Essay: Älter, frecher & besser

Vor dreißig Jahren hat eine junge Autorin mit ihrem ersten Buch die Welt schockiert: „Angst vorm Fliegen“ von Erica Jong veränderte die weibliche Sexualität. Jong und ihre Leserinnen sind inzwischen Großmütter – und haben immer noch ein gesundes Verlangen nach Sex. Erica Jong erklärt, weshalb. Erica Jong, 62: Mit ihrem Debütroman „Angst vorm Fliegen“ wurde die gebürtige New Yorkerin 1974 schlagartig weltberühmt. Das literarische Plädoyer für die hemmungslos ausgelebte weibliche Libido ließ die Autorin schnell zu einer feministischen Galionsfigur werden – bis heute gilt Jong, deren Romane und Essays von einer entwaffnenden Intimität und Offenheit geprägt sind, als eine der entscheidenden Stimmen in der US-Frauenbewegung. Ihre neue Erzählung „Sappho“ erscheint im Herbst in deutscher Übersetzung bei Ullstein, die Essaysammlung „Der Buddha im Schoß. Über Sex, Macht und Literatur“ ist bei dtv erhältlich.

Es ist noch gar nicht allzu lange her, da akzeptierten Frauen eines bestimmten Alters, oft freudig und erleichtert, ihren Status jenseits der Sexualität. Sie hatten gute Ratschläge für die jüngere Generation parat, sie lehrten Tischmanieren, sie unterrichteten, wie man Walzer tanzt (oder Charleston) und wie man ein Kondolenzschreiben verfasst – diese Frauen waren die entscheidenden Vermittler sozialen Wissens. Es war offensichtlich, dass sie niemals versuchen würden, dir deinen Freund wegzuschnappen. Das hatten sie hinter sich.

Meine Großmutter war in ihren späten Fünfzigern, als ich geboren wurde. Aufgewachsen in Russland und England, war sie in ihrer Jugend eine aparte Schönheit. Später, mit fortschreitendem Alter, bevorzugte sie schwarze Samtanzüge mit weißen Seidenblusen – dazu Perlenketten, weiße Handschuhe und bequeme, schwarze Schuhe mit nicht zu hohen Absätzen. Sie trug kaum je Farben, kein Make-up, mit Ausnahme eines Hauchs von Pink auf ihren Lippen, wenn sie zu den New Yorker Philharmonikern oder zum Dinner ging. Sie kleidete sich auf jene elegante Art, in der sich Frauen kleiden, die ihr Alter akzeptieren. Ihre Zeit des Flirtens war vorüber, und ihre Kleidung drückte das aus: Ich bin eine Lady, ich bin eine Großmutter – und ich liebe es. Ihre Ruhe, ihre zuvorkommende Art und ihr mütterliches Selbstverständnis gaben mir und meinen Schwestern ein Gefühl der Sicherheit. Niemals stand sie mit uns im Wettbewerb, als wir aufwuchsen: Wenn Jungs bei uns zu Hause anriefen oder uns abholen kamen, regte sie das nie auf.

Unsere Mutter flirtete mit Leidenschaft und stilisierte ihr Auftreten. Ihre Designerkleider verstaute sie erst im Kleiderschrank, als sie um die 90 war, als sie diese gegen Nachthemden und Kaftane eintauschte. Unsere Großmutter war der Fels in der Brandung.

Denken Sie an die alternden Kurtisanen in den Büchern der Schriftstellerin Colette, etwa Léa in dem Roman „Chéris Ende“ oder die Großmutter in „Gigi“: Diese Frauen waren nicht asexuell – sie hatten es nur hinter sich und waren froh darüber. Dies gab ihnen Zeit, die jüngere Generation zu erziehen. Von allen Schriftstellerinnen begriff Colette den Übergang vom sinnlichen Wesen zur großmütterlichen Lehrerin am besten. Léa ist immer noch sexuell aktiv, als sie sich einen Jungen, den sie Chéri nennt, zum Liebhaber nimmt. Er ist willig und unermüdlich im Bett, er ist 19 und eine wandelnde Dauererektion – aber das ist nicht wirklich wichtig. Wichtig ist, dass er seine alternde „Nounoune“ (wie er sie von Kindheit an nennt) liebt und sie das Leben selbst für ihn bedeutet.

