Exklusiv: 'profil' Reportage aus Tibet

Dutzende Tote, zerstörte Geschäfte, chinesische Panzer auf den Straßen: Tibet ist nach der Niederschlagung gewalttätiger Proteste von der Außenwelt abgeriegelt. profil-Korrespondentin Kristin Kupfer hat die Auseinandersetzungen als eine von wenigen ausländischen Journalisten bis zuletzt in Lhasa mitverfolgt.

Die tibetische Gastwirtin an der Qumi-Straße in Lhasa stürzt zur Tür. Alle chinesischen Läden in der Straße sind geplündert und zerstört. Doch jetzt hat sie Angst um ihr Geschäft. Sie lässt die Rollläden halb heruntersausen. Draußen gestikulieren Polizisten wild und reißen am weißen Gebetstuch, dem Hada, das wie ­immer als Glücksgruß am Fensterrahmen des kleinen Restaurants hängt. Mit einem Kü­chenmesser trennt die Chefin in der purpurnen Tibeter Tracht das Tuch hastig ab. „Wozu wir das Tuch noch bräuchten, haben die Polizisten gefragt“, erzählt sie, „jetzt wäre doch die Armee da, um uns zu ­schützen.“ Es handelt sich um eine Racheaktion der chinesischen Behörden. Erst zerstörten tibetische Jugendliche die chinesischen Geschäfte in Lhasa. Jetzt raubt die Polizei den tibetischen Läden ihren traditionellen buddhistischen Schmuck. Ganze Säcke von Hadas räumen die Polizisten in der Qumi-Straße ab.

Drinnen im Lokal sitzen drei Männer und eine Frau auf gepolsterten Bänken um kleine Holztische. Im Hintergrund läuft chinesische Popmusik. Die Gäste schweigen. „Wir haben Angst“, durchbricht Pu Mi*, 33, die Stille. Die chinesischen Sicherheitsbehörden würden jetzt wahllos junge Tibeter festnehmen, sagt der Mann im schwarzen Anorak. Ein Chinese habe ihn vor einem Jahr halb totgeschlagen, erzählt er dann. Jetzt hält eine Eisenplatte seinen Schädel zusammen. Die vom Richter zugesprochene Entschädigung bekam er nicht, weil der Täter die Polizei bestochen hat. Pu ist von den Chinesen enttäuscht. „Der Aufstand war nötig“, sagt er.

Tod und Spiele. Nun aber drohen den Tibetern Razzien und Verfolgung. Erst hat die Polizei alle Teilnehmer an den Protes­ten ultimativ aufgefordert, sich freiwillig zu stellen. Nach Angaben der Behörden haben das hundert Demonstranten auch getan. Dann ging die Exekutive zur Fahndung via TV über. Über das staatliche chinesische Fernsehen flimmern, kommentiert in tibetischer Sprache, ständig neue Videoaufnahmen von mutmaßlichen Randalierern. Lautsprecherwagen fahren, begleitet von Militärfahrzeugen, durch die Straßen. Das Vorgehen gegen die Unruhestifter sei „ein Kampf auf Leben und Tod“, verkünden sie. In einem Viertel nahe dem Potala-Palast wurden nach Augenzeugenberichten junge Tibeter in zwei Lastwagen von der Polizei abtransportiert. Begonnen hatten die Proteste vor zwei Wochen im Sera-Kloster am Rande der tibetischen Hauptstadt – mit friedlichen Demonstrationen der dortigen Mönche. Am 49. Gedenktag der Niederschlagung des tibetischen Volksaufstands vom 10. März 1959 fordern sie die Rückkehr des Dalai Lama und die Unabhängigkeit Tibets. Ihr Protest zielt direkt auf die erhöhte ­weltweite Aufmerksamkeit vor den Olympischen Spielen. Und sie kalkulieren zunächst richtig: Peking lässt die Mönche gewähren. Ein paar Tage lang können sie ihre Aktionen fortsetzen, dann werden ihre Klöster abgeriegelt. Zwei Tage später bricht der gewalttätige Protest im Zentrum von Lhasa aus. Noch am gleichen Tag marschieren tausende schwer be­waffnete Militärpolizisten in die Stadt ein.

Seit dem Massaker am Tiananmen-Platz im Jahr 1989 hat China seine Militärmacht nicht mehr massiv gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Jetzt ist es wieder so weit. Gepanzerte Kettenfahrzeuge fahren vor dem Potala-Palast, der ehemaligen Residenz des Dalai Lama, auf. Insgesamt seien rund 300.000 Milizsoldaten aus der benachbarten Provinz Qinghai zur Niederschlagung der Proteste nach Lhasa beordert worden, berichtet ein Chinese. Die Militärpolizei verwandelt die Götterstadt in eine Besatzungszone. Uniformier­­te mit Maschinengewehren im Arm patrouillieren auf Lastwagen durch die Straßen, ihre Schnellfeuerwaffen zielen in die Menschenmenge. Es sind Szenen, die Peking großen Imageschaden zufügen. Zuletzt hatte sich China recht erfolgreich als aufsteigende Weltmacht mit friedlichem Antlitz präsentiert. Doch jetzt stößt die martialische Machtdemonstration der kommunistischen Regierung wieder an die Grenzen des internationalen Verständnisses. Zwar sind die offiziellen westlichen Reaktionen auf die Gewalt in Tibet eher verhalten. Doch Schlimmeres hätte Peking fünf Monate vor den Olympischen Spielen kaum passieren können – selbst wenn westliche Politiker und Menschenrechtsorganisationen einen Boykott der Spiele nach wie vor ablehnen.

