Euro-Vision

Was uns die Champions League und der Song Contest über Europa erzählen.

Die vergangenen Tage – die Tage vor dem schicksalhaften EU-Verfassungsreferendum in Frankreich – waren von großen europäischen Ereignissen geprägt. Nein, nicht von irgendwelchen Gipfeltreffen der Staatsmänner. Was Europa bewegt hat, waren zwei eher unpolitische Veranstaltungen: der Eurovision Song Contest und das Finale der Champions League.

Das Fernsehprogramm am vergangenen Mittwochabend hat die Straßen leer gefegt: FC Liverpool gegen AC Milan. Das musste man gesehen haben. Mein Sohn Leon wird demnächst acht Jahre alt und ist – so wie ich auch – nicht gerade ein Fußballspezialist. Aber das Match wollte er sich nicht entgehen lassen. Nach dem fulminanten Tor der Milanesen in der ersten Minute beschloss Leon, den in Weiß spielenden Italienern die Daumen zu drücken. Ich hielt zu den „Reds“. Silvio Berlusconi, dem Besitzer des Mailänder Clubs, mochte ich den Triumph nicht gönnen.

Als sich die Liverpool-Kicker in der zweiten Hälfte daranmachten, die sicher geglaubte Niederlage doch noch in einen Sieg zu verwandeln, wechselte Leon opportunistisch die Seiten und konnte nach dem Elferkrimi mit seinem Vater schließlich über den Sieg der Briten jubeln.

Und ich konnte meinem Sohn einiges über Europa erklären: dass die Briten keine Briten und die Mailänder keine Mailänder, die Fußballer des im türkischen Istanbul ausgetragenen Finalspiels vielmehr junge Athleten sind, die aus über einem Dutzend verschiedener Nationen kommen – Europa ist eben multikulti, ein Ort, wo es sich mischt. Und dass nicht nur Europäer, sondern auch Kicker aus Afrika und Lateinamerika mitkämpften, zeige, so konnte ich Leon klarmachen, dass die EU eine Einwanderer-Gesellschaft ist. Leon verstand auch, dass Istanbul, das die prachtvolle Kulisse abgab für das „größte Champions-League-Finale aller Zeiten“, eine europäische Metropole ist.

Ich erinnerte mich an die schlechten alten Zeiten, als die Matches aus der heimischen Bundesliga Höhepunkte des Fernsehgenusses für Fußballfreunde waren und die Gemüter der Zuschauer bei internationalen Spielen sich zuallererst national erhitzten. Bei der immer populärer werdenden Champions League mit ihren bunt zusammengewürfelten Mannschaften dagegen kann der Nationalismus im Gefühlshaushalt der Fans nur eine Nebenrolle spielen. Der EU-Binnenmarkt und die so oft gescholtene Kommerzialisierung des Sports haben offenbar nicht nur den chauvinistischen Aspekt des Kickens zurückgedrängt, sondern Fußball auch zu einer nie da gewesenen artistischen Kunstform emporgehoben, die zu konsumieren ungetrübte Freude bereitet.
An diesem Abend fühlte ich mich so recht europäisch.

Am Samstag zuvor hatte Leon zu den Moldawiern gehalten. Sie sollten den Sieg davontragen, meinte er. Die halb nackte Punk-Band mit dem alten Mütterchen, das auf der Bühne die Trommel rührte, hatte ihn schwer beeindruckt. Das übrige Publikum auch. Immerhin errang das ärmste Land Europas, das erstmals beim Song Contest vertreten war, mit seinem Beitrag den sechsten Rang. Gewiss ist das musikalische Niveau der Eurovision bei Weitem nicht so hoch wie das sportliche Niveau der Champions League – eher unterdurchschnittlich. Aber Europa in Aktion war auch da zu sehen.

Die Türken gaben der letztlich siegreichen griechischen Sängerin Helena Paparizou die Bestnote. Ende einer Erzfeindschaft? Die Völker des ehemaligen Jugoslawien – noch vor Kurzem in blutige Kriege verstrickt – mögen einander wieder. Die Skandinavier hielten zusammen. Und die einstigen Großmächte des Song Contest, die Briten, Franzosen, Spanier und Italiener, stanken ganz fürchterlich ab. Größte Blamage: Deutschland landete auf dem letzten Platz.

Dass die großen Alten der EU so schlecht abschnitten, dürfte damit zu tun haben, dass die Neuankömmlinge ihnen gram sind, weil sie von Westeuropa bei ihrem Beitritt mit so geringer Freundlichkeit begrüßt wurden. Und während die Newcomer aus dem Osten offensichtlich mit großem Enthusiasmus bei der Sache sind, hat sich im Westen gegenüber dem europäischen Singwettbewerb eine elitäre Distanz eingestellt. Die von Paris, London, Madrid und Rom entsandten Popgruppen waren wirklich grottenschlecht. Und die Eurovisions-Kommentare in den dortigen Medien gefielen sich in zynischem Belächeln dieser „Prolo-Veranstaltung“. Dem ORF gelang es sogar, bei der Kommentierung fast rassistische Töne gegenüber der Ukraine anzuschlagen, die dieses Jahr das Event veranstaltete.

Dieses Land, das im vergangenen Jahr eine demokratische Revolution erlebte und nun in die EU drängt, feierte den Song Contest geradezu als Demonstration dafür, wie sehr es sich als Teil Europas fühlt: mit viel blau-goldenen Sternenbannern, der Pop-Revolutionshymne als Beitrag und dem Auftritt von Premier Wiktor Juschtschenko, dem Helden der orangen Revolution.

Mit dem Abschneiden Moldawiens war Leon zufrieden. Und bevor er einschlief, ortete er im Atlas noch, wo welches Land liegt. T. R. Reid, ein ehemaliger Großbritannien-Korrespondent der „Washington Post“, dürfte Recht haben, wenn er schreibt, die Eurovision „ist eine Feier der ,Europeanness‘ geworden, die das wachsende Bewusstsein unter 500 Millionen Menschen stärkt, dass sie alle an einem gemeinsamen Ort auf der Weltkarte zu Hause sind“.

Champions League und Song Contest sind jene Events, welche die Verfasstheit Europas widerspiegeln – mit all den Stärken und Schwächen, den Gemeinsamkeiten und den Spaltungen dieses Kontinents: Europa von unten, erlebtes, dynamisches Europa. Wenn die Menschen der europäischen Politik nur einen Bruchteil jenes Interesses und jener Emotion entgegenbrächten, mit denen sie diese Veranstaltungen verfolgen – man würde nicht von einer EU-Krise sprechen.