„Es ist noch jeder über die Klinge gesprungen“

Die scheidende ORF-Generaldirektorin Monika Lindner über den Einfluss der Politik, die schwierige Zukunft des ORF, über Werner Mück, Gerd Bacher & Armin Wolf.

profil: Frau Lindner, Ihre Amtszeit endet am 31. Dezember. Überwiegt die Wehmut oder der Ärger?
Lindner: Ärger interessanterweise überhaupt nicht. Wehmut ja, wenn man die Dinge zusammenpackt, die man von einem Büro ins andere geschleppt hat. Da kommt man drauf, dass 30 Jahre eine lange Zeit sind.
profil: Kurz vor der Generaldirektorenwahl sah es so aus, als ob Sie eine sichere Mehrheit hätten. Was ist da passiert?
Lindner: Das können Ihnen nur andere beantworten. Tatsache ist, dass sich eine Koalition gebildet hat, die dann eine andere Wahl getroffen hat.
profil: Bestätigt das nicht glänzend, dass der ORF letztlich ein Spielball der Politik ist?
Lindner: Dass die Politik immer versuchen wird, auf die Chefs des Hauses Einfluss zu nehmen, das ist richtig. Und dass die ORF-Wahlen eine politische Entscheidung waren, ist klar. Das hatte nichts mit mir und meiner Leistung zu tun, sondern einfach mit dem politischen Umfeld. Aber ein Spielball der Politik ist das ganze Unternehmen sicher nicht.
profil: Warum nicht?
Lindner: Weil es zwar Tradition ist, dass die Spitze ausgetauscht wird, aber in der Mitarbeiterschaft drunter gibt es große Kontinuität. Was oft ein Nachteil ist. Manchmal würde man sich gerne von dem einen oder anderen trennen. Auf der Hauptabteilungsleiter-Ebene sind die Leute ja mitunter ihr ganzes Leben lang beim ORF.
profil: Würde dem Unternehmen nicht auch etwas mehr Kontinuität in der Vorstandsetage guttun? Seit Gerd Bacher hat ja kein ORF-Chef zwei Perioden geschafft.
Lindner: Stimmt, es ist noch jeder über die Klinge gesprungen. Auch Bacher, der dann mit 69 freiwillig in Pension gegangen ist, ist vorher zweimal über die Klinge gesprungen. Aber das Unternehmen darunter ist stabil, das ist entscheidend.
profil: Bei politischem Wetterwechsel werden doch auch immer Journalisten in ein Kammerl gesetzt und mit den Kurznachrichten beschäftigt. Gibt es dann eine neue Wende, werden diese Leute aus dem Kammerl geholt und andere hineingesetzt.
Lindner: Auf der Redaktionsebene habe ich eher Leute aus dem Kammerl geholt. Was die aber nicht davon abgehalten hat, massiv gegen mich aufzutreten. Aber damit muss man leben. Unterm Strich haben alle das Ziel, ein ordentliches Programm zu machen. Und daher kommt eine starke Kontinuität.
profil: Die SPÖ wäre vielleicht bereit gewesen, Sie zu wählen, wenn Sie nicht mit Chefredakteur Mück im Paket angetreten wären. Hatten Sie dafür Signale?
Lindner: Werner Mück war von Beginn an meine Wahl, und dazu bin ich auch gestanden. Allerdings: Ich bin davon ausgegangen, dass es ein Gleichgewicht der Kräfte zwischen Chefredakteur und Informationsdirektor gibt. Wenn dann aber durch einen nur sporadisch vorhandenen Informationsdirektor ein Vakuum entsteht, dann füllt eine machtbewusste Persönlichkeit wie Werner Mück dieses Vakuum sofort aus. Aber die Geschichte mit dem Paket kann auch eine Ausrede sein für diejenigen, die mich dann halt nicht gewählt haben.
profil: Merkwürdigerweise haben auch die zwei schwarzen Betriebsräte, die vorher immer auf Ihrer Seite waren, gegen Sie gestimmt. Warum eigentlich?
Lindner: Sie haben nicht gegen mich, sondern für Alexander Wrabetz gestimmt. Ich habe persönlich einem der beiden gesagt, dass ich das nicht für in Ordnung halte. Es war nicht wahlentscheidend, aber es hat mich verstört.
profil: Ist es in Ordnung, dass der Betriebsrat im ORF den Generaldirektor mit wählt?
