Essay: Die Kraft des Widerstands

Seit Langem wird über das Geheimnis des Vorarlberger Architekturwunders gerätselt. Dietmar Steiner trug Indizien zusammen und versucht einen Erklärungsansatz.

Es kann einen Architekturkritiker oder einen sonst wie professionell mit der Beobachtung des Architekturgeschehens befassten Menschen ganz schön nerven: dieser ständige fragende Hinweis von interessierten Laien auf das Architekturwunder Vorarlberg. Warum ist das möglich, was dort möglich ist? Allenthalben findet man dort zumindest ein zwar einfaches, aber kultiviertes Haus. Warum sehen die Wohnanlagen, die Feuerwehr- und Gemeindehäuser, die Schulen, die Sparkassen in Vorarlberg so viel besser aus als, sagen wir, in Salzburg, Kärnten oder Niederösterreich?

Nein, bitte nicht Niederösterreich als Vergleich. Aber warum nicht? Und schon sind wir mittendrin in der Diskussion, sind auf der Suche nach Erklärungen für das Architekturwunder Vorarlberg. Natürlich ist es eine Art Wunder, was dort im Westen der Republik auf läppischen 260 Quadratkilometern – denn 90 Prozent des Landes sind Berggebiet – in den vergangenen zwanzig Jahren geschehen ist.

Als der Architekturkritiker und -chronist Otto Kapfinger 1998 seinen Führer zur Baukunst in Vorarlberg ab 1980 publizierte, kam er auf die zufällige Zahl von 260 sehenswerten Bauten. Das war schon damals exakt ein architektonisch bedeutendes Objekt pro Quadratkilometer. Nicht eingerechnet sind jene rund 450 beachtenswerten Bauten, die Friedrich Achleitner bei der Recherche zu seinem Standardwerk „Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert“ fand, das lange vor dem „Wunder“, schon 1977, abgeschlossen wurde.

Rein quantitativ ist damit zunächst einmal die herausragende Rolle Vorarlbergs in der internationalen Architekturlandschaft bestätigt. Die Frage aber, warum dies in diesem kleinen Land – dessen Bevölkerung sich von 1945 bis heute von 185.000 auf rund 360.000 Menschen etwa verdoppelte – geschah, wird wohl nie hinreichend analysiert werden können. Aber einige Indizien gibt es schon.

Da wären zunächst die Industrialisierung und frühere Armut der Bevölkerung zu nennen. Achleitner hat erstmals in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die architektonische und typologische Komponente der Industriegeschichte Vorarlbergs im 19. Jahrhundert erforscht: die systematische, rationale Planung der meist englischen Vorbildern nachempfundenen Fabrikshallen. Zuerst kam die Maschine, dann folgte die Hülle. Zuerst also die Funktion, dann die Architektur. Die frühere Armut wiederum wirkt auch im heutigen Wohlstand nach; als Bewusstsein von Bedürfnissen; als Bekenntnis zum Notwendigen und zur Negation alles Überflüssigen. Das alles wiederum ist verbunden mit der alemannischen Tradition einer rationalen und sauberen Technik, einem Bekenntnis zum Wert des Handwerks, das Funktionalität und Nachhaltigkeit als Voraussetzung und Folge seiner Arbeit sieht.

Schon allein bei der Aufzählung dieser Eigenschaften wird die kulturelle und soziologische Eigenständigkeit dieses Landes im Verhältnis zum immer noch monarchisch belasteten Rest- und Ostösterreich klar. Im Osten beginnt, verkürzt gesagt, das Verständnis von Architektur immer mit der Erscheinung, mit der Demonstration von Macht, und die Funktion ergibt sich aus dem Restraum hinter den imposanten Fassaden. Anders gesagt: Mit Symbolen der Macht – seien sie politisch oder gesellschaftlich – können die Vorarlberger nichts anfangen. Wahrscheinlich verstehen sie diese Sprache nicht einmal.

Es gibt ein einfaches Beispiel für diesen Mentalitätsunterschied. Ein Maurer in Ostösterreich mauert vor sich hin, krumm und schludrig. Er macht dies, weil er weiß, dass nach seiner schlampigen Arbeit mit dem Verputz die von ihm errichtete Wand sauber und gerade und mit makelloser Oberfläche ausgestattet werden wird. Der Vorarlberger Zimmermann dagegen weiß, dass nach ihm niemand mehr kommt, der seiner Konstruktion noch eine hübsche Oberfläche draufpappen wird. Er muss, zum Unterschied vom Handwerker im Osten, schon bei der Konstruktion sauber und endgültig arbeiten.