Léa, halb Mutter, halb Geliebte, weiß, dass Chéri – eher früher als später – ein Mädchen seines Alters heiraten wird und sie ihn dann loslassen muss. Doch bis dahin kostet sie das Leben mit ihm in vollen Zügen aus, Chéri wiederum genießt ihre Zärtlichkeiten ebenso sehr wie den Sex – der im Buch nie explizit erwähnt wird, aber deutlich präsent ist. Er liebt es, Léas Perlen auf seinem nackten Körper zu tragen, er ist ein schlanker, muskulöser Adonis im Bett mit einer alternden Aphrodite.

Léa ist 49. Sie trägt pinkfarbene Kopftücher, wickelt durchscheinende Stoffe um ihren faltigen Hals und schmückt ihr Schlafzimmer mit rosa Seidenstoffen – obwohl eine derartige Ausschmückung nicht mehr in Mode ist. Sie ist eine Frau in der Blüte ihrer Jahre, und sie weiß, was sie weiß. Sie ist entweder perfekt angezogen oder vollkommen nackt – nichts dazwischen.

In „Chéris Ende“ heiratet Chéri das Mädchen, das altersmäßig zu ihm passt – und wird mit ihr unglücklich. Sie hat keine Ahnung von seinen Bedürfnissen, sie ist eingebildet und dumm, sie verwöhnt und befriedigt ihn nicht wie seine Nounoune. Chéri versucht, zu seiner alternden Aphrodite zurückzukehren (und tut dies auch für kurze Zeit). Léa beendet die Affäre. Sie weiß: Chéri muss endlich erwachsen werden. Sie schneidet sich die Haare, wird fett und trägt biedere, zeltartige Kleidung. Als Chéri sie wieder sieht, ist er entsetzt. Der Leser aber weiß, dass Léa nicht wegen ihres fortgeschrittenen Alters auf Sex und Liebe verzichtet, sondern weil sie aus Chéri einen Mann machen will – indem sie ihn nicht mehr bemuttert.

Nun zur Gegenwart. Colette ist Vergangenheit (sie starb 1954), und die Generation der Babyboomer beginnt ebenfalls grau an den Schläfen zu werden. Ich lese gerade ein amüsantes Buch von Jane Juska, die nun in ihren Siebzigern ist. „Bevor ich 67 werde ...“ erzählt die Geschichte einer Frau um die 60, deren erwachsener Sohn das Haus verlassen hat und die als Lehrerin in Pension gegangen ist. Sie entscheidet sich, nach jahrelanger Abstinenz wieder Sex zu haben.

Ich finde Juska gut. Anthony Trollope ist ihr favorisierter Schriftsteller; sie schreibt mit leichter, ironischer Hand und kann Geschichten über sich selbst erzählen – das Merkmal jedes guten Schriftstellers. Und glücklicherweise nimmt sie sich selbst nicht zu ernst.

In ihrem Leben hatte sie viel Unglück zu bewältigen: Ihre erste Heirat endete im Desaster, ihren Sohn aus dieser Ehe himmelt sie an. Juska durchlitt eine lange Krankengeschichte – krankhafte Fettleibigkeit, Hungerkuren, Verleugnen ihrer Sexualität.

Ihre Rettung findet sie im Seelenleben – der richtige Therapeut kommt genau zur richtigen Zeit, als sie nämlich bereit für Veränderung ist. Und sie entschließt sich, wieder Sex zu haben, ehe es zu spät ist. Sie wendet sich (wohin sonst?) nicht ans Internet, sondern an die „New York Review of Books“ und platziert eine Kontaktanzeige: „Bevor ich – nächsten März – 67 werde, möchte ich Sex mit einem Mann, der mir gefällt. Falls Sie vorher reden wollen: Anthony Trollope ist mein Lieblingsautor. Chiffre 10307.“

Sie beschreibt, was anschließend passiert: die Ausleseverfahren, die Treffen, die Angst, die Enttäuschungen; die Nieten und die netten Männer, die sie trifft, nachdem sie mehr als 40 Jahre lang beinah ohne Sex gelebt, die Welt der Sinnlichkeit gemieden hat. Was für eine mutige Frau, sich mit 67 auf so was einzulassen! Ich denke an meine eigenen Affären, zwischen meinen Ehen, im Alter von 23, 39 und 47; und wie sich die sexuellen Sitten jedes Mal völlig geändert hatten, als ich wieder mal Single war. Ich möchte Juska für ihre Courage würdigen. Sich mit 67 wieder zu verabreden, sich mit 67 vor einem Fremden nackt zu zeigen! Wie mutig! Sie muss gute Nerven haben! Oder auch: wie dumm! Und dann schreibt sie auch noch darüber! Das braucht Mut! Ich bewundere so was weit mehr als Bedachtheit und Verdrängung. Mut setzt die Welt in Bewegung.

