Familienpolitik: Im Kindertheater

Familie Österreich - Familienpolitik: Im Kindertheater

Mehr geht immer. Österreich investiert pro Jahr über neun Milliarden Euro in die Förderung von Familien. Bald wird gewählt, also legt die Regierung noch etwas drauf. Rosemarie Schwaiger über die seltsamen Versuche der Politik, sich in das Privatleben der Bürger einzumischen.

Sind sie nicht süß? So richtig zum Liebhaben? Das kleine Mädchen mit den langen braunen Haaren zum Beispiel, das aus dem Couchbezug soeben ein Herz geschnitten hat und es stolz in die Kamera hält. Oder das Mädchen mit den blonden Locken, das sich mit einer Großpackung Klopapier eingewickelt hat und jetzt darauf thront wie eine Prinzessin. Oder die drei Buben, zwei brünett, einer rothaarig, die mit verschränkten Armen dastehen und so verschmitzt in die Welt grinsen, als hätten sie gerade etwas richtig schön Verbotenes angestellt.

Süß, wie gesagt. Aber nicht billig. 800.000 Euro lässt sich das Familienministerium die aktuelle Werbekampagne mit den niedlichen Testimonials kosten. Zeitungsinserate und TV-Spots sollen den Österreichern mehr Lust auf Nachwuchs machen. „Kinder halten Österreich jung“, lautet der Slogan. Wirtschafts- und Familienminister Reinhold Mitterlehner präsentierte die von Familienverbänden sämtlicher Parteien unterstützte Kampagne vor Kurzem stilsicher im Kindergarten seines Ressorts – natürlich ebenfalls in Anwesenheit entzückender Knirpse. „Kinder sind das Beste, was uns passieren kann“, heißt es im TV-Spot. Für Politiker auf der Suche nach hübschen Fotomotiven stimmt das zweifellos.
Am 29. September finden Nationalratswahlen statt. Da liegt es auf der Hand, dass die Familien wieder einmal zum Thema werden. Kein halbwegs wichtiger Wahlkampf der vergangenen Jahrzehnte kam ohne Debatten über die Bedürfnisse von Eltern und Kindern aus. Derzeit sieht die Gemengelage in der Regierung so aus: Die SPÖ möchte die Familienbeihilfe nahezu verdoppeln und Betreuungseinrichtungen verbessern, dafür aber die steuerlichen Vergünstigungen abschaffen. Die ÖVP will die Familienbeihilfe nur leicht erhöhen, hätte aber gerne höhere Steuerfreibeträge für Eltern. Man sei einander bereits näher gekommen, heißt es. Eine Einigung zwischen Mitterlehner und SP-Sozialminister Rudolf
Hundstorfer stehe bevor und soll kommende Woche beim Ministerrat präsentiert werden. Sicher ist jetzt schon, dass bald noch mehr Geld fließen wird als bisher. Kritik der Opposition müssen Rot und Schwarz dabei nicht fürchten. Unstimmigkeiten gibt es allenfalls über Details; als Grundkonsens gilt, dass die Familie per se ein kostbares Gut darstellt, das man gar nicht genug fördern kann.

Ginge es uns dann besser?
Es steht völlig außer Streit, dass junge Familien mehr Unterstützung brauchen als, sagen wir, allein lebende Zinshauserben. Aber warum muss der Staat immer noch mehr drauflegen? Warum fühlt sich die Politik dafür zuständig, Menschen die Wahl eines bestimmten Lebensmodells so sehr ans Herz zu legen? Warum versucht man auch noch nach Kräften, den Bürgern mehr Nachwuchs einzureden? „Wir wollen, dass Österreich das kinderfreundlichste Land in Europa wird“, sagt ÖVP-Chef Michael Spindelegger – und kann sicher sein, dass ihm ausnahmsweise niemand widerspricht. Einmal angenommen, dieser Zustand ließe sich messen und plangemäß herstellen: Ginge es uns dann besser? Wäre Österreich glücklicher und reicher, wenn in den Kinderzimmern plötzlich Hochbetrieb herrschte?

