Exklusiv: Deripaska gewährt Einblicke

Exklusiv. Vor einem Jahr beteiligte sich der russische Oligarch Oleg Deripaska am Baukonzern Strabag – jetzt gewährt er erstmals einen Blick hinter die Kulissen seines Weltkonzerns Basic Element.

Die Zeit scheint in Russland schneller zu vergehen als anderswo. Nirgends wird das deutlicher als auf dem Werksgelände des größten russischen Aluminiumherstellers Rusal im ostsibirischen Sajanogorsk. Wer durch den grünen Verbindungsgang vom alten zum neuen Werk geht, lässt mit wenigen Schritten die sozialistische Vergangenheit rußiger und polternder Industriehallen hinter sich und betritt die auf Hochglanz polierte Werkstätte der Gegenwart. Während im alten Fabriksteil die Arbeiter Hand anlegen, um glühend heißes Aluminium in die Maschinen zu kippen, ist im neuen Werksteil kaum eine Menschenseele zu sehen – längst haben Computer die Steuerung übernommen. Hier, hinter den Fabriksmauern des Sajanogorsk Aluminium Smelter (SAS), legte Oleg Deripaska, einer der sagenumwobenen Oligarchen Russlands, im Alter von gerade einmal 26 Jahren den Grundstein für seinen Reichtum. Und hier demonstriert er mit einer der modernsten Aluminiumschmelzen der Welt die Dynamik und das Potenzial seines Landes. Noch vor wenigen Jahren spielte Oleg Deripaska nach russischen Maßstäben auf Regionalliga-Niveau – auf die Liste der zwanzig Mächtigsten schaffte er es nicht. Mittlerweile hat er alle hinter sich gelassen, sogar seinen Freund Roman Abramowitsch. In nur einem Jahr gelang es dem unscheinbaren Sibirier, sein geschätztes Privatvermögen von 17 auf 40 Milliarden Dollar mehr als zu verdoppeln.

Ein Jahr, in dem Oleg Deripaska eine selbst für Russen ambitionierte Expansion Richtung Westen in Angriff nahm – um Ostern 2007 kaufte er sich zunächst beim österreichischen Baukonzern Strabag ein, anschließend erwarb er zehn Prozent am deutschen Strabag-Konkurrenten Hochtief, eher er sich im Sommer ein Viertel am austrokanadischen Autozulieferer Magna International sicherte. Deripaskas Holding Basic Element ist solcherart in sehr kurzer Zeit zu einem der größten Mischkonzerne der Welt avanciert (siehe Organigramm). Das renommierte russische Wirtschafts­magazin „Wedemosti“ kürte den Unternehmer darob zum Geschäftsmann des Jahres 2007. Noch 2006 hatte Basic Element einen Umsatz von 18,5 Milliarden Dollar ausgewiesen. Ein Jahr später wird er auf rund 28 Milliarden Dollar (17,8 Mrd. Euro) geschätzt. Nur zum Vergleich: Österreichs größtes Industrieunternehmen OMV schaffte zuletzt 20 Milliarden Euro. Eingebettet in eine für Sibirien ungewöhnlich liebliche Landschaft von Flüssen und Hügeln, stehen die Fabriksschlote von Sajanogorsk Aluminium Smelter. Sechs Jahre lang, von 1994 bis 2000, leitete Oleg Deripaska von seinem Schreibtisch im siebten Stock des Verwaltungs­gebäudes aus die Geschicke der noch unter Sowjetzeiten gebauten Aluminiumschmelze. Dass der erst 26-jährige Student dort Platz nehmen durfte, weil er zum Generaldirektor gewählt wurde, ist dem Aktienpaket an SAS geschuldet, das er sich mit den Einkünften aus seinem Metallhandel Aluminiumproduct Company und dem Verdienst als Börsenbroker finanziert hatte. Der damalige Präsident Boris Jelzin hatte die Privatisierung von Staatsbetrieben begonnen, indem er den Mitarbeitern Anteilsscheine ausgab. Geschäftstüchtige wie Oleg Deripaska witterten die Chance und schwatzten den einfachen Leuten ihre Aktien ab. „Verkaufen oder nicht verkaufen – das war das Thema in diesen Jahren in Sajanogorsk“, erinnert sich Vladimir Shulekin, der heute Pressesprecher von SAS ist. Es ging um viel: Von den verkauften Aktien konnten sich die Mitarbeiter Autos oder Wohnungen für die Kinder leisten – und das in Zeiten der russischen Wirtschaftskrise. „Er hat es geschafft, endlich wieder Ruhe einkehren zu lassen und die Aluminiumdiebstähle zu verhindern“, erinnert sich Shulekin. Er spricht damit die Zeit der Aluminiumkriege an, als jeder nahm, was er kriegen konnte: Die Mächtigen kämpften um die Vorherrschaft der Werke, die weniger Mächtigen ließen Aluminiumbarren mitgehen und verkauften sie am Schwarzmarkt. Mehr als 100 Tote schreiben Historiker diesen Kämpfen in ganz Russland zu. Deripaska stattete die örtliche Polizei in Sajanogorsk mit Autos und Funkgeräten aus, baute einen großen Zaun um das Werk und engagierte einen privaten Sicherheitsdienst. „Dass endlich wieder Löhne gezahlt wurden, verschaffte Deripaska Respekt – da war sein junges Alter zweitrangig“, sagt Shulekin.

