste Seite 113) und die Kindheit als ernst zu nehmende Spielwiese für den bei Geburt noch so idealen Menschen klassifiziert.

Die Entwicklungsgeschichte der Erziehung nahm im 20. Jahrhundert einen ähnlichen Verlauf wie jene der Sexualität. Nach der Revolution in den sechziger und siebziger Jahren, in der die Grenzenlosigkeit zum Programm erhoben wurde, setzte sich sukzessive die ernüchternde Gewissheit durch, mit den neu gewonnenen Freiheiten auch die Enttäuschungspotenziale drastisch erweitert zu haben.

Eltern und Lehrer erkannten, dass verständnistrunkene Selbsterfahrungsseminare statt Erziehungsstrategien alle Beteiligten überfordern. „Kinder brauchen Grenzen“: Der Titel des 1993 erschienenen Bestsellers des deutschen Familienberaters Jan-Uwe Rogge wurde zum Schlagwort für einen Paradigmenwechsel.

Heute befinden wir uns in dem paradoxen Zustand, dass das kollektive Wissen über Erziehungstheorien im Zuge der Psychologisierung der Gesellschaft wie noch nie zuvor von so einer komplexen Dichte geprägt ist, gleichzeitig aber Zweifel und Ratlosigkeit bei den Eltern ständig wachsen. Dazu tragen freilich auch steigende Scheidungsraten und familiäre Patchwork-Konzepte bei. Die „Krone“-Kolumnistin Marga Swoboda etwa, deren ältere Söhne Bernhard und Fabian aus erster Ehe stammen, ist sich heute durchaus bewusst: „Den Konflikt ‚Scheidungskind‘ habe ich unterschätzt. Fröhliches Fernseh-Patchwork hat es nicht gespielt, es sind mühsame Findungen.“

Aber auch die Vaterrolle bleibt in modernen Familien vielfach ungeklärt. Wie Umfragen zeigen, legen Väter ihren Part in der Kindererziehung vor allem freizeitlich an, verstehen sich primär als Spielkamerad und Kumpel und überlassen die Organisation des Kinderalltags gern der Mutter. Bezeichnenderweise hat sich keiner der von profil befragten allein erziehenden Väter zu einem Foto bereit erklärt. Die traditionellen Geschlechterrollen sind noch immer tief verwurzelt. Die Mütter sind oft weit gehend auf sich allein gestellt. Das sorgt für Stress. Und Stress sorgt für Probleme – die auch in Gewalt ausarten können: Dass die „g’sunde Watschen“ in Österreich noch durchaus salonfähig ist, beweisen die Statistiken. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Kriminalstatistik 2100 zu Anzeige gebrachte Fälle von Körperverletzung an Minderjährigen. Nach Expertenschätzungen greifen rund ein Drittel aller Erziehungspflichtigen gelegentlich zu Gewaltmitteln. Fünf bis sieben Prozent sollen ihrem Nachwuchs sogar regelmäßig zu Leibe rücken.

Gewaltanwendung ist immer die Konsequenz von heilloser Überforderung und dem Gefühl, am Ende einer Sackgasse angekommen zu sein.

Wie verbreitet dieser Zustand pädagogischer Ohnmacht ist, beweist der Erfolg der Erziehungspolizei, auch „Super-Nannies“ oder „Super-Mamas“ genannt, auf diversen Privatsendern. Star der neuen Kinderzimmercops-Kaste ist die RTL-Nanny Katharina Saalfrank, die resolut zwischen entnervten Familien und deren Problemkindern schlichtet. Saalfranks Kampfparole: „Es gibt keine Problemkinder, es gibt nur schwierige Verhältnisse.“

Experten schlagen angesichts solcher Kinder-Reparaturwerkstätten die Hände über den Köpfen zusammen. „Ich habe dabei ein sehr ungutes Gefühl“, so die Wiener Entwicklungspsychologin Pia Deimann, „denn ich vermisse schmerzlich die Diagnose, warum es überhaupt so weit gekommen ist.“ Das Austro-Pendant zur RTL-„Supernanny“ ist die Elternbildnerin und Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger, die in Barbara Stöckls Ombudsfrau-Format „Help-TV“ rettend eingreift. „Eltern sind heute so auf sich selbst zurückgeworfen wie in einem Vakuum“, erklärt Leibovici-Mühlberger ihren Handlungsbedarf. „Das bringt eine enorme Verunsicherung mit sich.“

