Extremalpinismus: Ganz oben bei den Göttern - Die beste Bergsteigerin der Welt

Nun steht sie vor ihren nächsten beiden: Dhaulagiri und K2. Die Oberösterreicherin könnte die erste Frau auf sämtlichen Achttausendern der Erde sein. Die beste Bergsteigerin der Welt ist sie schon jetzt.

Am Anfang war der Wunsch. 1986, während eines Diavortrags über eine tragische K2-Expedition, tauchte er zum ersten Mal auf. Doch es war noch viel zu früh, ihn preiszugeben. Gerlinde Kaltenbrunner hätte sich eher die Zunge abgebissen, als jemandem davon zu erzählen. So saß sie, ein sportliches Mädel aus Spital am Pyhrn, still unter den andern Zusehern. Die 16-Jährige sah die wilde Berglandschaft und dachte: „Irgendwann werde ich selbst dort stehen.“

Zwanzig Jahre später hat sie neun von vierzehn Achttausendern bestiegen. Das hat vor ihr noch keine Frau geschafft. Die legendäre Wanda Rutkiewicz war schon knapp an dieser Marke dran gewesen. Doch die Polin ist seit einer Kangchendzönga-Expedition im Jahr 1992 verschollen.

Rutkiewicz galt als die Beste ihrer Zeit. Nun hat sie eine Nachfolgerin.

Vor einem Jahr riss eine nach Luft hechelnde Gerlinde Kaltenbrunner am Gipfel des Kangchendzönga die Arme hoch. Erst vier Alpinistinnen hatten vor ihr den Berg im Osten Nepals bestiegen. Zwei davon erreichten den Gipfel, doch beide Frauen leben nicht mehr. So gilt die 36-jährige Oberösterreicherin derzeit als einzige „Kantsch“-Begeherin. Und sie hat noch Gewaltiges vor. In wenigen Wochen startet sie zum Dhaulagiri in Nepal, Kaltenbrunners Nummer zehn. Dann will sie auf den Berg ihrer Teenagerträume hinauf: den K2. Es wäre ihr elfter Achttausender.

Die zierliche Frau mit den kastanienbraunen Haaren hat den Willen und die Kraft für die höchsten Gipfel der Erde. Und sie steigt auf die einzige Art hinauf, die Puristen des Extrembergsteigens noch beeindruckt. Im Alpinstil. Das heißt: ohne Hochträger, ohne künstlichen Sauerstoff und Fixseile nur, wenn es gar nicht anders geht. Alles Lebensnotwendige schleppt man im eigenen Rucksack mit.

Sie gilt als Frau, die spurt. Am Gasherbrum II wühlte sie sich stundenlang durch hüfthohen Neuschnee. Auch dann noch, als die meisten Kerle schon aufgegeben hatten. Mit solchen Gewalttouren verschaffte sie sich in der Zunft Respekt. „Keine ist zurzeit stärker als sie“, befand Extrembergsteiger Hans Kammerlander. Lutz Maurer, früherer „Land der Berge“-Macher im ORF, drehte einen Film über „Cinderella Caterpillar“. So nannten kasachische Bergsteiger die 36-jährige Oberösterreichin, nachdem sie am Nanga Parbat an ihnen vorbeigestapft war. Kaltenbrunner gehöre zu einer neuen Generation von Bergsteigern, die in seinen Augen verrückt seien, sagte Maurer einmal, „aber nicht medizinisch gesehen, sondern ihre Leben sind aus der Achse der Normalität herausgerückt“.

Leithammel. Gerlinde Kaltenbrunner wird 1970 in Spital am Pyhrn geboren, als zweitjüngstes von sechs Geschwistern. Der junge Ortspfarrer Erich Tischler tauft sie, ein Theologe, der in die Eismission nach Grönland wollte, sich dann aber für die oberösterreichische Wald- und Wiesenlandschaft entschied. Hier versucht er, das Abenteuertum mit der Seelsorge zu verbinden. Mit seinem Bruder klettert er in den Ostalpen herum; in der Pfarre kümmert er sich um die religiöse Erziehung der Kinder und führt sie so oft als möglich in die Natur.

