Glawischnig on tour durch Kärnten

Im Rest Österreichs gelten die Grünen als langweilig, in Kärnten noch als Bürgerschreck. Wenn Kärnten tourt, präsentiert sie daher viel Wohlfühlfaktor, aber wenig Politik.

Am Boden rascheln Holzschnitzel, ausgestopfte Trachtenpuppen hängen zwischen meterhohen Strohballen, dazwischen drängen sich Getränkestandln, zu Bartischen umfunktionierte Fässer und Holzbänke. Die Landkitsch-Designer der Rosamunde-Pilcher-Filme hätten nichts Brachial-Rustikaleres zuwege gebracht als die synthetische Rural-Idylle des "Ackern“ am Rande von Klagenfurt.

Normalerweise laufen hier, im künstlichen Ess- und Trinkdorf zwischen Sonnenblumenfeldern, neben dem allabendlichen Prost-Programm Veranstaltungen von "Fashionnight“ bis "Feuershow“. An diesem Sommerabend der vergangenen Woche ist Eva Glawischnig da. Die Grünen-Chefin, einen Spritzer in der Hand und ein Lächeln im Gesicht, plaudert sich unbefangen im Kärntner Dialekt durch die Menge und findet schnell Anknüpfungspunkte: "Hallo, woher seids ihr? Ah, Maria Saal, da hab ich eine Cousine.“ Glawischnigs Gesprächspartner erfahren allerhand über ihr Privatleben ("Ich musizier gern mit meinen Kindern“), ihre Alltagsärgernisse ("Wenn ich nur mit Handgepäck fliegen will, weiß ich nie, wohin mit den Schminksachen“) und ihre Verwandtschaft ("Meine Schwiegermutter hat sich einen Fußknochen gebrochen“) - und nur am Rande über Politik.

Das ist auch nicht Zweck des Besuchs.
Kärnten war stets Katastrophengebiet für die Grünen: Wer studierte, zog weg, wer blieb, wählte Jörg Haider oder SPÖ. Erst 2004, Jahrzehnte nach anderen Bundesländern, schafften die Grünen den Einzug in den Landtag, 2009 wären sie fast wieder hinausgeflogen. Nur für Außenseiter, als Sonderlinge verschriene Lehrer mit ungewohnten Ideen oder Künstler, waren die Grünen in Kärnten Thema; sie hatten den Status von Nestbeschmutzern, die mit Kritik am Lei-lei-Land aneckten.

Seit den Korruptionsskandalen ist das anders.
Plötzlich kommt es zu Kontaktaufnahmen. Motto "Mein erster Grüner“. Vorsichtig pirscht sich eine ältere Frau an, die mit ihrer Tochter zum Glawischnig-Schauen am "Ackern“ gekommen ist. "Fahrt ihr Grünen immer mit dem Fahrrad in die Arbeit?“, erkundet sie die fremde Welt und ist beruhigt zu hören, dass die Grünen-Chefin ihre Kinder mit dem Auto in den Kindergarten bringt. Die Frau wird sich mit Glawischnig schnell einig, dass es bessere Öffi-Verbindungen braucht, und verabschiedet sich, fast überrascht: "Sie sind sympathisch.“

Wenn jemand Bürgerschreck-Klischees entkräften kann, dann die Pragmatikerin Glawischnig. Sie geht ohne die bei Spitzenpolitikern übliche Schutzmauer von Begleitern auf die Menschen zu, hört sich geduldig Sorgen an und erzählt nur von grünen Inhalten wie Alternativenergie, wenn jemand fragt. Unter dem Tisch, an den doppelt verknoteten Beinen, sieht man manchmal, wie anstrengend Lockerheit sein kann. Vor allem wenn Konsens Ziel ist wie bei Glawischnig. Dem Mann, der von ihr ein Ja zu Studiengebühren hören will, sagt sie: "Du hast Recht, die Bildungsdebatte ist total ideologisiert“. Und selbst den rechthaberischen Senior, der eine Tirade vom Stapel lässt, "dass ihr mich erst habt, wenn ihr mit diesen Warmen und der Einwanderungspolitik aufhört“, verabschiedet sie lächelnd: "Da werden wir uns nicht einig, aber deine Idee davor, dass ein Weisenrat die Politik kontrollieren soll, halte ich für spannend.“ Wer will die neuen Interessenten schon durch zu viel Grundsätzliches verschrecken.

