Exklusiv: Das Geld anderer Leute

Die Oesterreichische Nationalbank ist bei der Aufarbeitung des Meinl-Skandals auf eine Spur in die Karibik gestoßen. Dienten die Wertpapierrückkäufe bei Meinl European Land der Verschleierung einer Fehlspekulation mit Anlegergeldern?

Zufälle gibt’s: Julius Meinl V. tritt im Rahmen einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung der Wiener Meinl Bank AG am 17. Dezember des Vorjahres als Vorsitzender des Vorstands zurück, um in der anschließenden Hauptversammlung als Vorsitzender des Aufsichtsrats wiederzukehren.

Zufälle gibt’s: Wenige Tage zuvor kommt auf dem Schreibtisch von Staatsanwalt Karl Schober ein Akt zu liegen. Absender: die Oesterreichische Nationalbank. Der Inhalt: die vorläufigen Erkenntnisse der Behörden rund um die Meinl Bank und die ihr nahestehende börsennotierte Immobiliengesellschaft Meinl European Land (MEL). Schober führt staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen Julius Meinl V. In mehreren Anzeigen und Sachverhaltsdarstellungen, darunter eine von Rechtsanwalt und Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer, ist von Betrug, Untreue und Verstößen gegen das Aktiengesetz die Rede.

Meinl wird später sagen, die Demission sei „länger geplant“ gewesen, und jedweden Zusammenhang mit den laufenden behördlichen Investigationen bestreiten. Und er wird wohlweislich verschweigen, dass er sich anlässlich des Wechsels in den Aufsichtsrat einen hoch dotierten Beratervertrag in Höhe seines früheren Vorstandsgehalts genehmigen hat lassen (profil Nr. 2/08).

Zufälle gibt’s eben. Und wenn man Julius Meinl V. heißt, dann hat man die Koinzidenz zum Geschäftsprinzip erhoben.

Seit gut einem Monat liegen die Zwischenergebnisse der umfangreichen Prüfung der Meinl Bank vor. Experten der Nationalbank hatten sich vier Monate lang durch die Bücher der Gesellschaften geackert. Wiewohl die Akten zur Verschlusssache erklärt worden sind, sickern nun erste Details durch. Die Nationalbank hat im Wesentlichen zwei große Themenkreise abgehandelt: die Geschäftsbeziehungen der Meinl Bank zu Meinls Kumpan Wolfgang Flöttl, der sich derzeit im Bawag-Prozess verantworten muss (siehe Kasten). Daneben hat die OeNB die Verflechtungen innerhalb des Meinl-Konstrukts und auffällige Kontobewegungen untersucht.

Die Karibik-Achse. Wie profil in Erfahrung bringen konnte, sind die Prüfer dabei über eine Reihe von Transaktionen gestolpert, die über Konten bei der Meinl Bank abgewickelt wurden. Sie geben dem Skandal um verheimlichte Wertpapierrückkäufe bei Meinl European Land eine überraschende Wendung. So soll eine der Öffentlichkeit bisher nicht bekannte Gesellschaft mit Sitz auf den Niederländischen Antillen maßgeblich in die Wertpapiergeschäfte rund um die Immobiliengesellschaft involviert gewesen sein.

Die Nationalbank hat in ihrem Zwischenbericht keine wie immer gearteten Schlüsse gezogen, das ist allenfalls Angelegenheit der Finanzmarktaufsicht (FMA) beziehungsweise der Justiz. Für alle Beteiligten gilt bis zu einer allfälligen rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung. Julius Meinl V. lässt auf Anfrage ausrichten, er habe keine Kenntnis von einem Zwischenbericht: „Nachdem uns auch sonst keine schriftlichen Darstellungen seitens der OeNB vorliegen, ist es uns beim besten Willen nicht möglich, zum jetzigen Zeitpunkt auf Fragen, welche die Prüfung durch die OeNB betreffen, einzugehen. Das werden wir nach Vorliegen eines Endberichts unter Wahrung des Bankgeheimnisses jedoch gerne tun.“

Das wird er früher oder später müssen.

Den Analysten der Nationalbank ist es offenbar gelungen, Zahlungsflüsse und Wertpapiergeschäfte zwischen der Karibik, Wien und Jersey, Sitz von Meinl European Land, nachzuzeichnen. Im Zentrum steht ein undurchsichtiges Firmengeflecht um eine Somal N. V. mit Sitz auf der niederländischen Antilleninsel Curaçao. Das Konstrukt steht im direkten Einflussbereich der Familie Meinl und wird vom gebürtigen Niederländer Karel Römer vertreten. Der wiederum ist einer der engsten Vertrauten von Julius Meinl V. und sitzt für ihn unter anderem im Management der drei börsennotierten Gesellschaften Meinl European Land, Meinl Airports International und Meinl International Power.

