Eurokrise: Pleite Griechenlands hätte massive Folgen für uns

Immer weniger Österreicher sind für weitere Griechenland-­Finanzspritzen. Inzwischen berechnen Experten, was eine Pleite des ­Krisenstaats für die heimische Staatskassa bedeuten würde.

"Thanks for coming“, sagt der Wirt, und er ist nicht der Einzige in Kyparissia, einer kleinen Stadt am griechischen Peloponnes, der sich bei jedem Gast einzeln bedankt. Er hat im Moment keinen besonders aufreibenden Job, sehr zu seinem Bedauern. Es ist ruhig in Kyparissia, selbst für Vorsaison-Verhältnisse zu ruhig. Jeder Tourist, der sich in eine Taverne verirrt, wird überwältigend freundlich begrüßt.

Von bis zu minus 50 Prozent im heurigen Fremdenverkehr ist die Rede, es wird bezweifelt, dass manche Hotels überhaupt öffnen. Da wären Ressentiments purer Luxus, findet der Wirt: „You come from Germany? From Austria? Both is fine. Thanks for coming.“

In der Hauptstadt Athen ist die Stimmung schon ein wenig rauer, wie ein Blick auf den Zeitungsstand verrät: Das Magazin „Crash“ hebt in seiner jüngsten Ausgabe die deutsche Kanzlerin Angela Merkel aufs Cover – halb verdeckt von einem riesigen Stinkefinger.

Seit zwei Jahren versucht die EU, ihren schwer ins Trudeln geratenen Mitgliedsstaat mit Milliardensummen zu retten. Jetzt nähert sich die Tragödie dem letzten Akt. Die EU-Bürger wollen nicht mehr zahlen – auch jene in Österreich nicht. Die Zustimmung zur Griechenland-Hilfe ist am Tiefpunkt.

Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone, lange Zeit ein Tabu, ist ein realistisches Szenario geworden. Seine Schockwellen wären beträchtlich und würden auch Österreich in Mitleidenschaft ziehen: Die Schätzungen über den wirtschaftlichen Schaden beginnen im zweistelligen Milliardenbereich. Auch innenpolitisch birgt das Thema immer mehr Sprengstoff, je näher die Nationalratswahl rückt. Und diese findet in spätestens 16 Monaten statt.

Griechenland kann aus der Eurozone nicht ausgeschlossen werden, die Verträge sehen derart drakonische Bestrafungen nicht vor. Aber die Rückkehr zur Drachme oder ein Wechsel in eine temporäre Kunstwährung – den „Geuro“ – könnte letzte Konsequenz der Krise werden. Gewinnt die linksextreme Partei Syriza tatsächlich die Wahlen am 17. Juni und beendet dann, wie angekündigt, das radikale Sparprogramm, könnte es schnell gehen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU würden in diesem Fall wahrscheinlich ihre Zahlungen einstellen, Griechenland ginge innerhalb weniger Wochen das Geld aus. Um wenigstens die Gehälter der Beamten, die Pensionen und die Grundversorgung bezahlen zu können, müsste der Staat selbst Geld drucken – also eine neue Währung einführen.
Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), hält die Probe aufs Exempel nicht mehr für ein utopisches Gedankenexperiment. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Griechen in einem Jahr noch mit Euros und Cents bezahlen, schätzt er auf nur 60 Prozent: „Wir stehen vor sehr kritischen Wochen. Erst wenn die Wahl in Griechenland vorbei ist, wird man wissen, wie es weitergeht.“ Die Hoffnung, dass ein Ausstieg Griechenlands den anderen Mitgliedern Geld spart, teilt Aiginger nicht. „Es wird sogar noch teurer.“

Rund 240 Milliarden Euro haben der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU bisher in den Sanierungsfall am Balkan gesteckt – das Dreifache eines österreichischen Jahresbudgets. Unglaubliche Summen für ein Land, das ökonomisch kaum ins Gewicht fällt: Nur 2,5 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung in der EU stammen aus Griechenland. Oliven, Schafkäse und Ouzo sind die einzigen Produkte, die im Ausland für „made in Greece“ stehen. Dennoch bergen sowohl ein Verbleib Griechenlands in der Eurozone als auch ein Ausstieg – Kürzel: „Grexit“ – die Gefahr einer ökonomischen Katas­trophe für ganz Europa.

Sollte Griechenland zur Drachme wechseln
, würde die neue Währung gegenüber dem Euro blitzschnell an Wert verlieren. Experten rechnen mit einem Minus von mindestens 50 Prozent. Alle griechischen Schulden im Ausland würden damit über Nacht verdoppelt. Eher unwahrscheinlich, dass in den ersten Jahren nach dem Ausstieg überhaupt ein Schuldendienst möglich wäre. Durchaus denkbar, dass die Kreditgeber ihr Geld überhaupt nicht mehr wiedersehen würden.

Österreich hat bilaterale Kredite im Ausmaß von 1,55 Milliarden Euro an Griechenland vergeben und sich an den Garantien des Rettungsschirms EFSF mit 3,2 Milliarden beteiligt. Diese Summen wackeln, wenn die Griechen pleitegehen.