Für die allermeisten Gespräche reicht das Wissen, dass die Grünen als Einzige nicht unter Korruptionsverdacht stehen. Das muss Glawischnig gar nicht extra betonen. "Danke für Ihren Einsatz“, kommt eine Passantin in der Klagenfurter Innenstadt auf Glawischnig zu, als diese mit ihrem Kärntner Parteifreund Rolf Holub in ein Hotel zur Pressekonferenz eilt.

Einige Schritte weiter wird wenig später die ÖVP ihren neuen Zuwanderer Wolfgang Waldner präsentieren. Der kultivierte Diplomat passt zur Jovialität wie ein Kärntneranzug ins Bobo-Viertel Wien-Neubau. Verlangen Zeiten des Wandels nach neuen Politikertypen?

Das Faible für Aufdecker ist neu.
Auch bei den Grünen selbst. Vor einem Dreivierteljahr gelang ihnen das seltene Bravourstück, ihren profiliertesten Politiker Holub als Landessprecher abzumontieren. Die Vorwürfe klingen nicht nur im Nachhinein kurios: Holub habe sich zu hartnäckig in die Akten im Hypo-Untersuchungsausschuss im Landtag verbissen. "Die Partei kann nicht nur aus U-Ausschuss bestehen“, tönten damals die Kärntner Fundis allen Ernstes und versteckten ihr Ass. In chronisch erfolglosen Gruppen kann Star ein Schimpfwort sein.

Mittlerweile haben die Kärntner Ökos ihre späte Liebe zu Holub entdeckt, dank ihm kratzen sie in Umfragen an der 16-Prozent-Marke. Aber Umfragen gewannen die Grünen immer, ihr Problem waren die Wahlen. Wie ausgeprägt die Wendestimmung in Kärnten wirklich ist, wagt niemand einzuschätzen. Tanzt Glawischnig nur einen Sommer?

Rund um den Millstätter See sind die Kärntner Kalamitäten im Kleinen zu besichtigen: Die Tourismusregion ist heruntergewirtschaftet, die Gemeinden so verschuldet, dass der Verkauf von Strandbädern diskutiert wird, quer durch alle Seegemeinden brodelt die Gerüchteküche über dubiose Geldflüsse bei Bauprojekten. Bisher hatten die Grünen hier, im Oberkärntner Bezirk Spittal, wo die Gebrüder Scheuch herkommen, wenig zu melden. Auf kümmerliche drei Prozent kamen sie beim Jörg-Haider-Gedächtnisurnengang 2009.

Da sind die vier Dutzend Menschen, die sich am Mittwochnachmittag auf dem Bootssteg in Millstatt drängen, die größte Ansammlung Grün-Interessierter, die Oberkärnten je erlebt hat. Sie wollen mit Glawischnig eine Runde über ihren Haussee tuckern. Motto "Bring your family“: Glawischnigs Mann, Fernsehmoderator Volker Piesczek, führt Fußballgespräche, ihre Kinder wuseln in die Kapitänskabine, und ihre Mutter erzählt Klein-Eva-Anekdoten.

Die Politikerfamilie zum Angreifen wird auf vielen Handyfotos festgehalten, interessiert aber den ernsten Mann im Unterdeck kein bisschen. Er ist ein Unternehmertyp im Polo-Freizeitlook, will von Glawischnig vor allem wissen: "Wie linkslink definieren sich die Grünen?“ Glawischnig erklärt, dass die Fundi-Realo-Debatte längst entschieden sei. Der Mann nickt konzentriert, lobt die "Performance der Aufklärung“ und kommt zu seiner Sorge zurück: "Und gesellschaftspolitisch, distanzieren Sie sich von radikalen Ansichten?“ Glawischnig schildert ihm die Regierungsbeteiligung in Oberösterreich. Der Mann seufzt: "Man hat sich in Kärnten für oder gegen die bestehenden Verhältnisse zu entscheiden.“

Der Matrose in der blau-weißen Uniform ist schon weiter. Als Glawischnig an ihm vorbei aufs Oberdeck will, hält er sie am Arm fest: "Ich bin wirklich kein Grün-Wähler. Aber bei der Landtagswahl bin ich bei euch.“

Bisher hatten die Kärntner Grünen erbärmliche 150 zahlende Mitglieder. Neuerdings meldet sich jede Woche ein Dutzend Interessenten. Im Rest Österreichs gelten die Grünen mittlerweile als gediegen und fad, hier in Kärnten hingegen als neu und spannend.

