„Es ist ja nur Afrika“

Interview. Paul Rusesabagina, der 1994 während des Völkermords in Ruanda hunderten Menschen das Leben rettete, über seine traumatischen Erfahrungen und die Versäumnisse der internationalen Politik.

Rusesabagina: Wann immer ich ins Hotel Mille Collines gehe, sitze ich am Pool und schaue auf das Wasser. Dieses Wasser war in den Wochen des Genozids wertvoller als Gold und Diamanten. Nur durch dieses Wasser im Pool konnten hunderte überleben.
profil: Sie haben als Manager in diesem Hotel im April 1994 über tausend Menschen vor dem Massenmord beschützt. Wie kam es dazu?
Rusesabagina: Der 7. April 1994 ist in meine Erinnerung eingebrannt. Plötzlich sah ich viele meiner Nachbarn in Militäruniformen. Sie trugen Waffen, und sie begannen, die Tutsis in unserer Nachbarschaft systematisch umzubringen. Die Menschen, die sich retten konnten, flüchteten über die Zäune zu uns, in mein Haus.
profil: Was war Ihr Plan?
Rusesabagina: Ich wurde in derselben Nacht gezwungen, mein Haus zu verlassen. Als ich zum Hotel lief, stolperte ich über Leichen, die überall waren, überall. Ich wurde von den Milizen gestoppt. Sie sagten: „Du Verräter, wir lassen dich entkommen, aber du musst die Schaben in deinem Haus umbringen, deine Tutsi-Frau, deine Kinder, alle anderen Schaben, die sich dort versteckt haben.“ Es war das erste Mal, dass ich den Killern von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Und ich wusste nur eines: Ich konnte die Leute nicht dem sicheren Tod überlassen, ich musste sie ins Hotel mitnehmen.
profil: Wie hielten Sie den Betrieb im Hotel aufrecht?
Rusesabagina: Wenn ich daran zurückdenke, sehe ich mich ständig in Bewegung. Ich musste hunderte Menschen ernähren, das Essen herbeischaffen; ich musste Menschen bestechen, überzeugen, vom Schlimmsten abhalten. Ich kam kaum zum Schlafen. Allein die Wasserrationierung am Swimmingpool zu organisieren war ein Wahnsinn. Die Menschen kamen mit Papierkübeln herunter, um Wasser zu schöpfen. Das Wichtigste war, dass sich niemand mehr gewaschen hat, wir mussten jeden Tropfen retten. Wir hatten am Ende 1268 Menschen zu versorgen, in 113 Zimmern.
profil: Im Film (siehe Kasten Seite 86, Anm.) gibt es eine dramatische Szene: Als die Vorräte im Hotel ausgehen, durchqueren Sie unter großem Risiko die Stadt und treffen George Rutagunda in seinem Vorratslager. Dieser macht Ihnen klar, dass er Ihnen nichts mehr geben wird – die Zeit für die Flüchtlinge im Hotel sei abgelaufen. Sie sagen: „Aber Sie können doch nicht alle umbringen?“ Er antwortet: „Warum nicht, wir sind doch gerade dabei.“
Rusesabagina: Ja, das war ein typisches Gespräch. Solche Verhandlungen führte ich von früh bis spät.
profil: Wer waren die Menschen in Ihrem Hotel?
Rusesabagina: Verängstigte Tutsis und auch Hutus, lauter verzweifelte Menschen. Das Hotel war ein Ort der Flüchtlinge, aber auch ein Ort, wo die Milizionäre und Spione ein und aus gingen.
profil: Wussten Sie, wer die Spione waren? Hatten Sie Kontakt mit ihnen?
Rusesabagina: Natürlich. Wenn Sie jemanden kontrollieren wollen, dann müssen Sie ganz nah an ihm dranbleiben, ihn niemals wegstoßen. Sonst werden Sie nie wissen, was er denkt.
profil: Wie kamen im Hotel Tutsis und Hutus miteinander zurecht?
Rusesabagina: Wer Hutu und Tutsi war, war uns egal. In Panik waren alle. Auch Soldaten, die in der Armee bedroht wurden, weil sie mit den Hardlinern nicht mitmachen wollten, suchten bei uns Zuflucht. Denn nicht alle Soldaten wollten ihre Landsleute killen.
profil: Die Sicherheit musste jeden Tag neu erkämpft werden?
Rusesabagina: Der schlimmste Moment kam am 23. April. In der Nacht zuvor war ich bis 4 Uhr Früh aufgeblieben, hatte die ganze Nacht Faxe in die Welt geschickt, um zu berichten, was in Ruanda los war. Dann ging ich ins Bett. Um sechs wurde ich wachgerüttelt. Im Halbschlaf hörte ich eine aggressive Stimme, die mir befahl, alle aus dem Hotel hinauszuschaffen. Durchs Fenster sah ich überall Bewaffnete mit Macheten, wir waren eingekesselt. Ich argumentierte: „Wohin mit den Leuten, das muss doch organisiert werden?!“ Es gelang mir, Zeit zu gewinnen, Generäle zu kontaktieren, die ich kannte. Wir konnten noch einmal entrinnen.
profil: Ihre Taktik war also reden?
Rusesabagina: Ja, ich wusste, dass es meine einzige Chance war, mit den Killern zu verhandeln. Ich wusste, es ist ein Glück, ihnen direkt gegenüberzustehen, denn solange sie bereit sind zu sprechen, gibt es noch Hoffnung.
