Ethikfonds: Saubere Renditen

Veranlagungen nach ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien gewinnen auch in Österreich an Attraktivität. Die Ertragsaussichten können durchaus solide sein.

Erlaubt Gott Verhütungsmittel? Nein, meinen die Wächter des streng katholisch ausgerichteten – und wachstumsstarken – amerikanischen Ave Maria Catholic Values Fund. Unternehmen, die Kontrazeptiva vertreiben, werden deshalb nicht in den Fonds aufgenommen. Viele Anleger sind gegenteiliger Ansicht und lassen Teile ihres Vermögens Unternehmen wie der deutschen Condomi AG zufließen. Denn solche Hersteller würden dazu beitragen, so das Argument, etwa die Verbreitung von Aids einzudämmen. Wieder andere Maßstäbe legen moslemische Fondsbetreiber an: Sie tolerieren kein Unternehmen, das Alkohol oder Schweinefleisch vertreibt oder sich mit Zinsgeschäften befasst.

Socially Responsible Investment, das Befolgen ökologischer, sozialer, nachhaltiger oder ethischer Kriterien bei der Geldanlage, ist in den USA schon lange ein Thema, inzwischen auch für eine breite Masse. Bereits 1928 wurde in Nordamerika ein erstes derartiges Produkt namens Pioneer Fund präsentiert. In Europa und im deutschsprachigen Raum haben ethisch orientierte Investments zwar keine solche Tradition, doch allmählich gewinnen Veranlagungen wie „grünes Geld“ auch hier an Bedeutung. Das Volumen der einschlägigen Fonds legt kontinuierlich zu, und Schlag auf Schlag werden neue Produkte auf den Markt gebracht.

Neue Produkte. So hat die Linzer Kepler KAG, schon zuvor mit einem Ethik- sowie einem Sustainability-Aktienfonds im Geschäft, seit Mai dieses Jahres auch einen Ethik-Rentenfonds im Angebot. Und im August hat die Capital Invest, die Fondsgesellschaft der Bank-Austria/Creditanstalt-Gruppe und Nummer drei am heimischen Fondsmarkt, ihren Ethik-Fonds auf den Privatanlegermarkt gebracht.

„Als ich Mitte der neunziger Jahre in diesem Segment zu arbeiten begonnen habe, wurde man noch ausgelacht“, erinnert sich der Wiener Unternehmensberater Reinhard Friesenbichler, mittlerweile gefragter Experte für ethische Investments. „Heute hat jede zweite Kapitalanlagegesellschaft zumindest einen solchen Fonds.“ „Grünes Geld ist auf dem besten Weg, die Nische in Richtung Mainstream zu verlassen und für alle Anleger interessant zu werden“, meint Max Deml, ein Doyen der einschlägigen deutschsprachigen Szene, Begründer des Natur-Aktien-Index und Herausgeber der Zeitschrift „Öko-Invest“. „Man kommt an dem Thema nicht mehr vorbei“, konstatiert auch Erich Obersteiner, Vorstand der Wiener Börse.

Freilich geht das Wachstum von einem niedrigen Niveau aus. Während in den USA einer Studie des Finanzconsulters Cerulli Associates zufolge bereits jeder achte Dollar – zumindest im weitesten Sinne – nach nachhaltigen Kriterien veranlagt wird, ist es im deutschsprachigen Raum noch weniger als ein Prozent. Von 1998 bis Ende 2001 jedoch ist das Volumen der in Deutschland erhältlichen ethischen Fonds von 306 Millionen Euro auf 2,41 Milliarden Euro gestiegen, wie das deutsche Institut für Markt, Umwelt und Gesellschaft analysiert hat. Aktuell listet allein die Internet-Plattform www.nachhaltiges-investment.org mehr als 100 entsprechende Fonds aus dem deutschsprachigen Raum mit einem Gesamtvolumen von mehr als 3,5 Milliarden Euro auf. Das deutsche Aktieninstitut geht für dieses Anlagesegment weltweit von jährlichen Wachstumsraten von 30 bis 40 Prozent aus.

