Fall Kampusch: Kommission verwarf Mehrtäter-Theorie

Ein weiteres Kapitel im Entführungsfall Natascha Kampusch ist geschlossen: Auch eine internationale Evaluierungskommission hat bei ihrer Arbeit keinerlei Hinweise dafür gefunden, dass neben Wolfgang Priklopil andere Personen in die Causa involviert gewesen sind.

"Die Evaluierung hat ergeben, dass Wolfgang Priklopil die Entführung mit hoher Wahrscheinlichkeit alleine durchgeführt hat", sagte der Präsident des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke, bei der Präsentation des Berichtes am Montag in Wien. Ein endgültiger Beweis nach wissenschaftlichen Kriterien sei nur deshalb nicht möglich, "weil Herr Priklopil nicht mehr am Leben ist".

Die weiteren zentralen Ergebnisse der Kommission: Es gibt "keinen Zweifel" daran, dass Prikopil Selbstmord begangen hat, und es wurden keinerlei Hinweise dafür gefunden, dass der Entführer Kontakte in die Sado-Maso- bzw. Pädophilenszene hatte. Sehr wohl habe es aber rückblickend gesehen - bereits hinlänglich bekannte - Ermittlungsfehler gegeben. So ist man etwa einem zweiten Hinweis eines Diensthundeführers auf Wolfgang Priklopil nicht nachgegangen, da dieser bereits kurz zuvor in seinem Haus in Strasshof einvernommen worden war. Ziercke unterstrich aber, dass man selbst bei einer Hausdurchsuchung das Verlies "ohne konkreten Hinweis" nicht hätte entdecken können.

Eindeutig ist die Kommission bei der Beurteilung des damals zwölfjährigen Mädchens, das die Entführung beobachtet und stets von zwei Tätern gesprochen hat. Ischtar A. sei "subjektiv glaubwürdig", "objektiv" hätte sie sich aber geirrt. Das Mädchen habe Priklopil in kurzer Zeitabfolge auf zwei verschiedenen Positionen im Kastenwagen beobachtet und so den Eindruck gewonnen, dass es sich um zwei Täter handelt.

Erklärbar ist auch die etwas sonderbare Aktion, dass Priklopil mit Natascha Kampusch unmittelbar nach der Entführung in ein Waldstück gefahren ist, dort telefonierte und ihr dann erklärte, dass "die anderen nicht kommen". "Das ist ein typisches Verhalten, das wir kennen", meinte Ziercke. Der Täter würde so dem Opfer vormachen, dass es im Hintergrund einen mächtigen Feind gäbe und dass es ohne ihn viel schlimmer wäre. Auch der Anschein, dass Priklopil und Kampusch ein mitunter beinahe freundschaftliches Verhältnis hatten, wäre nicht ungewöhnlich: Dies sei ein Anpassungsprozess des Opfers, "dass man überlebt".

Dass andere Personen wie die früheren Höchstgerichtspräsidenten Johann Rzeszut (OGH) und Ludwig Adamovich (Verfassungsgerichtshof) ganz andere Schlüsse aus der Aktenlage zogen, wollte Ziercke nicht weiter kommentieren. Einwänden von so verdienten Personen müsse man nachgehen, auch das große öffentliche Interesse sei nachvollziehbar. "Das ist ein Jahrhundertfall. Um solche Fälle gibt es immer Verschwörungstheorien", so der deutsche BKA-Chef.

Wie der frühere Generaldirektor für die öffentliche Sicherheit, Herbert Anderl, bei der Präsentation des Berichtes sagte, hat die Evaluierungskommission 84 Befragungen und 18 Lokalaugenscheine durchgeführt.

Beteiligt waren an der Untersuchung laut Anderl sechs Vertreter des Innenministeriums, drei des Justizministeriums sowie vier ausländische Experten von BKA und US-amerikanischem FBI. Orientiert haben sich die Beamten an einem Communique des zuständigen Unterausschusses des Innenausschusses, in dem strittige Fragen rund um die Causa aufgezeigt worden sind. Kernfrage war laut Christian Pilnacek, Strafrechts-Sektionschef im Justizministerium, ob Hinweise auf eine allfällige Mehrtäterschaft bei der Entführung vorliegen.

Ob nun Ruhe in den Fall kommen wird, bleibt abzuwarten. Die Kommission wird jedenfalls keine Anzeige einbringen, die ein neuerliches Verfahren zur Folge hätte. Lediglich ein Verdacht gegen den einst besten Freund von Priklopil, Ernst H., wurde den Behörden übermittelt: Dabei handelt es sich aber um einen möglichen Betrug rund um die Hinterlassenschaft von Priklopil, der mit der eigentlich Causa aber nichts zu tun hat.

(APA/red.)