Extremsport: Supermaschine Mensch

Der Österreicher Wolfgang Fasching wurde Zweiter im diesjährigen 5000-Kilometer-Radrennen quer durch die USA. Sein Landsmann Herbert Nitsch schaffte Mitte Juni den Freitaucher-Weltrekord. Was treibt die Ultrasportler an – und wo liegen die Grenzen menschlicher Belastbarkeit?

Eine Woche nach Beendigung des legendären Race Across America (RAAM) ist der Österreicher Wolfgang Fasching noch immer „sehr müde, der Nacken schmerzt“, wie er sagt. Der Ausnahmesportler, der bei dem 5000-Kilometer-Radrennen Zweiter geworden ist, weilt derzeit in Vorarlberg, wo er einen von der Universität Salzburg abgehaltenen Ausbildungskurs zum akademischen Mentaltrainer besucht. Das Mentale, so Fasching, sei nämlich der springende Punkt, wenn man Leistungen vollbringen wolle, die selbst Hobbysportlern als unfassbar oder gar verrückt erscheinen.

Der heute 39-jährige Fasching hat dieses Rennen achtmal bis ins Ziel absolviert, dreimal hat er die Tortur sogar gewonnen. Er ist damit einer von weltweit drei Menschen, denen dies bisher gelungen ist. Nun will er sich als Extremsportler zur Ruhe setzen, was ungewöhnlich ist. Denn viele jener Gleichgesinnten, die immer tiefer in den Extremsport eingetaucht sind, können es dann einfach nicht mehr lassen – sie schrauben ihre Anforderungen immer höher. Ein normaler Triathlon oder Ironman, wie er am kommenden Sonntag wieder am Wörthersee abgehalten wird, ist in ihren Augen „ein Spaziergang“.

Die Ultrasportler sind in anderen Dimensionen unterwegs:

• Im Jahr 2003 lief der damals 38-jährige Nürnberger Augenoptikermeister Robert Wimmer beim Transeuropalauf – 5036 Kilometer in 64 Tagesetappen – von Lissabon nach Moskau und ging als Sieger des Bewerbs durchs Ziel.

• Im heurigen Frühjahr schwamm der 52-jährige Slowene Martin Strel in 65 Tagen als Einzelkämpfer 5265 Kilometer den Amazonas hinab und brach damit zum dritten Mal seinen eigenen Weltrekord im Langstreckenschwimmen – und das in einem Fluss, in dem sich Krokodile, Piranhas und Parasiten besonders wohl fühlen.

• Der mittlerweile 46-jährige Heeressportoffizier Luis Wildpanner ist sechsfacher Weltmeister und Weltrekordhalter in verschiedenen Double- und Triple-Triathlon-Bewerben, in denen bis zu 540 Kilometer Radfahren, bis zu 126 Kilometer Laufen und bis zu 11,4 Kilometer Schwimmen kombiniert werden.

• Der 38-jährige Kärntner Werbeunternehmer Mario Schönherr hat die härtesten Wüstenrennen der Welt absolviert – in Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko – und bereitet sich gerade auf das heißeste Rennen der Welt vor, den Badwater Ultra-marathon durch das kalifornische Death Valley – „als Vorbereitung auf den Transeuropalauf 2009“, wie er sagt.

• Und der 37-jährige Wiener Freitaucher Herbert Nitsch hat erst Mitte Juni vor der griechischen Insel Spetses mit 214 Metern einen neuen Weltrekord im Freitauchbewerb „No Limits“ aufgestellt, bei dem der Taucher mithilfe eines an einem Seil befestigten Gewichtsschlittens in die Tiefe gleitet, um dann, unterstützt von einem kleinen luftgefüllten Ballon, ansonsten aber mit eigener Kraft wieder nach oben zu kommen.

Was treibt diese Menschen an, denen offenbar keine Herausforderung übermenschlich genug sein kann? Und welche Extrembelastungen hält die Supermaschine Mensch noch aus, jenseits heute vermuteter, aber nach einhelliger Meinung der Sportmediziner noch lange nicht bekannter Grenzen (siehe Interview Seite 88)?

Immer extremer. Auffallend ist, dass sich die Ultrasportarten erst in den vergangenen 30 Jahren zu immer neuen Extremen ausgewachsen haben – seit im Jahr 1978 auf der Hawaii-Insel Oahu erstmals der Ironman Hawaii durchgeführt wurde. Seit 1981 wird dieser älteste, bekannteste und spektakulärste Ironman – 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren plus ein Marathonlauf – auf der Hawaii-Insel Big Island ausgetragen. Und seit 1988 müssen sich die Bewerber für dieses Rennen bei einem der weltweit stattfindenden und als Ironman lizenzierten Wettbewerbe durch eine besonders gute Gesamtzeit in ihrer Altersklasse qualifizieren.