Junges Segment. In Österreich sind derzeit rund 50 ethische Fonds registriert, etwa 20 davon sind heimischer Provenienz – enthalten sind darin beispielsweise Unternehmen wie die Mayr-Melnhof Karton AG, die Verbund AG oder die Erste Bank AG. Rund die Hälfte aller hierzulande erhältlichen diesbezüglichen Fonds wurde erst 2001 oder später aufgelegt. Wie eine im Vorjahr durchgeführte Studie des Marktforschungsinstituts Gallup ergab, spielt für ein Viertel aller potenziellen Investoren das ökologische und soziale Verhalten von Unternehmen eine große Rolle bei ihren Investmententscheidungen. Das Anlagepotenzial wurde mit rund 124 Millionen Euro jährlich beziffert.

Grundsätzlich verfolgen die einzelnen Fonds sehr unterschiedliche Ziele. Sie deklarieren sich als rein ökologisch, mehr oder weniger spezialisiert, als stark auf Ethik oder Nachhaltigkeit ausgerichtet, als „weichere“ oder „härtere“ Fonds. Die Frage, wie streng sie ihre eigenen Vorgaben dann auch befolgen, sei allerdings eine andere, schränkt Friesenbichler ein: „Es gibt sehr große Unterschiede in der Qualität des Ethik- und Nachhaltigkeitsansatzes. Ich wüsste aber derzeit von keinem in Österreich erhältlichen Fonds, dass er eindeutig eine Mogelpackung ist.“

Bei der Auswahl der Titel wird nach unterschiedlichen Kriterien vorgegangen. Ausschlusskriterien sind häufig Faktoren wie Rüstungsgeschäfte, Akzeptanz von Kinderarbeit oder Tierversuchen, Engagements in Branchen wie Alkohol, Tabak und Glücksspiel sowie Geschäftsbeziehungen mit Staaten, in denen gegen Menschenrechte verstoßen wird. Umgekehrt werden Pluspunkte für vorbildliches Verhalten vergeben.

Klassenbeste. Weit verbreitet ist dabei der so genannte „Best in class“-Ansatz, wobei die jeweils ermittelten Besten einer bestimmten Branche für die Aufnahme in einen Ethikfonds qualifiziert sind – auch der Dow Jones Sustainability Group Index (DJSGI) wendet diesen Schlüssel an. Weil derart allerdings Unternehmen quer durch die verschiedensten Branchen hinsichtlich ihrer ethischen Standards bewertet werden, sind zum DJSGI auch in der Rüstungsindustrie tätige Unternehmen zugelassen – sofern sie nicht mehr als 50 Prozent ihres Umsatzes in diesem Geschäftsfeld erwirtschaften. Andere Fonds wiederum legen die Grenzen für solche Negativ-Branchen mit vier oder zehn Prozent fest. Und während beispielsweise der Aktienfonds Hypo Global Value die Automobilindustrie grundsätzlich ausschließt, gibt man beim Dachfonds Fair Invest Balanced jenen Autoherstellern Pluspunkte, die Autos umweltschonender gestalten.

Die Transparenz der grünen Finanzanlageprodukte habe sich in den letzten Jahren erhöht, meinen Experten wie Christian Kornherr vom Verein für Konsumenteninformation (VKI) – auch wenn er nach wie vor Mängel sieht. Der VKI arbeitet daher an der Einführung des österreichischen Umweltzeichens als Gütesiegel auch für grüne Fonds.