Konkurrenzkampf. Respekt haben auch seine ehemaligen Konkurrenten gelernt. Doch im Gegensatz zu früher finden Kämpfe heute vor den Gerichten statt. Deripaska hat bereits einige Klagen ehemaliger Geschäftspartner – die ihn mitunter der Bestechung, der Geldwäsche oder des Betrugs bezichtigten – abgewendet oder mit Vergleichen beendet. Sein Erzrivale Michael Chernoy wagt derzeit einen neuen Anlauf vor einem Londoner Gericht. Bisher vermochte sich Deripaska allerdings stets erfolgreich durchzusetzen. Und so ist heute sein Unternehmen Rusal mit 15 Prozent Weltmarktanteil die Nummer eins der Aluminiumbranche. „Sajanogorsk ist für Deripaska nach wie vor eines der wichtigsten Werke. Mindestens einmal alle zwei Monate kommt er persönlich vorbei“, sagt Evgeny Nikitin, der Leiter des modernen Teils des Werks, der sich KAS nennt (Khakas Aluminium Smelter). Dass sich die Besuche Deripaskas hervorragend mit seinem liebsten Hobby Skifahren verbinden lassen, kommt dem Oligarchen durchaus zupass. Unweit der drei Liftanlagen ließ der Geschäftsmann ein Luxussporthotel bauen, das in seiner Art schicken Alpenhotels nachempfunden ist. Selbst übernachtet er jedoch in seinem eigenen Anwesen, das er sich in der Region hat errichten lassen.

Wenn er über das Firmengelände des Aluminiumwerks läuft, so will Deripaska vor allem eines: die Modernisierung vorantreiben. Effizientere Arbeitsabläufe stehen ganz oben auf der Prioritätenliste. „Deripaska hat das Toyota-Produktionsprinzip eingeführt, nach dem jegliche Verschwendung in der Produktion vermieden werden soll“, erklärt Anatoly Pereyaslov, der operative Leiter der Produktion, beim Rundgang. Hinweistafeln legen standardisierte Produktionsabläufe fest, regeln, wie und wann der Arbeitsplatz gereinigt werden muss und an welche Sicherheitsvorschriften sich die Mitarbeiter zu halten haben. In einer separaten Werkshalle wird an Elektrolyseanlagen geforscht, die grundlegend für die Aluminiumproduktion sind. „Hier haben wir die Anlagen des modernen Werks entwickelt“, sagt Pereyaslov. Auch beim Entlohnungssystem will das Werk zu den Vorreitern in Russ­land gehören. Vorbei sind die Zeiten des Stücklohns, die Mitarbeiter bekommen einen erheblichen Anteil ihres Gehalts als Leistungsboni ausgezahlt. Das Ziel ist klar: Rusal will zu einem Weltkonzern nach westlichen Maßstäben werden.

