„Es gibt keinen Sonderweg“: Kardinal Christoph Schönborn im Interview

Kardinal Christoph Schönborn über den Kampf gegen Missbrauch, die Folgen der sexuellen Revolution und den kirchlichen Bann von Kondomen trotz Aids.

Interview: Otmar Lahodynsky

profil: Sie waren gerade im Vatikan. Was wird der Papst im Hirtenbrief an die Gläubigen in Irland zu den Missbräuchen durch Priester an Jugendlichen mitteilen?
Schönborn: Das Wort des Papstes wird nicht nur für die Gläubigen in Irland, sondern für die ganze Weltkirche Gültigkeit haben. Die zentralen Punkte sind klar: Die erste Sorge gilt den Opfern, es geht aber auch um verstärkte Vorbeugung.

profil: Sie haben bei Bekanntwerden der neuen Missbrauchsfälle in Österreich mehr Verständnis für die Opfer eingefordert. Wie soll dies konkret ablaufen?
Schönborn: Vor allem geht es um ein offenes Herz für die Opfer, um Verständnis für ihren Schmerz.

profil: Übernimmt die Kirche die Kosten für Therapien? Soll es Entschädigungszahlungen geben?
Schönborn: Das ist im Einzelfall zu klären. Normalerweise gehen wir davon aus, dass der Täter Kosten übernimmt.

profil: Sie haben eine Debatte über den Pflichtzölibat befürwortet. Sehen Sie einen direkten Zusammenhang mit den Missbräuchen?
Schönborn: Ich habe in „thema kirche“ nicht den priesterlichen Zölibat infrage gestellt, sondern dafür plädiert, einen zölibatären Lebensentwurf konsequent zu leben. Alle Experten sagen uns, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Missbrauch und Zölibat gibt. Die meisten Missbrauchstäter sind offensichtlich verheiratete Männer.

profil: Sie haben in den Folgen der 68er-Revolution und der sexuellen Freizügigkeit eine Mitschuld erkannt. Ist nicht vielmehr das gestörte Verhältnis der katholischen Kirche im Umgang mit Sexualität das Problem?
Schönborn: Ich habe in meiner Ordenszeit selbst erlebt, wie die Mentalität der „sexuellen Revolution“ sich auch in den Orden breitgemacht hat, nach dem Motto: Ich habe Ehelosigkeit versprochen, aber nicht sexuelle Enthaltsamkeit. Die Folgen dieser doppelzüngigen Einstellung waren dann zu sehen. Ist der Umgang der Kirche mit Sexualität „gestört“? Oder ist dieser Umgang nicht vielmehr für jeden Menschen eine Aufgabe und oft ein Problem?

profil: Ist der kirchliche Bann von Kondomen angesichts der Aidsverbreitung etwa in Afrika zulässig?
Schönborn: Ich kann nur sagen, was mir afrikanische Bischöfe berichten: Verteilungsaktionen von Kondomen bleiben wirkungslos, wenn man nicht bei den tiefen sozialen Ursachen der Pandemie ansetzt.

profil: Viele Gläubige sind für eine Neuregelung der Stellung der Frau in der Kirche, einschließlich Zugang zum Priesteramt.
Schönborn: In Sachen Zugang zum Priesteramt für Frauen gibt es klare weltkirchliche Festlegungen, die auch auf die Ökumene – siehe Ostkirche – Bezug nehmen. Ansonsten sollten wir den Frauen viel mehr Raum in der Kirche geben. In der Erzdiözese Wien zum Beispiel sind viele Spitzenpositionen mit Frauen besetzt.

profil: Wie stehen Sie zu Aussagen von Bischöfen, die Homosexualität als Krankheit einstufen?
Schönborn: Solche Aussagen sind Randmeinungen. Die Haltung der Kirche zu den Homosexuellen wird im „Katechismus der katholischen Kirche“ klar definiert: Keine Diskriminierung!

