Exklusiv: Knalleffekt bei der AUA

Exklusiv. Das 150-Millionen-Debakel der AUA: Investor Mohamed Al Jaber hat sein Engagement am 30. April schriftlich aufgekündigt. Alfred Ötsch hält das geheim und verstößt damit gegen Börsenregeln. Der AUA-Chef ist zum Problemfall geworden.

Der 2. Mai 2008 war eigentlich kein allzu schlechter Tag für die Aktien der börsennotierten Austrian-Airlines-Gruppe. Im Tagesverlauf legten die Papiere dank starker Nachfrage kontinuierlich zu, ehe sie sich mit einem Stand von 4,11 Euro, also mit einem Plus von immerhin 10,48 Prozent, ins Wochenende verabschiedeten. Der 2. Mai wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anders verlaufen, hätte die Öffentlichkeit Kenntnis eines Dokuments gehabt, das AUA-Vorstandsvorsitzender Alfred Ötsch seit Mitte vergangener Woche unter Verschluss hält: Mohamed Bin Issa Al Jaber, österreichischer Unternehmer saudischer Herkunft, hat den geplanten Einstieg bei der trudelnden Airline kurzerhand abgeblasen. Dies geht aus einem vertraulichen Schreiben an die AUA und deren Hauptaktionärin ÖIAG hervor, welches profil vollständig und exklusiv vorliegt. Absender: Al Jabers Anwälte der renommierten Wiener Kanzlei Wolf Theiss Rechtsanwälte.
Darin heißt es: „Unsere Mandantinnen (Al Jaber und dessen Unternehmensgruppe, Anm.) erachten sich durch die vor Vertragsschluss offenkundig unrichtige Darstellung der Unternehmensentwicklung bewusst in die Irre geführt. Der beabsichtigten Kooperation unter Kapitalbeteiligung wurde dadurch jegliche Grundlage entzogen.“

Das unmissverständliche Resümee der Anwälte: „Angesichts der hervorgekommenen Tatsachen erachten sich unsere Mandantinnen an den Zeichnungsvorvertrag nicht mehr gebunden und ziehen die Verpflichtung zur Zeichnung der Kapitalerhöhung zurück. Darüber hinaus behalten sich unsere Mandantinnen die Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen vor“. Der zweiseitige Brief erreichte die AUA-Chefetage in den Nachmittagsstunden des 30. April. Der 1. Mai war ein Feiertag, folglich blieb auch die Wiener Börse geschlossen. Spätestens am frühen Morgen des 2. Mai, vor Wiederaufnahme des Handels also, hätten die Anleger von der AUA über den Inhalt von Al Jabers Schreiben orientiert werden müssen. Das strenge Börsegesetz lässt hier wenig Spielraum für Interpretation. Um zu verhindern, dass Eingeweihte (so genannte Insider) einen Wissensvorsprung ausnutzen und so den Markt zu ihren Gunsten manipulieren, müssen börsennotierte Gesellschaften sensible Informationen „unverzüglich“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen. Doch man zog es vor, in Deckung zu bleiben. Kein schriftliches Statement, keine Interviews, nichts. Alfred Ötsch, seit 1. April 2006 im Amt, muss sich jetzt den Vorwurf gefallen lassen, die Regeln des Wiener Kapitalmarkts zu­lasten aller Anleger missachtet zu haben. Wofür im schlimmsten Fall Verwaltungsstrafen von bis zu 50.000 Euro drohen.
Nicht minder schwer wiegen die Handlungen des AUA-Vorstandschefs, die dem Kündigungsschreiben vorangegangen sein sollen. Ötsch dürfte auch Al Jaber über die wahre wirtschaftliche Situation des Unternehmens im Unklaren gelassen haben.

