Eva Rossmann: „Schüssel hat mich einmal niedergebrüllt“

Eva Rossmann: „Schüssel hat mich einmal niedergebrüllt“

Sommergespräch III: Die Autorin Eva Rossmann über Krimis und Softpornos von Frauen, die Grenzen der Political Correctness und das Lustige an Frank Stronach.

Interview: Herbert Lackner

profil: Frau Rossmann, viele finden das Weinviertel langweilig, weil es keine Berge hat. Brauchen Sie die nicht?
Rossmann: Ich bin froh dass es keine Berge gibt. Ich bin nicht der Bergtyp. Hügel sind meines, und wenn sie dann auch noch voller Wein sind, bin ich glücklich. Außerdem: Weingegenden sind grundsätzlich offene Gegenden. Wir haben hier unsere Freunde gefunden. Und ich lebe im südlichen Weinviertel, nicht weit von Wien entfernt. Ich möchte nicht so weit am Land wohnen, dass es eine lange Reise ist, bis ich in die nächste Stadt komme.

profil: Das Weinviertel ist eine Landschaft, die zur Verlangsamung einlädt. Sie sind nicht sehr langsam.
Rossmann: Stimmt, ich bin sehr oft auf Speed unterwegs, da gibt mir das Weinviertel Ruhe. Das merke ich beim Schreiben. Wenn ich im Sommer im Garten sitze und schreibe, komme ich in einen angenehmen Flow. Außerdem ist das Weinviertel so normal. Beim Heurigen treffe ich „normale“ Leute, mit denen verstehe ich mich, und mit denen kann ich auch streiten.

profil: Sie kochen am Wochenende oft im Lokal des Haubenkochs Manfred Buchinger. Was haben Schreiben und Kochen miteinander zu tun?
Rossmann: Beides braucht als Grundlage gutes Handwerk. Der Unterschied ist, dass es ein Jahr dauert, bis ein Buch fertig ist. Und es ist eine teilweise sehr einsame Angelegenheit. Kochen ist immer Action, immer Teamarbeit, und innerhalb einer halben Stunde ist das Gekochte schon wieder gegessen. Ich brauch beides.

profil: Wieso schreiben eigentlich Frauen überdurchschnittlich oft Kriminalromane?
Rossmann: Frauen werden beim Krimi einfach mehr wahrgenommen. Krimis sind nicht so ganz ernsthaft, nicht so ganz seriös, daher nicht ganz so wichtig. Da lässt man Frauen schon einmal ran. Für mich ist das Genre deswegen so reizvoll, weil man die Dinge bis auf das Äußerste zuspitzen kann. Es geht immer ums Eingemachte, um Leben und Tod. Die klassischen Krimis der Männer waren oft die Heldenkrimis, auch wenn sich das mit den skandinavischen Krimis geändert hat, wo es jetzt allerdings die total gebrochenen Helden gibt. Bei den Frauen stehen meist die Normalfiguren im Mittelpunkt.

profil: Ein Genre, in dem Frauen noch erfolgreicher sind, sind Softpornos.
Rossmann: Oh du liebe Güte! Ich kann mir das nur so erklären: Viele Menschen haben irgendeine Art von Bedürfnis, über Sex zu lesen. Die meisten trauen sich nicht, auch aus Geschmacksgründen. Dann kommt so eine wie E. L. James, die „Shades of Grey“ geschrieben hat, und macht es über Bekenntnisse. Ich habe vergangenes Jahr die US-Thriller-Autorin Tess Gerritsen getroffen, und sie fragte mich, ob „Shades of Grey“ auch in Europa erfolgreich sei. Ich sagte, das wird megaerfolgreich. Sie war entsetzt. Sie hatte gedacht, wenigstens im gebildeten Europa werde das Buch nicht einschlagen.

profil: „Shades of Grey“ wird vor allem von Frauen über 40 gelesen. Warum?
Rossmann: Das hat mit Träumen und Sehnsüchten zu tun. Wenn viel nicht klappt im Leben, denkt man sich vielleicht, es gebe da eine Parallelwelt, in der es sich irrsinnig abspielt. Schlimm ist, wie unglaublich schlecht das Buch geschrieben und übersetzt ist und welches Weltbild damit transportiert wird. Das Buch beschreibt ein furchtbar klassisches Mann-Frau-Verhältnis, in dem es offenbar das Schönste ist, dass er sie nimmt und dann auch noch heiratet. Was braucht eine Frau mehr?