Mit vier, fünf Jahren fährt Gerlinde mit ihren Schwestern auf Jungscharlager mit. Dem Pfarrer fällt auf, dass das Mädchen zurückhaltend, aber „ein Leithammel“ ist. Mit acht ministriert sie bei den Frühmessen. Das Amt ist ihr heilig. Selbst im Winter steht sie auf, macht Frühstück und stapft im Stockfinstern zur Kirche hinüber. Der Pfarrer sagt, er habe „das Mädchen mögen und sie mich auch“. Und beide mögen die Berge. Am Sonntag trägt er unter dem Messgewand seine Knickerbocker. Denn nach dem Gottesdienst wandert Hochwürden meistens mit ein paar Kindern die Hänge hinauf. Gerlinde ist immer dabei. Ein besseres Leben kann sie sich nicht vorstellen. Sie malt sich aus, wie sie den Gelderwerb später einmal mit ihrem Faible verbinden könnte. Sie will Pfarrersköchin werden.

Der Pfarrer erklärt den Kindern die Wolkenformationen, zeigt ihnen verschiedene Arten von Enzian und was eine Rentierflechte ist. Im Frühjahr nehmen sie die Firngleiter und fahren eine Steilrinne ab. Gerlinde ist kaum zu bremsen. „Langsam, Mädchen, wir haben nichts gestohlen“, sagt er oft. Im Alter von 13 macht sie mit ihm ihre erste Kletterei, angeseilt und mit Helm am Kopf. Von da an sucht sie immer neue Herausforderungen. Beim Skifahren, beim Mountainbiken, beim Tourengehen.

Ab und und zu schaut sie noch im Pfarrhof vorbei. Doch sie ist dem Expeditionsleiter ihrer Kindheit entwachsen und will nun auch nicht mehr seine Köchin werden, sondern Krankenschwester. So wie ihre Schwester. Brigitte ist zehn Jahre älter. Sie nimmt die zwölfjährige Gerlinde heimlich zu Nachtdiensten mit. Als die Eltern sich scheiden lassen, gibt die Ältere der Jüngeren Schutz, sie ist ihre Verbündete, wenn es hart auf hart geht, und bis heute ihre Vertraute. Mit 16 darf Gerlinde bis Mitternacht ausgehen. In der Diskothek Remise sitzt sie steif am Sessel. Der Alkohol schmeckt ihr nicht. Die Musik geht ihr auf die Nerven. Um halb elf ruft sie Brigitte an: „Hol mich ab.“

Ihre Schwester hat gemeinsam mit ihrem Mann eine Almhütte gepachtet. Gerlinde geht lieber zu den beiden hinauf als in die Disko. Neun Jahre lang arbeitet sie als Krankenschwester. Schon damals trainiert sie so exzessiv, als müsste sie ihren Körper für die Todeszonen stählen. Jeden Tag radelt sie ins Spital und nach Hause zurück. 700 Höhenmeter spult sie in den vier Stunden am Mountainbike ab. Privat zieht es sie zu Bergsteigern und Kletterern. Sie lernt einen Windischgarstener kennen, der schon mehrere Achttausender versucht hat. Jeder Urlaubstag, alles Geld, das sie verdient, geht für sportliche Unternehmungen drauf. Von ihrem Freund lernt sie, Wasser zu trinken, auch wenn sie keinen Durst spürt; dem Körper Zeit zu lassen, sich an die dünne Luft zu gewöhnen, auch wenn die Fantasie schon zum Gipfel drängt. Irgendwann erzählt sie ihm, dass sie „gern auf einen Achttausender möchte“. Tatsächlich ersteigen sie 1994 den Vorgipfel des Broad Peak in Pakistan.

Gerlinde Kaltenbrunner ist 23 und steht zum ersten Mal 8000 Meter hoch.