Das Beispiel hat allerdings einen Haken. Die Vorarlberger Handwerker wussten in den sechziger Jahren nicht, dass sie das können mussten. Es waren erst die Pioniere der neuen Architektur in Vorarlberg, die in ihnen dieses Selbstverständnis erweckten. Das waren junge Architekten, in Wien und Graz ausgebildet, die ins Ländle zurückkehrten und einfach nur gute moderne Architektur machen wollten. Aber moderne Architektur in den sechziger Jahren war nur denkbar als kultureller Widerstand. Ein Minderheitenprogramm. Dennoch fanden sich in diesem überschaubaren Land auch andere Widerständige, die gleichzeitig Auftraggeber waren. Anders als in Wien, wo sich die Bohème der sechziger Jahre in Kellerlokalen traf und die gegenseitig bekundete gesellschaftliche Wirkungslosigkeit zur künstlerischen Radikalität verdichtete, haben die Vorarlberger Pioniere auch Bauherren gefunden.

Ein Schlüsselwerk dieser Frühzeit ist sicher die Renovierung der Abteikirche der Zisterzienser in Mehrerau von Hans Purin, die er nach einem gewonnenen Wettbewerb von 1961 bis 1964 realisierte. „Nach Ausräumung der Holzgewölbe und Entfernung der applizierten Architekturelemente wurde der Raum auf seine bauliche Struktur zurückgeführt, ebenso der sichtbar gewordene, eindrucksvolle Dachstuhl in das neue Raumkonzept einbezogen“, schrieb Achleitner dazu. Purin fand in den Schriften des Ordensgründers Bernard von Clairvaux und in dessen präzisen Richtlinien für den Bau von Klöstern gleichsam eine historische Begründung für seine Haltung zur Architektur. „Er war ein Bilderfeind. Er propagierte eine solide Bauweise und dass man die Schönheit nicht mit Bildern erzielt, sondern mit der Wahl der Proportionen und der Lichtführung“, wird Hans Purin von Nora Vorderwinkler im kleinen Katalog zur Ausstellung „Konstruktive Provokation – Neues Bauen in Vorarlberg“ zitiert.

Kann man hieraus sehr wohl eine architekturhistorische Verankerung der Vorarlberger Pioniere herauslesen, so kam auf der anderen Seite der funktionalistische Minimalismus der Nachkriegsmoderne zur Wirkung, wie er an der legendären Hochschule für Gestaltung in Ulm vom Schweizer Puristen Max Bill gelehrt wurde. Auf diese Ideen bezog sich Rudolf Wäger, die zweite Schlüsselfigur der sechziger Jahre. Teilweise in Zusammenarbeit mit seinen Brüdern Siegfried und Heinz realisierte er eine Vielzahl sparsamst konzipierter Einfamilienhäuser, aber auch einige größere Bauten. Legendär ist sein „Würfelhaus“ von 1966, komplett aus Holz mit bloß 39 Quadratmeter Grundfläche. Rudolf Wäger, ein gelernter Zimmermann, hat die optimierte und minimierte Konstruktion wiederentdeckt.

Purin und Wäger waren in den siebziger Jahren die Vorbilder für die nächste Generation, die unter dem Slogan der „Vorarlberger Baukünstler“ ein Synonym für die Vorarlberger Bauschule darstellten. Sie kamen, wie etwa Dietmar Eberle, Wolfgang Juen, Markus Koch oder Roland Gnaiger, aus Wien zurück und planten oft schon während des Studiums konkrete Bauten. Sie waren von der Studentenbewegung und den kalifornischen Selbstbauhäusern inspiriert und konzipierten „neue Wohnformen“ für eine neue, unangepasste Klientel.

Und die Selbstbausiedlung „Im Fang“ erhielt dann tatsächlich zunächst einen ablehnenden Bescheid, weil diese Wohnform als moralische Provokation verstanden wurde. Deren Schöpfer befanden sich damit durchaus am Rande der Gesellschaft, ihre Tätigkeit wurde von der Standesvertretung der Architekten nicht anerkannt und Anfang der achtziger Jahre aus standesrechtlichen Gründen auch juristisch verfolgt. Zusätzlich kritisierten auch Purin und Wäger die in ihrem Sinne unanständig konstruierten Bauten. Dahinter stand aber auch ein knallhart kalkuliertes ökonomisches Konzept, vor allem bei Dietmar Eberle: Das Dach über dem Kopf sollte zunächst möglichst billig sein, damit es überhaupt leistbar ist. Geringe Kreditraten erlaubten dafür bald eine technische Aufrüstung.