Die Beschwörung von Familienglück und Babysegen ist, nicht nur in Österreich, zu einem Mantra geworden. Reihum werden gesunkene Geburtenraten beklagt, als ginge es um das Überleben der Spezies. Jedes Plus in der Scheidungsstatistik gilt den Besorgten als Menetekel für den drohenden Untergang einer Lebensform, die fast alleine für das Wohlergehen und die emotionale Stabilität der Menschheit verantwortlich gemacht wird. Meterhoch türmen sich die Studien von (zumeist konservativen) Experten, die nachweisen wollen, dass der Wohlstand auf Dauer nur mittels Babyboom zu erhalten sei. Bei allem Respekt vor der Wissenschaft ergibt sich doch ein paradoxes Gesamtbild: Früher hatten die Menschen viele Nachkommen, weil sie vom Staat in Notlagen keine Hilfe erwarten durften. Heute muss der Staat angeblich dafür sorgen, dass sich seine Bürger möglichst viele Kinder leisten können, weil sonst erst recht alles den Bach hinuntergeht.

Irgendetwas stimmt da nicht.

In Österreich gibt es derzeit etwas mehr als 900.000 Haushalte mit mindestens einem Kind unter 18 Jahren. Das sind zwar weniger als vor zehn Jahren – aber immer noch sehr viele Menschen, die sich von Familienkampagnen angesprochen fühlen. Auch unter den 1,3 Millionen Singles hatten die meisten einmal eine Familie oder wollen später eine gründen. Jede einschlägige Wohltat errreicht also Massen von potenziellen Wählern. Das ist ein schlüssiges Motiv für den enormen Familiensinn der Politik. Es erklärt aber nicht, warum sich der Staat so aufdringlich in die Geburtenplanung einmischt. Denn die Auslastung der Kreißsäle wird das Wohlergehen der Republik eher nicht entscheiden.

Jedes Stadium ein Budgetposten
Über neun Milliarden Euro gibt Österreich pro Jahr für die lieben Kleinen und ihre Erzeuger aus. Fast jedes Stadium der Reproduktion und Aufzucht ist ein Budgetposten, vom Ultraschall in der Schwangerschaft bis zur Studienbeihilfe. Die Geburtenrate stieg durch diesen enormen Einsatz nicht. Sie liegt seit Jahren bei etwa 1,4 Kinder pro Frau – also weit unter dem, was Demografen spröde als Bestanderhaltungsniveau bezeichnen. Trotzdem wird es den Österreichern nicht ergehen wie den Eisbären; ein baldiges Aussterben steht nicht auf der Agenda, im Gegenteil. Laut Hochrechnungen der Statistik Austria wird die Bevölkerung durch Zuwanderung und höhere Lebenserwartung sogar wachsen, und zwar bis 2075 um rund eine Million Menschen.

Als Hauptargument für aktive Bevölkerungspolitik darf stets das Pensionssystem herhalten. Weil die Lebenserwartung steigt und der Nachschub schwächelt, müssten immer weniger Junge immer mehr Alte finanzieren, warnen Experten. Das klingt in der Tat bedrohlich. Bloß gut, dass es so nicht stimmt. Das gibt auch Reinhold Mitterlehner zu. „Wenn der Zusammenhang so einfach wäre, müssten Länder wie Indien oder Pakistan das sicherste Pensionssystem der Welt haben“, sagt der Minister (siehe Interview). Entscheidend für das Funktionieren des Generationenvertrags ist aber nicht die Zahl der Kinder, sondern die Zahl der Erwerbstätigen. Gibt es genug Jobs, müssen sich die Senioren keine Sorgen machen. Ein arbeitsloser 20-Jähriger dagegen hilft weder den Pensionisten, noch der Konsumgüterindustrie. Er stellt bloß einen zusätzlichen Kostenfaktor für den Sozialstaat dar, der ihn weiter erhalten muss. Bei Licht betrachtet ist es ein Segen, dass die heute 40- bis 50-Jährigen ihren Fortpflanzungsauftrag nicht so tierisch ernst nahmen, wie sich das der Berufsverband der Hebammen gewünscht hätte. Österreichs Jugendarbeitslosigkeit wäre sonst deutlich höher.