Das kürzlich erschienene „Lexikon der Erziehungsirrtümer“ der Münchner Journalistin Andrea Bischhoff versteht sich als Navigator durch das Dickicht der Erziehungstheorien und revisionsbedürftigen Klischees. In dreijähriger Recherche überprüfte die zweifache Mutter und renommierte Kinderbuchautorin die am häufigsten kolportierten Erziehungsmeinungen auf ihre wissenschaftliche und statistisch nachweisbare Relevanz. profil analysiert die 20 größten Irrtümer.

1. „Fernsehen macht blöd“
In Österreich sehen Kinder und Jugendliche laut einer „Focus“-Umfrage aus dem Jahr 2002 täglich im Durchschnitt 70 Minuten fern. Generell, so Experten, sollte der tägliche TV-Konsum eineinhalb Stunden nicht überschreiten. Im internationalen Vergleich stellt das unseren Kindern ein erstaunlich gutes Zeugnis für Medienkompetenz und autonomes Dosierungsvermögen aus. Die angrenzenden Nachbarländer (Italien: 161 Minuten, Deutschland: 97 Minuten) liegen deutlich weiter vorn. Auch sonst erlebt das Fernsehen, einst der Antichrist der Alternativpädagogik, eine Rehabilitierung. Kinder TV-abstinent zu erziehen, so der deutsche Kommunikationswissenschafter Dirk Ulf Stötzel, „halte ich für gefährlich, denn Fernsehen gehört zur gesellschaftlichen Wirklichkeit“. Fernsehen strukturiert die Welt, gibt Lebenshilfe und erhöht die soziale Kompetenz von Kindern.
Das häufig angewandte Sanktionsmittel von Fernsehverbot sei ebenfalls nicht mehr zeitgemäß, meint der Kasseler Universitätsprofessor für Medienpädagogik Ben Bachmair: „Damit Kinder nicht wahllos jeden Unfug anschauen, müssen sie Ansprüche ans Fernsehen entwickeln und lernen, damit umzugehen. Das klappt viel besser, wenn Eltern das Fernsehverhalten ihrer Kinder nicht strafend begleiten.“ Experten raten, für jedes Kind ein wöchentliches TV-Zeitkonto einzurichten, dessen Konsum es selbst gestalten darf. Oder man wählt gemeinsam Sendungen mithilfe der TV-Zeitschrift aus. Kinder haben, auch das ist statistisch erwiesen, einen erstaunlich sicheren Instinkt, welche Programme für sie geeignet sind. Dasselbe Auswahlprinzip sollte auch für die Benutzung von Computern und Computerspiele gelten.

2. „Eine g’sunde Watschen hat noch keinem geschadet“
Seit 1989 ist in Österreich jegliche psychische und physische Gewalt in der Erziehung gesetzlich verboten. Trotzdem schätzen Experten, dass rund einem Drittel aller Eltern ab und zu „die Hand ausrutscht“. Dass Gewalt kein taugliches Erziehungsmittel ist, wissen Eltern natürlich. Gleichzeitig treten immer wieder Stress- oder Übermüdungssituationen auf, in denen auch der beste Vorsatz nichts mehr hilft. Noch verwirrender wird es für das Kind jedoch, wenn ein Klaps oder eine Ohrfeige umgehend von besonderer Zuwendung abgelöst wird – weil den Elternteil das schlechte Gewissen plagt. Das Kind ist vom elterlichen Verhalten dann schlicht überfordert – was jedoch nicht heißt, dass eine klare Entschuldigung nicht angebracht wäre. Wenn das Kind selbst in einer Trotzsituation nach den Eltern schlägt und diese ihrerseits mit Klapsen antworten, lernt das Kind lediglich, dass Schläge normal sind. Wer merkt, dass ihm regelmäßig der Geduldsfaden reißt, sollte den Anruf bei einer Beratungsstelle nicht scheuen: Die eigene Hilflosigkeit einzugestehen ist oft der beste Weg, diese zu überwinden.