Falls die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Kredite und Griechenland-Anleihen abschreiben muss, wäre Österreich mit betroffen und müsste im Extremfall drei Milliarden Euro nach Frankfurt überweisen.

Nicht mehr ganz so schlimm wie noch vor zwei Jahren wäre eine Pleite für die heimische Privatwirtschaft. „Banken, Versicherungen, Unternehmen und Pensionsfonds haben ein Griechenland-Exposure von rund zwei Milliarden Euro“, sagt Nationalbank-Sprecher Christian Gutlederer. Etwa die Hälfte davon müssten die Banken tragen. Sie haben in den vergangenen zwei Jahren den Großteil ihrer Griechenland-Anleihen verkauft.

Auch ein Ausfall der Griechen als Handelspartner ließe sich verschmerzen. Im Vorjahr exportierten heimische Unternehmen Waren im Wert von 437 Millionen Euro nach Griechenland, importiert wurden Güter um 184 Millionen. Zum Vergleich: Der wichtigste Außen­handelspartner Deutschland kaufte im Vorjahr ­österreichische Waren um 38 Milliarden. Bruno Freytag, Delegierter der Wirtschaftskammer in Athen, freut sich zwar, dass die Österreicher in Griechenland derzeit deutlich besser angeschrieben sind als die Deutschen. Doch bei einem Wechsel zur Drachme würde das nichts nützen: „Das wäre der Super-GAU.“

Völlig unkalkulierbar sind die Kosten, die eine mögliche Ansteckung anderer Krisenländer mit dem Griechenland-Virus verursachen würde. „Jeder Investor wird sich überlegen, welches Land als Nächstes dran sein könnte, und diese Staatsanleihen dann umgehend abstoßen“, meint ein Experte im österreichischen Finanzministerium. Spanien, Portugal und Italien müssten für ihre Anleihen noch höhere Zinsen zahlen oder bekämen auf dem Kapitalmarkt vielleicht überhaupt kein Geld mehr. Dann wackelt die ganze Eurozone. Denkbar ist allerdings auch der umgekehrte Fall: Die übrigen Pleitekandidaten sehen, dass Brüssel sich nicht ewig auf der Nase herumtanzen lässt, und verstärken ihre Sparbemühungen.

Schon im Herbst 2011 ließ das Finanzministerium insgeheim erheben, wie viel ein Bankrott Griechenlands im Extremfall kosten könnte. Die Beamten kamen auf rund 40 Milliarden Euro – allein in Österreich. Das wäre mehr als ein Achtel der Wirtschaftsleistung eines ganzen Jahres. Aber das sind nur Überschlagsrechnungen. Zwar gab es in der Vergangenheit Staatspleiten und Währungsreformen, an denen man Maß nehmen könnte. Doch noch nie fand die Zahlungsunfähigkeit in einer Schicksalsgemeinschaft wie der Eurozone statt. „Das ist, als müsste man ausrechnen, welche Schäden der Einschlag eines Kometen mit 20 Kilometer Durchmesser anrichten würde“, so ein Beamter des Finanzministeriums.

In Österreich hatte die Stimmung im vergangenen Herbst zu kippen begonnen. Hatten im September 2011 noch 35 Prozent der Befragten für eine weitere Unterstützung Griechenlands plädiert, sind es heute bloß 21 Prozent. 71 Prozent meinten vergangene Woche laut OGM-Umfrage im „Kurier“, man solle Griechenland pleitegehen und aus der Eurozone austreten lassen.

Das liege nicht zuletzt am mangelnden Wissen über die Konsequenzen eines solche Schritts, meint Karin Crvtila vom OGM-Institut: „Das komplexe Thema ist der Bevölkerung schwer zu erklären und setzt wirtschaftliches Vorwissen voraus. Und es gibt ja wirklich Themen, die sexyer sind als der europäische Rettungsschirm.“

Wobei auch noch die Populisten aller Windrichtungen zur Verwirrung beitragen. So etwa der Chef der griechischen Lin­ken, Alexis Tsipras, der in schwerer Fehleinschätzung der Stimmung in den Geberländern die Meinung vertritt, diese würden Griechenland auch dann noch unter die Arme greifen, wenn das Land weder spart noch seine Schulden zurückzahlt. Was ­Tsipras unterschätzt: Auch in Deutschland, wo noch im vergangenen September 54 Prozent der Befragten die Ansicht vertreten hatten, Griechenland müsse auf jeden Fall geholfen werden, waren im Februar laut einer Emnid-Umfrage gerade noch 33 Prozent für eine Fortsetzung der Hilfsmaßnahmen. Laut jüngsten Online-Polls stehen derzeit nur noch 20 Prozent hinter den Geldspritzen. Schwer vorstellbar, dass Kanzlerin Angela Merkel ein Jahr vor den Bundestagswahlen weitere Finanzhilfen durchdrückt, wenn in Griechenland die Radikalen an die Macht kommen – vor allem nicht in der eigenen Partei, der CDU.

