„Es gibt keine gemeinsame arabische Kultur“

Tahar Ben Jelloun, geboren 1944 in Fès (Marokko), lebt in Paris. Er gilt als der bedeutendste Vertreter der französischen Literatur des Maghreb. 1987 wurde er für seinen Roman „Die Nacht der Unschuld“ mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. 2002 veröffentlichte er das Buch „Papa, was ist der Islam? Gespräche mit meinen Kindern“, im September erscheint sein Roman „Der letzte Freund“ (Berlin Verlag) auf Deutsch.

profil: Der libanesische Autor Hassan Dawud hat kürzlich die Frage aufgeworfen, wie denn auf der Frankfurter Buchmesse 2004 eine „gemeinsame“ arabische Kultur präsentiert werden solle, wenn schon die Intellektuellen der einzelnen arabischen Länder alles andere als eine homogene Gruppe darstellten.
Ben Jelloun: Es gibt tatsächlich keine gemeinsame arabische Kultur. Die Einladung nach Frankfurt ist die Gelegenheit, das aufzuklären. Ein Kuweiter und ein Iraker oder ein Marokkaner und ein Saudi haben nicht mehr gemeinsam als ein Deutscher und ein Koreaner. Das einzig Gemeinsame aller arabischen Schriftsteller ist das klassische Hocharabisch.
profil: Hätte man besser einen einzelnen Staat als Gastland zur Buchmesse einladen sollen als die ganze arabische Welt?
Ben Jelloun: Nein, das war eine sehr gute Idee, auch wenn die arabische Welt nicht homogen ist und es Spannungen zwischen einzelnen Ländern gibt. Ich hoffe auch, dass es der Anlass sein wird, arabische Autoren ins Deutsche oder andere europäische Sprachen zu übersetzen.
profil: Ihre Heimat Marokko hat sich dagegen entschieden, unter der Schirmherrschaft der Arabischen Liga, die den Gastlandauftritt organisiert, in Frankfurt aufzutreten.
Ben Jelloun: Und warum?
profil: Das wollte ich Sie fragen.
Ben Jelloun: Hat man keinen Grund angegeben? Ich wusste es nicht einmal. Jedenfalls finde ich das sehr bedauerlich.
profil: Marokko denkt aber darüber nach, auf der Buchmesse einen eigenen Messestand zu organisieren.
Ben Jelloun: Ich kenne die Details nicht. Die arabische Welt ist aber viel komplizierter, als man in Frankfurt offenbar denkt. Vielleicht hatte man keine guten Ratgeber, die hätten erklären können, wie die arabische Welt funktioniert.
profil: Wie funktioniert sie denn?
Ben Jelloun: Alle arabischen Staaten, außer Marokko, haben Schriftstellervereinigungen, die vom Staat abhängig sind. Der erste Fehler in Frankfurt war es also, die Staaten einzuladen, wenn man einzelne Schriftsteller hätte einladen sollen, die eine solche Einladung verdienen. Denn natürlich ist ein Schriftsteller, der dem Staat und der Regierung zu Gesicht steht, nur selten einer, der respektiert wird.
profil: Das im Westen vorherrschende Klischee über die arabische Welt bewegt
sich irgendwo zwischen „Tausendundeiner Nacht“ und terroristischen Selbstmordattentätern. Kann der Auftritt auf der Buchmesse dazu beitragen, dieses Klischee zu korrigieren?
Ben Jelloun: Man wird die Mentalität der Leute wohl kaum in einer Woche ändern können. Die Araber sind wie alle anderen, sie gehen nicht mit einer Bombe in der Tasche herum. Das sind Vorurteile. Was kann man dagegen machen, außer sagen, dass es verrückt ist?
profil: Trotzdem versprechen sich die arabischen Länder doch etwas von ihrem Auftritt in Frankfurt?
Ben Jelloun: Das Einzige, was die arabische Welt tun kann, um sich Respekt zu verschaffen, ist, sich für die Demokratie zu entscheiden. Solange sie das nicht konkret tut, wird sie immer ein schlechtes Image haben.
profil: Ist die Zensur für arabische Schriftsteller ein großes Problem?
Ben Jelloun: Das kommt auf das Land an. In Marokko gibt es praktisch überhaupt keine Zensur mehr, anderswo existiert sie. Allerdings gibt es ein anderes, relevantes Problem: Es existieren nur sehr wenige Verlage, die die Autorenrechte wahren. Vor allem in Syrien, aber auch in Ägypten gibt es Verlage, die Raubdrucke ohne jede Abgeltung der Rechte herausbringen. Es kann zum Beispiel sein, dass ein arabischer Autor in Ägypten ein Buch herausbringt, und eine Woche später wird es auf den Straßen in einem Raubdruck verkauft, der nur ein Zehntel kostet. Das ist eine der Schwierigkeiten, die das Kulturleben in der arabischen Welt hat. Und natürlich ist das ein politisches Problem.
profil: Wie kommt es, dass es außer Nagib Machfus vor allem französisch schreibende Autoren wie Sie, Assia Djebar oder Amin Maalouf sind, die das Bild der arabischen Literatur im Westen prägen?
Ben Jelloun: In der arabischen Welt beneidet man uns einerseits um unseren Erfolg, gleichzeitig hält man uns nicht für einen Teil der arabischen Literatur. Darüber kann man allerdings diskutieren. Gelesen werden unsere Bücher aber, weil sie ein wirkliches Leserbedürfnis befriedigen.
profil: Warum haben es arabisch schreibende Schriftsteller so viel schwerer; auch wenn sie übersetzt werden?
Ben Jelloun: Das hat mit dem Negativimage der arabischen Welt zu tun. Deswegen interessiert man sich auch nicht für das, was diese Welt hervorbringt.
profil: Wieso schreiben Sie auf Französisch?
Ben Jelloun: Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Ich habe auf Französisch zu schreiben begonnen und bin dabei geblieben, weil ich den Eindruck hatte, dass es mir den Zugang zu einem größeren Publikum eröffnet.