Extremsport: In 71 Tagen um die Welt

Die Britin Ellen MacArthur ist eine Ausnahmeerscheinung: je schwieriger die Verhältnisse, umso wohler fü hlt sie sich. Mit ihrem Segelrekord setzte sie neue Maßstäbe im High-Tech-Racing.

Da ist sie. Während Ellen MacArthur, schnellste Umseglerin der Welt und „Dame Commander“ im Adelsstand, ihre Beine ausschüttelt und erstaunt den Traunsee inmitten schneebedeckter Berge mustert, wird sie von den wind- und wettergegerbten Männern im Segelclub Ebensee in Augenschein genommen. Leibhaftig, in Jeans und T-Shirt, einen winzigen Rucksack umgeschnallt, wirke sie „ja noch viel kleiner und jünger als im Fernsehen“. Das müsse „eine Powerfrau“ sein, „denn da geht’s ums Leben, ganz allein da draußen“. Ganz so schlimm, meint ein anderer, sei es wohl nicht gewesen, in der Zeitung habe er etwas von einer Begleitmannschaft gelesen.

Ellen MacArthur, 28 Jahre alt, hat ihre jüngste Seefahrt über 71 Tage, 14 Stunden, 18 Minuten und 33 Sekunden solo bewältigt. Als sie in der Vorwoche auf Kurzbesuch im Salzkammergut war, hatten die lokalen „Oberösterreichischen Nachrichten“ nur vergessen zu erwähnen, dass die Betreuer der Seglerin an Land in zigtausenden Kilometern Entfernung stationiert gewesen waren. Begleitteams sind bei einem derartigen Parforce-Unternehmen ein Ding der Unmöglichkeit.

Wie sie das Unvorstellbare geschafft habe, fragte sich selbst ihr Vater, nachdem er seine Tochter nach ihrem Rekordtrip am 7. Februar dieses Jahres umarmt hatte: „Ich wüsste gern, wo diese Verwegenheit herkommt.“ Ellen MacArthur trägt zwar einen berühmten Namen (US-General Douglas MacArthur hatte das Kommando im Südpazifik, als Japan 1941 seinen Überraschungsangriff auf Pearl Harbour startete, und wurde im Korea-Krieg mit einem gewagten Manöver hinter den Kampflinien bekannt), geboren wurde sie jedoch als Kind eines Lehrers im britisch-ländlichen Derbyshire. Ihr erstes Erlebnis zur See verdankt sie einer Frau und deren Boot: Tante Thea segelte mit der Kleinen so weit hinaus, bis kein Land mehr in Sicht war. Ellen MacArthur schrieb später, in diesen Momenten habe sie sich zum ersten Mal im Leben vollkommen frei gefühlt. Sie war damals fünf Jahre alt.

Und begann, jeden Penny für ein eigenes Boot zu sparen, das sie als 13-Jährige kaufte und selbst instand setzte. Mit 18 umsegelte sie allein die Britischen Inseln, an ihrem 20. Geburtstag startete sie zur ersten Transatlantik-Passage, mit 24 wurde sie zum Shootingstar des internationalen Hochleistungssegelns: Sie erkämpfte sich den zweiten Platz bei der Vendée Globe, der Nonstop-Regatta rund um den Globus für Einhandsegler.

Homelife auf See. Das Leben auf ihrer Rennyacht umschreibt MacArthur in britischem Understatement als „very basic“. Das Boot: eine 23 Meter lange und 16 Meter breite Riesenspinne, ausschließlich dafür gebaut, höchstmögliche Durchschnittsgeschwindigkeiten für die beinahe zierliche Sportlerin auch unter härtesten Wetterbedingungen gerade noch beherrschbar zu machen; die Koje des Trimarans im mittleren der drei Bootsrümpfe wurde eng angelegt, um zu vermeiden, dass die Seglerin bei hohem Wellengang zu heftig herumgeschleudert wird. Wie es tatsächlich zuging, wird in MacArthurs Lagebericht von Tag 15 der Rekordfahrt greifbar: „Ich kämpfe darum, nicht über Bord zu gehen, mein Kopf ist mehrmals gegen den Rumpf gekracht.“

Hygiene: keine Dusche, als Toilette dienen Beutel, die über Bord entsorgt werden. Essen: Schoko- und Müsliriegel, dazu Gefriergetrocknetes, mit entsalztem Meerwasser auf einem einflammigen Kocher gewärmt. Schlaf: gemeinsam mit einem US-Experten auf täglich durchschnittlich nur vier Stunden trainiert, aufgeteilt auf 15-Minuten-Nickerchen und überwacht von einem Biosensor am Arm, der MacArthurs Team ihren Energieverbrauch und Erschöpfungszustand anzeigte. Lagebeschreibung von Tag 16: „Ich bräuchte mehr, viel mehr Schlaf.“