Die Gründe für den Aufschwung des ethischen Investments sind sowohl idealistischer als auch finanzieller Natur. Privatinvestoren, die ihr Geld solchen Fonds anvertrauen, seien keineswegs „ausschließlich Grün-Wähler“, meint Max Deml. „Das sind auch sozialistisch oder bürgerlich orientierte Leute, die Engagement in Richtung Umwelt, Frieden oder Entwicklungsländer aufweisen“, die irgendwann festgestellt hätten, „dass sie Dinge finanzieren, die sie gar nicht wollen“.
Zum Teil wird der Trend jedoch auch von institutionellen Anlegern getragen. „Auch bei Institutionen hat sich das Bewusstsein entwickelt“, so Friesenbichler, „dass man mit seinen Investments seine sonstigen höheren Ziele nicht konterkarieren möchte.“ Und bei bestimmten Einrichtungen – etwa bei Mitarbeiter-Vorsorgekassen – will auch die Öffentlichkeit genauer wissen, was mit dem veranlagten Geld passiert.

Doch es scheint auch rein ökonomische Argumente für die aktuelle Nachfrage nach ethischen Investments zu geben. Das lange bestehende Vorurteil, mit gut gemeinten Veranlagungen seien keine soliden Renditen zu machen, wird allmählich überwunden. So gab beispielsweise Ende September die Sparkasse Oberösterreich bekannt, ihr Produkt s-EthikAktien habe dieses Jahr einen Wertzuwachs von 11,2 Prozent zu verzeichnen. Zudem liege das Produkt um 22,2 Prozent über dem Weltaktienindex. „Betrachtet man diverse Nachhaltigkeitsindizes“, befindet Friesenbichler, „so entwickeln sich diese teilweise besser oder zumindest gleich gut wie andere Indizes.“ Auch Deml spricht von „gleich hohen, oft wesentlich höheren“ Renditen. Wobei seiner Meinung nach „die strengeren Fonds bei den Erträgen besser abschneiden als die laschen“.

Neutral gibt sich Kornherr vom VKI: „Unsere Produkttests zeigen, dass die Performance mit konventionellen Fonds durchaus vergleichbar ist.“ Tatsache sei freilich, weiß Kornherr aufgrund eines im VKI-Magazin „Konsument“ publizierten Tests, dass Ökofonds ebenso unter dem anhaltenden Börsentief der letzten Jahre gelitten hätten wie konventionelle Fonds. Im Fünfjahresvergleich wiesen fünf der getesteten Ökofonds eine bessere und sieben eine schlechtere Performance auf als der MSCI World Index, der die Entwicklung der weltweiten Aktienmärkte abbildet.

Langfristig sinnvoll. Horst Lukas, Produktmanager für Investmentfonds bei der Hypo Oberösterreich, meint, dass grüne Fonds zwar kurzfristig Nachteile bringen könnten, weil sie einzelne Branchen stark gewichten und damit relativ gering diversifiziert sind. „Mittel- und langfristig aber hat man mit ethischen und ökologischen Investments, wenn es sich um gemischte Portefeuilles handelt, sicher keine Nachteile, eventuell sogar Vorteile.“ Auch längerfristig risikoreicher seien allerdings Produkte, die sehr stark auf einzelne Branchen setzen, sowie solche, in denen das Fondsmanagement nur wenig Bewegungsspielraum hat, etwa weil es an bestimmte Indizes gebunden ist.

Trotz der derzeit recht regen Nachfrage nach solchen Produkten, betonen Experten immer wieder, liege es nun vor allem an den Banken und Fondsgesellschaften selbst, die Potenziale auch zu nutzen. Vielfach würden noch zu wenig Anstrengungen in Vermarktung und Vertrieb gelegt.
Wie die meisten Trends provoziert auch das ethische Investieren Gegenbewegungen. So fanden es im Vorjahr die in Dallas ansässigen Betreiber des Vice Fund – des „Laster-Fonds“ – originell, in Form dieses Produkts einen Fonds in die Welt zu setzen, der nur Unternehmen aufnimmt, die ihr Geld mehrheitlich mit sozial unverantwortlichen Produkten verdienen: Tabak, Alkohol, Glücksspiel und Rüstung stehen in diesem Fall auf der Positivliste.