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Weitere Achttausender folgen: 1998 der Cho Oyu in Nepal, 2000 der Zentralgipfel des Shisha Pangma in Tibet, 2001 der Makalu in Nepal. Zehn Bergsteiger arbeiten sich in zwei Gruppen den Berg hinauf. Der erste Gipfelversuch misslingt. Als eine Mannschaft noch einmal aufsteigt, darf sie nicht mit. Erstmals fühlt sich Kaltenbrunner eingeengt und von einem Expeditionsleiter bevormundet, dem sie bergsteigerisch davongezogen ist. Sie klopft bei einer italienischen Crew an. Die Männer machen ihr im Hochlager einen Platz frei. Zu dritt kommen sie auf den Gipfel.

Dunkle Wuzel. Mit großen Expeditionen ist es nun vorbei. Sie nimmt ihre Abenteuer selbst in die Hand. Für den Aufstieg auf den Manaslu im Jahr 2002 spannt sie mit zwei Australiern und einem Italier zusammen. Im Basislager erfährt sie, dass auch Ralf Dujmovits da ist. Gerlinde Kaltenbrunner hat von dem deutschen Höhenbergsteiger gehört. Jetzt will sie ihm Hallo sagen. Im Küchenzelt stehen „drei dunkle Wuzel“, die sie für Nepali hält. Einen davon fragt sie, wo „dieser Ralf“ sei. „Das bin ich“, sagt er. Für ihn ist es „Liebe auf den ersten Blick“. Sie hingegen findet ihn nur nett, „weil er ein Kerl mit Manieren“ war, erzählt sie heute. Verliebt habe sie sich erst später.

Am Berg sieht Ralf Dujmovits, wie die Frau Spuren zieht. Knietief liegt der Schnee, das Gepäck hängt mit 18 Kilo am Rücken. Am Schluss sind sie vorne allein; ein Dutzend Leute steigt hinterher. Der Kraftakt schweißt sie zusammen. Ein Jahr lang halten Ralf und Gerlinde über E-Mail Kontakt. Irgendwann fragt er sie, ob sie auf den Kangchendzönga mitgehe. Und sie sagt Ja.

Wieder beginnt für Gerlinde Kaltenbrunner ein neuer Abschnitt. Denn jetzt ist sie mit echten Profis unterwegs: dem Finnen Veikka Gustafsson, dem Japaner Hiro Takeuchim – und Ralf Dujmovits. Und sie ist eine von ihnen. Am „Kantsch“ funkt es zwischen Gerlinde und Ralf. „Es gibt in diesen Höhen kein Verstecken mehr“, sagt sie. Stärken und Schwächen, alles liege bloß. Die Bergsteiger kommen bis 7200 Meter hoch. Dann müssen sie aufgeben. Doch noch im selben Jahr wagt sich Gerlinde Kaltenbrunner bereits an ihren nächsten Achttausender: die Diamirflanke des Nanga Parbat. Es ist ihr vierter Berg, jener, mit dem die Oberösterreicherin endgültig ins Profifach wechselt.

Kaltenbrunner kündigt ihre Stelle im Spital und erklärt, künftig vom Bergsteigen zu leben. Mutig, unken ein paar Freunde. Aber sie selbst sprüht vor Zuversicht. Ihr Training, bisher die Arbeit vor der Arbeit, wird zur Hauptsache.

Sie verlässt die Hügel ihrer Kindheit, die Pyhrn-Priel-Region, und zieht zu ihrem Lebensgefährten in den Schwarzwald. Richtig zu Hause ist sie jedoch nur unterwegs. Ihren roten VW-Bus nennt sie „meine fahrende Wohnung“. Darin führt sie spazieren, was sie für ihr rastloses Alpinisten-Dasein braucht: ein Hochbett mit Lattenrost, eine Kochstelle, Tourenski, Kletterzeug und einen Diaprojektor für die Vorträge. Es ist das Leben, von dem sie als 16-Jährige nicht einmal zu träumen wagte.