3. „Kleinkinder gehören besonders behütet“
Das durchschnittliche Erstgebäralter von Frauen ist laut Statistik Austria auf fast 29 Jahre gestiegen. Die Väter sind oft noch älter. Späte Elternschaft ist vor allem durch übertriebene Vorsicht, Ängstlichkeit und Fürsorge gekennzeichnet. Der renommierte britische Soziologe Frank Furedi ortet in der Überbehütung die Gefahr „zu neurotischen Ausformungen“, sein Buch zu diesem Thema trägt nicht umsonst den Titel „Elternparanoia“. Furedi gegenüber profil: „Kinder werden ja heutzutage schon wie Hühner in den Legebatterien in den Wohnungen gehalten. Es wird ihnen keine eigene Initiative zugestanden, sondern alles von den Eltern vorgegeben und geplant.“ Die Alternative zur „Paranoia“ sei natürlich nicht, „die Kinder bewusst in Gefahr zu bringen“, sondern „dem Kind zu erlauben, selbst Erfahrungen zu sammeln und Lernprozesse zu durchlaufen“. Denn wenn Kinder niemals in gefährliche Situationen kommen, erhöht sich die Gefahr, dass sie später im Ernstfall mit einer solchen nicht umgehen können.

4. „Schreibabys haben Blähungen“
Das Baby schreit und schreit, bis weit in die Nacht hinein. Ohne ersichtlichen Grund. Generationen von Eltern erklärten sich dies mit den so genannten Dreimonatskoliken: Weil der Darm von Neugeborenen noch überaus empfindlich sei, litten sie an schmerzhaften Blähungen. Tatsächlich treten in dieser Phase Blähungen auf – sie sind aber meist nicht Ursache, sondern Folge des ausdauernden Schreiens, bei dem das Baby reichlich Luft schluckt. Nur fünf Prozent der exzessiv schreienden Babys leiden tatsächlich an Verdauungsproblemen. In Wirklichkeit kämpfen viele Neugeborene in den ersten Monaten noch mit der Umstellung von der beschützten Umgebung im Mutterleib zur lauten Welt, die sie mit Sinneseindrücken bombardiert. Das strengt an, regt auf – und reizt zum lautstarken Protest.

5. „Spielzeugwaffen sind schlecht fürs Kind“
Eines sollten die Eltern dem Kind auf jeden Fall klar machen: dass sie Gewalt und Waffen ablehnen. Dennoch bringt es nichts, selbst die kleinste Wasserspritzpistole kategorisch aus dem Kinderzimmer zu verbannen. Denn jedes Kind erliegt bisweilen der Faszination von Gewalt – insbesondere Burschen. Diese Faszination soll ruhig ausgelebt werden. Außerdem wirken strikte Verbote meist kontraproduktiv. Kinder werden nicht dadurch zur Gewaltfreiheit erzogen, dass ihr Plastikschwert weggesperrt wird – sondern indem sie bei ihren Eltern Verständnis, Zuneigung und Frieden erleben. Die jüngsten geschlechtsspezifischen Forschungen zum Thema Buben beweisen auch, dass durch den Mangel an Männern im Schul- und Erziehungsalltag und durch die expandierende Zahl von Alleinerzieherinnen ein starkes Bedürfnis nach männlichen Verhaltensweisen besteht.

6. „Obszöne Ausdrücke gehören verboten“
Kinder verwenden obszöne Wörter. Zum einen, weil es sie reizt, an Tabus zu kratzen; zum anderen, weil sie nichts lieber tun, als ihren Eltern auf den Zahn zu fühlen: „Wie weit kann ich gehen, wann platzt Mama der Kragen?“ Wer seinem Kind bei jedem noch so unbedeutenden Schimpfwort den Mund verbietet, wird diesen völlig normalen Impuls nur anstacheln. Wenn sich niemand darüber aufregt, verlieren Kraftausdrücke schnell ihren Reiz. Will ein Kind gar nicht mehr aufhören, ständig vom „Wichsen“ und „Ficken“ zu reden, kann das aber auch ein unterschwelliges Signal dafür sein, dass es endlich einmal genau wissen will, was diese Worte eigentlich bedeuten.