profil: Wurde nicht wertvolle Zeit seit der Affäre um Kardinal Groer vergeudet? ­Warum konnten vor allem in Ordensinternaten weiterhin so viele Übergriffe auf Zöglinge stattfinden?
Schönborn: Die Kirche hat nach der Affäre konsequent gehandelt: Einrichtung der ersten Ombudsstelle 1996, anschließend Einführung des verstärkten Screenings der Priesteramtskandidaten mit Betonung auf dem Aspekt psychosexueller Gesundheit, 2006 Erarbeitung und Veröffentlichung des Maßnahmenkatalogs zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs. Die Orden ziehen jetzt nach.

profil: In mehreren Fällen wurden Täter einfach nur versetzt, manchmal kamen sie wieder mit Jugendlichen in Berührung. Was halten Sie von Forderungen nach ­einer automatischen Anzeigepflicht bei
der Justiz?
Schönborn: Es war sicher falsch, wenn Täter einfach „versetzt“ wurden und sie wieder Gelegenheit hatten, mit Kindern und Jugendlichen in Berührung zu kommen. Über die Forderung nach einer automatischen Anzeigepflicht gibt es unter Juristen und sonstigen Fachleuten unterschiedliche Meinungen. Das muss noch weiter diskutiert werden.

profil: Warum gab es so wenige kirchengerichtliche Verfahren gegen Täter? Warum keine einheitlichen Regelungen für ganz Österreich, warum keine Vernetzung der Ombudsstellen und keine Statistiken?
Schönborn: Mit der Regelung all dieser Fragen haben die österreichischen ­Bischöfe bei ihrem letzten Treffen eine Projektgruppe unter Leitung des Wiener Generalvikars Franz Schuster beauftragt: ­Vernetzung, österreichweite Statistik, Implementierung des Maßnahmenkatalogs gegen sexuellen Missbrauch in ganz Österreich.

profil: Es gab Kritik bei der jüngsten Delegiertenversammlung im Stephansdom, weil Sie die von Ihnen zugesagte Weiterleitung von Fragen der österreichischen Gläubigen an Vertreter der Weltkirche nur kurz gestreift haben.
Schönborn: Es geht mir um zwei Aspekte: Ich leite die Anliegen österreichischer Katholiken an die zuständigen Stellen der Weltkirche weiter. Aber ich betone gleichzeitig: Es gibt für die Kirche in Österreich keinen Sonderweg, keinen Weg an den Vorgaben der Weltkirche vorbei.

profil: Was sagen Sie zur Kritik der von ÖVP-Politikern, wie Andreas Khol oder Erhard Busek, ­gegründeten „Laieninitiative“, wonach die Kirche in Bedeutungslosigkeit untergehen könnte, weil sie sich zu wenig um die wirklichen Probleme der Gesellschaft kümmere?
Schönborn: Ich weiß nicht, ob die Kirche mit ihrem dichten solidarischen Netz der 3000 Pfarrgemeinden und mit ihrer Caritas nicht manchmal näher an den Sorgen und Freuden der Menschen ist als die ­Politik.

profil: Sie sprachen sich für die Beibehaltung des NS-Verbotsgesetzes aus. Wie stehen Sie zur Unterstützung der „Kronen Zeitung“ für Frau Rosenkranz? Sie schreiben ja regelmäßig in der „Kronen Zeitung“ Kommentare.
Schönborn: Kommentatoren müssen nicht mit allen Meinungen des Blatts übereinstimmen, in dem sie schreiben.

profil: Wie wollen Sie die derzeitige Welle von Kirchenaustritten stoppen? Was sagen Sie einem Gläubigen, der jetzt wegen der Missbrauchsfälle die katholische Kirche verlassen will?
Schönborn: Ich sage ihm, dass die Kirche alles tut, um angerichteten Schaden gutzumachen und weiteren Schaden zu verhindern. Und ich sage ihm, wie viel ich für mein Leben selber der Kirche verdanke. Sie ist für mich seit meiner Jugend der Ort meiner Gotteserfahrung, am Ende des ­Tages ist die Gottesfrage die alles entscheidende.