Orientierung am Westen. Ein Ziel, das auch die übergeordnete Holding Basic Element in Moskau fest im Blick hat. In den kommenden drei Jahren sollen die einzelnen Unternehmenssektoren auf einen potenziellen Börsengang vorbereitet sein. „Das bedeutet jedoch nicht, dass sie dann auch an die Börse gehen. Sie sollen bis dahin nur internationale Standards erreichen“, sagt die Vorstandsvorsitzende des Konglomerats, Gulzhan Moldazhanova im profil-Interview. Die 41-jährige Kasachin ist so etwas wie Deripaskas Außenministerin. Sie empfängt Besucher in einem schmucklosen Konferenzraum im dritten und höchsten Stock der Konzernzentrale in der Moskauer ­Rochdelskaya Straße Nummer 30. Nicht der kleinste Hinweis, noch nicht einmal ein Klingelschild, verrät dem Besucher, was sich hinter der glatten Fassade verbirgt. Modern, funktional und unnahbar – so präsentiert sich Basic Element von außen wie von innen. Deripaskas sorgsam gepflegte Zurückhaltung ist in gewisser Weise Programm. Auch Moldazhanova drängt es nicht unbedingt an die Öffentlichkeit. Und der Grat zwischen gerade noch zulässigen und unerwünschten Fragen ist ein schmaler. Deripaskas Privat­leben ist ebenso tabu wie Fragen nach dessen Vermögen oder Vergangenheit.

Lieber äußert sie sich zur Ausrichtung des Konzerns: „Bei unseren Geschäften zählt zuerst Profit, dann Spaß und Nachhaltigkeit. Wenn nationale Interessen damit zusammentreffen, ist es gut, aber für uns ist das kein Entscheidungskriterium.“ Diese Aussage verwundert, zumal Oleg Deripaska, für Oligarchen durchaus nicht unüblich, ausgesuchte Kontakte zum Kreml unterhält. Die Gunst des Putin-Vorgängers Boris Jelzin war ihm spätestens seit seiner Heirat in dessen Familienclan gewiss. An Fotos, auf denen sich Deripaska in demütiger Pose gegenüber Wladimir Putin zeigt, fehlt es auch nicht. Ganz offensichtlich möchte Deripaska nicht das Schicksal der Oligarchen Boris Beresowskij und Wladimir Gussinskij teilen, die der scheidende Kremlchef einst ins Exil vertrieben hat. Und noch weniger das des einstigen Ölbarons Michail Chodorkowskij, der seit mehreren Jahren in sibirischer Gefangenschaft verharrt – derzeit übrigens nicht unweit von Sajanogorsk. Die unterwürfige Linie wird Deripaska deswegen wohl auch gegenüber dem designierten russischen Präsidenten Dimitri Medwedew beibehalten, selbst wenn dieser nach außen hin liberalere Töne anschlägt als sein Vorgänger. In ihrem Willen, Russland groß, stark und europäisch zu machen, ohne dabei die Eigenständigkeit einzubüßen, sind sich Putin und Medwedew einig.

Vertrauensbasis. In dieses Konzept könnte Deripaskas Basic Element durchaus gut passen. Durch den Einstieg bei Strabag und Magna holen sich die Russen technisches Know-how ins Land. Das nützt nicht nur Deripaskas Unternehmen, sondern schafft nachhaltig qualifizierte Arbeitsplätze und verbessert Russ­lands Position im internationalen Wettbewerb. Auch die Investitionen in Forschung und Ausbildung, die Basic Element tätigt, passen gut ins Raster des Kreml. Oleg Deripaska wird fraglos weiter in Richtung Westeuropa marschieren. Nach einer Konsolidierungsphase sind durchaus größere Investitionen denkbar – ob und welche Unternehmen im Fokus sind, ist noch offen. Basic-Element-Finanzvorstand Alexander Lukin bekennt sich gegenüber profil dazu ganz klar: „Die Österreicher waren die Ersten, die ohne Vorbehalte mit Russland Geschäfte gemacht haben. Gerade die österreichischen Banken, aber auch andere Unternehmen der ersten Stunde haben dazu beigetragen, dass wir bis heute eine besonders gute Vertrauensgrundlage mit den Österreichern haben.“

Von Andrea Rexer