Lindner: Ich halte das nicht für gut. Man sollte das überdenken. Ich glaube auch, dass der Stiftungsrat so groß ist, dass der Vorstandsvorsitzende es sehr schwer hat, mit allen 35 Persönlichkeiten zu kommunizieren. Ich kenne kein vergleichbares Wirtschaftsunternehmen, das einen so großen Aufsichtsrat hat.
profil: Dazu kommt, dass der Stiftungsrat – entgegen der Ankündigung der schwarz-blauen Regierung – ein politisches Gremium ist.
Lindner: Eine unpolitische Veranstaltung ist er nicht, da braucht man nicht herumreden.
profil: Sind Sie irgendjemandem böse? Vielleicht Gerd Bacher, der ja einigermaßen heftig gegen Sie agiert hat?
Lindner: Er hat ja nie ein Hehl daraus gemacht, dass er meine Amtsführung nicht schätzt. Er hat sich offenbar in seiner Eigenschaft als seinerzeit vom Kanzler berufener „Weiser“ immer noch veranlasst gesehen, Urteile zu fällen. Ich habe immer versucht, ein korrektes Verhältnis zu ihm aufrechtzuerhalten. Ich kann auch ohne dieses Verhältnis gut leben.
profil: Und wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Nachfolger?
Lindner: Es gibt ein sehr gutes, stabiles persönliches Verhältnis zwischen Alexander Wrabetz und mir. Ich weiß, warum ich nicht mehr gewählt wurde, und er weiß, warum er gewählt wurde. Wrabetz ist ja ein Mann, der noch lange nicht am Ende seiner Karriere steht. Warum soll er nur aus Loyalität zu mir auf ein solches Amt verzichten?
profil: Der Vorsitzende des Publikumsrats sagt, Sie hätten eine schöne Erfolgsliste, aber Ihr Auftreten hätte man nicht in ein Lehrbuch für Diplomatie aufnehmen können. Was meint er damit?
Lindner: Ich komme halt immer relativ rasch auf den Punkt. Das hat vielleicht viele irritiert – nach der Devise, so etwas sagt man doch nicht, wieso ist sie denn so direkt? Dazu kommt, dass ich eine Frau bin, von der man das nicht gerne hört.
profil: Publikumsrat, Stiftungsrat, Redakteursrat, Betriebsrat und über allem die Politiker – der ORF ist ein sehr schwerfälliges Unternehmen. Wenn Sie so gekonnt hätten, wie Sie wollten, hätten Sie dann etwas anders gemacht?
Lindner: Man ist von Räten umzingelt und muss ununterbrochen Kompromisse machen. Ich bin sicher, dass es eine Reihe von Entscheidungen gibt, die ich anders getroffen hätte, wenn ich nicht die eine oder andere Rücksicht hätte nehmen müssen.
profil: Öffentlich-rechtliche Anstalten haben es ohnehin nicht leicht. 2005 lag der nationale Marktanteil des ORF erstmals unter der 50-Prozent-Marke.
Lindner: Ich kann mich an eine Programmsitzung von vor 20 Jahren erinnern, bei der ein Hauptabteilungsleiter gegen einen Einwand von mir, ob eine bestimmte Sendung wirklich ins Hauptabendprogramm passt, gesagt hat: Das sollen sich die Leute ruhig anschauen. Diese Zeit ist vorbei. Es schaut sich heute keiner mehr was an, nur weil es ihm verordnet wird. Der ORF hat im Vergleich mit ARD und ZDF einen hohen Marktanteil, aber natürlich müssen sich alle Öffentlich-Rechtlichen daran gewöhnen, dass sie schrumpfen. Den ORF auf Dauer auf diesem hohen Niveau zu halten wird sehr schwer sein.
profil: Was natürlich einen Ausfall an Werbeeinnahmen bedingt. Der ORF hat zuletzt 30 Millionen weniger eingenommen als noch vor vier Jahren.
Lindner: Und die Kosten bleiben gleich oder steigen sogar. Dazu kommen die noch ausständigen Wettbewerbs-Entscheidungen der EU, also die Frage, ob öffentlich-rechtliche Fernsehstationen, die sich wie in Deutschland zu 80 Prozent und im Fall des ORF zu 50 Prozent aus Gebühren finanzieren, überhaupt um Sport- oder Filmlizenzen mitbieten dürfen. Wäre ich ein privater Bewerber, würde ich das für unglaublich wettbewerbsverzerrend halten.
profil: Was passiert, wenn die EU die öffentlich-rechtlichen Anstalten von diesem Wettbewerb ausschließt?