Druckwelle. 2004 besteigt sie mit Ralf Dujmovits die Annapurna I in Nepal. Er war 1991 schon dort. Die Druckwelle einer mächtigen Lawine hatte damals alle Zelte im Basislager zerfetzt. Deshalb wollte er dort eigentlich nicht mehr hin. Mit Gerlinde wagt er es ein zweites Mal. Auf dem Berg, berüchtigt für seinen sichelförmigen Eisabbruch, haben schon viele Alpinisten ihr Leben gelassen. Auch sie schrammen knapp an einem Unglück vorbei. Die Gruppe steht vor einer 200 Meter breiten Spalte und findet keinen Überstieg. Plötzlich kreißt der Berg. Ralf schreit: „Spring!“, und Gerlinde macht einen Satz zurück. Dann hört sie einen Höllenlärm. Tonnen von Eis brechen und stürzen rechts an ihnen vorbei zu Tal.

Im Schutz eines Überhangs schlagen sie ihr Nachtlager auf. Als Gerlinde Kaltenbrunner um fünf Uhr morgens ins Freie turnt, begrüßt sie der schönste Bergtag. Sie schaut nach oben: „Ich glaube, es könnte sich ausgehen.“ Ralf sitzt der Schock in den Knochen, er will zurück. Hiro und Boris schließen sich ihm an. Da klettert Gerlinde Kaltenbrunner allein hoch. Als sie sich nach einer Weile umdreht, sieht sie, dass ihr die Gruppe folgt. Sie hört auf jedes Ächzen des Eises und betet: „Lass jetzt nichts runterkommen.“ Als sie am Gipfel ankommen, haben sie keine Nahrung mehr, kein Gas und nur mehr wenig Kraft. Der Abstieg wird zur Tortur. Gerlinde Kaltenbrunner muss ständig an den Kaiserschmarren ihrer Schwester denken. Auf dem Weg ins Basislager sieht sie drei Dosen Cola und eine Dose Bier stehen. Gerlinde Kaltenbrunner glaubt, ihrer „ersten echten Halluzination“ zu erliegen. Es war der Koch. Er hatte sich Sorgen um die Gruppe gemacht und war ihnen entgegengeklettert, um die Getränke zu deponieren. Lange hätten sie nicht mehr durchgehalten. Der russische Kletterkollege nimmt einen Schluck Bier und fällt ins Gras.

Wenn sie die Episode bei ihren Vorträgen erzählt, lachen die Leute wie bei einem Sketch. In 8000 Meter Höhe ist das weniger komisch. Im Basislager debattieren die Bergsteiger hitzig, warum Ralf Dujmovits seine Absichten geändert habe. Zu Hause mögen sie ein normales Paar sein, in den Extremregionen der Welt gelten andere Gesetze: „Man schaut aufeinander. Trotzdem ist jeder auf sich gestellt. Und es zählt nur mehr, dass es dir gut geht.“ Und dass der eigene Instinkt einen leitet. Ralf Dujmovits sagt zu ihr: „Du hast ein gutes Gefühl. Darauf habe ich mich verlassen.“ Manchmal werde sie gefragt, warum sie in einer bestimmten Lage so und nicht anders entschieden habe, sagt Kaltenbrunner. Meistens ist es eine Mischung aus Kalkül und Inituition: vor Ort klar, hinterher nicht schlüssig zu erklären.

Die Oberösterreicherin gehört nun zu den Großen des Alpinismus. Doch aus unerfindlichen Gründen haben die heimischen Medien das noch nicht registriert.