Panzer rollen auch durch die enge Qumi-Straße. Von den chinesischen Supermärkten, Friseursalons und Hotels dort stehen nur noch rußgeschwärzte Wände. Davor liegen Kühlschränke, verbeulte Rollläden, zerbrochenes Geschirr und Lebensmittel. Es sind die Spuren der Revolte. Die Kettenfahrzeuge walzen darüber hinweg, oben sitzen Militärpolizisten mit Maschinengewehren und demonstrieren mit ausdruckslosen Mienen Chinas Macht. Die chinesischen Bewohner Lhasas begrüßen sie als Beschützer. Unter den ­Tibetern löst die Parade Angst und Schrecken aus – aber auch Trotz. Die Panzer lassen das kleine tibetische Restaurant erzittern. Die älteren Gäste stürzen nach draußen. Starr verfolgen sie die vorbeiziehenden Truppen. Einige jüngere Tibeter bleiben demonstrativ drinnen sitzen. Auf die Panzer folgen Polizeifahrzeuge mit Kameras. Sie sammeln Beweismaterial für die Zerstörungen, filmen aber auch verdächtige Zuschauer.

Ziellos und stumm. Das mehrheitlich von Tibetern bewohnte Altstadtviertel im Osten Lhasas gilt als Zentrum der Revolte. Den dortigen Jokhang-Tempel hat die Militärpolizei abgeriegelt. Auf dem Vorplatz stehen hunderte Männer mit Stahlhelmen und Schnellfeuergewehren. „Separatismus ist Unglück, Stabilität ist Glück“, steht auf roten Bändern an den Flanken zweier Panzer. Wer sich dem Platz nähert, wird mit erhobenem Maschinengewehr zum sofortigen Rückzug aufgefordert. Eine alte Tibeterin schaut den jungen Militärpolizisten fassungslos an. Sie hat Tränen in den Augen. „Warum können wir nicht zu unserem Tempel“, murmelt sie, „ich verstehe nichts mehr.“ Mit einem kleinen weißen Hund an der Leine und auf einen Stock gestützt, humpelt sie wieder in die Gasse. Dort hängen noch die weißen Gebetstücher über kleinen Fenstern. Bis auf einen Kiosk haben alle Läden noch Tage nach den Ausschreitungen geschlossen. Die Menschen wandern ziellos und stumm umher. Eine Frau in dunkelrot-blauer Tracht läuft vorbei. „Hier haben sie so viele von uns getötet. Es ist schrecklich“, ruft sie klagend. Sie legt die Hand auf die Augen und verschwindet hinter einer Ecke. Mindestens 80 Menschen sind nach Angaben der tibetischen Exilregierung ums Leben gekommen. Die Bilanz der chinesischen Behörden fällt dagegen nüchtern aus. Tote stehen nicht an erster Stelle. „56 Autos sind ausgebrannt, 13 unschuldige Menschen sind verbrannt oder erschlagen worden, 14 Polizisten und sechs Militärpolizisten sind schwer verletzt, an 300 Stellen und in 214 Läden hat es gebrannt“, sagt Xiang Baping, der Vorsitzende der ­autonomen Re­gion Tibet, wie China seine Himalaya-Provinz nennt. Und es seien die Demons­tranten gewesen, die äußerst brutale Maßnahmen angewendet haben, so Xiang. Das chinesische Staatsfernsehen liefert die entsprechenden Bilder: Ein wütender Mob wirft Steine und Brandbomben auf Geschäfte und vorbeifahrende Autos. Der Hauptschuldige sitzt laut Peking aber in Indien. „Die Clique des Dalai Lama hat die Proteste angezettelt und organisiert“, sagt Premierminister Wen Jiabao am Dienstag vergangener Woche auf einer Pressekonferenz in Peking. Zu diesem Zeitpunkt haben sich die Unruhen in Lhasa zu einer nationalen tibetischen Protestbewegung ausgeweitet. In den benachbarten Provinzen Sichuan, Qinghai und Gansu gehen die chinesischen Sicherheitsbehörden mit Gewalt gegen Mönche und Zivilbevölkerung vor. Aufgrund dieser Entwicklung sei die Behauptung des Dalai Lama, einen friedlichen Dialog und keine Unabhängigkeit zu suchen, „eine Lüge“, so Wen Jiabao.

