Essay: Hundertmal begraben

Uri Avnery, 81, Doyen der israelischen Friedensbewegung, wurde von den Nazis 1933 aus Deutschland vertrieben und war in Israel Soldat, Abgeordneter sowie Zeitungsherausgeber. Avnery, der 1995 den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte erhielt, sprach als erster prominenter Israeli mit Arafat und suchte stets die Verständigung mit den Palästinensern.

Ich erinnere mich, wie ich 1982 auf dem Dach eines Lagerhauses nahe des Beiruter Hafens stand und zusah, wie die bewaffneten und uniformierten PLO-Kämpfer, geführt von Jassir Arafat, das Schiff bestiegen, das sie Richtung Westen führte. „Ende der Ära Arafat!“, jubelten am darauf folgenden Tag die israelischen Zeitungen. „Arafat ist politisch ein toter Mann“, sagte ein Radio-Kommentator. „Gott sei Dank sind wir ihn ein für alle Mal los“, verkündeten Talkshow-Gäste im Fernsehen.

Als ich nach Tel Aviv zurückgekehrt war, wurde ich zu einer Radio-Diskussion eingeladen. Auch ein rechts stehender Journalist war eingeladen – Tommy Lapid, der jetzige Justizminister. Ich frage mich, ob er sich jetzt daran erinnert, was ich ihm damals gesagt habe: „Ihr habt ihn hundertmal begraben, und ihr werdet ihn weitere hundertmal begraben.“

22 Jahre später sind die Medien wieder voll mit den gleichen Schlagzeilen vom Ende der Ära Arafat und mit den Versicherungen, dass man den Mann, der vor Jahren von der israelischen Regierung offiziell für „irrelevant“ erklärt wurde, jetzt ein für alle Mal los sei. Diesmal dürften sie Recht haben. Aber ich weiß, dass die Israelis noch lernen werden, ihn posthum zu schätzen.

Schon vor mehr als 25 Jahren sagte Mohamed Sid-Ahmed, ein bekannter ägyptischer Intellektueller, zu mir: „Gäbe es nicht Arafat, man müsste ihn erfinden. Mit Arafat habt ihr einen Mann, mit dem ihr verhandeln und Frieden machen könnt.“ Und er fügte hinzu: „Ohne ihn droht das palästinensische Volk in hunderte Splittergruppen zu zerfallen, und ihr würdet mit jeder von ihnen reden müssen.“

Ich wusste: Will man keinen Frieden und zieht man stattdessen Großisrael vor, braucht man Arafat nicht. Dann steht er im Weg. Aber wenn man meint, dass Frieden für ein sich entwickelndes und blühendes Israel zentral ist, dann benötigt man Arafat ganz dringend: „Meine Hand“, sagte er mir einmal, „ist die einzige Hand, die ein Friedensabkommen mit Israel unterschreiben kann.“

Nein, ihn kann niemand ersetzen: Er war der einzige palästinensische Politiker, der jene moralische Autorität besaß, die es braucht, um einen Friedensvertrag mit Israel zu schließen und – was noch wichtiger ist – um sein Volk dabei „mitzunehmen“. Denn jedes Friedensabkommen verlangt von den Palästinensern Konzessionen, die ihnen das Herz zerreißen werden, wie die Aufgabe des unbegrenzten Rechts der Flüchtlinge, nach Israel zurückzukehren. Wer, wenn nicht er, hätte den Mut gehabt, das von seinem Volk zu verlangen?

Wo aber kommt seine Autorität her? Ich habe ihn mehrmals im Kreise anderer führender palästinensischer Politiker erlebt. Jedes Mal war ich von der Autorität beeindruckt, die er ohne jegliche Insignien der Macht ausstrahlte. Seine Macht erwuchs ausschließlich aus dem Respekt, den seine Landsleute ihm – dem „Vater der Nation“, dem palästinensischen George Washington – entgegenbrachten.

Schon bei unserem ersten Treffen im belagerten Beirut, im Juli 1982, war ich über das Fehlen jeglicher zeremonieller Inszenierung erstaunt. In Meetings unterbrachen ihn die Leute und begannen mit ihm zu diskutieren. Einmal fragte mich ein europäischer Reporter nach Arafats Hobbys. Ich antwortete ihm: Er hat keine. Er arbeitet immer für die palästinensische Sache. Tag und Nacht. Seine Identifikation mit dem Kampf seines Volkes ist total. Er hat kein anderes Leben.

Wenn man ihm live begegnete, war man überrascht, wie sich die Medienpersönlichkeit vom realen Menschen Arafat unterschied. Im Fernsehen wirkte er fanatisch und aggressiv. Im wirklichen Leben war er warmherzig und freundlich, er zeigte Gefühle. Bei einer ersten Begegnung genügten ein paar Minuten, damit man sich wie ein alter Bekannter Arafats fühlte. Er liebte es, Gäste beim Essen zu verwöhnen, ihnen die besten Stücke mit den Fingern zu reichen. Er berührte gern die Menschen beim Gespräch, nahm sie dann bei der Hand und führte sie durch die Gänge, um ihnen kleine Geschenke zu machen.

