„Es geht nicht um Macht, sondern um Führung“

Interview: Der lettische Dirigent Mariss Jansons über Lampenfieber, seinen Herzinfarkt, sein Faible für Johann Strauß, tyrannische Kollegen und sein Neujahrskonzert 2006.

profil: Herr Jansons, Sie sind bekannt für Ihr Lampenfieber. Wie schlimm wird es vor dem Neujahrskonzert?
Jansons: Das weiß ich noch nicht. Dieses Konzert ist für jeden Dirigenten eine absolute Ausnahmesituation, denn es hört tatsächlich die halbe Welt zu. Der ORF überträgt es in über fünfzig Länder. Ich bin schon nervös, wenn ich eine Probe leiten oder eine Rede halten muss.
profil: Die englische Tageszeitung „The Guardian“ reiht Sie unter „die sechs besten Dirigenten der Welt“. Wovor sollte ein erfahrener Profi wie Sie Angst haben?
Jansons: Ich fürchte nicht, dass etwas schief geht, sondern spüre die Last der Verantwortung. Wenn man so wie ich immer das Beste geben will, hilft es vielleicht sogar, vor einem Auftritt nervös zu sein. Nimmt man eine Sache auf die leichte Schulter, bleibt man womöglich unterm Niveau. In der Musik geht es darum, Emotionen freizusetzen. Und dazu ist Spannung vonnöten.
profil: Darf sich ein Dirigent vor seinem Orchester Schwächen leisten? Für Elias Canetti gab es keinen anschaulicheren „Ausdruck für Macht“ als einen Dirigenten.
Jansons: Jeder sollte sich so geben, wie er ist. Wenn ich einen Fehler gemacht habe, habe ich ihn gemacht und kann mich dafür entschuldigen. Ein Dirigent darf nicht glauben, er sei Gott. Aber wenn ich vor ein Orchester trete, muss ich ein Konzept haben und ganz genau wissen, was ich will. Es geht nicht um Macht, sondern um Führung. Die Musiker sind meine Partner.
profil: Ihr Kollege Arturo Toscanini sah das anders: Er war für seine Wutanfälle regelrecht berühmt.
Jansons: Seine Stärke lag in seiner ausgeprägten Persönlichkeit. Toscanini war kein Tyrann, auch wenn er so gewirkt haben mag. Heute könnte man nicht mehr so selbstbewusst wie er agieren, selbst wenn man über eine ähnlich große Persönlichkeit verfügen sollte. Ich selbst bin in Russland bei Jewgeni Mrawinski in die Schule gegangen, der ebenfalls im Ruf stand, ein harter Lehrmeister zu sein. Er war tatsächlich extrem streng. Aber ich habe von ihm gelernt, was Qualität bedeutet.
profil: 1996 waren Sie extrem hart zu sich selbst ...
Jansons: Ich bin immer hart zu mir selbst. Wenn etwas schief geht, suche ich die Gründe nie bei anderen, sondern immer bei mir.
profil: Sie erlitten während einer Aufführung von Puccinis „Bohème“ einen Herzinfarkt, brachen die Vorstellung aber nicht ab, sondern dirigierten weiter.
Jansons: Wir waren schon mitten im vierten Akt, als ich plötzlich ein Stechen in der Brust spürte. Der Schmerz stieg in den Arm, und mir wurde schwindlig. Ich habe gehofft, es noch bis zum Schlussakkord zu schaffen, und schlug nur noch den Takt, ohne jede Emotion. Als mir klar wurde, wie ernst die Situation war, war es zu spät. Ich brach zusammen.
profil: Welche Konsequenzen zogen Sie aus dem Vorfall? Müssen Sie sich schonen?
Jansons: Nein. Als ich ein halbes Jahr später begonnen habe, wieder zu dirigieren, hatte ich Angst und habe mich zurückgehalten. Doch schon in der Pause der ersten Probe war klar, dass ich so nicht arbeiten kann. Wenn ich vor einem Orchester stehe, muss ich mich frei fühlen und alles geben können. Hätte mir mein Arzt gesagt, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dirigieren darf, hätte ich aufgehört. Ich bin nicht pathetisch. Doch so war es nicht. Ich musste meine Angst überwinden. Als Giuseppe Sinopoli während einer Vorstellung einen Herzinfarkt erlitt, ist er daran gestorben.