7. „Ein Löffelchen für Mama“
Was in der Stillphase kaum je ein Problem ist, wird mit der Umstellung auf feste Nahrung für viele Familien zur täglichen Bewährungsprobe: die Frage, ob das Kind auch wirklich ausreichend und gesund genug isst. Selbst wenn das Kind eigentlich schon satt ist, bestehen die Eltern oft darauf, dass alles aufgegessen wird, und versuchen, durch Ablenkung und Tricks noch das eine oder andere Löffelchen anzubringen. Essen wird damit aber nicht nur für das Kind zum Stressfaktor – und nicht selten auch zur Machtfrage. Außerdem wird so möglicherweise ein Grundstein gelegt für eine problematische Beziehung zum Essen: Bis zu 22 Prozent der Zehn- bis 16-Jährigen in Österreich leiden an Übergewicht, schätzt Kurt Widhalm, Leiter der Ernährungsmedizin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien. Das muss nicht so sein. Denn auch Kinder haben ein natürliches Gefühl für Hunger und Sättigung. Das bedeutet nicht, dass das Kind allein bestimmen sollte, wann, was und wie viel es isst. Die Eltern entscheiden, wann gegessen wird – und was auf den Tisch kommt. Das Kind wiederum sollte selbst bestimmen können, wann es satt ist.

8. „Dicke Kinder gehören auf Diät“
Sämtliche Ernährungswissenschafter sind sich einig: Nur eine langfristige Ernährungsumstellung kann den Weg zum dauerhaften Normalgewicht ebnen. Kinder unterliegen demselben Jo-Jo-Effekt wie Erwachsene, außerdem können Diäten im Wachstumsalter viel schneller zu schweren Nährstoffdefiziten führen.

9. „Kinder hassen Grenzen“
Natürlich sollen Kinder sich frei entfalten können. Das heißt aber nicht, dass sie keine Grenzen und Regeln beachten müssen. Ein Mangel an Grenzen führt nämlich zur Verunsicherung und Überforderung auf Eltern- und Kinderseite. „Autoritatives“ Erziehen heißt der goldene Kompromiss, der sich aus den Antipoden der „schwarzen Pädagogik“ und der „antiautoritären Erziehung“ entwickelt hat.

10. „Alle zappeligen Kinder sind hyperaktiv“
Ein Gespenst geht durch die Kinderzimmer: die Hyperaktivität. Verhält sich ein Kind auffallend temperamentvoll und zappelig, wird von wohlmeinenden Beobachtern gerne Hyperaktivität oder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) attestiert. Völlig zu Unrecht, sagt Werner Gerstl, Leiter der Kinder- und Jugendneurologie an der Landeskinderklinik Linz: „Nicht einmal ein Zehntel der Kinder, die uns wegen angeblicher Hyperaktivität zugewiesen werden, leiden tatsächlich darunter. Die Angst der Eltern ist in den meisten Fällen unbegründet.“ Und außerdem nicht ungefährlich, denn eine voreilige und fälschliche Stigmatisierung des Kindes verdeckt die eigentlichen Ursachen für seine Verhaltensauffälligkeit. Grundsätzlich gilt: Ein Wutausbruch in der Schule ist noch lange keine Störung. Erst wenn die Auffälligkeit über einen langen Zeitraum hinweg und in verschiedenen Situationen (also nicht nur in der Schule) besteht, könnte tatsächlich ADHS vorliegen.

11. „Kinder sollen sich nicht langweilen“
Die Buchautorin Andrea Bischhoff deklariert sich als „große Verfechterin der Langeweile“. Die Lernproblematik der Kinder stehe auch in Zusammenhang mit dem Freizeitstress, dem Eltern ihre Sprösslinge aussetzen.

