Essay: Tolle Wahl, grauenvolles Ergebnis

Timothy Garton Ash, 49, ist einer der profiliertesten Historiker der Gegenwart. Er hat seit 1990 den Lehrstuhl für zeitgenössische europäische Geschichte am St. Anthony’s College in Oxford. Mit großen Essays, etwa in der „New York Review of Books“, sorgt er immer wieder für internationale Aufmerksamkeit. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde der Osteuropa-Experte Garton Ash durch seine Essays, Reportagen und Analysen des Umbruchjahrs 1989. Sein jüngstes, auf Deutsch erschienenes Buch „Freie Welt“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer, die transatlantische Krise als Chance zu nutzen.

Niemals in der Geschichte der Menschheit hat eine derart inspirierende Wahl ein so deprimierendes Ergebnis gebracht. „Das ist Südafrika!“, ist mein erster Gedanke, als ich die endlosen Schlangen von Wählern sehe, die sich schon frühmorgens im ganzen Land bildeten – wie bei den ersten demokratischen Wahlen in Südafrika.

In einem der ärmsten Viertel von Washington, das nur 15 Minuten Fahrt vom Weißen Haus entfernt ist, mich aber stark an Soweto erinnert, quatscht T’Chaka Sapp, ein junger Schwarzer mit Dreadlocks, die Wähler vor dem Wahllokal in der Ketcham Elementary School an: „Wie geht’s, Bruder? ANC – ich bin der Erste auf der Liste!“ ANC steht hier für Advisory Neighbourhood Commissioner und nicht für den African National Congress, aber sein selbst gewählter Vorname, erzählt er mir, hat Zulu-Ursprünge. Und die ganze Good-Hope-Straße hinunter herrscht die grimmige Hoffnung, ein verhasstes Regime davonzujagen.

„Wähl oder stirb“, verkündet das von HipHop-Star Sean „P Diddy“ Combs beworbene T-Shirt, das vor einem anderen Wahllokal die 14-jährige Sareena Brown trägt. Was das heiße, frage ich. „Wenn Sie Bush wählen, wird er uns sterben lassen.“ Und sie meint es wörtlich, denn es sind die Brüder dieser armen schwarzen Kids, die bei der Rekrutierungsstation weiter unten auf der Straße angeworben werden, um im Irak zu kämpfen. „Es gab keine Massenvernichtungswaffen“, sagt T’Chaka Sapp, „und unsere Kinder sterben.“ Jeder hier hat das Gefühl, für George Bushs Politik mit verlorenen Jobs und einer lahmenden Wirtschaft zu bezahlen.

Überall, wo ich „östlich des Flusses“ – des Anacostia-Flusses – hingehe, überall in dieser verarmten, von Kriminalität geplagten Vorstadt, die ursprünglich von befreiten Sklaven besiedelt wurde, wo ich stundenlang kein weißes Gesicht sehe, höre ich dieselbe ermutigende Geschichte. Noch bevor die Wahllokale öffneten, stellten sich die Wähler an. Schon zu Mittag zeigten die Stimmzählmaschinen Rekordwerte auf ihren digitalen Zählern. Ich treffe junge Leute, die erst vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen wurden und nicht einmal im Traum ans Wählen gedacht hätten. Nun aber sind sie mobilisiert – von P Diddy und der vagen Ahnung, dass das Schicksal der Welt davon abhängt. Was es wohl auch tut.

Doch nicht nur die „vergessenen Menschen“, wie ein Aktivist sie nennt, über der Benning-Brücke kommen zur Wahl. Überall im ganzen Land, von Ozean zu Ozean, erscheinen die Wähler in ungekannter Zahl. Trotz dem korrumpierenden Einfluss des großen Geldes, trotz der Einmischung der Anwälte und dem verzerrenden Effekt der parteiischen Medien ist das ein überwältigender und herzerwärmender Ausdruck des Willens des Volkes. Hier werde ich Zeuge eines dieser elementaren Momente, wo wie in Südafrika, wie in Polen 1989, wie in Afghanistan vor ein paar Wochen der große, stürmische Fluss der Demokratie alle Barrieren in seinem Weg durchbricht. Aber mit was für einem schrecklichen Resultat! Ich verbrachte den Großteil des 2. November – eines schönen Altweibersommertages in Washington – in der sonnigen Überzeugung, dass eine hohe Wahlbeteiligung mit vielen Neuwählern gut für Kerry sei. Denn warum das erste Mal zur Wahl gehen, wenn man keinen Wechsel will? Viele Demokraten und viele Menschen zu Hause in Europa teilten diese Überzeugung. Und wir lagen alle falsch. Denn die Leute auf der anderen Seite waren mit der gleichen Leidenschaft dabei. Eine entscheidende Mehrheit der amerikanischen Wähler – gezählte 59,3 Millionen gegenüber 55,7 Millionen – unterstützte Bush und nicht Kerry.