Juska riskiert zum ersten Mal etwas. Sie wird zu einer Inspirationsquelle für ihre Freundinnen, indem sie die unterschiedlichen Chiffre-Interessenten trifft. Sie hat Schneid, und sie sucht nach Selbsterkenntnis. Sie ist eine Lehrerin, die sich selbst unterrichtet. Sie glaubt, genauso wie ich, dass Leben ohne Selbsterforschung nicht wert ist, gelebt zu werden.

Wo lernen wir mehr als im Bett? Im Bett lernen wir, wovor wir uns fürchten, was uns freut. Das Bett ist der Ort, an dem wir herausfinden, wer wir sind. Juska ist eine Lehrerin, und das Bett wird zu ihrem Klassenzimmer; sie lernt und sie unterrichtet. Was sie schließlich weiß, ähnelt dem, was ich in meinen achteinhalb Jahren Single-Dasein, zwischen meiner dritten und vierten Heirat, lernte: Männer sind nicht der Feind. Sie haben genauso viel Angst wie wir, vielleicht sogar mehr; Sex funktioniert nur, wenn man gleichzeitig Freund und Lustobjekt für den anderen ist; Männer können Spaß machen und das Leben einer Frau bereichern.

Aber sie sind nicht zwingend notwendig. Freundinnen sind notwendig. Man könnte sagen: Männer sind nicht der Hauptgang, sondern das Dessert, Freundinnen und Kinder sind die Hauptmahlzeit. Männer halten sich selbst für wichtig – schön für sie! Für Frauen bedeutet Weisheit: zu wissen, dass man für sich selbst sorgen kann – mithilfe vertrauter Freundinnen, mithilfe von Kindern und Enkelkindern (auch wenn diese natürlich mit sich selbst beschäftigt sind). Ich habe in letzter Zeit mehr als nur einen weinerlichen Artikel von Männern gelesen, in dem diese sich beklagen, wie unabhängig die Frauen geworden seien. Diese Männer beschweren sich verwundert darüber, dass die neue Frau keine Sicherheit benötigt, gerne alleine schläft, ihre Privatsphäre schätzt und die Möglichkeit genießt, ihr Leben selbst zu gestalten – und dennoch Männer für Freundschaft und Sex will. Sie verweigert die Treue zu einem bestimmten Partner und macht keine Kompromisse, was ihre finanzielle Unabhängigkeit, Kinder oder die Gestaltung ihrer Wohnung betrifft. Sie mag Männer, möchte aber von keinem beherrscht werden. Männer scheinen äußerst gereizt und verblüfft auf diese neue Selbstständigkeit zu reagieren. „Die Frauen verhalten sich wie wir Männer früher!“, klagen sie. „Das ist nicht fair!“ Männer agieren heute wiederum wie die Frauen von früher – sie versuchen, ihre Freundinnen mittels Heirat in die Monogamie zu zwingen. Diese Männer kochen für ihre Frauen, verwöhnen sie, versuchen sie in Partnerschaften zu zwängen, um ihre Frauen dazu zu bringen, nicht mit anderen Männern zu schlafen. Aber die neue Frau will das nicht. Sie verteidigt ihre Freiheit. Sie will zwar einen Mann in ihrem Bett – für ein paar Nächte in der Woche; es ist für sie aber absolut in Ordnung, ihn wieder ziehen zu lassen, nachdem sie mit ihm geschlafen hat. Was für eine wunderbare neue Welt, in der solche Frauen leben!