Wurde in den sechziger Jahren die rationale Technik des Konstruierens neu entdeckt, so waren es in den siebziger und achtziger Jahren vor allem neue inhaltliche, soziologische und kulturelle Konzepte, welche die Entwicklung der Architektur antrieben. In den achtziger Jahren hat sich die Vorarlberger Bauschule, die noch immer über kein adäquates Ausbildungsinstitut im Lande verfügt, professionalisiert und verfeinert, fand letztlich auch offizielle Anerkennung durch die Landespolitik. Auch die verdienstvolle Gründung des damals so genannten Energiesparvereins fiel in diese Zeit, und das heutige Vorarlberger Energieinstitut ist ein europaweit beachtetes Kompetenzzentrum für Niedrig- und Passivenergiekonzepte geworden. Otto Kapfinger nennt diese Phase „Von der Alternativszene zur Leitkultur“.

Mit einer kleinen Ausstellung über Vorarlberger Architektur 1993 setzte der internationale Durchbruch ein: Baumschlager+Eberle wurde zum weltweit gefragten Stararchitekturbüro. Es schlug die Stunde der „Kaufmänner“, einer Dynastie aus hochqualitativen Zimmereibetrieben und Architekten namens Kaufmann. Dietrich+Untertrifaller bescherten der Wiener Stadthalle eine architektonisch symbiotische Erweiterung. Bruno Spagolla und Roland Gnaiger verfeinerten ihre architektonischen Ansätze. Neue Talente wie Cukrowicz/Nachbauer oder Marte/Marte drängten nach. Und die Szene scheint nach wie vor unerschöpflich zu sein.

Der bisherige internationale Höhepunkt war mit einer 2003 vom französischen Institut für Architektur initiierten Ausstellung erreicht, die noch immer durch die französischen Provinzen tourt und derzeit auch in Wien Station macht. Der internationale Architekturtourismus wurde in Vorarlberg zu einem relevanten Faktor. Es entwickelte sich dort über mehrere Jahrzehnte und Generationen eine Architektur, die sich durch eine gemeinsame, kollektive Sprache auszeichnet.

Heute gilt einer Mehrheit von, sagen wir, allgemein an Kultur Interessierten das Phänomen „Vorarlberg“ als Synonym für moderne und neue Architektur, für eine flächendeckend verwirklichte Baukultur. Noch immer aber ist diese Baukultur an das besondere Biotop des Landes gebunden. Niederösterreich, um die eingangs gestellte Frage zu beantworten, kann niemals Vorarlberg werden. Diesem Bundesland fehlt das Potenzial des basisdemokratischen Widerstands, seine monarchischen Verhältnisse erlauben nur eine angeordnete Erneuerung von oben.

Aber wie immer, wenn ein Höhepunkt erreicht ist, verbirgt sich hinter dem Erfolg eine latente Krise. Das Repertoire der Vorarlberger Architektur ist heute allseits anerkannter „Landesstil“ und ein erfolgreiches Exportgut, erste Manierismen und leere Konventionen breiten sich aus. Theoriebildung und das damit verbundene Marketing im „innerarchitektonischen Diskurs“ war nie die Stärke der schweigsamen Vorarlberger Baukünstler, weshalb sie in diesen Dimensionen international keine Rolle spielen. Sie haben nicht an Architektur gedacht, sie haben gebaut. Jetzt sind sie, entgegen ihrem Willen, zum Phänomen, zum Wunder, zum Stil geworden, und sie wissen nicht, warum. Jetzt ist die Zeit der Analyse gekommen, der kultursoziologischen Reflexion und Aufarbeitung. Das betrifft die Architektur ebenso wie die seltsam erfolgreiche Industrie Vorarlbergs.

Worin besteht das Geheimnis für den globalen Erfolg auf der Grundlage von höchst provinziellen lokalen Werten? Wahrscheinlich müssen die Vorarlberger ihre höchst kultivierte Art einer Arroganz der Bescheidenheit überwinden und endlich beginnen, mit anderen Kulturen zu kommunizieren. Egal wie, irgendjemand muss sich bemühen, Antworten darauf zu finden, warum alle der Meinung sind, dass die heutige Vorarlberger Architektur eine Botschaft und ein Auftrag für die Welt sein soll.