Expedition Österreich

Wer in einem gewissen Alter nicht merkt, dass er nicht selten von Bemitleidenswerten umgeben ist, merkt es aus einem gewissen Grund nicht.

Es ist nicht zu verhehlen, dass uns medial hauptsächlich das österreichische Fernsehen umgibt. Auch nicht, dass selbst die ältesten Hasen auf dem Küniglberg mächtig stolz drauf zu sein scheinen, dass ihnen die tägliche Wanderschau „Expedition Österreich“ eingefallen ist. Möglicherweise wissen Sie dennoch nur vom Wegschauen, dass es sich dabei um die Abenteuer eines Dutzends oder so junger Menschen handelt, die, zumindest anfangs körperlich unversehrt und angeblich in völlig geistiger Frische, sich anheischig gemacht haben, unser schönes Land von Westen nach Osten in der Direttissima zu durchhatschen. Aus dieser Idee, welche die bekannt nachsichtigen TV-Kritiker immerhin diskutabel fanden, sei allerdings, rügen sie nun, bald eine Dilettissima geworden, denn jede Woche müsse sich ein Reisekumpel verabschieden.

Anfangs dachte ich an natürlichen Schwund: einer fällt von einem malerischen Felsen, eine verschwimmt sich in einem Teich mit Trinkwasserqualität, ein drittes Mitglied fällt einer Sennerin anheim – aber dann las ich von „Abstimmung“ und „Herauswahl“ und wusste, die gute alte Debilissima ist wieder im ORF daheim. Was das Betriebsklima im ORF schon zu vielen Zeiten ausgemacht hat, dass Gemeinheit nämlich über Gemeinschaftsgefühl geht, werden die in der Unter-haltung Befindlichen nicht müde, als empfehlenswertes Verhaltensmuster zu preisen. Der indiskrete Harm der Telekratie auf Solidarität bricht sich Bahn und erreicht nicht zufällig seinen Schlusspunkt im Neidkomplex Wien.

Schade ist um den Titel, dem zweierlei hätte entspringen können, eine arglose und eine reale Variante. In der arglosen hätte stets an Ort und Stelle gezeigt werden können, welcher Ort für seine köstlichen gefüllten Blunzen berühmt ist, in welchem Wald man die Heilkräuter findet, um farbenblinde Zwillinge zu synchronisieren, an welchem Brunnen der Tor steht, der so klug als wie zuvor ist, wo es Büchsenspanner gibt und wo Exhibitionistinnen, und vieles andere Wissenswerte mehr.

In der realen Variante könnte eine Expedition Österreich ein täglicher Streifzug durch die Absonderlichkeiten unseres Lebens sein. Zum Beispiel die bachene Meldung von McDonald’s, extra anlässlich des schwülen Films „(T)raumschiff Surprise“ eine „Käse-Sahne-Creme“ zu servieren: Wann hat je ein Fast-Food-Macher so unverblümt feststellen dürfen, dass der Film ein Topfen ist? (Die Vulgärpointe des ersten Wortes des Filmtitels ist die einzige, die in dem Streifen nicht vorkommt.)

Oder der herrliche Wickel, den Thomas Prinzhorn damit ausgelöst hat, dass er es „als Hohn für die Schwerarbeiter“ empfände, sollten die Exekutivbeamten auch dazugezählt werden. War das nicht zu wahr, um schön zu sein, wie ihm von allen Seiten „Überstunden“, „Sonntagsdienst“, „Stressbefall“ um die Ohren geklescht wurde – von jenen, die ihre Gewerkschaften gebeten hatten, sie mögen die lästige „Streife zu Fuߓ abschaffen? Gerade ihm, dem herrischen Law-and-Order-Fürsprecher?

Auch eine Beobachtung der Volksgesundheit wäre reizvoll. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein glaubt nicht, dass von den 29 Prozent Invaliditäts-Pensionisten alle krank genug sind, ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch glaubt, mehr als ein Drittel der Voest-Arbeiter werden keine 60 Jahre alt. Arbeitspsychologen behaupten, ein Viertel aller Arbeitnehmer, fast egal welchen Alters, sei teilinvalid.

Was allerdings vor allem einer aufklärenden, spurensuchenden Expedition in das Innere der mit Vorurteilen bewaffneten Alpenfestung Österreich bedürfte, ist die republikanische Schmach um Robert Bernardis.

Nach dem Widerstandskämpfer darf, verfügt Verteidigungsminister Günther Platter, keine Kaserne, ja nicht einmal ein Teil einer solchen benannt werden. Denn Robert Bernardis war kein Mitglied einer österreichischen Armee, sondern Oberstleutnant des nationalsozialistischen Soldatenrings. Das ist traut gewordenes altes Gedankenschlecht. Dazu kam jetzt, dass er seinen Offizierseid gebrochen hat, und so was wäre eben nicht ehrenwert. Eine Gedenktafel, na ja.

Abgesehen davon, dass es der Österreicher Adolf Hitler war, auf den der Eid geleistet werden musste, haben die amtlichen Zögerer im Heer nicht viel ausgelassen, was einen Widerstandskämpfer herabsetzen könnte. Welches Misstrauen in unsere Demokratiefähigkeit muss in anderen Ländern noch ständig neu entstehen, bis unsere Regierenden begreifen, dass Kadavergehorsam die bevozugte Bemäntelung des österreichischen Nazitums war? Und dass der Verstoß dagegen ein soldatisches Juwel ist, mit dem zu schmücken wir nicht eilig genug anfangen können? Wenn Minister Platter alle Demokraten nicht dadurch beruhigt, dass er diese Tafel wenigstens auf dem Heldenplatz anbringen lässt, steht ihm eine blamable Haider-Angst weiter ins Gesicht geschrieben.

Widerstand ist auch ein Zeit-Wort. Es bezeichnet die Mit-Vergangenheit.