profil: Wie viel emotionale Kraft verlangt Musik von einem Dirigenten?
Jansons: Natürlich wühlt mich Musik auf. Aber ich war krank und habe es nicht gewusst. Hätte ich an diesem Abend nicht dirigiert, wäre die Krankheit zwar anders verlaufen, aber irgendwann hätte ich diesen Herzinfarkt gehabt. Ist man gesund, kann man sogar einen Marathon laufen. Dirigieren ist eine Freude.
profil: Spaß ist die Philosophie des Neujahrskonzerts: Was begeistert Sie an den Walzern von Johann Strauß?
Jansons: Ich bin in Riga und St. Petersburg aufgewachsen, wo diese Musik fast ebenso beliebt ist wie in Wien, wo ich studiert habe. Schon biografisch spielt Strauß also eine wichtige Rolle für mich. Er schrieb extrem gute Melodien. Das ist nicht so leicht, wie man glauben möchte. Dazu muss man wirklich begabt sein. Außerdem verleiht einem Strauß Unmengen an positiver Energie. Man ist praktisch ununterbrochen glücklich.
profil: Nikolaus Harnoncourt, der das Neujahrskonzert zweimal dirigiert hat, weist immer auch auf die dunkle Seite dieser Musik hin.
Jansons: Strauß hat diese Momente, aber sie sind in seinen Partituren nicht zentral. Ich will mit meinem Neujahrskonzert gute Stimmung verbreiten. Schließlich ist der erste Tag im Jahr ein Tag der Hoffnung. Man wünscht sich etwas und hofft, dass es im kommenden Jahr eintritt.
profil: Sie sind Optimist?
Jansons: Ich freue mich tatsächlich über jeden Tag, den ich erlebe. Pessimistisch beurteile ich, dass sich unsere Welt in die falsche Richtung entwickelt. Moral, Kunst und geistige Werte spielen heutzutage keine besonders große Rolle mehr. Unser Leben dreht sich nur noch um Geld.
profil: Geld übt auch auf Künstler eine große Verführungskraft aus: Die „drei Tenöre“ schraubten ihre Gagen auf eine Million Dollar pro Kehle hinauf.
Jansons: Was ein Künstler verdient, ist seine Sache, da will ich mich nicht einmischen. Geld ist wichtig, ich bin kein Snob. Aber wir sind dabei zu verlieren, was uns als Menschen auszeichnet. Wir fliegen um 25 Millionen Dollar zum Mond, doch von Kunst hat die neue Generation nur mehr wenig Ahnung.
profil: Was vielleicht auch an den Preisen liegt. Bei den Salzburger Festspielen kosten Opernkarten bis zu 350 Euro.
Jansons: Weil es teure Produktionen sind. Die Frage, warum Karten so viel kosten, wie sie kosten, wird das Problem nicht lösen. Wir müssen lernen, wieder anders zu denken. Dann wird man Tickets für die Salzburger Festspiele vielleicht einmal gratis bekommen. Wir müssen wieder lernen, unser Herz und unsere Seele zu entwickeln.

Interview: Peter Schneeberger

Mariss Jansons, 62
1943 in Riga geboren, zählt Jansons zu den führenden Pultstars der Gegenwart. Nachdem der Sohn einer Sängerin und eines Dirigenten 1971 beim Herbert-von-Karajan-Wettbewerb den zweiten Preis gewonnen hatte, sollte er als Karajans Assistent mit den Berliner Philharmonikern arbeiten. Doch der sowjetische Parteiapparat untersagte Jansons die Ausreise. Erst 1979 durfte der Schüler von Jewgeni Mrawinski in Oslo den Chefposten der dortigen Philharmoniker übernehmen, die er bis 2002 leitete und in einen der besten Klangkörper Europas verwandelte. 2003 übernahm der Perfektionist das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und stieß damit endgültig ins Epizentrum des europäischen Klassikbetriebs vor. Bei den Wiener Philharmonikern debütierte er 1992, nun leitet Mariss Jansons zum ersten Mal das Neujahrskonzert.