Ihr ist das nicht unrecht. Doch der Rummel wird sich nicht mehr lange vermeiden lassen. In der Fachwelt wird Kaltenbrunner fast mantraartig als „beste Höhenbergsteigerin“ der Welt gehandelt. In Deutschland ist sie inzwischen eine mittlere Berühmtheit. Vor einem Jahr rückte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ eine Geschichte über das Duell zwischen Kaltenbrunner und der spanischen Extremalpinistin Edurne Pasabán ins Blatt. Die Spanierin kommt bis dato auf acht Achttausender, sieben davon bestieg sie ohne Sauerstoffflaschen. Gebannt verfolgen die Zunftkollegen, wie das Rennen um den Titel „Königin des Himalaya“ weitergeht. Man fühlt sich an den Wettlauf Reinhold Messner gegen den Polen Jerzy Kukuczka erinnert. 1986 war Messner der erste Mensch, der alle Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff geschafft hatte. Im Duell der Frauen um diesen Titel hat Gerlinde Kaltenbrunner die Nase vorne. Doch die Oberösterreicherin will sich nicht in einen Schaukampf verwickeln. Für sie seien nur ihre Ziele wichtig.

Drei Monate nach der strapaziösen Annapurna-Expedition kämpft sich die Oberösterreicherin bereits wieder durch felsiges Eis. Im Juli 2004 steht sie auf ihrem sechsten Achttausender, dem Gasherbrum I. Nur ein Jahr später gelingt eine alpinistische Großtat am Shisha Pangma. Mit Ralf und Hiro klettert sie über die 2000 Meter hohe Südwand hinauf und steigt über die Nordseite ab. Die Expedition fordert ihnen die letzten Reserven ab. Bereits der Anmarsch wird zur Prüfung. Die Yaks (Lastrinder, Anm.) sind bis auf die Knochen abgemagert und schleppen statt 60 Kilo nur 40. Auf 4600 Meter stehen Sherpa und Tiere vor dem Zusammenbruch. Der Gipfel ist zwei Tage entfernt. Nahrung und Wasser werden knapp. Die Bergsteiger rufen ihren Meteorologen in Innsbruck an. Karl Gabl meldet: „Nix Gutes für die nächsten zehn Tage.“

Schnaufen. Um Gewicht zu reduzieren, bricht Gerlinde Kaltenbrunner sogar den Stiel ihrer Zahnbürste ab. Das Dreimannzelt, eine Spezialanfertigung aus Japan, wiegt 1,2 Kilo. Trotzdem kommen sie beim tagelangen Aufstieg gehörig ins Schnaufen. Im Zelt liegen sie wie die Sardinen. Sie in der Mitte, Ralf und Hiro mit den Köpfen zu ihren Füßen. Das Wetter wechselt von einem Extrem ins andere. Einmal sticht die Sonne herunter; kurz darauf wird es bitterkalt. Wozu all die Strapazen? Alles bloß, um eine halbe Stunde einer Höhe ausgesetzt zu sein, in der sonst nur Düsenjets verkehren und der menschliche Organismus sich mit letzter Kraft gegen den totalen Kollaps stemmt. „Kein Tier, das bei Sinnen ist, bringt sich in Gefahr, indem es freiwillig irgendwohin geht, wo es nicht hingehört. Menschen hingegen werden durch ihren Geist gesteuert, dessen emotionales und spirituelles Streben stärker sein kann als der Überlebensinstinkt“, schreibt Kenneth Kamler, der als Arzt Expeditionen in die entlegensten Gegenden begleitete (siehe Kasten).

Das Ziel ist das Ziel. Es sei „schon ein spezielles Gefühl, alles noch unter Kontrolle zu haben, obwohl man sich geistig und körperlich am Limit bewegt“, sagt Kaltenbrunner. Ein wenig technisch klingt das. Man kann fast zusehen, wie sie um einen Ausdruck für das Unerklärliche ringt. Man wolle die Welt umarmen und weine los, sagt sie. So etwas erlebt zu haben, trenne einen von den Menschen, die es nicht erlebt haben. Und es verbinde einen mit den wenigen, die diese Erfahrung teilen.