profil: Gab es auch Momente der absoluten Verzweiflung?
Rusesabagina: Ja, aber in die durfte ich nicht hineinfallen. Das war mein ganzer Ehrgeiz.
profil: Sie waren ein Pragmatiker, ein Organisationstalent. Wie sind Sie ein Held geworden?
Rusesabagina: Es kam der Moment, an dem es kein Zurück mehr gab. Als ich sah, dass die internationale Gemeinschaft uns einfach fallen ließ, als ich mit ansehen musste, wie tausende verzweifelte, unschuldige Menschen, die sich in Kirchen und Schulen geflüchtet hatten, im Stich gelassen wurden, war mir schlagartig klar, dass jemand Verantwortung übernehmen musste. Im Hotel gab es niemand anderen als mich, der das tun konnte. Ich war der einzige afrikanische Manager, der noch da war.
profil: Auch Ihre Familie lebte damals im Hotel. Als Sie durch die Gartenhecke beobachteten, wie Nachbarn niedergeschlagen und verschleppt wurden, forderte Ihre Frau Sie angeblich auf, etwas zu tun.
Rusesabagina: Ja, so ist meine Frau. Sie ist eine Tutsi und kommt aus dem Norden, wo man schon vor dem Genozid den Tutsis gegenüber sehr feindselig war. Ich lernte sie auf der Hochzeit meines Freundes kennen. Ich fragte die schöne Lady, eine Krankenschwester, wie sie mit den Spannungen leben könne. Sie sagte nur: „Ich komme zurecht, aber ich muss zugeben, ich habe Angst.“
profil: Sie kommen wie viele Ruander aus einer gemischten Familie.
Rusesabagina: Mein Vater ist ein Tutsi, meine Mutter eine Hutu. Wir waren neun Kinder. Es haben nicht alle überlebt. Wenn ich daran denke, dass sie meine Schwägerin mit ihren sechs Kindern in eine Senkgrube geworfen haben … Wir erfuhren erst davon, als alles vorbei war. Es ging alles so überwältigend schnell. Und wenn wir davon gehört hätten – wir hätten ohnehin nichts geglaubt. Keiner traute damals irgendjemandem.
profil: Wie war es für Sie mitzuerleben, wozu Ihre eigenen Landsleute imstande waren?
Rusesabagina: 1994 war die ganze Nation wahnsinnig geworden. Sogar Freunde von mir machten mit. Vielleicht nahmen sie keine Macheten in die Hand, zumindest weiß ich es nicht, aber sie halfen Mördern und berieten Mörder. Und wissen Sie, wer die Ersten waren, die sich in dieses massenhafte Töten stürzten? Kinder und Jugendliche. Es gibt nichts Schlimmeres, als Kinder sich selbst zu überlassen, ihnen nicht die Möglichkeit zu geben, in die Schule zu gehen.
profil: Der damalige UN-Oberbefehlshaber in Ruanda, General Romeo Dallaire, hat heute noch Albträume über diese Zeit. Können Sie sich vorstellen, warum?
Rusesabagina: Den Ruandern erwies er jedenfalls keinen guten Dienst. Er kam mit 2500 UN-Soldaten. Dann beschloss die UN, abzuziehen und Dallaire mit 260 Soldaten zurückzulassen. Das war nicht nur eine Schande für den General, sondern auch das Ende Ruandas. Wir erwarteten vom General nicht, ein guter Mensch zu sein, wir erwarteten von ihm, den Genozid zu stoppen. Er wäre die Person gewesen, die den Rebellen hätte sagen müssen: „Es ist genug! Hört sofort auf!“
profil: Wie haben Sie den Tag erlebt, an dem die Europäer abzogen?
Rusesabagina: Die Ausländer wurden evakuiert, und die Ruander flehten: „Lasst uns nicht zurück, sie werden uns umbringen, wenn ihr uns nicht mitnehmt!“ Ist das nicht unerträglich? Zuerst bringen die internationalen Helfer Hoffnung, und sobald der Genozid beginnt, flüchten sie. Damit schickte die UN eine klare Botschaft an die Miliz: „Ihr Kerle seid stärker als wir. Ihr habt gewonnen.“
profil: Warum handelten sie Ihrer Meinung nach so?
Rusesabagina: Weil ihnen Afrika egal ist. Ich war vor wenigen Wochen in Darfur im Sudan, dort geschieht genau dasselbe wie in Ruanda damals. Alle wissen es. Aber weil es in Afrika passiert, kümmert sich niemand darum. Die UN-Berichte über den Kongo, hochoffizielle Dokumente, beinhalten horrende Zahlen: 3.800.000 Menschen sind dort seit 1996 umgebracht worden. Aber es ist ja nur Afrika.
profil: Die Regierung in Kigali betont heute, dass im Sinn der nationalen Versöhnung die Begriffe Hutu und Tutsi nicht mehr verwendet werden sollen. Immer wieder heißt es: Wir wissen gar nicht mehr, wer Hutu und wer Tutsi ist.
Rusesabagina: Das glaubt doch keiner. Für mich klingt das so, als würde ich sagen: Sie sind nicht mehr weiß, und ich bin nicht mehr schwarz. Auf der Basis von Verleugnung kann es keine Versöhnung geben.

Interview: Edit Schlaffer