Die Vorgeschichte: Am 31. Jänner bestätigte die AUA erstmals öffentlich Spekulationen, wonach Al Jaber, Gründer und Chef der weltweit tätigen Immobilien- und Hotelgruppe MBI International (darunter die Wiener Nobelherbergen Hotel Schwarzenberg, The Ring und Grand Hotel), eine strategische AUA-Beteiligung anstrebe. Unter dem Transaktionscode „Projekt Regina“ sollte er bis zu 150 Millionen Euro in die Airline pumpen. Mit dem Geld wollte die AUA einerseits neue Maschinen anschaffen und andererseits Al Jabers exzellente Kontakte in den Nahen Osten nutzen, um die Flugverbindungen in die Region zu verstärken.

Schlechte Vorzeichen. Nachdem der von ÖIAG-Chef Peter Michaelis präsidierte Aufsichtsrat die Transaktion am 12. März abgesegnet hatte, wurde am 3. April in ­Wien ein schriftlicher Vorvertrag aufgesetzt. Vorbehaltlich der Genehmigungen durch die AUA-Hauptversammlung am 7. Mai verpflichtete sich der Investor, im ­Wege einer Kapitalerhöhung rund 21 Millionen junge Aktien zum Preis von jeweils 7,1 Euro zu erwerben. Nach Abschluss der Transaktionen sollte Al Jaber rund 20 Prozent am Unternehmen halten und dem „Österreich“-Syndikat aus der Verstaatlichtenholding ÖIAG, Banken und Versicherungen beitreten. Wirklich wohl dürfte sich Al Jaber schon bei der Vertragsprozedur am 3. April nicht gefühlt haben. Anlässlich der Präsentation der AUA-Bilanz 2007 (sie schloss mit einem kleinen Gewinn) wenige Tage zuvor hatte Alfred Ötsch öffentlich angedeutet, 2008 werde im Lichte der hohen Treibstoffpreise ein „grimmiges Jahr“, gleichzeitig aber betont, das Unternehmen sei „saniert“. Am 3. April notierten die AUA-Aktien bei 4,7 Euro, also doch deutlich unter dem mit Al Jaber vereinbarten Einstiegspreis von 7,1 Euro das Stück.

Im Kündigungsschreiben der Anwälte heißt es dazu: „Unsere Mandantinnen sind in höchstem Maße befremdet, dass jegliche Aufklärung über die sich bei Vertragsschluss längst manifestierte, schlechte Unternehmensentwicklung unterblieben ist … Ganz im Gegenteil, noch am 28.3.2008 berichtete Vorstandsvorsitzender Alfred Ötsch … zu den Herausforderungen, die AUA 2008 zu be­wältigen habe, von einem knapp zweistelligen Wachstum in den Kernmärkten und einer ­Verbesserung des Ladefaktors in den ersten beiden Monaten des Jahres 2008.“ Und weiter: „Noch unmittelbar vor Vertragsunterfertigung am 3.4.2008 wurde Sheik Al Jaber auf seine Frage, wie der Geschäftsgang sei, erklärt, alles laufe gut („Everything’s fine“). Die Veröffentlichung der wahren Wirtschaftslage samt Gewinnwarnung erfolgte hingegen erst nach Vertragsschluss.“ Wahr ist: Am 24. April, also keine drei Wochen nachdem sich Al Jaber schriftlich zur Zeichnung der Kapitalerhöhung verpflichtet hatte, veröffentlichte die Austrian-Airlines-Gruppe die Zahlen des ersten Quartals 2008. Es schloss mit einem Nettoverlust von 60 Millionen Euro, im Vorjahreszeitraum hatte der Abgang 16 Millionen Euro betragen. Gegenüber den Aktionären hielt Alfred Ötsch anschließend ausdrücklich fest: „Aufgrund des aktuellen Ölpreises wird es schwierig sein, die Performance von 2007 zu wiederholen. Die Erreichung unseres für das Geschäftsjahr 2009 angestrebten dividendenfähigen Gewinns stellt unter den derzeitigen Rahmenbedingungen eine große Herausforderung dar.“ Soll heißen: keine Profite im laufenden oder im kommenden Geschäftsjahr. Genau genommen hätte der Kapitaleinschuss des Hoteliers unter diesen Vorzeichen gerade einmal dazu verwendet werden können, Verluste abzudecken.
So hatte er sich das offenbar nicht vor­gestellt.