Tröstend wirkt auch ein Blick nach Deutschland, wo die Verhütung noch eine Spur besser funktioniert als hierzulande. Beim großen Nachbarn trat bereits ein, was Ökonomen für Österreich erst im Jahr 2018 erwarten: Der erwerbsfähige Teil der Bevölkerung ist geschrumpft – und zwar mit erfreulichen Folgen. „Dieser Umstand sorgte in Deutschland für eine starke Entspannung auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Christine Mayrhuber vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo). „Das wird auch in Österreich so sein. Einen Engpass sehe ich mittelfristig nicht.“ Wichtiger als noch ein paar Familienleistungen extra wäre nach Ansicht der Expertin eine Reform des Bildungssystems, das schon jetzt zu viele junge Leute ohne Qualifikation zurücklässt.

Solche profanen Anregungen sind aber natürlich weniger unterhaltsam als das sorgenvolle Bemurmeln des Gebärstreiks. Laut Umfragen wünschen sich die Österreicher im Schnitt zwei Kinder. Warum sie schon nach der Erfüllung von zwei Dritteln dieses Plansolls erschöpft die Segel streichen, beschäftigt Experten seit Langem. Ist es der Egoismus? Sind es die unsicheren wirtschaftlichen Verhältnisse? Liegt es an fehlenden Betreuungseinrichtungen? Würde noch mehr Geld vom Staat vielleicht helfen? Gelegentlich mischen sich auch absurde Töne ins Konzert der gut gemeinten Vorschläge. Marcus Franz, ärztlicher Leiter des Wiener Hartmannspitals, plädierte in einem Gastkommentar in der Tageszeitung „Die Presse“ vor Kurzem sinngemäß für die Ächtung von Fortpflanzungsverweigerern. Gewollte Kinderlosigkeit sei „im Grunde zu verurteilen, weil sie keine brauchbare gesellschaftliche Perspektive bietet und zumindest im Kant’schen Sinne amoralisch ist“, textete der Herr Primar.

Richtig Lust auf Nachwuchs machen solche Wortspenden nicht. Als biologisch determiniertes Vollzugsorgan des kategorischen Imperativs sieht sich ja nicht jeder gern.

Keimzelle und Ort des Schreckens
Tatsache ist, dass niemand weiß, was genau Menschen dazu veranlasst, sich in größerer Zahl zu reproduzieren. Mehr als zwei Kinder pro Frau gibt es derzeit etwa in Frankreich, Irland, Island, der Türkei und den USA – also in Ländern mit unterschiedlicher Prosperität und sehr unterschiedlichen Familienleistungen. Am anderen Ende der Skala lässt sich ebenfalls kein eindeutiger Befund ausmachen. Besonders wenig Babys haben die Ungarn, die Rumänen, die Portugiesen und die Deutschen. Wahrscheinlich muss sich die Politik einfach damit abfinden, dass ihr Einfluss nicht bis in die Schlafzimmer reicht. Was immer an Transferzahlungen, Steuererleichterungen oder aufmunternden Worten geboten wird, kann wirken, nur ein bisschen wirken oder gar nicht wirken. Es läuft so ähnlich wie im Casino.

Familie kann ohne Zweifel ein Ort des Glücks und der Geborgenheit sein, der Menschen gegen Krisen wappnet und damit auch den Staat stabilisiert. Aber der Mythos, der um diese Lebensgestaltung gestrickt wird, ist angesichts der Fakten doch bemerkenswert. Familien sind nämlich nicht nur die „Keimzellen des Gesellschaft“, wie Politiker das gerne pathetisch formulieren. Sie sind mitunter auch Orte des Schreckens. 70 Prozent aller Morde werden innerhalb von Familien verübt. Mehr als 7000 Mal pro Jahr muss in Österreich die Polizei ausrücken, um zumeist Frauen oder Kinder vor wild gewordenen Verwandten zu schützen. Auch der überwiegende Teil der Sexualstraftaten findet im engsten Umfeld statt. Nicht der fremde Mann im Park, vor dem kleine Mädchen seit Generationen gewarnt werden, ist das Problem, sondern häufiger der Papa, der Großvater oder der Onkel. Das alles spricht natürlich nicht gegen die Institution Familie; die Häufung schwerer Straftaten ergibt sich schon durch die hohe Zahl der Menschen, die in Familien leben. Es spricht aber dagegen, diese Institution auf einen Sockel zu stellen und als sicheres Ticket in Richtung Glück zu verkaufen.
Viele Familien gelingen, manche scheitern fürchterlich. Die möglichen Nebenwirkungen werden allerdings seltener thematisiert. Und es gibt jedenfalls keinen Grund für den Versuch, den Bürgern mit allerlei Tricks „Mut zur Familie“ zu machen. Wer nicht von selber auf die Idee kommt, hat wahrscheinlich Gründe.