Juskas Geschichte ist sicher nicht einmalig. Frauen nach der Menopause steigen jetzt wieder in die Betten, ohne sich dabei binden zu wollen. Zum Beispiel Erica Barry, gespielt von der wunderbaren Diane Keaton in „Something’s Gotta Give“. Barry ist eine wohlhabende Dramatikerin, die sich (für mich unbegreiflich) in den Freund ihrer Tochter verliebt, der von Jack Nicholson gespielt wird. Die Anziehungskraft dieses Liebhabers besteht darin, dass er Viagra wie Bonbons zu sich nimmt, eine Herzattacke nach der anderen erleidet und kurioserweise für Frauen über 30 anziehend wirkt. Ich fand diese Figur ziemlich abstoßend, einmal abgesehen von Nicholsons Augenbrauenspiel; ich hätte mich für den jungen Doktor, dargestellt von Keanu Reeves, entschieden. Keatons schauspielerische Leistung ist ein Wunder. Darüber hinaus sieht sie großartig aus (obwohl sie 1946 geboren wurde) – und dem Gerede nach zu urteilen, das ihr Aussehen in diesem Film nach sich zog, möchte man glauben, mit 58 sei sie bereits in Methusalems Alter. Die Ausstaffierung von Keaton ist ebenso bizarr. Sie spielt eine Frau, die offenbar fürchtet, dass ihr der Kopf vom Hals fiele, wenn sie aus ihrem Rollkragenpullover schlüpfte. Eingepackt in weiße Baumwolle bis unters Kinn, erscheint sie gleich zu Beginn des Films wie eine Nonne irgendeines seltsamen Ordens. In einer späteren Einstellung zieht sie ihre Rüstung aus und erscheint kurz nackt, worauf die Kritiker reagierten, als hätte Keaton in dieser Szene ein Mittel gegen den Krebs erfunden. Ist das Fleisch von über 50-Jährigen so inakzeptabel, dass wir niemals unsere Panzer ablegen sollten? Der Film zeige endlich, so war in Besprechungen zu lesen, dass auch ältere Frauen sexuelle Lust empfinden würden – ich fand ihn voll von unbewusstem Frauenhass.

Das bringt uns zum Film „Die Mutter“, in dem Anne Reid eine Witwe spielt, die glaubt, dass sie nie wieder von jemandem berührt werden wird – außer von einem Leichenbestatter. „Die Mutter“ ist ein weitaus subtilerer, ein zu Herzen gehender Film. Wir beobachten May, eine alternde Hausfrau, die auf der Reise zu ihren erwachsenen Kindern nach London ist. Während des Besuchs erleidet ihr Mann eine Herzattacke. Nach seinem Tod will May nach Hause zurückkehren, sie merkt jedoch, dass sie nicht wie ihre Freunde die Zeit vor dem Fernseher vertrödeln und nur darauf warten will, ins Altersheim zu kommen. Sie entscheidet, bei ihren Kindern zu bleiben und sich in der kühlen, ungewohnten Atmosphäre von deren Wohnungen einzurichten. Paula, ihre Tochter, hat eine Affäre mit einem Tischler namens Darren.

Darren ist einer dieser Herumtreiber, von dem sich Frauen jeden Alters erotisch angezogen fühlen – seine Wut auf die Welt und die Frauen verbirgt sich hinter Zärtlichkeit und seinen Fähigkeiten im Bett. May, selbst am allermeisten überrascht, küsst ihn und lädt ihn dann ins „Gästezimmer“ ein – wo es überaus heftig zur Sache geht. Paula kann sich dagegen nicht vorstellen, dass ihre Mutter eigene Bedürfnisse hat – für die Tochter ist May nur als Babysitterin, Putzhilfe und emotioneller Müllabladeplatz vorstellbar. Jedenfalls bis ihr klar wird, dass es ihre Mutter mit Darren treibt – worauf sie May ein blaues Auge schlägt.

Noch schockierender als die Sexualität zwischen einer 60-jährigen Frau und einem Mann um die 30 – eine Begebenheit, die wahrscheinlich so alt ist wie die menschliche Zivilisation – ist die Verderbtheit des ungelösten Mutter-Tochter-Konflikts. May ist eine Frau, die ihr Leben ihrem Mann und den Kindern geopfert hat, einfach deshalb, weil sich das „so gehört“. Sie hat nie versucht herauszufinden, wer sie eigentlich sein wollte – das Zeichnen, das Schreiben und ihr junger Liebhaber sind ihre ersten zögerlichen Versuche, sich selbst kennen zu lernen. Darren ist zwar voller Wut, aber er beschert May flüchtige Freuden und ein neues Selbstverständnis als jemand, der nicht in der Sklaverei der Familie lebt.