Dabei gibt es in Deutschland, anders als in Österreich, nicht einmal Rechtspopulisten, die sich anschicken, stärkste Partei zu werden. Schon seit Beginn des Übergreifens der Griechenland-Krise auf Euro-Europa agitiert hierzulande die FPÖ mit Furor gegen die Hilfe für Hellas. Die, so FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, sei „eine Massenenteignung der Österreicher“ (März 2011), der Euro-Rettungsschirm sei in Wahrheit „ein Abzockerschirm“ (April 2011), zu dessen Finanzierung „die Euro-Fanatiker uns das Geld aus der Tasche ziehen wollen“ (Mai 2011). Es müsse also Schluss sein mit dem „Ausplündern der Österreicher für Pleitestaaten und Spekulanten“ (ebenfalls Mai 2011), denn Griechenland sei „eine tickende Zeitbombe“ und die Währungsunion ein „Koloss auf tönernen Füßen“ (Juni 2011).

Wobei zumindest Letzteres nicht ganz falsch ist. Auch andere Strache-Sager, die seinerzeit Aufsehen erregt hatten, sind inzwischen Mainstream. Vergangene Woche etwa philosophierte Finanzministerin Maria Fekter auf „Spiegel online“ über einen temporären Euro-Austritt Griechenlands und fügte hinzu, bei einem allfälligen Wiederaufnahmeantrag „würden wir genauer hinschauen, ob das Land überhaupt beitrittsfähig ist“. Als Strache 2010 Ähnliches von sich gab, sorgte das für Aufsehen. Auch seine Ansicht, „ein Schuldenteilerlass ohne Euro-Austritt wird Griechenland nicht aus der Krise führen“ (März 2012), wird heute von absolut Europa-affinen Analytikern geteilt. Der „Spiegel“ vergangene Woche: „Nur ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone eröffnet dem Land langfristig eine Chance, wieder auf die Beine zu kommen.“

147 Parteiaussendungen hat der FPÖ-Obmann in den vergangenen 20 Monaten allein zum Thema Griechenland vom Stapel gelassen. Vor der steirischen Landtagswahl im September 2010 plakatierten die Freiheitlichen einen fidel in einer Hängematte ruhenden Griechen, der mit Euros überschwemmt wird. Bei der Wahl verdoppelten sie ihren Stimmenanteil.
Kein Zweifel: Auch in der wohl schon im Herbst anlaufenden Kampagne für die Nationalratswahlen 2013 wird die Griechenland-Krise eine Rolle spielen.
Dennoch bezweifeln viele Wahlforscher, dass Straches FPÖ mit dem Eurothema ebenso eindrucksvoll punkten kann wie mit dem Mu­ezzin-Pummerin-daham-Islam-Propagandaschmarren. Grund: In der Ausländerfrage wurde Strache von den Wählern so etwas wie „Kompetenz“ zugeschrieben, beim Thema Euro ist er ein Niemand. Laut APA-Vertrauensindex vom vergangenen Dezember liegt der Freiheitliche diesbezüglich hinter allen österreichischen Akteuren abgeschlagen an letzter Stelle. Am meisten Vertrauen genießt in dieser Frage übrigens Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny.

Politikforscher wie Peter Ulram halten es für entscheidend, dass endlich etwas geschieht: „Die Politik muss entweder sagen ,Wir müssen da durch‘ oder ‚Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.‘ Die Populisten gewinnen durch das Nichthandeln der Politik erst ihre Spielfläche.“

Auch Sora-Chef Günter Ogris, an Wahlabenden der „Hochrechner der Nation“, rät zu unverzüglichem Handeln: „Europa muss sich darauf einigen, Griechenland nicht nur Geld für die Schuldenrückzahlung, sondern auch für das Wachstum zu geben.“ Dabei handle es sich zwar um eine „Elitenentscheidung“, die aber gegenüber den Wählern durchaus zu argumentieren wäre: „Ein Auseinanderbrechen des Euro­raums käme noch viel teurer.“

Wobei auf die Eliten noch viel mehr Argumentationsbedarf zukommen würde, setzten sich die Befürworter der Einführung von „Eurobonds“ durch – wie etwa der neue Staatspräsident Frankreichs François Hollande und Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann. Durch eine solche Quasi-Vergemeinschaftung der Schulden kämen die Krisenländer billiger zu neuem Geld. In der radikalsten Form bedeuten Eurobonds, dass die Zinsen für alle Staaten eingeebnet werden und danach gleich hoch sind. Derzeit (Stand vergangener Mittwoch, 15 Uhr) zahlt Deutschland 1,46 Prozent, Österreich 2,47 Prozent. Griechenland müsste für zehnjährige Staatsanleihen 29,52 Prozent blechen. Nach den Wahlen könnten sich diese theoretischen Horrorzinsen verdoppeln, meinen Experten. Akropolis, adieu.

Mitarbeit: Eva Linsinger

Lesen Sie im profil 22/2012: „Austritt in keinem Fall eine Lösung“ - SP-Finanzstaatssekretär Andreas Schieder über die Probleme mit Griechenland und den saloppen Umgangston von Maria Fekter.