ZiB-Moderator Eugen Freunds Krimi über Jörg Haider

Eugen Freund

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"ZiB 1"-Moderator Eugen Freund legt ein mutiges Krimidebüt vor, in dem Jörg Haiders tödlicher Verkehrsunfall zum Ausgangspunkt für ein raffiniertes Intrigen- und Spionagegeflecht wird.

Anmerkung: Dieser Artikel erschien ursprünglich in der profil-Ausgabe Nr. 40/2013 vom 30.09.2013.

Eugen Freund hatte einen Traum. Es war kein guter Traum. Ihm träumte, dass unser Interview mit der Begründung abgesagt wurde, es wäre besser, den gnädigen Mantel des Schweigens über sein Buch zu breiten. Man versteht seine Ängste. Und das hat nichts mit der Qualität seines literarischen Debüts zu tun. Aber der ORF-Journalist hat sich bei der Wahl seines Themas weit aus dem Fenster gelehnt. Es ist ein Krimi mit dem Titel "Der Tod des Landeshauptmanns", und ja, es geht um genau diesen Landeshauptmann, der in der Nacht zum 11. Oktober 2008 um 1.18 Uhr in Kärnten bei Lambichl, südwestlich von Klagenfurt, mit seinem VW Phaeton mit 1,8 Promille Blutalkoholkonzentration tödlich verunfallte. Sein Kollege Armin Wolf hatte ihn vor einiger Zeit mit den Worten "Na, du traust dich was", vorgeblich ermuntert, aber ihn gleichzeitig auf den Verriss des neuen Buches von Robert Schindel in der "Zeit" aufmerksam gemacht: "So schlimm fand ich die Rezension dann gar nicht, aber natürlich ist das für mich ein Wagnis, das mir auch ein wenig Angst macht ..."

Stefan Petzner ist in jedem Fall schon sehr aufgeregt, seit er über Freunds Twitter-Aktivitäten mitgekriegt hat, dass das Buch demnächst erscheint: "Er wollte sofort wissen, was drinnen steht." Man kann ihn bereits hier beruhigen oder vielleicht auch kränken: Petzner kommt in Eugen Freunds Haider-Krimi gar nicht vor.

"Jörg, bleib noch ein bisschen"

Im Prolog des Buchs werden die letzten Minuten im Leben des Jörg Haider so geschildert: "Im eleganten Wageninneren, wo sich am Armaturenbrett Holzintarsien mit gebürstetem Aliminium abwechselten, mischte sich der Lederduft mit leichtem Alkoholgeruch. Der Fahrer nahm ihn nicht wahr, so wenig wie schlechter Mundgeruch von dem, der ihn ausströmt, wahrgenommen wird. 'Jörg', hatte sein Gegenüber im 'Hafenstadl' gesagt, 'Jörg, bleib noch ein bisschen' Und ein weiterer Schluck Wodka war die Kehle hinuntergeronnen Er wusste, dass er hochprozentigen Alkohol nicht wirklich vertrug Im dichten Nebel tauchten unvermittelt zwei rote Rücklichter auf. Der Fahrer stieg aufs Gas und überholte den kleinen, weißen Wagen. 130. Er zog den Phaeton wieder nach rechts, doch da schoss eine Thujen-Hecke auf ihn zu. Er drehte am Lenkrad Die Räder hatten den Kontakt zum Boden verloren."

"Hafenstadl" nennt Freund jenen Klagenfurter Schwulen-Treff "Stadtkrämer", der die letzte Station im Leben des Jörg Haider war. Das ist aber auch schon die einzige Referenz an Haiders Doppelleben, das, so Freund, zu seinen Lebzeiten "nicht nur aus Respekt vor der Privatsphäre von den Medien tabuisiert wurde, sondern auch, weil Haider mit vielen Journalisten enge Verbindungen pflegte und man sich sicher auch vor seiner Macht gefürchtet hat". Auch der ORF und die österreichische Innenpolitik werden in dem dramaturgisch raffinierten Krimi außen vor gelassen, was man in Anbetracht von Eugen Freunds Hauptjob durchaus nachvollziehen kann: Schließlich ist der ehemalige profil-Mitarbeiter seit Jahrzehnten -sei es als Moderator der "ZiB 1" oder als US-Korrespondent -Nachrichtenbote, und er tut das in einem Stil, den man mit den Attributen unaufgeregt, seriös, öffentlich-rechtlich gebürstet, verlässlich und souverän umschreiben könnte. Auf dem Schirm vermittelt Freund die Aura eines Klassenbesten, der aber durchaus seine weniger ambitionierten Mitschüler abschreiben ließe, um auch nach Schulschluss mit von der Partie sein zu dürfen. Von der barrakudaartigen Angriffslust eines Armin Wolf besaß er auch in seiner früheren Funktion als "ZiB 2"-Anchorman wenig, bei Eugen Freund musste sich keiner so wirklich fürchten. Der Tonfall, den er für seinen Roman gewählt hat, entspricht der schnörkelfreien Sachlichkeit, die auch seinen Stil als Nachrichtenvermittler prägt.

