Essay: An der frischen Luft

Das Elend des Sommertheaters: Der Wiener Schauspieler und Regisseur Peter Kern räsoniert über Jürgen Flimms Zynismus, den bizarren Festspielluxus und die Abgründe des Freiluftbühnenkults.

"Herr Kern, bitte gehen Sie 450 Meter nach rechts." So lautete die erste Regieanweisung, die ich vor Jahren bei den Freilichtspielen im schweizerischen Emmental („Die schwarze Spinne“) entgegenzunehmen hatte. Der größte Teil der Zuseher saß hunderte Meter entfernt. Mein massiver Körper wirkte auf dieser Bühne wie ein Strich in der Landschaft. Barbara Sukowa fuhr mit viel Dampf in ein Loch in der Erde, das war das Besondere. Der Teufel hatte die Macht im Emmental. Wir wurden gut bezahlt. Alle Aufführungen waren ausverkauft, viele Verkaufsideen summierten sich zu einem großen wirtschaftlichen Erfolg. Kann Kunst sein, was sich so anbiedert? Gehen wir ins Burgtheater, nur weil dort geheizt wird? Imitieren wir im geschlossenen Raum die Sehnsucht der Menschen, frei zu sein?

In über 100 Freilichtsommeraufführungen und -festivals wird auch in Österreich gespielt, was leicht und bekannt ist – und das Jahr über in den Großstadttheatern verboten scheint. Jedem Schauspieler seinen Steinbruch: Sommer ist die Zeit, die Sau rauszulassen. Kaum ist das Ende der Wiener Festwochen mit Luc Bondys Hotzenplotz-Version des „König Lear“ angebrochen, die Kritiker-Mafia auf Urlaub und sind die Opern- und Schauspielhausintendanten auf Altersheimsuche, werden die Schauspieler läufig. „Der brave Soldat Schwejk“ treibt sein Unwesen in St. Florian, in Amstetten spielt man „Hair“, das Musical für Altkiffer, und in Kobersdorf setzt man sich einen „Floh ins Ohr“. Der „Faust“ macht im Burghof von Perchtoldsdorf den Bildungsnotstand wett, und auf der Rosenburg geht man auf Nummer sicher und spielt „Was ihr wollt“. Die Kassen klingeln, die „Kulturstädte“ finanzieren sich ihren Winter und spielen, was dem Publikum gefällt.

Auch ich war der Gier verfallen und wollte vor vielen Jahren die Buhlschaft im Salzburger „Jedermann“ spielen. Es wurde dann leider, 1988, nur ein Freund des „Bauern als Millionär“ (Titelrolle: Otto Schenk) daraus. Regie: Jürgen Flimm. Er hatte einst als Assistent des Otto Schenk begonnen, der seinerseits nie aufgehört hat, Flimm als seinen Assistenten zu betrachten. Nun wurde ich zu einer Talkshow auf 3sat gebeten. Ich erzählte dort offen und munter, wer eigentlich in Salzburg die Richtung bestimmt. Am andern Morgen in der Garderobe des Salzburger Landestheaters drang aus dem Lautsprecher die scharfe, bestrafende Stimme des Inspizienten: „Herr Kern, sofort auf die Bühne, Regisseur Flimm erwartet Sie!“ Leicht den Kopf nach vorn gebeugt, etwas buckelig auftretend, servierte ich mich als Untertan, als Kriecher. So lieben es die Spielführer. Ich war allein auf der großen Bühne, stellte mich dem Tribunal. Hinter dem Regiepult Jürgen Flimm, neben ihm stehend, die Arme in die Hüften gestemmt: Otto Schenk.

Wer hätte denn ahnen können, dass ausgerechnet Schenks Frau zu jenen paar Zuschauern zählte, die 3sat sehen? Flimm maßregelte mich also: „Damit dass klar ist, hier führe ich Regie, und wenn dir das nicht passt, kannst du ja gehen.“ Flimm war zu jener Zeit noch Intendant des Hamburger Thalia-Theaters, ein beliebter Regisseur, dem die Schauspieler Vertrauen schenkten. Otti versuchte, die Sache mit dem ihm eigenen Zurechtweisungs-Charme zu mildern: „Er muss ja nicht gleich gehen, aber so was macht man nicht.“ Ich nickte nur und sagte deutlich: „Kritik nach innen, Solidarität nach außen.“ Otti hörte mir längst nicht mehr zu, teilte Flimm schon wieder mit, was er als Nächstes zu inszenieren hätte.

Flimm inszenierte sich in den folgenden zwei Jahrzehnten bekanntlich bis zum Intendanten der Salzburger Festspiele. „Mir fehlt der Mut“, erzählt der Jongleur von linker Ideologie und rechtem bürgerlichem Elitepublikum heute einer Zeitung. Wenn beim Hirschen in Salzburg die Frittatensuppe 7,50 Euro kostet, steht allerdings fest, dass man den Mut zu neuer Kunst verlieren muss und sich Hoffnung auf politische Haltung und neue Theaterformen nicht mehr machen kann. Die moderne Oper etwa: Man sucht sie vergeblich im Spielplan 2007. Jan Fabres „Requiem für eine Metamorphose“, eine theatralische Totenmesse, ist vielleicht die einzige wirkliche Uraufführung. Österreich ist längst dort angekommen, wo alle Träume enden: in einer Kulturpolitik der Anpassung und der Mittelmäßigkeit. Alexander Kluge hat es uns vorher gesagt: „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Der Film- und Theaterregisseur Jörg Kalt („Crash Test Dummies“) konnte sich mit Humor nicht mehr retten. Unlängst noch sagte er, ehe er sich das Leben nahm: „Ich spüre ein gewisses Interesse an sprechenden Tieren, die Selbstmord machen. Und an der Vorstellung, dass die Sonne eines Tages nicht mehr aufgeht.“ Ich erinnere mich an eine Wüstenlandschaft im glutroten Atlasgebirge. Das Leben abgenagt, keine grüne Hoffnung, nur vereinzelt Olivenbäume, denen Ziegen die Früchte wegfressen. Langsam und mit schwerem Gang legt sich eine abgemagerte Katze zum Sterben auf die Mitte der Straße. In einem japanischen Film schlägt sich die Mutter die Zähne aus, um Platz für die Hungrigen zu machen. Ihr Sohn trägt sie zum höchsten Punkt des Berges, dort wartet sie aufs Erfrieren. Der Schauspieler und Regisseur Georg Staudacher sprang aus dem Fenster. Es wird Zeit, diesen Sog in die Tiefe des Erfrierens zu überdenken.