Nach Al Jabers Version hätte Alfred Ötsch all das schon am 3. April wissen müssen, schließlich war das erste Quartal drei Tage zuvor zu Ende gegangen. „Bei Kenntnis der wahren Wirtschaftslage hätten unsere Mandantinnen den Zeichnungsvorvertrag niemals abgeschlossen“, so die Anwälte im Wortlaut. Ehernes Schweigen. Weder der Investor noch dessen Juristen wollten den Inhalt des Dokuments kommentieren. Die Angelegenheit ist vor allem rechtlich heikel. Schließlich hat sich Al Jaber vertraglich dazu verpflichtet, die jungen Aktien zu 7,1 Euro das Stück aufzugreifen, sofern die Hauptversammlung am 7. Mai zustimmt. Weiterführende Ausstiegsklauseln wurden offenbar nicht vereinbart. Juristen gehen allerdings davon aus, dass die jetzt unterstellte „Irreführung“ einen hinreichenden Grund für die einseitige Vertragsauflösung liefern könnte. Bei AUA und ÖIAG will man davon aber offenbar nichts wissen. Als Mitte der Vorwoche erste unbestätigte Gerüchte über einen möglichen Rückzieher aufkamen, ließ Ötsch über seine Pressesprecherin postwendend klarstellen: „Für uns ist die Lage so, dass wir gültige Verträge haben. Wir verhalten uns auch vertragskonform.“ Die Verstaatlichtenholding scheint das ähnlich zu sehen. Deren Vorstand Peter Michaelis und Alfred Ötsch sollen den 1. Mai hauptsächlich damit verbracht haben, die weitere Vorgehensweise abzustimmen. Das Ergebnis: kollektives Schweigen. Die Herren werden die Affäre freilich nicht einfach aussitzen können. Dem Vernehmen nach sollte Al Jaber noch am ­Freitagnachmittag ein Vieraugengespräch mit ÖVP-Vizekanzler Wilhelm Molterer führen. Molterer vertritt als Finanzminis­ter die Interessen der Republik beim AUA-Hauptaktionär ÖIAG (42,75 Prozent). Ob es auch wirklich dazu kam, war zu ­Redaktionsschluss unklar. „Wir kommentieren den Terminkalender des Vizekanzlers nicht“, so Molterer-Sprecher Harald Friedl. Weder Mohamed Bin Issa Al Jaber noch AUA und ÖIAG können Interesse an langwierigen wie peinlichen gerichtlichen Auseinandersetzungen haben. Selbst wenn der Investor doch noch einlenken sollte. Es ist eher unwahrscheinlich, dass er zu den im April festgelegten Bedingungen, also 7,1 Euro je Aktie, einsteigt. Zumal die Papiere an der Börse kaum mehr als die Hälfte wert sind. Mit einem Einsatz von 150 Millionen Euro könnte er derzeit nicht bloß 20 Prozent, sondern annähernd 50 Prozent der Airline erwerben.

Dessen ungeachtet hat Alfred Ötsch mittlerweile eine gefährliche Fallhöhe erreicht. Das vorläufige Scheitern der Transaktion muss er als Vorsitzender des Vorstands alleine verantworten. Umso mehr, als er Investor Al Jaber Anfang dieses Jahres persönlich angelandet und den Deal gegen zunächst manifeste Widerstände im Aufsichtsrat durchgesetzt hatte. Obendrein hat Ötsch auch die Öffentlichkeit zu lange über das wahre Ausmaß der Verluste im Unklaren gelassen – das Zurückhalten kursrelevanter Informationen kommt da noch erschwerend hinzu. Für den Chef eines wichtigen börsennotierten Unternehmens mit staatlicher Beteiligung ein mehr als heikler Fall.

Von Michael Nikbakhsh