Auf die höchsten Gipfel zu steigen sei die westliche Art, Transzendenz zu erleben, schreibt die Ethnologin Hildegard Diemberger. Die Tibeter sagen, ganz oben wohnen die Götter. Es wäre vermessen, zu ihnen aufzusteigen. Eine buddhistische Nonne erzählte Diemberger einmal von Chö – der rituellen Auseinandersetzung mit allem, was Angst macht – und Za Lung, der Kontrolle der Energie durch die „Kanäle des Lebensatems“. Um sich zu prüfen, wickeln sich die Nonnen nackt in nassen Baumwollstoff.

So liegen sie in einer Höhle mitten im Schnee, rezitieren Mantras und trocknen die Tücher mit der Energie ihrer Körper.

Generationen von Extrembergsteigern haben sich schon ihre Finger und Zehen abgefroren. An den Füßen von Reinhold Messner ist keine Zehe mehr heil. Gerlinde Kaltenbrunner hat ihre noch alle. „Bei vielen steht der Kampf, das Erobern im Vordergrund“, sagt Ralf Dujmovits. Gerlinde verbünde sich mit den Bergen. Jeder könne das spüren, der mit ihr unterwegs sei. Dazu komme ihre Leistungsfähigkeit, ihre nie nachlassende Disziplin. Auch beim Trinken. In den höchsten Regionen wird Schneeschmelzen zur mehrstündigen Geduldsprobe. Dujmovits ist überzeugt, dass ausreichend verdünntes Blut das Erfrierungsrisiko senkt. Genug zu trinken zeuge von „Achtung vor sich selbst“. Und die ist man einander auch schuldig: „Wir hätten keine Freude, wenn dem anderen etwas fehlt.“

Vor jeder neuen Expedition trainiert Gerlinde Kaltenbrunner ihre Ausdauer. Sie isst viel Gemüse und Obst, achtet darauf, nicht zu übersäuern, kontrolliert ihren pH-Wert und mampft sich Extraspeck auf die Hüften, damit sie in der Eiseskälte etwas zu verbrennen hat. Das ist die körperliche Seite des Erfolgs. „Den Rest macht der Kopf aus“, sagt sie. Reinhold Messner erzählte einer Reporterin von „National Geographic“ einmal, er spiele seine Abenteuer zuerst in seinen Vorstellungen durch: „Bevor ich etwas mache, lebe ich damit, träume davon, plane, bereite vor, trainiere. Wenn es dann ans Klettern geht, bin ich so konzentriert, dass nichts anderes mehr existiert. In dieser Konzentration scheint alles ganz logisch. Es gibt keine Gefahr mehr.“

Obsession. Vergleiche mit anderen Bergsteigern verscheucht Kaltenbrunner mit einer Handbewegung, als wären es lästige Fliegen. Dabei geht es ihr vor jedem neuen Abenteuer nicht anders als Messner. Wenn sie läuft oder mit dem Mountainbike fährt, „ist der nächste Berg immer bei mir“.

Ihre aktuelle Obsession ist der Dhaulagiri. Er begleitet sie beim Ausdauertraining, er bestimmt ihre Tagträume. Sie studiert Karten, Aufstiegsrouten, Wettervorhersagen. Die Erlebnisberichte anderer Bergsteiger liest sie nicht. „Das kommt danach“, sagt sie. Vorher will sie leer sein für ihre eigenen Sensationen. Ihr Freund Ralf hingegen tigert sich durch Stöße von Literatur. So finde er zu seinem nächsten Berg hin. „Gerlinde verinnerlicht ihre Bilder“, sagt Ralf Dujmovits. „Sie muss die alten Schinken nicht lesen.“ Zwei unterschiedliche Arten seien das, sich der Gefahr zu nähern.