Der Schauspieler Daniel Craig stattet den Tischler Darren mit einer unwiderstehlichen Ausstrahlung aus. Mit seinem unheilbaren Selbsthass erinnert er mich zudem an einen Mann, mit dem ich in einer bestimmten Phase meines Lebens viel zu viel Zeit verbrachte. Er war mein Liebhaber, Mitbewohner, ein von mir Abhängiger. Zwar ließ die sexuelle Spannung nie nach, meine Geduld mit ihm sehr wohl – vor allem, als er begann, sich in die Betten anderer Frauen zu schleichen. Als ich ihn rauswarf, ließ er seine Hanteln, Kameras, Bücher und Hochglanzmagazine auf meinem Dachboden zurück.

Er tauchte dann später noch einmal bei mir auf, nach einer gescheiterten Ehe und als Vater zweier Söhne. Er brachte sie wohl in der Hoffnung mit zu mir, dass ich sie aufnehmen würde, so wie ich ihn damals aufgenommen hatte. Er konnte mich offenbar nur als Pflegerin oder als Sexobjekt sehen – die zwei niedlichen Knaben, so hoffte er, würden mein Herz erwärmen. Es war ein wenig traurig, aber ich schickte ihn und seine Kinder wieder weg.

Warum haben Frauen nach der Menopause Sex in Büchern, Filmen und im Fernsehen? Darum: Die Babyboomer haben immer schon viel von der Welt erwartet. Warum sollten sie die gesundheitlichen Vorteile des Sex wegen ein paar Falten aufgeben? Die Angehörigen dieser Generation gingen stets ihren Weg: In den sechziger Jahren ließen sie das Erlaubte hinter sich – und jetzt sehen sie nicht ein, warum sie sich ruhig verhalten sollten, nur weil sie 60 sind. Ist Sex für sie wie ein Vitaminstoß – etwas, das man konsumiert, um die Lebenserwartung zu steigern? Wir wissen, dass Paare länger leben als Singles. Wir wissen auch, dass unsere Generation dem Gesundheitswahn erlegen ist. Warum sollten wir Intimität und Sexualität aufgeben, nur weil unsere Kinder darüber schockiert sind, dass wir immer noch Sex brauchen? Kümmert euch um euren eigenen Kram! Wir werden unseren Weg weitergehen, bis man uns, die Füße voran, hinausträgt.

Ist das eine neue Entwicklung, dass ältere Frauen vermehrt Sex genießen, ein Trend, der sich aus einer immer älter werdenden Gesellschaft ergibt? Werden wir die Älteren dabei beobachten können, wie sie sich allerlei jugendliches Verhalten aneignen, vom Rollerbladen bis zum Komponieren von Liebesliedern? Ich denke, ja. Unsere Kinder werden sich an die Vorstellung gewöhnen müssen, dass sie den Markt für Lust und Liebe nicht für sich allein in Beschlag nehmen können. Einfach wird das nicht werden: Sie wollen uns als nette alte Großmütter, die sich kostenlos um ihre Babys kümmern, sie wollen uns nicht mit einem Darren im Nebenzimmer erwischen. Nicht nur, dass es sie schockiert. Es engt ihre Lebensart ein.

Die Evolution diktiert, dass wir zur Seite treten und mithelfen, die nächste Generation heranzuziehen, statt unseren eigenen Abenteuern nachzugehen. Unsere Abenteuer laufen nicht auf neue Schwangerschaften hinaus, vielmehr müssen wir unseren Kindern gebührend gerecht werden – Großeltern waren immer wichtig als Aufpasser und Lehrer. Weil Kinder so lange brauchen, bis sie unabhängig sind, ist sozialer Zusammenhalt für ihre Erziehung wichtig – und wir, die Großeltern, sind diese Gemeinschaft. Sollen wir gerade außerehelichen Geschlechtsverkehr im „Gästezimmer“ haben, wenn uns die Kleinen brauchen? Natürlich nicht. Aber die meisten von uns leben nicht in Großfamilien mit Kindern und brauchen daher auch nicht mit ihren Liebhabern in billige Motels zu flüchten. So wie wir seinerzeit vor unseren Eltern geflohen sind, müssen wir nun vor unseren Kindern Reißaus nehmen und Töpferkurse, Einkäufe oder Arzttermine vortäuschen.

