Exklusiv: In bester Gesellschaft

Kanzler Wolfgang Schüssel flog 2003 auf Einladung der Bawag im Privatjet nach Bulgarien. Mit von der Partie: Helmut Elsner, Martin Schlaff, Leo Wallner und Josef Taus, allesamt Akteure im Bawag-Skandal.

Die Canadair Challenger, Typ 604, ist das, was selbst betuchtere Zeitgenossen unter einem anständigen Flugzeug verstehen: 20,85 Meter Länge, 19,6 Meter Flügelspannweite, 12.500 Meter Flughöhe. Mit bis 970 km/h fliegt sie schneller als die meisten Verkehrsflugzeuge, mit bis zu 7500 Kilometer nonstop auch deutlich weiter. Theoretisch fasst der vom kanadischen Bombardier-Konzern gebaute Flieger 19 Passagiere, die gängigere Bestuhlung ab Werk liegt jedoch zwischen neun und 13 Sitzplätzen. Beinfreiheit hat ihren Preis: Eine standesgemäß ausgestattete neue Challenger 604 ist kaum unter 25 Millionen Dollar zu haben, Ledergestühl, Videosystem, Sanitäranlagen und temperierter Veuve-Cliquot-Champagner inklusive.

Von den Annehmlichkeiten durfte sich auch jene Delegation überzeugen, welche die blitzblank polierte Challenger mit der österreichischen Kennung OE-IYA am späten Nachmittag des 26. März 2003 in Wien-Schwechat bestieg. Ziel der gut zweistündigen Reise: die bulgarische Hauptstadt Sofia. Gastgeber: der damalige Bawag-Generaldirektor Helmut Elsner und dessen langjähriger Geschäftspartner, der Wiener Unternehmer Martin Schlaff. Mit an Bord: Casinos-Austria-Chef Leo Wallner, Staatsoperndirektor Ioan Hollender und: Wolfgang Schüssel, ÖVP-Bundesparteiobmann und Bundeskanzler der Republik Österreich.

Gut ein Jahr zuvor hatte die Bawag gemeinsam mit Schlaff, dem Investmentbanker Herbert Cordt und dem ehemaligen ÖVP-Obmann Josef Taus den bulgarischen Mobilfunkbetreiber Mobiltel um umgerechnet rund 800 Millionen Euro übernommen.

Soiree mit Freunden. An diesem 26. März 2003 sollte die Einweihung der neuen Mobiltel-Zentrale mit einem Festakt in der Oper Sofia gebührend zelebriert werden.

Dreieinhalb Jahre später liegt Helmut Elsner, inzwischen 71 Jahre alt, polizeilich bewacht in einem Krankenhaus in Marseille. Der angeblich am Herzen erkrankte Banker i. R. wurde am 14. September 2006 in seiner Villa im südfranzösischen Mougins auf Grundlage eines Haftbefehls der Staatsanwaltschaft Wien in Gewahrsam genommen. Die österreichische Justiz lastet ihm nebst acht weiteren Verantwortlichen Untreue, schweren Betrug und Bilanzmanipulation im Zusammenhang mit den verlustreichen Karibik-Geschäften der Bawag zwischen 1998 und 2000 an (siehe Kasten).

Dreieinhalb Jahre später interessiert sich die Justiz nun auch für die Geschäfte der Bawag mit Martin Schlaff. Am Mittwoch vorvergangener Woche musste der 53-jährige Unternehmer eine mehrstündige Einvernahme bei Staatsanwalt Georg Krakow über sich ergehen lassen. „Herr Schlaff hat Auskunft über seine Geschäftsbeziehungen zur Bawag gegeben“, sagt ein Ermittler, „er ist Zeuge, kein Verdächtiger.“

Die Fährten der Staatsanwaltschaft: 1998, vier Jahre vor dem Mobiltel-Engagement und am Höhepunkt der Karibik-Krise, hatte die Bawag zusammen mit Schlaff und den von Leo Wallner geführten Casinos Austria in Jericho im palästinensischen Autonomiegebiet das „Oasis“-Casino eröffnet. Obwohl der zunächst hochprofitable Spieltempel nach Ausbruch der zweiten Intifada geschlossen und damit de facto entwertet wurde, hat der frühere Bank-Vorstand unter Helmut Elsner die entsprechenden Abschreibungen niemals vorgenommen. Im Gegenteil: Die elfprozentige Bawag-Beteiligung am Casino wurde in den Büchern über Jahre fälschlicherweise mit rund 120 Millionen Euro angesetzt. Erst im Jahresabschluss 2005 – dank der Garantieerklärung des Bundes – wurde der Anteil auf null abgeschrieben.

Dunkle Deals. Auch beim Mobiltel-Deal, so die Vermutung der Justiz, könnte es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Die Bawag hatte die Übernahme des Mobilfunkanbieters 2002 mit einem Kredit in der Höhe von annähernd 800 Millionen Euro finanziert und nach offiziellen Angaben vorübergehend einen 30-prozentigen Anteil übernommen. Der Kredit wurde zwar später zurückgezahlt. Gute Geschäfte sehen dennoch anders aus. Die Bank zog sich aus bis heute nicht restlos geklärten Gründen 2004 überhastet aus Mobiltel zurück und kassierte dafür dem Vernehmen nach rund 78 Millionen Euro. Ein Klacks verglichen mit dem Betrag, den die verbliebenen Mobiltel-Eigentümer Schlaff, Taus und Cordt im Jahr darauf kassierten. 2005 ging das bulgarische Unternehmen für 1,6 Milliarden Euro an die Telekom Austria. Die Bawag, welche ja zunächst 30 Prozent an Mobitel gehalten hatte, begab sich damit rein rechnerisch eines Erlöses in der Höhe von rund 400 Millionen Euro. Elsner war zum Zeitpunkt des Verkaufs zwar nicht mehr Generaldirektor der Bawag, soll aber unverändert großen Einfluss gehabt haben. Und von Martin Schlaff wird berichtet, er habe in ausgewählter Öffentlichkeit wiederholt von seinen „Beziehungen“ zu Helmut Elsner geschwärmt.