Wenn die Erkenntnisse der Oesterreichischen Nationalbank stimmen, dann waren die umstrittenen Wertpapierrückkäufe zwischen April und August des Vorjahrs möglicherweise keine von langer Hand geplante Aktion, sondern vielmehr der Versuch, eine fehlgeschlagene Spekulation auf Kursgewinne vor den Augen der Öffentlichkeit zu camouflieren.

Die Vorgeschichte: Um den Jahreswechsel 2006/2007 ist Meinls Welt noch in Ordnung. Die MEL-Papiere haben im soeben abgelaufenen Jahr ein Plus von knapp 30 Prozent gemacht, die Immobiliengesellschaft schwimmt in Geld, eine weitere Kapitalerhöhung steht unmittelbar bevor. Nichts deutet darauf hin, dass nur wenige Wochen später die Zinsen weltweit steigen werden. Für die Aktien der gemeinhin konservativ investierenden Immobiliengesellschaften ist das Gift. In Europa sind je nach Markt Renditen zwischen drei und sechs Prozent zu erzielen. Steigen die Zinsen, verlieren die Veranlagungen an Attraktivität.

Der Crash des US-Hypothekenmarktes wird da noch erschwerend hinzukommen.

Offenbar spekuliert das Management von European Land zunächst darauf, dass der MEL-Kurs 2007, wie in den Jahren zuvor, seinen Höhenflug fortsetzen wird. Man beginnt, in MEL-Titel zu investieren – und zwar mit dem Geld der Gesellschaft. Zwischen April und Ende Juni werden in einem ersten Schritt klammheimlich 52,3 Millionen Titel – es handelt sich um so genannte Zertifikate auf Aktien – zu Durchschnittskursen von 20,78 Euro aufgekauft.

Aber von wem? Bisher hieß es, die Titel seien über die Meinl Bank „im Auftrag und auf Rechnung“ von Meinl European Land erworben worden. Im Lichte der OeNB-Expertise sieht es aber danach aus, als ob die Papiere nicht gleich bei MEL, sondern erst einmal im Somal-Gebilde geparkt wurden. „Ich kann bestätigen, dass MEL-Titel jedenfalls vorübergehend bei Somal eingelagert waren“, sagt ein früherer Meinl-Manager, der aus guten Gründen namentlich nicht genannt werden will. Seiner Darstellung nach habe die Antillen-Gesellschaft als so genannter Financial Assistant gedient.

Mit ein Indiz ist die MEL-Halbjahresbilanz zum 30. Juni 2007. In einer niemals veröffentlichten ersten Version des Zahlenwerks wurden die Rückkäufe mit keinem Beistrich erwähnt. Und das, obwohl Meinl European Land zu diesem Zeitpunkt bereits 1,1 Milliarden Euro für den Erwerb der 52,3 Millionen Zertifikate ausgegeben hatte.

Das könnte bedeuten: Meinl European Land wollte mit dem Geld argloser Kleinanleger den großen Schnitt machen. Wäre die Spekulation nämlich glattgelaufen, hätten die Papiere bei einem Weiterverkauf einen ordentlichen Batzen Geld abgeworfen. Die Frage ist nur, wer in letzter Konsequenz davon profitiert hätte: Meinl European Land? Somal? Beide?

Plan B. Die Antwort darauf hat strafrechtliche Relevanz. Denn die Gesellschaft auf Curaçao steht formell in keinerlei Verbindung zu Meinl European Land. Wäre auch nur ein Cent des erhofften Spekulationsgewinns in der Karibik hängen geblieben, könnten findige Juristen daraus den Tatbestand der Untreue ableiten.

Doch so weit kam es ohnehin nicht. Die Weltwirtschaft machte einen Strich durch die Rechnung.

Ab dem Frühsommer setzen die steigenden Zinsen Meinl European Land, so wie auch alle anderen Immobilientitel, zunehmend unter Druck. Weil MEL mit dem Geld der Anleger heimlich Millionen Papiere erworben hat, würde ein Kurssturz die Balance gefährden. Also werden immer mehr Zertifikate zu bereits deutlich überhöhten Preisen vom Markt geholt. Nur steigt mit jeder Transaktion das Risiko, dass der Hochseilakt auffliegt.