Wir mögen zwar liberal sein, unsere Kinder sind es nicht. Sie haben unter unserem Chaos und unseren Scheidungen gelitten und sind nun als Generation weitaus spießiger, als wir es je waren. Sie wollen in weißen Kleidern abgehaltene Hochzeiten, Diamantringe und ewiges Glück. Alles Gute und viel, viel Glück! Wir wollen aber, als Überbleibsel der siebziger Jahre, auch im hohen Alter noch einen Hauch von Woodstock. Wir werden unser Leben zugleich vor unseren Nachkommen verstecken müssen. Das wissen wir. Zum Glück haben wir unsere eigenen Buden.

Wird Sex jemals frei von Geheimnistuerei und Repression sein? Wir glauben, ach so liberal und befreit zu sein, nun aber erwischen wir uns dabei, wie wir herumdrucksen und unsere Kinder täuschen.

Unsere Kinder glauben, dass sie Sex allein für sich haben – lassen wir sie in dem Glauben. Sie wollen sich Großmutter nicht in einem Hotelzimmer vorstellen, einen delikaten Nachmittag pro Woche lang. Vielleicht gab es aus diesem Grund nie ehrliche und offene Diskussionen über Sex nach der Menopause. Man tuschelt darüber mit engen Freunden, in eine Familienzeitung scheint das Thema keineswegs zu passen. Niemand will öffentlich eingestehen, dass Sex kein Alterslimit kennt – vielleicht ist dies auch eine Frage von ödipaler Unterdrückung.

Kinder hassen den Gedanken, dass ihre Eltern Sex haben.

Wie dem auch sei: Für die Eltern mag der sexuelle Drang eine Reaktion auf vielerlei sein, das körperliche Verlangen wird dabei weniger eine Rolle spielen als die Nähe des Todes. Sex ist eine Möglichkeit, sich davon zu überzeugen, noch am Leben zu sein. Ich denke an all die vornehmen alten Männer – Poeten, Schriftsteller, Professoren – die hinter mir her waren, als ich 22 war und einen Minirock trug: Damals taten sie mir Leid wegen ihres amourösen Eifers, den ich nicht teilen konnte. Heute verstehe ich ihre Verzweiflung – sie suchten die Bestätigung, dass sie noch immer Teil des Lebens sind, sie wollten sichergehen, dass der Engel des Todes ihnen noch nicht zu nahe gekommen war; sie glaubten, dessen dunkle Flügel über ihren Köpfen schlagen zu hören, und hofften, meine Jugend könnte sie beschützen.

Sex ist ein enorm wichtiger Antrieb für den Menschen: Sex kann uns davon überzeugen, dass wir noch fühlen können. Sex kann uns mit Hoffnung erfüllen. Sex kann den Geist und die Sinne beleben. Wenn wir Sex großzügiger definieren als bloß als Geschlechtsverkehr, so wie es auch D. H. Lawrence getan hat, so entdecken wir, dass Sex ein geheimer Schlüssel ist, mit dem wir die Welt erfahren können. Sex ist universelle Neugier, der Drang, die Hand auszustrecken und uns selbst anderen hinzugeben; aber auch das Verlangen, uns anderen zu öffnen.

Kein Wunder, dass wir so viel vom Sex lernen. Wenn wir uns nur erlauben, im Sex mehr als ein Mittel zur Reproduktion zu sehen, können wir eine Ahnung von seiner enormen Kraft erhalten. In ihren sexuellen Meditationen finden Tantra-Anhänger die Vereinigung mit Gott: Sie verwenden ihren Körper, um den Körper hinter sich zu lassen. Wir können diese sexuelle Erfahrung zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens neu entdecken – in Wahrheit sind wir darin vielleicht besser, wenn nicht allein die Hormone uns dabei leiten. Die Griechen wussten, dass Eros und Aphrodite über die anderen Götter herrschten. Vielleicht ist es an der Zeit, ihre Weisheit wieder zu entdecken.