Helmut Elsner, Martin Schlaff, Leo Wallner: Sie alle spielten im Bawag-Skandal mehr oder weniger tragende wie intransparente Rollen. Und sie alle saßen mit Wolfgang Schüssel an jenem 26. März 2003 in einem Flugzeug, 12.000 Meter über dem Boden.

Am Abend des gleichen Tages kam es in der Oper Sofia zu einem denkwürdigen Rencontre. Das Protokoll der Soiree wollte es so, dass der Bundeskanzler in der Oper ausgerechnet neben zweien seiner Vorgänger zu sitzen kam: Erhard Busek, ÖVP-Parteiobmann zwischen 1991 und 1995, sowie Josef Taus (1975 bis 1979). Busek, damals EU-Sonderkoordinator des Stabilitätspaktes für Südosteuropa, war ebenfalls auf Einladung von Elsner und Schlaff nach Bulgarien gereist, allerdings per Linienflug, Taus war bereits am Vortag eingetroffen.

Busek ist seit seinem Ausscheiden aus der Politik als Berater tätig. Elsner und Schlaff sollen sich seiner exzellenten politischen Kontakte nach Sofia bei der Anbahnung des Mobiltel-Deals bedient haben. Gegen gutes Geld, versteht sich.

Illustre Runde. Josef Taus wiederum: Unternehmer mit langjährigen Kontakten zur Bawag und enger Freund von Helmut Elsner. Er war auch einer der Letzten, der den Banker in Freiheit gesehen hat. Am 12. September 2006, zwei Tage vor der Verhaftung, besuchte Taus Elsner in dessen Villa in Mougins – und wurde dabei abgelichtet. Gegenüber profil erklärte Taus vergangene Woche, es habe sich um ein „Privatgespräch unter alten Bekannten“ gehandelt. Zitat: „Elsner sitzt in der Scheiße. Da hört man zu.“ Jüngst veröffentlichte Fotos zeigen ihn mit einem Umschlag in der Hand. Dabei habe es sich, so Taus, lediglich um eine „Landkarte“ gehandelt.

Elsner, Schlaff, Wallner, Schüssel, Busek und Taus: Sie alle genossen an jenem lauen Abend die Darbietung des Opernensembles Sofia. Und der Bundeskanzler ließ es sich anschließend nicht nehmen, höchstselbst auf die Bühne zu treten. Wo er vor hunderten Gästen im undankbaren Scheinwerferlicht Stipendiaten des Musikkonservatoriums Sofia mehrere Flügel der Wiener Klaviermanufaktur Bösendorfer überreichte. Welch schöner Gleichklang: Bösendorfer stand, damals wie heute, im Eigentum der Bawag.

Dass Schüssel beim anschließenden Mobiltel-Galadiner neben Bulgariens damaligem Regierungschef Simeon Sakskoburggotski zu sitzen kam, verlieh dem Event allenfalls einen offiziösen Touch. Von einem Staatsbesuch im engeren Sinn des Wortes konnte und kann eher keine Rede sein.

Über des Kanzlers Motive, auf Einladung und auf Kosten der Gewerkschaftsbank im Privatjet nach Bulgarien zu reisen, um dort die Bawag im Allgemeinen und Bösendorfer im Besonderen zu preisen, kann nur gerätselt werden.

Arafats Jet. Helmut Elsner stand bei seiner kostspieligen kleinen Bulgarien-Exkursion mit Wolfgang Schüssel – jede Flugstunde in einer Challenger 604 schlägt mit 3000 Euro zu Buche – noch nicht unter Untreue- oder Betrugsverdacht. Und doch fügt sich des Kanzlers Flugreise ins Bild des Bawag-Skandals, in den neben der SPÖ auch andere involviert sind. Bereits im Frühjahr 2001 hätte es Finanzminister Karl-Heinz Grasser in der Hand gehabt, Schlimmeres zu verhindern. Prüfer der Oesterreichischen Nationalbank waren im Zuge einer von Grasser selbst beauftragten Vor-Ort-Prüfung der Bawag-Bücher bereits damals auf bemerkenswerte „Sondergeschäfte“ der Gewerkschaftsbank gestoßen – doch Grasser blieb untätig. Stattdessen verlustierte sich der Finanzminister Jahre später auf einer Yacht mit Wolfgang Flöttl (profil berichtete ausführlich). Immerhin kannte Grasser zumindest den Eigner des Bootes: sein alter Spezi Julius Meinl.

Im Falle des Bundeskanzlers ist eher anzuzweifeln, dass er gewärtigte, wessen Flugzeug er da am 26. März 2003 wirklich bestieg. Die Canadair Challenger 604, registriert in Wien-Schwechat unter der Kennung OE-IYA, gehörte zum damaligen Zeitpunkt ausgerechnet einem gewissen Jassir Arafat, Chef der palästinensischen PLO. Finanziert wurde der 23 Millionen Dollar teure Ankauf des Jets einst von – erraten – der Bawag.

Von Michael Nikbakhsh