Technische Unterstützung: Coffeegrinder (Kurbeln) mit extrakleiner Übersetzung, um die Segel, die sonst von einer zwölfköpfigen Mannschaft gesetzt werden, für die nur 1,60 Meter große Ellen MacArthur handhabbar zu machen (Gewicht des Großsegels: 170 Kilogramm); Satellitennavigation, Autopilot (Selbststeueranlage), alle sechs Stunden Online-Verbindung zu Meteorologen in den USA und Deutschland, die aus den aktuellen Daten die Route mit den notwendigen – sprich: höchsten – Windgeschwindigkeiten vorschlugen, zwei Satellitentelefone und zwölf Kameras, die Live-Bilder auf MacArthurs Homepage schickten.

„Wunderschön“. Situation am Tag 36: „Zwei große Eisberge gesichtet, bin nervös, wie ihr an meiner Stelle sein würdet, habe nur noch vier Stunden Tageslicht, dann ist hoffentlich die größte Kollisionsgefahr vorüber.“ Tage später umrundet sie Kap Horn, schlafend. Ihr Situationsbericht bei Sturmböen mit über 100 Stundenkilometern: „Die See ist monströs. Ich kann nicht anders, aber ich werde diesen wilden und wunderschönen Platz vermissen.“

Sir Robin Knox-Johnston, der 1968/69 als Erster allein und ohne Stopp den Globus in 312 Tagen umrundete, nannte als Grundvoraussetzungen für ein derartiges Unternehmen die Fähigkeit, allein glücklich sein zu können, sowie absolute Selbstdisziplin. Ellen MacArthur arbeitete sich schonungslos durch die Weltmeere. Sie holte sich Blutergüsse bei Reparaturen am wild schwankenden 30-Meter-Mast, füllte das Olivenöl, das ihr selbst die verbrauchte Energie liefern sollte, in den Generator, hatte Schreikrämpfe aus Erschöpfung. Niedergeschlagen war sie nur kurz: als sie am Äquator hinter die Rekordzeit fiel, mit der der Franzose Francis Joyon ein Jahr vor ihr da unterwegs gewesen war. Bei Windstille klopfte sie in ihren Laptop: „Ich habe noch nie so hart gekämpft.“

Sie holte auf, am besten Tag segelte MacArthur eine Strecke von knapp 1000 Kilometern. Ihr Boot charakterisierte sie mit denselben Worten wie ihr Team die Power-Seglerin: „Sie ist eine Kämpferin. Sie lässt dich nicht im Stich.“ Als sie ankam, gratulierte Queen Elizabeth II. zu der „bemerkenswerten und historischen Leistung“.

„Dame Commander“. MacArthur hat mit ihrem Rekord die jahrzehntelange Vorherrschaft französischer Extremsegler vorerst beendet, wurde als „Dame Commander“ geadelt und spielt inzwischen mit dem britischen Premier Tony Blair und Fußballstar David Beckham in einer Bekanntheitsliga. Ihr professionell umgesetztes „Du kannst es schaffen“ mag Neoliberalen gefallen und passt hervorragend ins Programm ihres Hauptsponsors, einer Do-it-yourself-Heimwerkerkette. Omega steuerte eine Million Schweizer Franken bei, um auf der „epischen Reise“ (BBC) als Zeitnehmer präsent zu sein und die Extremsportlerin drei Tage auf Reisen wie jene an den Traunsee schicken zu können. „Es gibt wohl keinen Marketingchef, der sie nicht gerne gewinnen würde“, so der Direktor der Europäischen Sponsorenvereinigung, der MacArthurs Auftritt als erfolgreichste Öffentlichkeitskampagne der vergangenen Jahre bezeichnet.

Mit ihrem Mentor aus Anfangstagen, Mark Turner, betreibt Ellen MacArthur die Offshore Challenges Group. Das Unternehmen ist auf Management von Extremsportlern sowie Kommunikationstechnologie unter Extrembedingungen spezialisiert. Die Homepage www.team ellen.com machte den Begeisterungs-Hype erst möglich: Zum ersten Mal war ein Segler durch die unwirtlichsten Ozeane live zu verfolgen. Am Abend des Zieleinlaufs waren 700.000 Fans eingeloggt.

Im Salzkammergut konnten den Auftritt der Ausnahmeerscheinung nur wenige beobachten, denn am Tag des großen Regattastarts am Traunsee war Ellen MacArthur wieder unterwegs. Zu Autogrammen hatte sie ein „Go for it!“ gesetzt. Ihr nächstes Ziel: der Transatlantikrekord, vor einem Jahr verpasste sie ihn um 75 Minuten.

Von Marianne Enigl