Auftritt Rechtsanwalt Christian Hausmaninger: Anfang Juli wendet sich Meinls Vertrauensanwalt schriftlich an die Finanzmarktaufsicht. Er holt im Namen seines Klienten „Rechtsauskünfte“ zu einem allenfalls geplanten Aktienrückkauf ein (profil berichtete ausführlich). Über den Inhalt des Schriftverkehrs ist bis heute nichts bekannt. Tatsache ist, dass MEL die Öffentlichkeit am 28. Juli erstmals informiert, dass im Rahmen einer für den 23. August angesetzten außerordentlichen Hauptversammlung der „umfangreiche“ Rückkauf eigener Aktien beschlossen werden solle. Erst ab diesem Tag ist also offiziell von einem Wertpapierrückkauf-Programm die Rede – annähernd vier Monate, nachdem die ersten MEL-Transaktionen angelaufen sind.

Noch immer ahnt niemand, dass bereits Millionen Papiere den Besitzer gewechselt haben. Zu den 52,3 Millionen Papieren, die bis 30. Juni erworben werden, kommen bis einschließlich 29. August noch einmal 36,5 Millionen hinzu, insgesamt also 88,8 Millionen Stück. Unter dem Strich hat Meinl European Land 1,8 Milliarden Euro in den Ankauf eigener Zertifikate investiert. Heute ist das Paket gerade noch 741 Millionen Euro wert. Rechnerisch entspricht das einem Verlust von annähernd 1,1 Milliarden Euro – oder in alter Währung: 15,1 Milliarden Schilling. Dass MEL den Verlust so nicht verbuchen muss, erklärt sich aus den geltenden „IFRS“-Bilanzierungsstandards: Demnach werden die Aufwendungen für den Erwerb eigener Papiere, vereinfacht gesagt, nur gegen das Eigenkapital gerechnet, nicht aber gegen den Gewinn.

profil hat Meinl Bank und MEL vergangene Woche via E-Mail einen umfassenden Fragenkatalog übermittelt. Die schriftlichen Antworten fielen dürr aus. Die Rolle von Somal und deren Beziehungen zu Meinl European Land werden mit keinem Wort kommentiert. Das Statement von MEL im Wortlaut: „Von der Meinl Bank AG, deren Beteiligungsunternehmen oder von Fonds der Meinl Bank hat die Gesellschaft kein einziges Zertifikat erworben. Verkaufswillige Einzelinvestoren wurden nicht bevorzugt. Beide Aussagen gelten auch für die Somal NV und die Julius Meinl AG.“

Dass MEL-Papiere zumindest vorübergehend in dem Karibik-Konstrukt gelagert waren, wird freilich nicht bestritten.

Auch die Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Zweck der Rückkaufaktion lässt Spielraum für Interpretationen: „Der Erwerb der Zertifikate erfolgte vor allem aus zwei Überlegungen: Zum einen hatte das Management, übereinstimmend mit den Kurszielen internationaler Analysten von bis zu 28 Euro, den inneren Wert deutlich höher eingeschätzt, als der Markt dies aufgrund des Kursniveaus im ersten Halbjahr 2007 tat. Zum anderen bestanden Überlegungen zur Hereinnahme strategischer Partner, die das Wachstum der Gesellschaft zusätzlich und nachhaltig steigern sollen.“

Damit wird zumindest zugegeben, dass das MEL-Management auf höhere Kurse spekuliert hat. Die „Hereinnahme strategischer Partner“ dürfte freilich damals wie heute ein frommer Wunsch gewesen sein.

Verzögerungen. Die Recherchen der Nationalbank haben zunächst nur inoffiziellen Charakter. In den kommenden Wochen soll die erste Fassung eines Endberichts vorliegen, der zunächst der Meinl Bank zur Stellungnahme übermittelt wird. Im endgültigen Dossier werden – ähnlich wie bei Rechnungshof-Prüfungen – auch die Standpunkte des Instituts eingearbeitet sein. Erst danach wird das Konvolut formell der Staatsanwaltschaft und der Finanzmarktaufsicht überreicht, die dann entsprechende Konsequenzen einmahnt – oder auch nicht.

Dem Vernehmen nach verzögert die Nationalbank die Ausfertigung jedenfalls bis 13. Februar. Das ist der letzte Arbeitstag von FMA-Vorstand Heinrich Traumüller, enger Freund von Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser, der wiederum maßgeblich an einer der zahlreichen Meinl-Gesellschaften beteiligt ist.

Von Michael Nikbakhsh und Ulla Schmid