Am 29. März fliegen die beiden zu einer Trekkingtour nach Kathmandu. Gerlindes Schwester kommt mit. Früher hat die Ältere die Jüngere ins Spital eingeschleust, jetzt kann die Jüngere der Älteren einmal ihre Welt zeigen. Gerlinde will die Bergwanderung dazu nutzen, sich wieder an die dünne Luft zu gewöhnen. Danach steigt sie mit einer Tschechin auf den Dhaulagiri. Ihre erste „Weiberroas“, sagt sie, und das erste Mal, dass Ralf und sie zu verschiedenen Gipfeln aufbrechen. Ihr Partner expediert inzwischen eine Gruppe auf einen Nebenberg. Den K2 wollen sie gemeinsam bewältigen. Kaltenbrunner lässt sich dieses Mal von einem Kamerateam begleiten. Eine Filmfirma will eine Dokumentation über ihr K2-Abenteuer drehen. Die Hauptdarstellerin bestand darauf, die Kameraleute auszusuchen. Wochenlang im Basislager zusammengepfercht, das klappe nur „unter Freunden“.

Freunde kommen bei ihr vor dem Berg. 1995 brach ihr Expeditionskollege Hiro am Everest mit einem Hirnödem zusammen. Sturmböen rütteln am Hochlager, während Gerlinde ihm ein Medikament spritzt. Ralf filmt den Delirierenden. „Ich wünsch mir nur, dass er runterkommt. Der Everest ist mir scheißegal, der steht noch länger“, sagt sie auf dem Video. Ihre Stimme zittert. Am Morgen schleppen Gerlinde und Ralf ihren Freund abwärts. Auf 7000 Metern beginnt er zu sprechen: „I am sorry“, sagt er. Darüber hat sie oft nachgedacht. Wofür entschuldigt er sich? Sie würde einen Freund nie im Stich lassen.

Als Krankenschwester sah Kaltenbrunner Menschen sterben. Natürlich sei ihr bewusst, dass es schnell gehen kann. Ihr Vater schimpft oft, sie fordere „es“ heraus. Er arbeitete früher im Gipsbruch. Seit er in Pension ist, hält er die Routen der Wanderer in Schuss. Sie erklärt ihm, ihr Körper habe sie noch nie enttäuscht, ihr Gespür sie noch nie verlassen. Sie glaubt ohnehin, es sei „jedem auferlegt, wann er gehen muss“. Ihr alter Pfarrer bezeichnet sie als „tiefgläubig“. Sie sagt, wenn einer ihrer Freunde stirbt, tröstet sie die Vorstellung, dass nach dem Tod noch etwas komme.

Wie nah Leben und Tod beisammenliegen, lernte Kaltenbrunner am Gasherbrum I. Im Juli 2004 überließ sie sich dort am Gipfel einer „totalen Freude am Leben“. Dann stieg sie mit ihren Kletterpartnern ab. Eine halbe Stunde später flog ein Körper an ihnen vorbei. Ein Spanier stürzte Kopf voran – wenige Zentimeter an ihnen vorbei – in die Tiefe. Tausend Meter weiter unten schlug er mit dem Rücken auf. Im Basislager sprachen Kaltenbrunner und ihre Bergfreunde stundenlang darüber, wie knapp sie selbst davongekommen waren. Es war ein Reden, „ohne eine Lösung zu suchen“.

Für diese existenzielle Zuspitzung gibt es auch keine Lösung. Man macht weiter. Oder man dreht um. „Gerlinde setzt sich ein Ziel und will es mit aller Macht erreichen“, sagt Ralf Dujmovits. „Aber sie rennt nicht drauflos, ohne links und rechts zu schauen.“ Vielleicht ist das ihre Stärke. Am Lhotse zum Beispiel gaben Ralf und sie 100 Höhenmeter vor dem Ziel auf. Die Verlockung weiterzugehen war groß. Es wäre Kaltenbrunners zehnter Achttausender gewesen. Doch der Schnee war zu tief. Sie hätten vielleicht den Gipfel geschafft. Den Abstieg aber nicht mehr. Der gehört aber unbedingt dazu. Denn nur wer zurückkommt, der habe den Berg in sich, sagt Kaltenbrunner.

Von Edith Meinhart