„Es genügt ein einziges Opfer“

Richard Reoch, 55, war 23 Jahre lang für Amnesty International im Bereich Vorbeugung und Vermeidung von Folter tätig und hat für die Außendienstmitarbeiter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) das Handbuch „Preventing Torture“ verfasst. Derzeit bildet der kanadische und britische Staatsbürger indische Polizeioffiziere in Foltervermeidung aus und arbeitet als Berater für den Friedensprozess in Sri Lanka.

profil: Wären Folterexzesse wie im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis zu verhindern gewesen? Die US-Administration stellt die Misshandlungen als Einzelfälle dar.
Reoch: Folter kommt nicht vor, weil eine Person sadistisch ist, sondern sie ist ein ganzes System. Da spielen die Ausbildung der Truppen, militärische Disziplin, der politische Kontext und das internationale Recht eine Rolle. Man muss sich jetzt anschauen, wie die US-Soldaten ausgebildet wurden. Wurde sichergestellt, dass sie absolut klar wissen, welche Gesetze sie befolgen müssen? Wie sieht das Kontrollsystem innerhalb der Kommandokette aus? Misshandlung von Gefangenen kommt übrigens auch in den Gefängnissen innerhalb der USA vor. Seit zehn Jahren gibt es da ein Riesenproblem.
profil: Wo beginnt Folter? Seit dem 11. September 2001 setzen die USA Verhörmethoden ein, die keine Narben hinterlassen: Schlafentzug, Lärm, radikale Temperaturschwankungen …
Reoch: All das gilt laut Europäischem Gerichtshof für Menschenrechte als Folter. Dafür wurden die Briten in Nordirland verurteilt, und genau das haben die USA in Südafrika kritisiert. Das ist der Gipfel der Scheinheiligkeit.
profil: Im spektakulären Entführungs- und Mordfall Jakob von Metzler 2002 in Deutschland wurde das Opfer erst gefunden, nachdem dem Entführer beim Verhör extreme Schmerzen angedroht worden waren. Im Verfahren gegen den Polizisten ist bislang kein Urteil gefällt worden.
Reoch: Das ist ein klassisches Beispiel für den Verfall der menschlichen Gesellschaft. In Europa sollte man gelernt haben, dass es ernsthafte Probleme gibt, wenn der Staat damit beginnt, Gesetze zu brechen. Folter ist neben Völkermord einer der wenigen menschlichen Akte, die international als so schweres Verbrechen eingestuft werden, dass sie überall auf der Welt verfolgt werden können. Wir erwarten vom Staat, dass er seine Macht auf allen Ebenen gesetzeskonform einsetzt. Wenn dieses Prinzip gebrochen wird, sind wir nur ein paar Zentimeter von sozialer Anarchie entfernt.
profil: Sollte US-Verteidigungsminister Rumsfeld zurücktreten?
Reoch: Natürlich. In der Demokratie gibt es die Tradition, dass ein Regierungsmitglied für das Verhalten der ihm unterstellten Staatsbediensteten die Verantwortung übernimmt. Diese Tradition wurde in vielen westlichen Ländern im vergangenen halben Jahrhundert ernsthaft geschwächt. Es gibt heute nicht mehr denselben Ehrenkodex wie früher. Aber Folter ist ein so ernsthaftes Problem, dass die Verantwortung dafür sehr weit oben in der politischen Hierarchie übernommen werden muss.
profil: Der US-Präsident hat sich zwar für die Folterexzesse im Abu-Ghraib-Gefängnis entschuldigt. In Guantanamo jedoch, wo die USA Terrorverdächtige festhalten, wird immer noch internationales Recht gebrochen.
Reoch: Das ist genau der Punkt. Da ist es kein Wunder, wenn einfache Soldaten Gefangene misshandeln. Aber auch das Gegenteil stimmt: Folter konnte in jenen Fällen gestoppt werden, in denen Regierung und Militärführung klarstellten, dass sie solche Praktiken unter keinen Umständen tolerieren. Ich kenne einen General der Regierungstruppen in Sri Lanka, das in einem Bürgerkrieg steckt. Er ist einer der effektivsten Folterbekämpfer, die ich je getroffen habe. Er wusste, dass jede Folterung unter seinem Kommando die Sicherheit seiner Leute gefährdete, weil sie Hass und Misstrauen schürte und damit Nahrung für Angriffe auf seine Truppen lieferte. Er arbeitete eng mit dem internationalen Roten Kreuz zusammen, um die Folterer in seiner Truppe zu identifizieren.
profil: Kann Folter ein wirksames politisches Instrument sein?
Reoch: Folter ist nicht nur unmoralisch und illegal, sie ist auch nutzlos und kontraproduktiv. Sie produziert keine verlässliche Information, und gleichzeitig stellt jeder Gefolterte die Legitimität des Staates infrage. Es genügt ein einziges Opfer, damit die Leute sagen: Sie reden von Demokratie und Menschenrechten, aber schaut euch die Narben an! Nichts hat beispielsweise die französische Herrschaft in Algerien stärker untergraben als die Leichen der Folteropfer französischer Paramilitärs. Wenige Monate später war Frankreich auf dem Rückzug und Algerien ein unabhängiges Land. Folter ist etwas vom Dümmsten, was Menschen tun können.