Von den Meinungsforschern werden wir mehr über die Ursachen erfahren. Aber zwei Gründe erfuhr ich östlich des Flusses von Ida Boyd, einer rüstigen Großmutter („Ich bin seit 84 Jahren schwarz“), als sie in der Benning-Bibliothek wählen ging. Sie stimmte, wie sie meinem geschockten Begleiter erzählte, für Bush. „Bei diesem Mann weiß man wenigstens, dass er eine Nuss ist!“ Die anderen täten hingegen so, als seien sie das nicht. „Ich liebe Clinton“, fügte sie hinzu. „Er sieht so sexy aus“ – und sie schwang ihre 84-jährigen Hüften mit erstaunlicher Grazie. „Aber ich würde ihn nicht wählen. Seine Moral, Sie verstehen.“

Trotz allem, obwohl er „eine Nuss“ ist, hatten die Menschen beim leutseligen Bush das Gefühl, sie wüssten, woran sie wären – was sie bei „Flip-Flopper“ Kerry nicht wussten. Sie konnten sich für Kerry nie so erwärmen wie für Clinton. „Das geringere von zwei Übeln – das hat euch schon eure Mama gesagt!“, hörte ich ANC-Vertreter Anthony Rivera einer Gruppe junger Wähler in einem anderen Bezirk zurufen. Das drückte perfekt die Stimmung aus, in der so viele für den vornehmen Bostoner Patrizier stimmten. Außerdem setzten so viele amerikanische Wähler wie Ida Boyd die Moral und Fragen des Lebensstils an erste Stelle, sogar vor ihr ökonomisches Eigeninteresse. Familienwerte. Keine Schwulenehe, keine Abtreibung. Waffenbesitz. Gott, Mutterfreuden und Apfelkuchen. Im Fernsehen habe ich gehört, dass verheiratete Frauen mit überwältigender Mehrheit für Bush gestimmt haben, Single-Frauen hingegen für Kerry.

Viele Europäer werden aus diesem Ergebnis wohl schließen, dass George Bush das wahre Gesicht von Amerika ist. Das wäre ein Riesenfehler. Denn in Wirklichkeit hat diese Wahl gezeigt, dass Amerika in den essenziellen Fragen der Politik und des Glaubens gespaltener ist denn je. Es ist ein Land, aber es sind zwei Nationen. Auf der Landkarte stehen die blauen Staaten der West- und Nordostküste gegen die roten (also, für europäische Augen verwirrend, konservativen) Staaten des Zentrums und des Südens. In der Realität gibt es mindestens 50 Millionen amerikanische Wähler, deren Werte und Einstellungen unseren oft sehr ähnlich sind, und nur etwas mehr Amerikaner mit anderen oder – am religiösen Rand – außerirdischen Überzeugungen.

Bush weiß, dass er versuchen muss, diese gespaltene Nation wieder zu vereinen, wie er schon bei seiner ersten Angelobung 2000 versprochen hat. Vielleicht werden wir ihn wie Margaret Thatcher nach ihrer Wahl 1979 den heiligen Franz von Assisi zitieren hören: „Dass ich Einigkeit bringe, wo Zwietracht ist.“ Aber für ihn wird es genauso schwierig werden wie für sie. Für das Problem ist es nicht leicht, die Lösung zu sein.

Er mag auch den entfremdeten Europäern einen kleinen Olivenzweig entgegenstrecken. Zurück im imperial begrünten Zentrum von Washington erzählen mir hohe Beamte der Bush-Administration, dass er das Anfang des nächsten Jahres tun wird. Dann wird die Versuchung groß sein, ihn zurückzuweisen, besonders, wenn der Olivenzweig merkwürdigerweise mit Dornen gespickt ist. Die potenziellen Quellen weiterer transatlantischer Zwietracht, vom Irak über den Iran bis nach China, sind Legion. Realistisch betrachtet ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein geteiltes Amerika mehr Spaltungen im Westen und der Welt verursachen wird, nun viel höher, als sie für kurze Zeit, im hoffnungsvollen Sonnenlicht des Dienstagmorgens, aussah.

Doch wir sollten in unserem aufgeklärten Eigeninteresse und in dem der Welt versuchen, Bush auf gleiche Weise zu antworten – auch wenn das beim diplomatischen Empfang höflich erhobene Glas Wein nach bitterster Galle schmecken wird. Denn das dient nicht nur uns selbst und unseren eigenen wesentlichen Interessen. Es ist auch eine Frage des Glaubens in das andere Amerika: in jene Hälfte, oder Fast-Hälfte, die wie wir denkt.

Und auch des Glaubens an Sareena Brown und die anderen „vergessenen Menschen“, die man auf der anderen Seite des Flusses trifft, im Soweto der amerikanischen Hauptstadt. Sie brauchen und verdienen einen besseren Präsidenten noch viel mehr als wir – und in vier Jahren, glaube ich, werden sie ihn bekommen.