12. „Die Mutter soll so lange wie möglich beim Kind bleiben“
Dass Mütter zwecks Kindererziehung sich in der Häuslichkeit verbarrikadieren, ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts und Konsequenz der Industrialisierung, die Familie und Arbeitsplatz voneinander abkoppelte. Eine über 15 Jahre laufende Langzeitstudie der Universität Michigan beweist, dass berufstätige Mütter im Jahr 1997 im Schnitt sogar eine Stunde mehr Zeit mit ihren Kindern verbrachten, als Vollzeitmütter und Hausfrauen es 1982 getan hatten. Erziehungsexperte Frank Furedi gegenüber profil: „Die Zeit, die berufstätige Mütter für ihre Kinder reservieren, hat in der Regel auch mehr Qualität und wird bewusster gestaltet.“ Ist ein Kind nicht völlig auf seine Mutter fixiert, sondern baut auch zu weiteren Bezugspersonen ein vertrauensvolles Netzwerk auf, profitiert seine soziale Kompetenz erheblich davon. „Zwar ist die vorübergehende Trennung von der Mutter im ersten und zweiten Lebensjahr eine temporäre Belastung“, so der medizinische Psychologe Martin Dorner vom Universitätsklinikum in Frankfurt, „aber sofern es in einer ihm vertrauten Umgebung durch eine ihm vertraute Person betreut wird, sind keine messbaren negativen Effekte der Fremdpflege nachweisbar“.
„Mütter ohne Beruf werden auf die Dauer auch für die eigenen Kinder uninteressanter als berufstätige. Da findet auch eine Abwertung von außen statt“, erklärt die Wiener klinische Psychologin Sylvia Haim. Statistisch erwiesen ist, dass Mütter, die ihre Berufssituation als befriedigend empfinden, glücklicher sind als jene, die sich ausschließlich ihrem Kind widmen. In jenen Ländern, in welchen der Staat sich mit einer dem Berufsalltag angepassten Kinderversorgung einbringt, wie Skandinavien und Frankreich, gehen die Geburtenraten deutlich weniger zurück als in Österreich und Deutschland – Vollzeitmütter bilden die rare Ausnahme.

13. „Jugendliche haben heutzutage nur noch Sex im Sinn“
Auch wenn es die modische Freizügigkeit moderner Teenager nahe legt: Sexualität ist für Jugendliche nicht mehr unbedingt Thema Nummer eins. So wichtig „das erste Mal“ für jeden Menschen auch ist – als lebensveränderndes Ereignis sehen es Jugendliche heute beileibe nicht mehr, ganz im Gegensatz zur heutigen Elterngeneration, für welche Sexualität in ihrer Jugend noch eine ungleich höhere Bedeutung hatte. Auch der Glaube, dass Jugendliche immer früher erste Erfahrungen sammeln, ist statistisch nicht belegbar: Eine Studie der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung belegt, dass das Durchschnittsalter beim ersten Sexualkontakt seit einigen Jahren konstant über 16 Jahren liegt. Eine repräsentative profil-Umfrage unter Jugendlichen brachte im Vorjahr zutage, dass für die meisten Heranwachsenden nicht allein Sex, sondern vor allem „eine harmonische Beziehung“ wesentlich ist.

14. „Hölle Pubertät: Mein Kind hasst mich“
In der Pubertät – die bei Mädchen heute durchschnittlich mit 12,4 Jahren, bei Burschen zwei Jahre später beginnt – suchen Jugendliche die Konfrontation. Konflikte sind in dieser Phase normal und sollten von Eltern nicht persönlich genommen werden. Denn das Kind braucht das Aufbegehren, um seine Persönlichkeit und sein Selbstbewusstsein auszubilden. Drakonische Strafen sind in der Pubertät deshalb ebenso unangebracht wie ein bedingungsloser Schmusekurs.

15. „Kinder müssen ihre Hausaufgaben allein machen“
Auch wenn die Erziehung zur Selbstständigkeit eine wichtige pädagogische Maxime ist: Zumindest frisch eingeschulte Kinder brauchen die elterliche Unterstützung bei ihren Hausaufgaben. Was nicht heißt, dass Mama oder Papa alles vorrechnen soll. Doch das Kind muss die Sicherheit haben, jederzeit nachfragen zu können. Doch auch hier gilt es, die Balance zu halten: Dauernde Kontrollen und Ermahnungen verhindern, dass das Kind die Verantwortung für seine Aufgaben selbst übernimmt.