profil: Es gibt bereits Fortsetzungen.
Rossmann: Viele haben es gelesen, gefallen hat es angeblich niemandem. Vielleicht trauen sie sich auch nicht, es zuzugeben.

profil: Es liest auch niemand die „Kronen Zeitung“, und niemand hat Jörg Haider gewählt.
Rossmann: Vielleicht sollte man diese Phänomene gemeinsam erörtern.

profil: „Shades of Grey“ hat sich 70 Millionen Mal verkauft. Gibt es die Versuchung, auch einmal so etwas zu schreiben?
Rossmann: Überhaupt nicht. Mich ein Jahr lang mit solchem Müll zu beschäftigen, würde mich ein Jahr meines Lebens kosten, das kann mir kein Geld der Welt zurückbringen. Aber man kann mit einer Mischung aus seltsamem Sex und einer großen Medienmaschinerie schon viel erreichen. Das wird übrigens Thema meines nächsten Krimis „Männerfallen“ sein.

profil: Sie waren 1997 eine der Trägerinnen des Frauenvolksbegehrens mit 645.000 Unterschriften. Zu Jahresbeginn gab nun es die Brüderle-Debatte: Der FDP-Spitzenkandidat hatte zu einer Journalistin gesagt, sie würde auch ein Dirndl gut ausfüllen. War die Aufregung übertrieben?
Rossmann: Wenn man blöd daherredet, hat man eben manchmal Pech. Insofern ist ihm schon recht geschehen – auch wenn ich die Aufregung nicht unbedingt verstanden habe. Brüderle meinte das sicher als Kompliment, was natürlich auch wieder viel über ihn und ähnliche Typen sagt.

profil: Wie haben Sie regiert, wenn Ihnen jemand zu nahe rückte?
Rossmann: Wenn mich einer angebraten und gefragt hat, ob wir später noch wohin gehen könnten, hab ich immer ganz laut gesagt: „Hört, der will mit mir noch wo hingehen, wer geht mit?“ Ich hab mich über so etwas lustig gemacht.

profil: In den USA müssen Männer die Tür des Büros offen lassen, wenn sie allein mit einer Frau im Zimmer sind. Damit wird doch unterstellt, jeder Mann sei ein potenzieller Vergewaltiger.
Rossmann: Political Correctness halte ich für was Gescheites, weil sie bedeutet, dass man respektvoll miteinander umgehen soll. Aber wenn das so pervertiert wird, dass man gar nicht mehr miteinander umgehen kann, dann ist es grauenvoll. In Amerika gibt es die Wut, alles zu regeln, vor lauter Angst, dass irgendetwas passieren könnte. Da muss schon auf der Nagel-Box stehen: „Achtung, nicht verschlucken, man kann daran sterben.“ Wenn Männer und Frauen nicht mehr gemeinsam Aufzug fahren dürfen, weil er ein potenzieller Unhold ist oder sie eine Zicke, die behauptet, er sei ein Unhold, wenn er sie bloß anschaut, dann wird es fürchterlich!

profil: Apropos Political Correctness. Gibt es im Gasthaus „Alte Schule“, wo Sie kochen, noch Mohr im Hemd?
Rossmann: Wir haben nur „warmen Schokokuchen“. Aber beim Mohren denke ich mir: Why not? Das ist ein gewachsenes, hervorragend gemachtes Dessert. Mir kommt es auch komisch vor, wenn man Bücher korrigiert wie etwa den „Räuber Hotzenplotz“. Es hat schon einen Grund, dass man nicht mehr „Zigeuner“ sagt. Aber wenn das zu einer Zeit in einem Buch geschrieben wurde, als das normal war, dann kann man ja hinten dazu schreiben: Das war einmal so, aber es wurde herabwürdigend verwendet, und jetzt geht man anders damit um.

profil: Was halten Sie vom Binnen-I?
Rossmann: Unglaublich praktisch bei Mails.