Mit seiner Geschichte, die Freund in seinem Haus am Klopeiner See am leichtesten von der Hand ging, setzt der gebürtige Kärntner fünf Jahre nach jenem fatalen Crash ein: Plötzlich verschwindet der Jurist Stefan Stragger, der beim Heeresnachrichtenamt einen Job ausübte, der "sehr viel mit Geheimhaltung zu tun hatte", in Klagenfurt spurlos. Die Ex-Geliebte des HNA-Spions Jasmin Köpperl, Journalistin bei einer Kärntner Tageszeitung, bekommt von dem wie vom Erdboden verschluckten Stragger dennoch kontinuierlich seitenlange Mails, deren Absendeort jedoch nicht von der heillos überforderten Klagenfurter Polizei zurückverfolgt werden kann. In den Mails erzählt Stragger von einem FBI-Agenten namens David Krimnick mit österreichischen Wurzeln und einem familiären Emigrationsschicksal, den Haiders neuer Antisemitismus und seine intensiven Beziehungen zu Hussein und Gaddafi besonders emotionalisierten und der deswegen auch durchaus offen für ein Angebot des CIA war.

Fiktive Mossad-Verschwörung

Haiders strahlendem und gefährlichem Aufstieg, der dem europäischen Rechtspopulismus eine neue Star-Rampe bieten könnte, musste Einhalt geboten werden, am besten auf amerikanischem Boden, da würde sich der New Yorker Marathon ideal anbieten, bei dem Haider seine Teilnahme zugesagt hatte. Diese Passage hat Freund übrigens lange vor dem Massaker beim Bostoner Marathon geschrieben. Stragger schildert seiner Ex-Freundin in diesen Mails auch, wie im israelischen Außenministerium eine eigene geheime Taskforce gegründet wurde, die den "Fall Haider" ganz oben auf ihrer Erledigungsliste stehen hatte - im Mossad fürchtete man, dass "Haider die ideale Figur war, um die rechten Parteien in Europa zusammenzuführen", weil er "ein politisches Tier" war, das "Charisma besaß", "jung oder nicht zu alt war" und nicht die Aura eines "Schreckgespensts" verströmte. Die besten Techniker des israelischen Geheimdienstes arbeiteten über Monate an der idealen Autobombe, die dieser Gefahr ein Ende setzen sollte.

Und dann, so entnimmt man dem Postverkehr, wurde Haider noch zum Problem für kroatische Investmentpläne in allerhöchsten Kreisen. Dabei hatte doch alles so schön bei einem Yachtausflug auf der Adria begonnen: "Ein strahlend lächelnder, braungebrannter Mann betrat den Raum. Er (Haider) trug ein blaues Poloshirt, grellgelbe lange Hosen, seine Füße steckten in hellbraunen Rauleder-Mokassins.'Gentlemen, vot a great trip and a beautiful ship.'" Den kroatischen Herren an Bord war der "zugegeben gut aussehende Kärntner Landeshauptmann" mehr als ein Freund, schließlich konnte er als Strippenzieher wertvolle Dienste bei der Kooperation mit der "Vierländer-Bank, die sich als Konkurrentin von Raiffeisen auf der Halbinsel Istrien breit gemacht hatte" leisten. Doch als es mit den Schmiergeldannahmen aufgrund von Rechnungshofuntersuchungen zu riskant wurde, kippte auch bei der kroatisch-kärntnerischen Freundschaft die Stimmung.

Rasche Erzählebenenwechsel

Es ist nicht immer ganz einfach, den verschlungenen Erzählpfaden Eugen Freunds zu folgen, doch das detailgenaue Buch zieht einen mit seinem raschen Erzählebenenwechsel dann doch in seinen Sog. Nach der Lektüre fällt einem wieder einmal Anton Kuh und sein Sager "Die Welt ist wirklich so, wie sie sich der kleine Moritz vorstellt" ein. Eine besondere Initialzündung, warum Freund sich bei seinem literarischen Debüt just an Haider schadlos hielt, gab es gar nicht, erzählt Freund: "Ich hatte kein Naheverhältnis zu ihm, wir sind uns ganz selten über den Weg gelaufen. Aber nachdem ich tagaus, tagein mit der Realität lebe, hatte ich einfach einmal Lust, mich aus diesem Korsett zu befreien und eine Reise in meine Fantasie anzutreten. Persönlichkeitsrechte verletze ich damit keine - es steht nichts über Haider in meinem Buch, was nicht ohnehin bekannt ist." Ideologisch vermisse er ihn nicht, doch als politischer Beobachter sei es ohne Haider auch viel langweiliger geworden: "Neben seinem Charisma besaß er ein unglaubliches Talent, sich anzupassen. Ich bin mir sicher, hätte ich Haider zu meinen jüdischen Freunden in New York mitgenommen, wären die am Ende des Abends von ihm begeistert gewesen."

Eugen Freund war in jener Nacht zum 11. Oktober 2008 in seinem Haus in Kärnten , gerade einmal 30 Kilometer vom Unfallsort entfernt: "Ich habe um fünf Uhr die Nachricht gelesen und mich beim ORF in Wien sofort angeboten, von dort zu berichten. Leider wollte das keiner." Überrascht war Freund dennoch rückblickend nicht: "Ich war immer überzeugt davon, dass Haider spektakulär abtreten wird - bei einem Helikopter-Unfall oder etwas Ähnlichem. Er war kein Typ für einen natürlichen Tod. Er hat es immer geliebt, an Grenzen zu gehen und sie auch zu überschreiten."