16. „Homosexualität wird durch eine zu enge Mutterbindung initiiert“
Dass Homosexualität ihren Ursprung in allzu engen frühkindlichen Mutterbindungen hat, kann zweifelsfrei ausgeschlossen werden. Heute geht man davon aus, dass bereits im Alter von fünf Jahren die sexuelle Orientierung eines Menschen weit gehend verankert ist und weder durch eigenen Willen noch durch die Erziehung verändert werden kann. Einen einzelnen, maßgeblichen Faktor für die Formation der individuellen Sexualität schließen die meisten Forscher aus. Sie nehmen an, dass ein ganzes Bündel an Faktoren dafür verantwortlich ist.

17. „Die antiautoritäre Erziehung war nur Schwachsinn“
Das erste bahnbrechende Experiment für eine „zwangfreie Pädagogik“ fand 1924 in Großbritannien statt, wo der Erziehungspionier Alexander Sutherland Neill die legendäre Internatsschule Summerhill gründete. Dass antiautoritäre Erziehung, die vor allem in Deutschland in so genannten „Kinderläden“ und WGs in aller Radikalität gepflogen wurde, zum Scheitern verurteilt war, steht heute außer Zweifel. Denn sobald keine Strukturen und Grenzen von Erwachsenen gesetzt werden, tun es die Kinder selbst, indem sie „archaische Stammeshierarchien“ (Bischhoff) zum Einsatz bringen. Fest steht jedoch, dass das antiautoritäre Prinzip in Fragmenten in die Reformpädagogik übernommen wurde. Viele Ideen der Bildungsrevolutionäre wie der italienischen Ärztin Maria Montessori oder des Waldorf-Begründers Rudolf Steiner fließen in die staatlichen Schulen ein: fächerübergreifender Projektunterricht, verstärkte musische Betätigung, offenes Lernen. Vor allem in den österreichischen Volksschulen herrscht ein hohes Innovationsniveau. Christiane Spiel, Bildungsforscherin und Mitglied der Zukunftskommission im Unterrichtsministerium, sieht den Vorteil von Alternativschulen vor allem darin, „dass wir es dort mit Lehrern zu tun haben, die ein besonderes Ideal in der alternativen Pädagogik sehen und sich auch dementsprechend anstrengen“.

18. „Kinder von Alleinerziehern/-innen haben schlechtere Karten“
In Österreich gibt es heute rund 300.000 allein erziehende Mütter; allein seit 1991 stieg die Zahl um fast zehn Prozent an. Zahlreiche Forschungsprojekte an US-Universitäten belegen, dass Kinder von Solo-Eltern keine negativen Konsequenzen zu gewärtigen haben. In den Bereichen Eigenverantwortung und Flexibilität weisen sie sogar höhere Fähigkeiten auf. Allerdings wirkt sich das Fehlen jeglicher männlicher Bezugspersonen auf beide Geschlechter nachteilig aus. Die Etablierung von Netzwerken wäre hier gefragt, in der die Mütter männliche Freunde und Verwandte bewusst positionieren.

19. „Eine kaputte Beziehung wegen eines Kindes erhalten“
Eine Trennung oder Scheidung kann für ein Kind durchaus entlastend und befreiend wirken. Kinder leiden mehr darunter, permanent den Spannungen einer kaputten Beziehung ausgesetzt zu sein als unter einer klar strukturierten Trennung. Wichtig ist dabei, dass die Eltern die Modalitäten untereinander ausverhandeln und erst dann die Kinder damit konfrontieren.

20. „Je mehr Information, desto besser die Erziehung“
Eltern, die wie besessen Ratgeber konsumieren und deshalb zu einem Zickzackerziehungskurs tendieren, können schwere Irritationen bei ihren Kindern auslösen. Im Zweifelsfall, so der Tenor der Experten, höre man auf die eigene Intuition.

Von Angelika Hager, Sebastian Hofer und Ulrike Moser