Er war kein Intellektueller, kein Mann der Bücher und Theorien. Er war ganz Intuition. Er erfasste Zusammenhänge mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit und vergaß niemals Details. Einmal, als ich mich mit ihm unterhielt und mich bei der Anzahl von Knesset-Abgeordneten von Agudat Israel (einer kleinen rechtsreligiösen Partei, Anm. d. Red.) irrte, korrigierte er mich sofort: „Ich bin ausgebildeter Ingenieur“, sagte er lachend. „Zahlen vergesse ich nie.“

Wie alle arabischen Helden der Geschichte war auch er ein Mann der Gesten. Eine Geste sagt mehr als tausend Worte. Am Tage seiner Rückkehr nach Palästina hatte er mich eingeladen, ihn zu einer Pressekonferenz mit den Medien der arabischen Welt zu begleiten. Als er die Halle betrat, kam er direkt auf mich zu, und nach der üblichen Umarmung nahm er mich bei der Hand und zog mich, fast gewaltsam, zum Podium. Er bat den Moderator der Pressekonferenz aufzustehen und setzte mich neben sich. Eine Stunde sprach er auf Arabisch zu den Journalisten. Hie und da wandte er sich mir zu, Zustimmung heischend. Ich saß da und grübelte, was das Ganze eigentlich sollte. Plötzlich verstand ich. In dieser einfachen Art zeigte er der gesamten arabischen Welt: Das ist es, ich sitze mit den Israelis zusammen. Ich werde mit ihnen Frieden schließen.

In Situationen von großem Stress blühte Arafat auf. Mehr als einmal sah ich ihn in solchen Momenten. Er war überaus konzentriert, seine Augen glänzten, und er machte Witze. Er war den Stress gewohnt: Sein ganzes Leben bestand aus einer ununterbrochenen Abfolge von Höhen und Tiefen, von Erfolgen und Niederlagen. Natürlich hat er auch Fehler begangen wie etwa den, Saddam Hussein im ersten Golfkrieg zu unterstützen. Aber die Fehler und Irrtümer verblassen im Vergleich zu seinen gewaltigen Leistungen: Er schuf die moderne palästinensische Nationalbewegung, als das palästinensische Volk fast von der Landkarte verschwunden war. Und er brachte es an die Schwelle der nationalen Unabhängigkeit. Wie Moses führte er sein Volk aus der Sklaverei an die Tore des Gelobten Lands. Und ich hoffte, dass von ihm dereinst nicht dasselbe wie von Moses gesagt werden würde: dass er das Gelobte Land aus der Ferne erblickte, es aber nicht betreten habe.

Alles, was er erreichte, gelang ihm in für ihn denkbar ungünstigen historischen Bedingungen: Israel war den Palästinensern materiell immer in jeder Hinsicht überlegen, die arabischen Regierungen standen der palästinensischen Bewegung feindlich gegenüber, und Israel genoss als Staat der Holocaust-Überlebenden weltweite Sympathie.

In all den Jahrzehnten hielt er die palästinensische Bewegung zusammen – trotz großer interner Differenzen. Da gab es kaum jene Art blutiger Fraktionsstreitigkeiten, die sonst in den meisten Befreiungsbewegungen so typisch sind.

In der Anfangszeit musste die Bewegung in und aus arabischen Ländern agieren, die Angst vor ihr hatten und sie zu unterdrücken versuchten. Es gibt kaum einen führenden palästinensischen Politiker, der nicht irgendwann in einem arabischen Gefängnis einsaß. Arafat machte da keine Ausnahme. Und die arabischen Regime versuchten jeweils die Sache der Palästinenser für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren.

Arafat brauchte all jene Strategien, die schließlich zu seiner Trademark wurden. Ein palästinensischer Diplomat erklärte mir einmal: „Damit die Bewegung überlebt und vorwärts kommt, musste Arafat listenreich sein, manövrieren, tricksen, mit gespaltener Zunge reden, mit Halbwahrheiten agieren und einen arabischen Führer gegen den anderen ausspielen – und das alles in sich schnell verändernden Situationen. Er hatte immer mehrere Bälle in der Luft, ohne dass er einen hätte fallen lassen.“

Dennoch war seine Politik immer vorhersehbar, wenn man sich in ihn hineinversetzte und verstand, unter welchen Zwängen er arbeitete und welche Ziele er verfolgte. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurde ich kein einziges Mal von einem seiner Schritte überrascht: Nicht davon, dass er nach Oslo ging, und nicht davon, wie er in der Zeit der Intifada handelte. Die israelischen Geheimdienste hingegen waren oft unvorbereitet und verwirrt von politischen Entscheidungen und Schwenks Arafats – weil sie einfach die palästinensische Realität nicht verstanden. „Sie wissen alles und verstehen nichts“, sagte einst Boutros Boutros-Ghali über die israelischen Arabisten.

45 Jahre lang lebte Arafat im Schatten des Todes. Da war kein einziger Zeitpunkt, zu dem nicht irgendwo von irgendwem ein Plan zu seiner Ermordung ausgeheckt worden wäre. Ein halbes Dutzend Geheimdienste trachtete nach seinem Leben. Arafat hatte aber die unheimliche Fähigkeit, alle immer wieder in die Irre zu führen. Er glaubte, dass er unter dem Schutz Allahs stand. Und fühlte sich in diesem Glauben bestätigt, als vor wenigen Jahren sein Flugzeug eine Bruchlandung in der Libyschen Wüste machen musste, seine Leibwächter dabei zu Tode kamen, er aber den Unfall unverletzt überstand.

Einmal wurde er in meinem Beisein gefragt, ob er erwartete, noch den Tag zu sehen, an dem Frieden herrscht: „Wir beide, ich und Uri Avnery, werden diesen Tag noch erleben“, versprach er.
In dieser Frage dürfte er sich geirrt haben.