Der Dalai Lama antwortet darauf mit einem Rücktrittsangebot. Er will Peking klarmachen, dass die Gewalt nicht sein Werk ist und dass China ohne ihn überhaupt keine Dialogmöglichkeiten in Tibet hätte. Offiziell will der seit 1959 im indischen Exil lebende Mönch nur mehr Autonomie und keine Unabhängigkeit für seine Heimat. Trotzdem wirbt der Dalai-Lama bei ausländischen Politikern immer wieder um Unterstützung für ein freies Tibet. Das olympische Jahr als Zeitpunkt für friedliche Demonstrationen scheint wohl auch ihm günstig. Die Eskalation der Proteste hat den Advokaten der Gewaltfreiheit offensichtlich überrascht. Er beschuldigt China eines „kulturellen Genozids“, übt durch sein Rücktrittsangebot aber auch scharfe Kritik an den gewalttätigen Ausschreitungen der Tibeter. Doch nicht alle in Tibet sind heute noch bereit, dem Pazifismus des Dalai Lama zu folgen. Zwar rufen Mönche und Zivilbevölkerung unisono nach Unabhängigkeit für Tibet. Der gemeinsame Gegner verbindet sie. Der Verlauf der Unruhen zeigt jedoch zwei ungleiche Verbündete. Der Vandalismus der überwiegend jungen Tibeter gründet sich auf das frustrierende Gefühl, der chinesischen Wirtschaftsmacht unterlegen zu sein. Der Gewaltverzicht des Klerus entspringt einem religiös motivierten Freiheitsdrang.

Messer und Steine. Bereitwillig bleiben die beiden Mönche Ya Ze und Zang De* an der Auffahrt zum Deprung-Kloster stehen. Der Gebäudekomplex ist von Militärpolizei umstellt. Schon unten an der Straße lässt die Polizei keinen mehr durch. Ya und Zang sind aus einem rund 1000 Kilometer entfernten Dorf im Osten der Provinz Qinghai nach Lhasa gekommen. Sie wollen ihre Mitbrüder im Deprung-Kloster bei den Protesten unterstützen. Die beiden gehören zur buddhistischen Schule der Gelbmützen. Die Gelupa gelten als Gründer der tibetischen Freiheitsbewegung. Ya und Zang tragen einen roten Umhang über goldgelbem Innengewand. Von der Polizei abgewiesen, lassen sie sich auf einer gegenüberliegenden Mauer nieder und warten. Um von ihrer Lage zu erzählen, sondiert Ya das Gelände lange nach einem geeigneten Gesprächsort. Nach einer kurzen Taxifahrt beginnen die beiden Mönche über einer Schüssel dampfendem Hühnerfleisch langsam zu reden. „80 Mönche sind gestorben“, sagt der 44-jährige Ya und streicht sich über den struppigen Bart. Auf die Frage nach dem Wofür und Warum der Demonstrationen schütteln die beiden mit bittendem Blick die Köpfe. Sie sagen nur, dass die Proteste sie nicht überrascht haben.

Als das Gespräch auf den Dalai Lama kommt, legt Ya den Zeigefinger auf die Lippen. „Es ist gefährlich, hier darüber zu reden“, flüstert er. Manchmal kommen Mönche aus Indien zu ihnen und bringen Nachrichten von der tibetischen Exilregierung. Der 33-jährige Zang mit der stoppeligen Glatze zeigt die Visitkarte einer Mönchsherberge. Wegen der Straßenblockaden ist auch diese geschlossen. Trotzdem wollen die beiden noch ein paar Tage in Lhasa ausharren. Die Mönche haben schließlich eine tragende Rolle bei den Protesten, sagt Ya. Die Besonnenheit der Mönche ist den tibetischen Jugendlichen in Lhasa fremd. In einem Restaurant südwestlich des Potala-Palasts schlürfen zwei Jugendliche ihre Nudelsuppe. An den weißen Wänden hängen Fotos der Stadt und einer prall gefüllten Obstschale. Alles sei teurer geworden, seufzt der Ältere, der eine New-York-Baseballmütze trägt. Eine Jeans habe vo­riges Jahr noch umgerechnet drei Euro gekostet, jetzt seien es sieben. „Die Chinesen werden auf unsere Kosten reich, die betrügen uns“, bricht es aus ihm heraus. Es sei schwer, Arbeit zu finden, erzählen beide. Die chinesische Privatwirtschaft stellt lieber eigene Leute als Tibeter ein. Bei den friedlichen Protesten der Mönche habe die Militärpolizei drei Lamas getötet, sagt der stillere Tibeter im rot-weiß-blauen Anorak. „Sonst hätten wir doch gar nicht losgeschlagen“, fällt ihm sein Freund ins Wort. Denn die Chinesen hätten Gewehre, die Tibeter nur Messer und Steine. Die Kellnerin des Restaurants wirft den beiden Jungen einen beschwörenden Blick zu. Sie befürchtet, dass sich die beiden Protestteilnehmer verraten. Sie weiß, dass man in diesen Tagen keinem mehr trauen kann.

Von Kristin Kupfer