Die Kulturförderer, Gremien und Besserwisser haben die Fantasie auf dem Gewissen. Jürgen Flimm hat uns vor Jahren vor der Sponsorkultur gewarnt: Die Macht des Geldes könnte die Kunst vereinnahmen. Jetzt sitzt er mittendrin im Finanzelend, umgeben von Förderern der aristokratischen Sommerfrische. Er bedient das Bürgerspublikum und macht sich über Bayreuth lustig. Bei so viel Zynismus bleibt ihm nur noch die Intendanz in Mörbisch. Heuer spielt man dort „Wiener Blut“ – eine „Blutwurst“ eher, schlecht gewürzt, fett subventioniert. Eine bedrohliche schwarze Wolke legt sich über das Publikum. Was sich als Klimakatastrophe ankündigt, ist nur der Parfümgestank der Wiener. Operette auch im Publikum. Vizekanzler Molterer wendet sich dem Bundeskanzler Gusenbauer zu: „Schön hinaufschauen, heute werden die Eurofighter geliefert.“ Plötzlich ein Schuss, alle wenden sich der Bühne zu. Der Innen- zum Außenminister: „Wer hat den Schießbefehl gegeben?“ Man sieht den Paukisten mit dem Schlagstock in der Hand. Doch in der letzten Reihe, wo es weniger nach Dior riecht, mehr nach Insektenvernichtungsmittel, hat eine ältere Frau mit Fernglas gesehen, was wirklich passiert war. Eine Vorhut aus Gelsen hatte den Stückbeginn nicht abwarten wollen und sich auf die Pauke gestürzt. Der Paukist, in Sorge um sein Instrument, hatte versucht, mit einem Schlag die Tiere zu vernichten. „Operette mit Paukenschlag“ im Gelsenstaat Österreich.

Und das Theater von vorgestern denkt nicht an das Klima von heute und morgen. Die Intendanten haben verschlafen, dass sie es mit neuen Witterungsverhältnissen zu tun haben. Inzwischen kommt der „Sturm“, den Shakespeare bestellt hat. Im Sommer wird garantiert kein Jelinek-Stück gespielt. Wäre doch schön: die „Elfriede-Jelinek-Sommerspiele“. Eine Gegend besinnt sich der Geschichte ihrer großen Tochter. Vielleicht nicht vor einer Burg oder einem Schloss, nein, gleich vor und im Krankenhaus von Mürzzuschlag – dem Geburtsort der Nobelpreisträgerin. Ihre wunderbare Sprache, vom Feuilleton als „Textfläche“ beschrieben, wird nun zur blühenden Textwiese: ein Sport- und Wanderstück von der Pathologie hinauf in die „Intensivstation Österreich“.

1600 Busse werden allein im Römersteinbruch von St. Margarethen zu „Nabucco“ erwartet. Sie bringen die 190.000 Besucher, die im VIP-Catering-Bereich mit Köstlichkeiten verwöhnt werden und sich am Festspielkulinarium delektieren: eine Flasche Blaufränkischer, 180 Gramm getrüffelte Honigwalnüsse, 180 Gramm Triester Trauben, ein weihnachtlicher Stuckengel, eine „Nabucco“-CD, verpackt in einer Holzbox, alles zusammen nur 34 Euro (exklusive Eintritt). Die Ö1-Kritikerin kommentiert dann: „Vom heutigen Opernalltag enttäuschte Besucher holen sich hier neue Energie, um die kommende Saison mit all ihren neumodischen Regieexperimenten zu überstehen.“ Die Wiener werden also mit modernen Klängen strapaziert, könnte man meinen, aber Herr Holender, Wiens Staatsoperndirektor, hält sein Publikum schon mit „Manon“ für überfordert und spielt seit Jahren keine moderne Oper mehr.

Wo man mit Inhalten nicht weiterkommt, versucht man, den Mangel mit Kulissen und technischem Aufwand wettzumachen. In Bregenz am See: nur ein Bühnenbild, hier ein Auge, dort ein Berg. Natürlich braucht der See kein Bühnenbild, der Sänger kein Mikrofon, der Schauspieler kein Kostüm, das Orchester keinen Freiluftraum. Opernhäuser und Schauspielhäuser werden von Akustikern gebaut. Der Klang entsteht im Raum durch die Kraft des Denkens, den Schweiß der Künstler und den Geruch des Publikums. Der Dunst des Sees verändert den Klang der Musik. Wo gehen die Klänge hin, wenn die Musik verdampft? Der Wind schluckt die Akkorde. Die Tränen auf den Werbeplakaten bleiben Regen. Die Zuschauer gehen hinein und sind doch draußen. Wenn sie die Sommertheater verlassen, merken sie nicht, dass sie vom Leben nichts erfahren haben, aber sie waren doch „an der frischen Luft“.