profil: Aber in Büchern und Zeitungsartikeln?
Rossmann: Da kommt es mir seltsam vor. Ich würde in keinem Krimi ein Binnen-I machen. Aber es ist mir schon wichtig, dass Frauen auch in der Sprache vorkommen. Ich geh halt kreativ damit um und schreibe zum Beispiel manchmal nur die weibliche und manchmal nur die männliche Form. Eine Lektorin hat mich, als ich einmal von „Studentinnen“ schrieb, gefragt, ob das denn nur Frauen seien. Ich habe ihr erklärt: Nicht nur, aber vorwiegend. Wenn ich „Studenten“ geschrieben hätte, hätte sie mich das nie gefragt.

profil: Kommt es Ihnen nicht auch merkwürdig vor, wenn ein Politiker in einer kurzen Ansprache ständig von die „Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern“, „Wählerinnen und Wählern“, „Soldatinnen und Soldaten“ spricht?
Rossmann: Ja schon. Aber ich finde es total süß, wenn die sich bemühen. Mir ist es lieber, wenn es einer etwas patschert und sperrig sagt als gar nicht.

profil: Frauen gehen fünf Jahre früher in Pension. Ist das nicht ein großes Karrierehindernis? Viele Männer kommen mit 55 in eine Spitzenposition. Bei 55-jährigen Frauen sagt man, das zahlt sich nicht mehr aus.
Rossmann: Das reale Pensionsalter zwischen Männern und Frauen liegt ja nicht einmal eineinhalb Jahre auseinander. Einer guten weiblichen Kraft kann man durchaus einen Spitzenjob geben, die will und wird freiwillig länger bleiben. Das Problem liegt bei miesen Jobs, wo du nicht länger bleiben darfst. Wenn eine Frau mit 55 in Pension gehen muss, obwohl sie gern weiterarbeiten würde, und sie dann auch bloß eine Mini-Pension hat – dann muss man über die Sinnhaftigkeit des ungleichen Pensionsalters nachdenken.

profil: Außerdem gibt es ja viele Frauen ohne Familie und Kinder.
Rossmann: Historisch gesehen ist klar, warum Frauen früher in Pension gegangen sind. Die mussten die ganze unbezahlte Arbeit nebenbei erledigen und dann auch noch oft nahtlos ihre alten Eltern pflegen. Mir wäre ein gleiches Pensionsalter und dafür ein handfestes Paket zur gleichen Bezahlung von Frauen und Männern und zur besseren Aufteilung der unbezahlten Familienarbeit lieber. Das wäre innovativer, als bloß zu sagen: „Das ungleiche Pensionsalter darf nicht angetastet werden.“

profil: … wie das die ÖGB- und SPÖ-Frauen tun.
Rossmann: Das sind Reflexe. Ich weiß ja, warum ich mich parteipolitisch nie engagieren wollte.

profil: In Ihrem neuen Roman „Krummvögel“ pickt die Protagonistin dem Bundeskanzler eine Torte ins Gesicht und flüchtet dann ins Weinviertel. Hatten Sie je das Verlangen, einen Bundeskanzler zu „torten“?
Rossmann: Oh ja, mehrere! Es gibt Situationen, wo es keine Argumente mehr gibt, da ist alles gesagt und geschrieben. Für offene Gewalt bin ich nicht, Erschießen ist keine Lösung. Aber zu torten wäre vielleicht ein Weg.

profil: Würden Sie den gegenwärtigen Kanzler auch torten?
Rossmann: Warum fällt mir zu dem nicht einmal ein, warum ich ihn torten könnte?

profil: Sind die Politiker fader geworden, seit Sie sich aus dem innenpolitischen Journalismus zurückzogen haben?
Rossmann: Ich bin 1994 weg. Damals war Vranitzky Bundeskanzler und Schüssel Vizekanzler. Schüssel hat mich einmal bei einem Interview niedergebrüllt. Ich hatte eine unbotmäßige Frage gestellt, ich glaube, sie hatte mit dem Ausländerthema zu tun. Ich war erstaunt. Die heutigen Politiker haben stets wie dressiert die Kontrolle über sich. Ab und zu würde man sich inzwischen freuen, wenn die auszucken würden.