Lange Zeit war dieser Triathlon die Ausdauer-Wettkampfsportart schlechthin. Mittlerweile gibt es den Double-, den Triple- und den Deca-Triathlon, also einen Bewerb, der den Sportlern das Zehnfache der beim Ironman Hawaii geforderten Leistung abverlangt: 38 Kilometer Schwimmen, 1800 Kilometer Radfahren und 420 Kilometer Laufen. Und einzelne Länder und Regionen überbieten einander bei Angeboten für Lauf- und Radfahrbewerbe, vom Balatonlauf in Ungarn (212 Kilometer) über den Deutschlandlauf (1200 Kilometer) und diverse Gebirgs- und Wüstenläufe bis zu den Tansamerika- und Transeuropabewerben. Die zahlreicher werdenden Eisschwimmbewerbe und Extremsauna-Meisterschaften sind eine kuriose Draufgabe.

Große Nachfrage. Genügend Teilnehmer zu rekrutieren ist offenbar kein Problem. Im Gegenteil: Immer mehr Bewerbe verlegen sich darauf, nur noch Sportler zuzulassen oder einzuladen, die ihre Ausdauer und Leistungsstärke bereits mehrfach unter extremsten Bedingungen unter Beweis gestellt haben. Was ist die persönliche Motivation hinter so extremen Belastungen?

Thomas Brandauer, Sportpsychologe des Landes Kärnten, hat sich diese Frage schon im Rahmen seiner Dissertation gestellt und dazu selbst eine Untersuchung durchgeführt. Bei der Befragung von Bergsteigern, Marathonläufern und Triathleten stieß er, so Brandauer, „auf zwei Gegensatzpunkte: Mangel und Luxus“. Der Mangel entstehe häufig im persönlichen oder im gesellschaftlichen Bereich und führe zu einem entsprechenden Kompensationsverhalten.

Die Gesellschaft des Überflusses produziert demnach auch Mangelerscheinungen, weil sie durch ihr Sicherheits- und Bequemlichkeitsstreben Trägheiten fördert, die dem Leben eher abträglich sind: im Büro sitzen, mit dem Lift fahren, im Auto oder vor dem Fernseher sitzen. In den fünfziger Jahren gab es an jeder dritten Ecke in Wien einen Boxklub, die jungen Burschen tobten sich dort oder bei der Fetzenlaberl-Partie auf der Straße aus. Mangels Transportmöglichkeiten mussten die Menschen viel zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren. Heute haben sie es wohlstandsbedingt viel bequemer, sie sind mobil und bewegen sich in großteils durchorganisierten und abgesicherten Räumen.

In Brandauers Augen bietet all dies zweifellos Vorteile, nimmt aber auch „Spannung und Salz des Lebens, das Abenteuer geht verloren“. Zwischen den vorverpackten Lebensdosen entstehe leicht das Gefühl des Getriebenseins und der Fremdbestimmung. Offenbar bietet die Bühne der extremen sportlichen Herausforderung für immer mehr Menschen dazu ein Gegengewicht, wie auch der deutsche Extremsportler Hubert Schwarz in seinem Buch „Aus eigenem Antrieb“ (Econ, Berlin, 2006) mehrfach andeutet. Der heute 53-Jährige ist eine sportliche Ausnahmeerscheinung. Er hat nicht nur am Race Across America erfolgreich teilgenommen, sondern zweimal im Sattel den Globus umrundet und in kombinierten Rad- und Bergtouren die höchsten Gipfel aller Kontinente erklommen.

Eigene Entscheidung. Schwarz spricht von Entscheidungen auf dem Rad, „die meine eigenen bleiben“, und immer wieder vom eigenen Motor, „der etwas bewegt und verändert“. Psychologe Brandauer sieht zwar auch, dass in den komplexen heutigen Arbeitsbeziehungen Eigenleistung häufig zu wenig sichtbar wird und dass deshalb jemand, der etwas allein vollbringt, seine Leistung viel unmittelbarer spürt, aber er beleuchtet die Motive der Extremsportler auch kritischer. So ist ihm bei seinen Untersuchungen etwa die „zwanghafte Tendenz bei Triathleten“ aufgefallen oder ein leicht depressiver Zug bei Kletterern. „Je höher der Schwierigkeitsgrad des Kletterns, desto mehr ist das herausgekommen“, sagt Brandauer.