Mit dem Zuspruch steigen allerdings auch die Ansprüche. "Sie müssen Ihre Themen viel stärker setzen“, schulmeistert ein Mann, der sich später als "Bild“-Journalist in Pension entpuppt, die wieder an Land gegangene Glawischnig. "Kommen Sie doch endlich aus der Defensive.“

Solche Belehrungen können Glawischnig nicht erschüttern, die ist sie von ganz anderen Kalibern gewohnt. Vor allem von ihren Kollegen. "Zu brav, zu wenig Kampfgeist, zu wenig Inhalte“, monierten Parteifreunde nach dem ORF-"Sommergespräch“ der Chefin. Solche Kritik, verstärkt von den Medien, hört sie seit ihrer Kür zur Nachfolgerin des verklärten Alexander Van der Bellen vor dreieinhalb Jahren.

Wenn ein Parteichef in der Kritik steht, bietet sich eine ausgedehnte Überlandpartie als Ausweg an. Der viel geschmähte SPÖ-Vorsitzende Alfred Gusenbauer hat das einst vorgemacht und auf seinen Touren aus der Opposition den Grundstein für den späteren Wahlerfolg gelegt. "Gusenbauer ist mein Vorbild“, gibt Glawischnig offen zu, und sie ist wohl die Einzige in Österreich, die diesen Satz gelassen ausspricht. Seit Ende Juli ist sie mit dem Glawischnig-Tourbus unterwegs, 3500 Kilometer und 60 Stationen wird sie bis Anfang September zurückgelegt haben.

Keine Tour kommt ohne ihre Skandälchen aus:
Gusenbauer tappte bei seiner Rundfahrt in Styling-Fauxpas, Glawischnigs Radlerhose ist die angebliche Tempobolzerei mit dem Hybridauto. Die Distanz zu Wien war es das wert, summiert sie: "Da verschieben sich die politischen Prioritäten.“ Eines ihrer neuen Ziel-1-Gebiete sollen Ein-Personen-Unternehmen sein, die mit Steuer und Bürokratie raufen, ein Dauerbeschwerdethema auf der Tour. Vieles andere hingegen, was von Politprofis in Wien hitzig diskutiert wird, interessiert in der Welt draußen niemand, sagt Glawischnig: "Die öffentliche und die veröffentlichte Meinung klaffen immer weiter auseinander.“ Derartige Klagen über die falschen Wertigkeiten des politmedialen Komplexes hört man von Politikern meist dann, wenn sie in der veröffentlichten Meinung nicht gut wegkommen.

Auf der Luscha-Alm, einem Bergsattel in den Karawanken knapp vor der Grenze zu Slowenien, bekommt Glawischnig viel Applaus: "Du warst so natürlich im Fernsehen, wie ein wirklicher Mensch.“ Das Lob ist kein Wunder, wer sich hier heraufbemüht, um beim "Wandern mit Eva“ teilzunehmen, ist kein Beschnupperer, sondern ein veritabler Fan. Franz Josef Smrtnik ist etwa da, Mitglied eines berühmten Brüderquintetts, vor allem aber der einzige slowenischsprachige Bürgermeister Kärntens. Er regiert mit seiner Einheitsliste Eisenkappel/Zelezna Kapla und wandert mit. Über die Alm, auf der Glawischnig die Kirchenglocke läutet und sich nicht weniger als "den Weltfrieden“ wünscht, und auf den umgebauten Bauernhof, den Peršman-Hof, das einzige Museum Kärntens, das den Widerstand gegen die Nationalsozialisten würdigt.

Dort hat Smrtnik nach der Museumsführung Tipps für die Grünen parat: "Ihr dürft nicht von großen Zugewinnen reden, sonst wird das nichts. Ihr müsst immer sagen, dass ihr hart kämpfen müsst.“ Das ist das einzige Gespräch auf ihrer Kärnten-Tour, das Glawischnig schnell abwürgt: "Das ist mir ein zu ernster Ort für solche Witzeleien.“