Die katholische Kirche hatte die Ehe im 13. Jahrhundert zum Sakrament erhoben und damit ihren Teil zum Heiligenschein über der Familie beigetragen. Doch so idyllisch wie viele Menschen heute glauben, war das Zusammenleben der Generationen früher nicht. „Auf reale Vorbilder kann sich dieses Ideal nur teilweise berufen, denn statt Großfamilien und Ehen von langer Dauer dominierten in der europäischen Geschichte Patchwork-Verbindungen und Kleinfamilien, ledige Mütter und Singles“, schrieb die deutsche Historikerin Ute Planert in einem Aufsatz. Sogar das vermeintlich tiefste und natürlichste Gefühl, die Mutterliebe, war im Lauf der Zeit starken Schwankungen unterworfen. Seine Sprösslinge selbst aufzuziehen, galt in gehobenen Schichten lange Zeit als unfein. Schließlich gab es Ammen und Kinderfrauen. Mama und Papa schauten nur gelegentlich vorbei, um zu prüfen, ob der Nachwuchs halbwegs gedieh. Die hohe Säuglingssterblichkeit sorgte zudem für eine Form von Pragmatismus, die man heute nur noch herzlos finden kann. „Ich habe zwei oder drei Kinder im Säuglingsalter verloren“, gab etwa Michel de Montaigne, immerhin ein führender Moralphilosoph im 16. Jahrhundert, zu Protokoll. „Nicht ohne Bedauern, aber doch ohne Verdruss.“

Wie von einem anderen Planeten wirkt im Vergleich die jüngste Presseaussendung des Vereins „Aktion Leben“. Berichtet wird voller Stolz, dass 21 Teilnehmerinnen eines Lehrgangs für vorgeburtliche Beziehungsförderung jetzt ihr Zertifikat erhalten haben. Sie sollen Eltern künftig dabei helfen, schon vor der Geburt mit ihrem Baby zu kommunizieren. „Somit wird der Grundstein für eine gelingende Bindung bereits während der Schwangerschaft gelegt“, freut sich die Aktion Leben – und bedankt sich beim Familienministerium, das die Ausbildung finanziell unterstützte.

Kinder sind der Gesellschaft wichtig geworden, das ist eine gute Nachricht. Doch die Aufmerksamkeit grenzt gelegentlich an Hysterie. Als kürzlich eine junge Mutter im Einkaufsstress mit vier Kindern ihre drei Monate alte Tochter in einer Babytrage auf dem Gehsteig vergaß, reichte das für eine Spitzenmeldung in den Ö3-Nachrichten und Schlagzeilen in den Boulevardmedien. Gottlob konnte zugleich Entwarnung gegeben werden: Eine Viertelstunde nach dem Drama waren Mutter und Tochter wieder vereint.

Möglich, dass potenzielle Eltern auch vom Zwang zur Perfektion abgeschreckt werden. Wer heute ein Kind bekommt, hat kaum noch Chancen, etwas richtig zu machen. Vor allem Akademikerinnen verweigern in großer Zahl die Reproduktion. Das ist genau jene Zielgruppe, die alle Expertentipps liest.

Aber jetzt wird erst einmal die Familienbeihilfe erhöht. Vielleicht hilft es diesmal.

+++ Lesen Sie hier: Familienminister Reinhold Mitterlehner über seine Kinderkampagne und das Pensionssystem in Indien +++