Wird diese Jagd nach Ultraleistungen so weitergehen, oder gibt es natürliche Grenzen, die den Sportlern sehr bald zeigen werden, dass sehr viel mehr nicht erreichbar ist? Zwar nimmt die Steigerung der Leistungsfähigkeit laut dem Wiener Physiologen Wolfgang Marktl „zunächst einen exponentiellen Verlauf“, wie ja auch die Entwicklung des Extremsports zeigt. Aber nach dieser Phase der Steigerung flacht die Kurve allmählich ab und stößt an natürliche biologische Grenzen, noch dazu, wo die permanent gesteigerten Extrembelastungen alles eher als gesund sind. So ist etwa die Herzbelastung beim Extremsport laut dem Wiener Intensivmediziner Michael Zimpfer jener „bei einer schweren Sepsis vergleichbar“.

Freilich ist das sportphysiologische und sportmedizinische Wissen heute viel umfangreicher, sind auch die Trainingsmethoden viel ausgefeilter als früher, sodass sich aus den Sportlern noch etwas „herausquetschen“ lässt. Aber irgendwann, so glaubt Marktl, wird auch diese Steigerung an eine Grenze stoßen, an die Hans Holdhaus, Direktor des Instituts für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung in der Südstadt, partout nicht glauben will: „Alle in der Vergangenheit gestellten Prognosen haben sich als falsch erwiesen.“

Als Beispiel nennt Holdhaus den aktuellen Weltrekord des Freitauchers Herbert Nitsch: „Von den physikalischen Verhältnissen und vom Druck her ist das eigentlich unmöglich. Aber Nitsch hat bewiesen, dass es geht.“ Ein anderes von Holdhaus angeführtes Beispiel ist die Erstbesteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät im Jahr 1978 durch Peter Habeler und Reinhold Messner. „Kein Mensch hat das für möglich gehalten, die beiden würden schwere Hirnschäden davontragen, hieß es damals. Mittlerweile gibt es 200 bis 300 Bergsteiger, die ihnen das nachgemacht haben“, sagt Holdhaus.

Freigesetzte Kräfte. Denn eines würde laut Holdhaus bei all diesen Prognosen zu wenig in Betracht gezogen – die Black Box Gehirn: „Wir wissen herzlich wenig, welche Kräfte unser Denkapparat wirklich freisetzen kann.“ Etwa, wenn ein Mensch in Todesangst Dinge vollbringt, die normalerweise undenkbar sind. Der erfahrene Sportcoach erinnert an das Beispiel einer Mutter in den USA, die es laut Medienberichten fertig brachte, ein Auto aufzuheben, um ihr darunter eingeklemmtes Kleinkind zu befreien.

Etwas Ähnliches müssen Extremsportler in ihrem Kopf mobilisieren. Der Salzburger Sportpsychologe Günter Amesberger erkennt in der offenbar antrainierbaren Selbstmotivation mehrere bestimmende Faktoren: Erstens die Zielperspektive, also die Motivation, das Rennen durchzustehen. Zweitens die so genannten Volitionsprozesse, eine Art Willensspannkraft, die es dem Sportler ermöglicht, sich gegen hohen Widerstand und Schmerzen bis ins Ziel durchzubeißen. Drittens die Widerspiegelung der erbrachten Leistung in einem sozialen Umfeld.

Extremradler Hubert Schwarz berichtet außerdem von einem „Glücksgefühl“, das in Ansätzen auch Hobbysportler kennen. Diese „verlockenden außergewöhnlichen Bewusstseinszustände“ (Sportpsychologe Amesberger) werden durch vermehrte Ausschüttung von Hormonen und Botenstoffen im Gehirn herbeigeführt. Sie können Schmerzen zeitweilig mildern, gänzlich vertreiben können sie diese jedoch nicht.

Wolfgang Fasching, der im Alter von 18 Jahren einen Fernsehbericht über das Race Across America gesehen hatte und sofort infiziert war, hatte sich beim diesjährigen Rennen eine Verkühlung der Nackenmuskulatur zugezogen. Von mehr als 40 Grad in der Wüste von Nevada fiel das Thermometer auf vier Grad in den Rocky Mountains. Eine behelfsmäßig gebastelte Halskrause sollte den Kopf stützen, aber Fasching sah nur den Asphalt unter sich und musste sich zeitweilig von Betreuern durch Zurufe dirigieren lassen. Ohne dieses Handicap hätte er womöglich den Sieg geschafft – als erster Mensch zum vierten Mal.

Von Robert Buchacher