Lindner: Dann wird sich der ORF wohl auf Sport- Kurzberichterstattung und Zweitlizenzen beschränken müssen. Und das wäre eine Katastrophe.
profil: Öffentlich-rechtlicher Programmauftrag und gleichzeitig Quote machen – kann das überhaupt funktionieren?
Lindner: Es ist nicht einfach. Etwa zu glauben, jede Opernproduktion muss viele Zuschauer haben, weil die „Traviata“ 900.000 Zuschauer gehabt hat, ist unsinnig. Das geht ein-, zweimal im Jahr, aber dann wird es zur Routine. Am Abend der „Traviata“ hat das ganze Land von nichts anderem geredet. Aber das war natürlich minutiös vorbereitet, das war eine auch kostspielige Gesamtstrategie.
profil: Wie soll der ORF dann steigende Kosten bei sinkenden Zuschauerzahlen und Werbeeinnahmen verkraften?
Lindner: Wir wissen alle, dass der ORF in ein paar Jahren so nicht mehr finanzierbar ist. Dann muss die Politik entscheiden, was sie will. Will sie einen ORF haben, wie er jetzt da steht mit den Landesstudios, mit der Regionalisierung, mit allem, was es jetzt noch gibt, oder schränkt man den Programmumfang ein? Ich sehe ja auch keine Möglichkeit, die Gebühren ins Unendliche zu steigern.
profil: Wo kann man sparen?
Lindner: Man kann nur sparen, indem man den Programmauftrag einschränkt. Aber will ich Ö1 aufgeben? Das ist natürlich ein Juwel – aber es kostet auch. Auch weniger Landesstudios kann ich mir schwer vorstellen, sie sind ein wesentlicher Bestandteil des ORF und der Grund für die starke Bindung der Österreicher an den ORF. Aber es gibt Dinge, von denen man sich trennen könnte.
profil: Welche?
Lindner: Ich gebe meinem Nachfolger keine Ezzes, ich halte das nicht für angebracht.
profil: Wie soll die neue Geschäftsführung auf politische Begehrlichkeiten reagieren?
Lindner: Die Politik wird immer versuchen, sich im ORF zu positionieren. Man lügt sich in den Sack, wenn man sagt, da darf überhaupt kein Politiker mehr etwas zu reden haben. Die Tatsache, dass die Politiker ein scharfes Auge auf den ORF haben, stützt ihn ja auch. Sie schauen, dass ihre Plattform nicht verkümmert und in die Bedeutungslosigkeit versinkt.
profil: Frivolerweise ein Zitat Gerd Bachers: „Die Politiker interessiert nicht, wie es dem ORF geht, sondern wie es ihnen im ORF geht.“
Lindner: Aber sie sind auch nur dann daran interessiert, wie es ihnen im ORF geht, wenn der ORF eine Position hat, die im Land wichtig ist. Alles andere ist ihnen dann wirklich wurscht.
profil: Wenn Sie es sich wünschen könnten, woran sollte man sich erinnern, wenn man an die Ära Monika Lindner denkt?
Lindner: Vielleicht, dass ich das Unternehmen in einer sehr schwierigen Zeit letztlich zum Wohle der Mitarbeiter und des Publikums durch viele Klippen geführt und durchaus Akzente gesetzt habe. Der neue Kollektivvertrag für die freien Mitarbeiter ist in meinen Augen eine wichtige Tat gewesen, es wurde eine soziale Diskriminierung beseitigt. Da hat man eine soziale Verantwortung, vor der sich alle meine Vorgänger gescheut haben.
profil: Begonnen haben alle Umwälzungen mit der Rede Armin Wolfs in der Präsidentschaftskanzlei. Haben Sie post festum mit ihm geredet?
Lindner: Ja, ich hab mit ihm vor Kurzem geredet. Armin Wolf war ja einer derjenigen, die ich aus der Diaspora geholt habe, aus dem Kammerl. Aber ich habe auch ihm gegenüber keine hard feelings.
profil: Und jetzt auf zu neuen Ufern?
Lindner: Zuerst bin ich zum Ufer 31.12. unterwegs. Ich räume mein Büro aus, sortiere meine Sachen.
profil: Franz Vranitzky hat nach seinem Abgang gesagt, er werde jetzt endlich seinen Weinkeller sortieren. Machen Sie das auch?
Lindner: Da fehlt mir leider die Grundlage.

I nterview: Herbert Lackner