profil: Frank Stronach zuckt in fast jedem TV-Interview aus.
Rossmann: Eine Spur von Hintergrund wäre natürlich auch nicht schlecht, damit man zumindest weiß, warum er auszuckt. Stronach finde ich bereichernd, nicht im politischen, sondern im humoristischen Sinn. Nachdem Gertraud Knoll bei der Bundespräsidenwahl 1998 geschlagen wurde – ich war Wahlkampfkoordinatorin –, hat uns Stronach eingeladen, mit ihm eine Partei zu gründen. Das war eines der lustigsten Mittagessen, die ich je hatte.

profil: Heute könnten Sie schon im Team Stronach sein.
Rossmann: Was ich mir alles entgehen lasse!

profil: Frage an die ehemalige Journalistin: Wer wird im Herbst die Wahlen gewinnen?
Rossmann: Wie es jetzt aussieht, würde ich sagen, dass die ÖVP besser abschneiden wird, als man denkt. Die sind dabei, ein Profil zu entwickeln. Zumindest versuchen sie es. Die Grünen werden gut abschneiden, obwohl sie für mich bundespolitisch zu wenig klare Ansagen machen. Die SPÖ hat gute Leute in der zweiten Ebene, aber man fragt sich, was die in der ersten Reihe tun, außer gewinnen zu wollen. Die Rechten zerbröseln langsam, das ist gut so.

profil: Wird es Stronach ins Parlament schaffen?
Rossmann: Aber ja. Vier Prozent hast du schnell einmal, das geht sich sicher aus. Viele sagen: „Der Stronach hat eine erfolgreiche Firma aufgebaut, der kann kein Trottel sein.“ Er hat sicher seine Fähigkeiten, nur liegen die nicht in der Politik.

profil: Die Hauptperson in Ihren Romanen, Mira Valensky, ist eine Journalistin. Das sind natürlich Sie, oder?
Rossmann: Nein! Das bin ich nicht. Ich habe ihr Teile meiner Biografie geborgt. Ich glaube, man kann besser und genauer über etwas schreiben, das man kennt. Ich bin viel politischer als sie. Ich lebe am Land und sie in der Stadt. Ich mach Sport, sie quält sich dazu hin. Sie ist mutiger, ich renn schneller weg. Mira könnte so etwas wie eine gute Freundin sein. Mir ist es wichtig, dass ich ein kleines Stück Welt erzähle. Das hat meistens mit unserer Gesellschaft zu tun, weil ich nach wie vor ein politischer Mensch bin. Letztlich mach ich es nicht so viel anders, als ich es früher als Journalistin gemacht habe. Ich habe nur eine andere Form.

profil: Mira ist immer gleich alt wie Sie.
Rossmann: Ja. Wir werden gemeinsam älter. Das ist praktisch.

profil: Wie lange arbeiten Sie beide? Bis 60?
Rossmann: Es hat immer geheißen, ab einem gewissen Alter, etwa 50, überlegst du dir, wie das in der Pension ist. Mir ist das so was von wurst! Ich hoffe nur, eine gewisse Grundversorgung zu bekommen, wenn ich einmal nicht mehr kann.

profil: Und Sie können ja immer noch kochen
Rossmann: Kochen ist ein harter Job. Wenn ein Lokal knallvoll ist und du in zwei Stunden 120 Essen servieren musst, die auch gut schmecken sollen, ist das härter als schreiben. Für mich ist es ein irres Hobby. Dafür muss man ein bisschen verrückt sein, aber das bin ich eben!

Eva Rossmann, 51
Die studierte Verfassungsjuristin arbeitete einige Jahre als Innenpolitikjournalistin und geht seit Mitte der 1990er-Jahre erfolgreich ihrer Leidenschaft nach – dem Verfassen von Kriminalromanen.

+++ Lesen Sie hier: Sommergespräch II - Kaiserenkel Karl Habsburg über seine politischen Ambitionen, seine Geschäfte in Bulgarien und seine Ehe. +++

+++ Lesen Sie hier: Sommergespräch I - Der Verleger Wolfgang Fellner über seine Auffassung von Journalismus, die Zukunft der Zeitung und seine früh beendete Karriere als Fußballer +++

Foto: Monika Saulich